Wer allein unterwegs ist, braucht sich nicht wirklich viel um andere zu kümmern. Im öffentlichen Verkehr geht das gar nicht, und selbst wenn man auf einem Fluss unterwegs ist – auch dort ist fast unvermeidbar, jemanden zu treffen.
Filename: radio379_ran_kommunikation Beitrag
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Manuskript
SIGNATION
Wieder was erlebt dieser Tage. Steh ich in der U-Bahn in Wien, Linie U1, und höre am linken Ohr: “Wenn du dich einmal selbst verteidigen kannst, darfst du auch alleine fahren”. Es war die Oma, offenbar, die hier mit ihrem Enkelsohn, 8 Jahre, eine Art Einschulung in das U1-Fahren machte. Beide waren mit Daunenjacken verhältnismäßig warm angezogen für einen sommerlichen Tag, aber unter der Erde ist es ja kühl. Wenn du dich einmal selbst verteidigen kannst… Es war schon der erste Teil dieses Satzes, der meine Faszination fand. Und dann kam die Spezialeinschulung auf die U1. “Am schlimmsten”, sagte die Oma, sind die Stationen Praterstern und Schwedenplatz. Meine Kinder haben das bestätigt, fachlich hatte sie also recht. Ich erinnere mich, als ich 14 Jahre alt war, und mich meine Oma das erste Mal nach Wien mitnahm. Da hat sie mir eine 72-Stundenkarte gekauft und mich losgeschickt, ohne Details, und wir haben uns dann im Donauturm auf eine Sachertorte getroffen.
ZWISCHENJINGLE
Und dann der 13A. Immer ein Erlebnis dieser Bus. Für alle, die nicht in Wien zuhause sind, der 13A ist ein Gelenksbus mit vorderem und hinterem Teil. Er durchquert die ganze Stadt innerhalb des Gürtels, vom Hauptbahnhof zur Alserstraße quer durch die Bobo-Bezirke 4-9. Als Mitfahrender kann man sich nach vorne setzen, oder nach hinten, in jedem Fall sind es zwei Schicksalsgemeinschaften, die durch die Fahrt zusammengeschweißt und zusammengehalten werden. Ich also im hinteren Teil dieses Mal. Setze mich hin, der Hund springt mit Beißkorb auf den Schoß, und ich sage “so, jetzt sitz ma” – und alle lächeln. Vermutlich. Über ihren Masken verzogen sich die Augen etwas zu Schlitzen. Und sollte dieser Beitrag in zwanzig Jahren einmal aus dem Archiv geholt werden, wir trugen damals in Wien noch Corona-Schutzmasken, als sie in Restösterreich schon wieder abgeschafft waren. Wir fahren fast schon los, da möchten 10 Oberösterreicher wieder aussteigen, weil sie im Bus der falschen Richtung waren. Das dauerte, bis sie es bemerkten, das dauerte, bis sie es dem Fahrer signalisierten, und er war freundlich und ließ sie wieder raus. Wir lachten, diesmal hörte man es, im hinteren Teil des Busses. Die Gemeinschaft begann sich zu formieren. “Hübsche Nase”, dachte ich mir, hat diese Person gegenüber, und es dauerte ein bisschen, bis es mir dämmerte, warum mir das auffiel. Die Maske bedeckte nur den Mund. Und nicht die Nase. Und wie man so ein bisschen ins Träumen und Überlegen kommt, was das bedeutet, fiel mir ein, dass diese Situation wie bei diesen Internet-Logins ist, wo man seine Menschlichkeit beweisen muss. Zeig, dass du kein Roboter bist, und klicke alle Bilder mit Schornsteinen, oder Zebrastreifen. Oder alle Bilder mit Fahrrädern. Und schon klickte ich im hinteren Teil des 13As alle Mitreisenden durch, ob ich ihre Nase sehen konnte. Bei 3 von 25 hat es Klick gemacht. Ich hatte sie durch, bevor ich dann schon da war, im 6. Bezirk, um mir meine Sonnenbrille zu holen, die ich mir im Brillengeschäft dort ausgesucht habe, am Tag zuvor.
