Moment Randnotizen
26. Juni, Lothar Bodingbauer
Worüber lohnt es sich zu reden?
Manuskript
Wer am Abend nach Hause kommt, ist erst mal müde. Der redet gar nichts. Die Kinder erzählen. Vom Mathelehrer, der doch nur einen Vierer ins Zeugnis schreiben will, erzählt das eine Kind. Von der Idee, eine Wasserbombenmaschine zu entwerfen, das andere. Vom Klassenvorstand, der so viel redet und keine Einser sondern nur Zweier ins Zeugnis schreiben will, in allen Fächern, die er das Kind unterrichtet. Die Frau erzählt von der Schwierigkeit, die Mutter über die heißen Tage in eine gute Umgebung zu bringen, wo sie es aushalten kann. Von einem wackelnden Zahn, der 1er unten, und was man da tun könnte. Klebebrücke. Implantat? Sie erzählt vom Gespräch mit einer Caritas-Pflegerin, die wiederum erzählte, dass die alten Leute abends ihr Gebiss aus dem Mund nehmen und es putzen, im höheren Alter kann das die Pflegekraft machen. Und dass sich das jetzt ändern wird, weil die Kinder der jetzt alten Leuten ihren Zahnersatz immer mehr fest montiert haben werden. Brücken, Kronen, Implantate. All das ist auf eine gute Pflege angewiesen. Wie wird das sein, überlegt sich die Pflegerin, wenn diese Menschen älter werden? Wer wird ihnen die Zähne im Mund putzen, und wie peinlich wird ihnen das dann sein? Dem Kind fällt dazu gerade ein, dass es eine neue Zahnspange bekommt oder vielleicht gar keine mehr braucht. Die Frau erzählt von einem alten Mann, der jetzt beim Essen nicht mehr spricht, weil er sich konzentrieren muss, dass nichts hinunter fällt. Vorher oder nachher kann man gerne mit ihm reden, doch während des Essens nicht. Das andere Kind bestellt grad für die Oma im Onlineshop Lebensmittel, und fragt, ob Obers Schlagobers ist.
Jingle
Über Erfolge reden die meisten gerne. Über Misserfolg nur wenige. Vielen bricht Vieles heraus. Manche leiden stumm, es bricht in sie hinein. Ich glaube, das Reden ist so ein Gegendruck, damit das Außen mit dem Innen gleichkommt, damit man nicht zerdrückt wird in diesen Ausdrücken der Ängste, und Freuden, und Sorgen und Mitgefühle. Dass man mit seinen Ideen zurecht kommt. Den Gedanken an die Vergangenheit. Den Gedanken an die Zukunft. Oder über das Meer – und darüber könnte man sogar singen.
Musik
Gestern habe ich den Kindern erzählt, dass ich als Kind die Goldmünzen meiner Familie verkauft habe, weil ich Geld brauchte. Beschaffungskriminalität. Meine Eltern waren in den 70-er Jahren Ökofreaks auf Biowelle. Biologisch essen. karge Körnchen. Ich aber brauchte Kalorien, Fleisch. Vom Metzger, von der Würstelbude. Offenbar habe ich darüber geredet, aber zugehört hat keiner. Bei der Bank, da hat man meinen Wunsch gehört, und ich habe bares Geld für die Dukaten bekommen, von denen die meisten eh mir gehört haben, und die Bank war nicht die Hausbank, die hätten mit den Eltern geredet, bei der Hausbank hat es mein Bruder probiert, so ist die Sache aufgeflogen. Dem Pfarrer habe ich die Geschichte erzählt, da habe ich geredet, bei der Beichte, und als später mal die Frage diskutiert wurde, ob ich für die Kirchenzeitung, die ich ausgetragen habe, auch die Abonnementgebühren kassieren sollte, da meinte er: lieber nicht. Das habe ich mir gemerkt. Aber die Oma hat mich verstanden. Sie hat mich nie verpfiffen. Sie liebte die Wiener Küche, und nicht so sehr die Biowelle meiner Eltern – und so haben wir gemeinsam von Scheiterhaufen geträumt, von Tafelspitz, auch wenn wir nicht allzu viel davon geredet haben. Ich glaube, die Kriegskinder und Nachkriegskinder haben überhaupt nicht so viel geredet. Und als Kind dieser Kinder entdecke ich erst mit der Zeit, dass man mehr reden kann, als man glaubt. – Als die Oma der Oma gestorben ist, hat mein Vater erzählt, da ist er mit uns in den Wald gegangen. Was mich erst jetzt wundert. Warum geht man in den Wald, während jemand stirbt. Sonderbare Sachen reden die Eltern manchmal. Vielleicht haben sie einfach nicht alles erzählt. Oder die Ohren der Kinder haben nicht alles gehört.
Über Pornographie redet nie jemand. Ich habe gerade von einer Pornofilmproduzentin gelesen, die nachhaltigen Porno dreht. „Kommen mit Stil“, heißt die Reihe, Filme, in denen Frauen nicht mit Gewalt unterdrückt werden, während sie gevögelt werden, als gäb’s kein Morgen. Ob ich das den Kindern einmal sagen soll? Das es faire Pornofilme gibt? In denen Frauen alle Rechte haben? Bei denen sie nicht auf die Idee kommen, das sei normal, was sie da sehen, wenn sie unerlaubt was weiß ich aus was weiß ich für Quellen Filme konsumieren? Schwieriges Terrain. Das Interview mit der Filmproduzentin für „nachhaltigen Porno“ über den Hintergrund ihrer Arbeit findet man auf einem Blog den man sich auch anschauen kann, ohne seinen guten Ruf zu verlieren: www.lustprinzip.de – das u in Lust dabei als v geschrieben. Ein nach eigenen Angaben „Freiraum für sexuelle Gedanken“, geschrieben von einer Frau.
Jingle
Soll ich den Nasenspray benützen, ruft das Kind aus dem Kinderzimmer. Unbedingt. Ruft die Mutter. Soll ich öfters reinsprayen. Schnüffelt. Ja, ruft die Mutter aus dem andern Zimmer. Danke, ruft das Kind zurück. Bedankt sich für den Rat. – (Seufzt) Ich mag das.
