Radio, Science, Education

Wien

  • Elisabeth Limbeck und Christopher Roither erzählen über den Hintergrund der Ausstellung “Arbeit & Produktion weiter_gedacht_” und die Besonderheiten des techLAB. Es entsteht ein detaillierter Einblick in ihre kuratorische Arbeit am Technischen Museum in Wien.

    techLAB Gespräch

    Museum als Prozess 

    Hier wird nichts ausgestellt. Hier wird erfahren. Ein Gespräch über den “Maker Space” zur Ausstellung „Arbeit & Produktion _weiter_gedacht“ mit den Kuratorin:nen Elisabeth Limbeck (E), und Christopher Roither und dem Podcaster und Radiojournalisten Lothar Bodingbauer (L). Es wurde im Rahmen der 23. Episode der Stadtgespräche aufgezeichnet – dem Podcast aus dem Technischen Museum. 

    L: Die Zukunft der Produktion und Arbeit. Stimmt das?

    E: Arbeit und Produktion weiter gedacht. Wir denken uns dazu neue Formate aus.

    L: Format! Das Klassenzimmer ist ja auch ein Format. Die Exkursion, das fliegende Klassenzimmer. Oder: Glassturz weg.

    E: Im Museum ist bei historischen Objekten das Angreifen ja schwierig. Bei uns ist das techLAB eine Weiterentwicklung der Interaktivität.

    C: Ich sehe uns als „Maker Space“.

    L: USA, Massachusetts Institute of Technology (MIT), 2002. Dort hatten Student:innen Technologie zur Verfügung, die es sonst nur in der Industrie gibt. 3D-Drucker, Lasercutter, CNC-Fräsen.

    C: Diese Maschinen wurden erstmals zugänglich. Es gab auch ein Elektronenmikroskop zur Verfügung. Die Studenten haben sofort viele private, persönliche Produkte hergestellt. Produkte für den Markt von einer Person. Produkte, die für sie persönlich Nutzen hatten.

    L: Einzelobjekte. Keine Zahnbürsten, das wäre ja ein Massenobjekt.

    C: Eine Studentin hat sich einen “Schrei-Beutel” gemacht, in den sie reinschreien konnte. Das Geräte hat den Schall absorbiert. Solche Sachen werden “Projekte” genannt.

    L: Das geht ja auch mit einer Demokratisierung einher. Konsument:Innen werden zu Produzent:innen.

    E: Für das Technische Museum eine Herausforderung. Wir wollten nicht mit Texten arbeiten, sondern Prozesse bereitstellen, die Besucher:innen modellhaft selbst durchführen.

    L: So wie auch die Biologen Modelle haben Die Ackerschmalwand, auch das Blut ist ein Modellorganismus. Da geht es um die Zugänglichkeit und Reproduzierbarkeit. Kann ich die nächste veränderte Generation in 8 oder erst in 80 Tagen bekommen.

    E: Die Ausgangsposition bei uns ist, ich gehe in ein Museum, in dem ich etwas tun kann, und das macht Spaß. Vielleicht will man etwas lernen. Prozesse, Objekte, Modelle. Diese Elemente, werden im techLAB verbunden. Es bildet einen Kristallisationspunkt in einem informellen Lernraum. Als Verbindung zur Ausstellung “Arbeit & Produktion” kann jede:r industrielle Fertigungstechnologie selbst ausprobieren. Man kann lernen und man kann wiederkommen. Das techLAB ist ein Haus im Haus, mit einem Scheunendach, es erinnert an eine Fabrik.

    L: Es gibt große Tische in der Mitte mit sehr bequemen grünen Retrosofas.

    E: Das sind Überbleibseln. Wir versuchen zu recyclen und den Raum weiter zu verändern. Das techLAB entwickelt sich mit der Nutzung weiter.

    L: Man übergibt also nicht die fertige Ausstellung der geneigten Öffentlichkeit.

    E: Wir stellen die Grundausstattung zur Verfügung. Die Benutzer:innen gestalten mit uns die Ausstellung durch ihre Projekte. Wir haben auch Vermittler:innen dabei, die Explainer:innen genannt werden.

    C: Mir wäre die Bezeichnung “Mediator:innen” fast lieber gewesen, also Leute, die Menschen verbinden. Aber “Explainer” ist verständlicher.

    E: Es gibt keine Workshops: „Wir machen alle jetzt ein Lesezeichen, einen Hocker“, sondern das individuelle Projekt. Das könnte der Wunsch sein, zu erfahren wie ein 3D-Drucker funktioniert. Oder ich möchte für mein Tischfußballspiel etwas Abgebrochenes neu machen. Der Wunsch steht im Mittelpunkt.

    L: Die Explainer:innen warten, bis die ersten Schritte von den Benutzer:innen kommen.

    E: Als Kuratorin habe ich das Objekt, das Interaktivum, ich erkläre dir diesen Prozess. Im techLAB stellen wir einen Raum zur Verfügung, und Menschen, die dich begleiten. Sie werden mit dir diskutieren, was dein Wunsch sein kann. Sie werden dir etwas erklären.

    L: Ich habe das mit meiner Familie am ersten Wochenende nach der Eröffnung probiert. Meine Frau hat Taschen mit Folien bedruckt und die Kinder haben einen verlorengegangen Objektivdeckel für die Kamera mit dem 3D-Drucker neu. Im Werkunterricht der Schule haben sie noch das Wegsägen und Wegschleifen gelernt, und plötzlich konnten sie etwas neu aufbauen. Ebene für Ebene. Die Herausforderung war, wie sie ein File dazu im Internet finden, das die richtige Dimension hat, und wie sie dieses File zum Drucker kriegen.