ZWISCHENJINGLE
Die Sonnenbrille brauche ich nämlich fürs Kajakfahren. Kürzlich war ich wieder unterwegs. Auf Thaya und March in Niederösterreich. Eine wunderschöne ruhige Flusstrecke. Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 schützt zuverlässig vor Sonnenbrand, und man kann damit den ganzen Tag in der Sonne sein. Was man aber nicht heißt, dass man das soll. Denn es gibt immer noch den Sonnenstich, das ist eine andere Geschichte, aber was ich erzählen wollte waren ungefähr 50 Begegnungen mit den Fischern entlang dieser Flüsse. Sie zielen mit ihren Angeln quer über den Fluss und man muss wie im Super-Mario-Computerspiel einmal links unter der Schnur und einmal rechts über der Schnur durchfahren. Je nach Situation. Schnüre, die man kaum sieht, und deshalb deuten die Fischer mit erhobener Hand auf diese fast unsichtbaren Fischer-Leinen und sie rufen “Hallo”. 50 freundliche Begegnungen, weil es in ihrem Interesse ist, dass man sie sieht, und in meinem, dass ich sie sehe. Das, was nach Konflikten “Ende-nie” aussehen könnte, ist definitiv nicht der Fall, 50 nette Grüße, man nickt sich zu, und dankt einander. Fast schon so wie ein bisschen im öffentlichen Verkehr, wenn man sich gut versteht.
Ö1 Moment – Leben heute am 30.08.2021: Randnotizen
Manuskript
Einmoderationsvorschlag: Lothar Bodingbauer hat sich nun Entgegnungen, Beleidigungen und Gefühle näher angesehen.
SIGNATION “Randnotizen”
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht mit den Emojis, mit diesen kleinen Symbolen, die man an Kurznachrichten anhängen kann, um seine Gefühle zu zeigen. Ich finde sie gut. Ich schreibe etwas, und kann dann noch in der Feinabstimmung ein wenig sagen, ob das Ganze ironisch gemeint war, mit einem zwinkernden Smiley. Oder ganz und gar freundlich und erfreut geschrieben von mir, mit einem lachenden Smiley. Es gibt Zielscheiben, damit weiß man, oder kann dann zeigen, dass man den Punkt getroffen haben möchte, oder es gibt vielleicht eine Medaille, usw. und so fort.
Warum finde ich das gut? Weil es einfach abgegangen ist, seine Gefühle zu zeigen, bei Nachrichten. Ich komme aus einer Familie, wo der Großvater Nationalsozialist war, und als Nazi hat er zumindest in meiner Erziehung nie Gefühle gezeigt, oder ausgesprochen, und deswegen finde ich es sehr wohltuend, wenn man es kann. Ich frage mich dann oft, wenn ich diese Hinterlassenschaften meines Großvaters sehe, diese Zettel, die er geschrieben hat, oder Tagebucheinträge, welche Smileys, oder welche Emojis hätte er verwendet. Was wären das für Gefühle gewesen, die zu diesen Inhalten, zu dieser Kriegszeit gepasst hätten. Und – ja, da fällt mir nichts dazu ein.
TRENNER
Aber: Es gibt ja vor den Emojis, vor den Smileys noch etwas anderes, und diese Elemente finden wir in unserer Sprache nach wie vor. Es sind die Entgegnungen. Wenn jemand etwas sagt. Dann antwortet man nicht unbedingt mit Inhalt, also weiteren Erzählungen, weiteren Beschreibungen, sondern man entgegnet oft mit einem Wort zum Beispiel. Einem Satz, einem kurzen. Der eigentlich nur eine Kontaktaufnahme ist und eigentlich ein gesprochenes Emoji.
Stell dir vor. Na geh. Bist du deppert. Wirklich? Echt? Nein, sowas. Oida. Was du nicht sagst. Ach so. Natürlich. Geil, cool, wie cool ist das denn, sicher, oh, wow, siehste. Eindeutig. Ich weiß genau, was du meinst.
Diese Entgegnungen kann man in jedem Gespräch hören, wenn man sich darauf konzentriert, und wer sie nicht hat, wirkt dumm.
Also ich zum Beispiel, in Spanisch. Ich lerne gerade Spanisch und habe diese Entgegnungen noch nicht drauf, und wenn sich die Leute unterhalten, dann schaue ich sie an, wenn sie was sagen, und kann eigentlich nichts darauf sagen. Das heißt, ich glaube, dass es wirklich günstig ist, diese Entgegnungen in einer Sprache wirklich schnell zu lernen. Und ich denke da an Schülerinnen und Schüler in einer Schule aus einer anderen Sprachherkunft kommen und ihre Lehrerinnen und Lehrer anschauen. Und sie wirken, ja, wenn sie diese Entgegnungen noch nicht gelernt haben … Sie wissen was ich meine. Und das ist ein Missverständnis. Eindeutig. Ich weiß genau, was du meinst.
TRENNER
Schimpfwörter, dafür gibt es eigentlich auch keine Emojis. Arschloch. Wie würde man das grafisch bebildern. Wir haben uns vor kurzem, mit Freunden, darüber unterhalten, warum eigentlich “du Sau” etwas Schlimmes ist. Und wir konnten es eigentlich vom Wesen her, vom Objekt, vom Schwein nicht ableiten. Oder eben beim Arschloch. Der Arsch, also ja, gut, die Sprache, der Hintern, und ein Loch. Beides für sich eigentlich nicht wirklich problematisch. Was wäre dann bei besagtem Schimpfwort schlecht? Am Abend ist es mir aber eingefallen. Es ist nicht das, was beschrieben wird, sondern das was vor sich geht, der Prozess. Was kommt denn durch das genannte Schimpfwort durch. Und wir sollten das nicht weiter ausführen. Aber das ist das Beleidigende an diesem Wort, der Prozess. Und der wird halt ignoriert. Den sieht man nicht bei einer Abbildung, bei einem Wort. Also diese Dinge, die passieren.
Und wenn wir in den letzten Jahren gelernt haben, mit Emojis, mit diesen grafischen Symbolen von Gefühlen umzugehen, wäre es dann noch interessant, das Mitgefühl auch zu beschreiben. Wenn man genau sucht in dieser Liste der grafischen Symbole, die bereits vorgeschlagen werden, gibt es bereits eins, das ist ein Smiley, und Arme, und diese Arme umarmen ein Herz. Man fühlt sich gedrückt. kein Zustand ein Prozess, ein Vorgang. Und Mitgefühl ist etwas, was wir ja in diesen Tagen wirklich brauchen. Also: fühlen Sie sich als Hörerinnen und Hörer hier mal gedrückt.
Ein Jahr haben wir nun unser Leben reduziert. Und jetzt: wir können uns wieder häufiger treffen. Alte Herausforderungen werden wieder aktuell. Neue entstehen. Beobachtungen aus dem Ruheabteil.
Einige offene Fragen haben sich in den letzten Tagen in meine Tagträume geschlichen…
Wenn jemand eine gute Tat macht, ist er dann ein guter Täter?
Ein Anderer ist ein Attentäter. Was oder wo, um alles in der Welt, ist Atten?
Wenn jemand ein sympathischer Mensch ist, wo ist dann der Schwerpunkt seiner Sympathie? In seiner Mitte? Am Kopf, im Kopf, oder zwischen den Schultern?
Es gibt WCs für Frauen und für Männer. In Finnland, Schweden, und Norwegen nicht. Wer hat die WCs jemals getrennt? Aus welchem Grund? Und was hat sich verändert, dass in Skandinavien diese Trennung wieder aufgehoben wurde?
Im Verkehrsdienst gehört: “Achtung: Zwischen … und … liegt ein toter Greifvogel auf der linken Spur. Fahren Sie bitte vorsichtig.” – Warum?
TRENNER
Aus der Liste der Sätze, die man vermutlich noch nie gehört hat, und auch nie hören wird:
Sie hat ihm nicht nur Sand in die Augen gestreut.
Schraube bitte eine neue Glühbirne raus.
Dreh den Fernseher um!
Geh mir in den Weg!
Könnten Sie bitte etwas schneller sprechen?
Wir müssen Ihnen hier einige Missverständnisse in den Weg räumen.
Und Sätze, die man häufiger hört, und ungefähr gleichhäufig sogar:
Der Deckel passt!
Der Deckel passt nicht!
Der Deckel passt fast!
TRENNER
Manche Wörter liegen so nah nebeneinander. Asymptotisch und asymptomatisch, das hört man ja gerade öfter, aber auch Statiker, Statistiker, Stator und Statist – da liegen Welten dazwischen.
Der eine untersucht die Verteilung der Kräfte im Gebäude, der andere die Zahlen, der dritte ist der feste Teil im Motor, und viele vom Vierten werden gerade am neuen Flughafen in Berlin gebraucht, um auszuprobieren, ob man von dort fortfliegen kann, wenn er dann bald eröffnet wird.
Sie erlauben bitte die folgende Spielerei:
Ich bin in eine Illusion getreten.
Sie lässt wieder ihre lllusionen zum Fenster raushängen.
Die gröbsten Illusionen hat er leider noch vor sich.
Zuviel Illusionade getrunken.
Er hat die ganze Zeit Illusionetten gemampft.
Oh, was sind Sie von Beruf? Illusionatiker.
Ach, ich dachte er sei Illusionateur.
Eine illusionistische Haltung wäre nur absolut verfehlt.
Da liegt ein Illusionasmus vor.
Illusiotrop in alle Richtungen!
Der Arme, er illusioniert wieder.
Da müssen wir aber jetzt noch einmal drüberillusionieren.
Gib noch etwas Illusionat rein!
Diese Angelegenheit erfordert eine sofortige Illusionaton.
Sie hat sich wiederholt illusioniert.
Die Sache geht leider in die nächste Illusionanz.
Ach ist der Kleine süß… Ja, er heißt Illusius!
Machen Sie sich hier mal lieber Illusionen.
Wir sind hier von einer illusionistischen Umzäunung umgeben. Nicht zu überwinden.
Ja, sie muss endlich ihre Illusionen unter Kontrolle kriegen.
An der dritten Illusion rechts abbiegen. Nein, Sie müssen erst über die anderen beiden Illusionen drüber und dann rechts.
Im Lexikon steht übrigens: Illusion: beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung, wie auch immer, ich mag sie in gewisser Weise, die Illusionen. Man sollte nicht davon abhängen, aber so wie Gewürze auch, sie machen das Leben dann doch ganz interessant.
Wie viel Vergangenheit begegnet Ihnen in der Gegenwart und was bedeutet das für die Zukunft? Über die Zeitformen.
In der Gegenwart sollst du leben. Sagen angeblich die Buddhisten. Und die Leute vom Online-Yoga. Ich höre da immer zu, im Halbschlaf, wenn meine Lebensgefährtin ihre Morgenübungen macht. Ist sie fertig, bin ich ausgeschlafen. Lebe den Moment. So kann es losgehen.
Bemüh dich um das Paradies, sagen die Andersgläubigen hingegen. Und das liegt vor dir – mehr oder weniger weit in der Zukunft. Auch ein Konzept, ich kenn das von der Sonntagsmesse.
Alles nichts, wir schwören auf die Vergangenheit, sagen die Ewiggestrigen. Und es ist nicht so klar, was an den zerbombten Resultaten so schön war, dass man sie wieder haben wollte. Aber solche Leute reden ja über die Zukunft. Gut, das taten die damals auch.
3 Sekunden dauert für uns das „jetzt“, das weiss die Wissenschaft. Drei Sekunden, die wir als Mensch als „jetzt“ erleben. Geräusche spielen sich üblicherweise in diesen drei Sekunden ab. Da baucht man schon ein bisschen Erinnerung, weil sie so schnell verschwinden. Es ist ein hübsches Wechselspiel dieser 3 Sekunden Gegenwart, finde ich, mit dem was war, und dem was wird. Erinnerungen versus Ideen, und warum ich das alles erzähle, weil ich gerade eine neue Sprache lerne, Spanisch.
So kannst du die Welt ganz neu entdecken. Stück für Stück eignet man sich die Begriffe an, zuerst für die Dinge. Personen, die Länder, dann für die Mengen. Für den Besitz. Für Gefühle, Geschmäcker, Farben und Zahlen. Es ist eine neu beschriebene Welt, die hier entsteht. Die wiederersteht eigentlich. Mit neuer Sprache. Dazu kommen die Verben. Zuerst in der Gegenwart. Ich gehe zur Universität. Ich esse den Apfel. Mein Sohn trinkt die Milch. Da glaubt man dann, das war’s dann schon. Jetzt kann ich Spanisch. Aber dann: voy a comer. Ich werde essen. Die Zukunft geht auf. Ab jetzt gibt es eine Möglichkeit, mit der man beschreiben kann, was sein wird. Unfassbar, wer sich das einfallen hat lassen. Großartig. Heute schon von morgen sprechen. Das kann was. Und mehr braucht es nicht, könnte man auch hier wieder meinen. Da kommt der Spanischlehrer Antonio, der Bilder malt – besonders gern in rot – und er sagt: zwei Formen der Vergangenheit wären als Nächstes dran.
Langeweile breitet sich aus. Wer würde über das sprechen wollen, was war? Ich war einkaufen. Ja eh. Und? Ich habe mir gedacht, dass – natürlich, aber was denkst du jetzt? Ich kaufte die Äpfel. Hier sind sie, ich sehe sie.
Warum sollte ich über die Vergangenheit reden, wenn ich lebensmäßig da bin, hier, und lebenstechnisch ohnehin nur in die Zukunft gehe? Auf der anderen Seite: hast du das Bügeleisen ausgeschaltet – eine abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit mit Konsequenzen für jetzt, und sicher auch später.
So klar ist es also doch nicht, wie viel Vergangenheit sinnvoll ist für die Gegenwart und Zukunft. Abschaffen sollte man die Vergangenheit wohl nicht.
TRENNER
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie das folgende Geräusch schon einmal gehört haben. (GERÄUSCH) Und es ist durchaus personenabhängig. (GERÄUSCH). So klingt es beim Geduldigen, und so beim Ungeduldigen, oder bei dem, der wenig Zeit dafür verwenden will. (GERÄUSCH) Der Zaghafte, es könnte auch der Sparsame sein. Wie auch immer, was ist das für ein Geräusch?
Sie kennen es bestimmt, wenn man nämlich mehr von seinem Hintergrund dazu noch hört (ATMO), in der Eisenbahn, in der Österreichischen, Deutschen und wahrscheinlich auch in der Schweizer Eisenbahn hat oder hatte dieses Geräusch seinen Lebensraum, und zwar im WC. Es ist der Trockenseifenspender. Das war nämlich jenes Gerät, das unten so einen igelhaften Kreis hatte, mit drei um 120 Grad versetzten Stacheln, die man mit den Fingern fassen oder nur mit den Knöcheln anschieben und drehen konnte, und es wurde dabei die Seife, die trockene Seife auf die Hand gerieben. Wenn dann kein Wasser da war, weil es schon aus war, konnte man sich die Seife (ATMO) runterklopfen. Heute ist es ja so, dass mit Flüssigseife das Problem besteht, wenn das Wasser aus ist, haben wir die Seife flüssig in der Hand, was soll man tun. Ja, früher war doch manches besser… Jetzt habe ich doch über die Vergangenheit geschwärmt. Ich weiß nicht, ob es Trockenseifenspender noch in den modernen Eisenbahnwaggons gibt, man kann aber diesen Spender im Internet sehr wohl leicht finden. Ich habe mir einen schicken lassen, mit einem Karton voller Seife, und habe das im Bad installiert und gehe jetzt beim Händewaschen auch in Zukunft wieder so gut wie auf die Reise.
Überraschungen, die man beim Einkaufen erleben kann.
SIGNATION
Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu Ihrem Lieblings-Obst-und-Gemüsehändler am Eck auf dem Platz vor der Kirche und während Sie so schauen und gustieren, was es heute besonders Gutes gibt, fragt Sie der Obst- und Gemüsehändler, ob Sie nicht auch diese Samen haben möchten, da gibt es alte Sorten, die wiederentdeckt wurden, ganz natürlich, Bio, und gute Paradeiser würden das werden. Sie sagen “ja”, das finden Sie gut, das wollten Sie immer schon mal probieren und danke für die Empfehlung, nett dass Sie daran denken, aber Sie kennen mich ja schon lange, da ist Ihnen klar, dass mich das anspricht.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen dann zur Drogerie weiter vor, und währen Sie so schauen im Verkaufsbereich, ob es Erde gibt für die neuen Samen, die Sie vorhin gekauft haben, da fragt Sie der Drogist, ob Sie nicht auch dieses Unkrautvertilgungsmittel haben möchten, und da noch was gegen die Läuse, es ist zwar nicht biologisch, aber effektiv, giftig und daher wirksam. Es sorgt für Ordnung im Garten, so dass das Gute gewinnt und das Böse verliert. Und Sie sagen, sind Sie wahnsinnig, guter Mann? Woher kommen Sie auf diese Idee? Und der Drogist sagt, ach, ich habe sie da an der Ecke zu diesem Haus mit dem schönen Rasen stehen gesehen, dort, wo alles so gepflegt ist, die Ränder so sauber, und keine Blumen die irgendwo wachsen, wo sie nicht hingehören, dort, wo auch die Schnecken gut überwacht und unter Kontrolle sind, und da dachte ich, Sie machen sich Sorgen, und Sie möchten das auch. Nein, danke, sagen Sie und machen sich auf und gehen zur Silbernen Kugel einige Schritte weiter die Einkaufsstraße entlang, wegen der Erde für die Paradeiser, die Silberne Kugel, ein Geschäft für alles, was man im Haushalt braucht. Der Besitzer begrüßt Sie und kaum sind einige Sekunden vergangen, fragt er Sie auch, ob Sie nicht dieses Mittel gegen die Schnecken brauchen und das Unkrautvertilgungsmittel und das Gift gegen die Läuse. Genau das, was der Drogist Ihnen gerade empfohlen hat. Woher wissen Sie das, fragen Sie, ach, sagt der Mann von der Silbernen Kugel, der Drogist hat es mir gerade erzählt, er hat mich angerufen, und da dachte ich, Sie hätten Bedarf, aber warum schauen sie jetzt so komisch?
TRENNER
Ja, so funktioniert das im Internet. Auf Facebook pflege ich meinen kleinen Garten an Freunden. Als politisch interessierter Mensch schaue ich auch dann auch in der Suchfunktion nach Facebookeinträgen von Politikerinnen und Politikern, von linken und von rechten, und dreimal habe ich von einem hochrangigen Regierungsmitglied in den letzten Wochen die persönliche Facebookseite aufgerufen. Was dann geschah, raubt dir den Atem. Beim nächsten Login wurden mir in den Werbungen nicht wie üblich Werbung für Fahrradcomputer oder Pflanzenregale eingespielt, für Bildbearbeitungsprogramme oder Reisen, sondern eine Hose für den Nahkampf, eine personalisierte Werbung, ausgesucht vom Algorithmus, für, Zitat, “Kampfhosen, die jeder Mann braucht”.
Aber es ging noch weiter. Auf Instagram mag ich es, Fotos mit Freunden anzuschauen, zu posten und zu tauschen. Beim nächsten Login keine Werbung für mich über Fahrradcomputer und Pflanzenregale wie sonst, sondern: Werbung für eine Hose für den Nahkampf, eine personalisierte Werbung für Zitat “Kampfhosen, die jeder Mann braucht”. Der Algorithmus des “sozialen Netzes” hat schon wieder gearbeitet. Von Facebook hat er zu Instagram telefoniert, und von meinen “neuen Interessen” erzählt. – Das war zuviel. Ich habe meine sozialen Netzte also wieder entkoppelt, pflege ein eigenes Login für das eine – und ein anderes Login für das andere Konto. Habe da meine Freunde, dort meine weiteren Bekannten, auch eine Züchterin von sogenannten Kampfhunden ist dabei, obwohl es diesen Begriff eigentlich gar nicht gibt, und ich einen Dackel habe, aber vor allem, weil ich sie mag, nicht ihre politische Haltung, aber wir teilen uns die Freude an den Hunden.
TRENNER
Dieser Tage kommt eine neue Kundenkarte auf den Markt, erzählt mir ein persönlich adressierte Brief im Briefkasten, erzählt mir auch die Werbung im Fernsehen, erzählt mir auch der Aufdruck am T-Shirt der Verkäuferin im Supermarkt. Mehr Bonus. Mehr Vorteile. Da erzählt dann der Mann von der Tanke ganz automatisch und elektronisch der Papierhändlerin und dem Drogeriemarkt, was ich bei der Feinkost gestern gekauft habe – und meine Bank ist auch noch mittendrin. Das Plastik der beigesteckten neuen hoffnungsfrohen Karte habe ich zum Restmüll gegeben, das Papier mit der Anmeldung in den Altpapiercontainer. Die versprochenen Bonuspunkte investiere ich lieber in die Freiheit, unerkannt so einzukaufen wo und wie ich will.
Lothar Bodingbauer ist ein österreichischer Radiojournalist, Abendschullehrer und freier Podcaster. Er arbeitet als Science Lektor zu den Themen Farben, Wolken, Physik und Botanik und gestaltet Workshops zu Journalismus, Podcasting und Sprache sowie zu Naturwissenschaften und kooperativen Lernformen.
Auf diesen Seiten finden Sie Notizen und Ergebnisse, Erfahrungen manche Antworten, aber vor allem viele Fragen.