    C: Wir stürmen nicht auf die Besucher:innen zu. Wir lassen sie erst mal durchschauen. Wenn wir merken, es ist Interesse da, versuchen wir aktiv, sie einzubinden. Es gibt auch Anleitungen, und „Easy Things To Do“ für Eden Beginn.

    L: Jeder Mensch, der hier hereinkommt ist wie eine Nuss, die es zu knacken gilt. Ich habe auch Jugendliche gesehen, die an den Computern gleich mal youTube Filme gestartet haben und den Explainer:innen die Kekse gefladert haben, die im Regal gestanden sind.

    C: Wenn ich die erwische …

    L: … ich war auch empört. Schnapp, waren die Kekse weg und die Jugendlichen sind weitergezogen. Ich habe mir dann gedacht, Hauptsache, sie sind im Museum.

    E: Super.

    C: Unsere Zielgruppe sind ja wirklich Jugendliche. Viele kommen öfter. Sie sind definitiv nicht die leichteste Zielgruppe, aber es ist trotzdem sehr spannend. Für mich ist es besonders schön, wenn sie ihr Projekt zuhause fertigmachen, und das spricht sich dann im Freundeskreis herum. Sie kommen dann am nächsten Tag wieder. Frage ich einmal nach, bin ich oft erstaunt, wie gut sie sich auskennen und wie sie genau wissen, was sie wollen.

    L: Die unterschiedlichen Persönlichkeiten dieser Schülerinnen und Schüler werden sicher im techLAB gut sichtbar.

    C: Wichtig ist, dass man für diese Geräte einen persönlichen Nutzen findet. Ich selbst bin Musiker und verwende die 3D-Drucker für Rackeinbauten, an die man seine Sachen befestigt. Man findet im Internet vielleicht nicht genau den passenden Teil, aber wenn man dann weiß wie, kann man ihn selbst gestalten.

    L: Ich habe nach dem Besuch im techLAB einen 3D-Drucker für Zuhause gekauft. Wir haben ihn selbst zusammengeschraubt. Was ich merke ist, dass sich die Art zu denken, langsam ändert. Ich bin ja auch in der Tradition des Wegfeilens aufgewachsen. Anfangs konnte ich mir noch keine Projekte für den 3D-Drucker ausdenken, aber als ich ein Tischfußballspiel mit fehlendem Männchen gesehen habe, hat es “Klick” gemacht. Mit der Erfahrung bei Euch im techLAb wusste ich, dass ich sowas reparieren kann. Das nächste, was ich mir schicken ließ, war eine Schublehre. Die braucht man nämlich, um die Dimensionen von Objekten abzumessen.

    C: Sich Dinge abzumessen, das habe ich auch hier gelernt.

    L: Ich bin so viele Jahre ohne das Bedürfnis für eine Schublehre durchs Leben gegangen und im Jahr 2019 nach einem Besuch im Technischen Museum, war es so weit. Meine Kinder haben bei Euch gesehen, wie man die Files für den 3D-Drucker bereitstellt, so sie sind in der Lage, ihre Projekte jetzt selbst zu machen. Und das gefällt mir mal als Vater sehr gut.

    E: Wir wollen, dass mit dieser Ausstellung genau das passiert. Ein Prozess wurde angestoßen. Im Rahmen der Arbeitausstellung wird die Verbindung zwischen analog und digital dargestellt. Das kann pädagogisch funktionieren, erklärend. Oder eben entdeckend. Dadurch nehme ich Wissen über “Industrie 4.0” mit. Die Basis dafür ist der persönliche Prozess. Das Miteinander. Natürlich kann ich auch etwas Fertiges wählen, wenn ich etwas sehen will, ich bin hier nicht zur Kreativität gezwungen.

    L: Ich habe mir auch fehlende Schubladen für ein kleines Regal nachgedruckt. Selbst konstruiert, mit 19 Stunden Druckdauer. Plötzlich hat er nicht mehr gedruckt, alles war verschmiert. Irgend etwas stimmt nicht. Auf die Suche nach dem Problem zu machen, die Bauanleitung anzuschauen, die Kommentare der Leute zu lesen, die über Misserfolge berichten, das war spannend. Und den Fehler habe ich natürlich gefunden. Weil man alle Fehler findet. Jedes Problem hat eine Lösung.

    C: Auch bei uns. Kein Problem war bisher tragisch, jedes hatte eine Lösung.

    E: Das sind ja auch Fertigkeiten der Zukunft, die man beruflich brauchen kann.

    C: Es soll kein Zwang sein, sondern eine Möglichkeit. Tun und selbständiges Lernen bringen einem selbst was. Es geht darum, sich als Mensch vollständig zu fühlen. Etwas selbst zu schaffen, das ist für uns Menschen sehr wichtig.

    L: Die Auswirkungen werden euch nicht immer zugänglich sein. In meinem Fall haben sich ja die meisten Gedanken erst nach dem Besuch des techLABs entwickelt.

    C: Es gibt schon Leute, die wiederkommen und davon erzählen. Ein Herr hat sich eine Jahreskarte genommen, um mit den Lasercutter zu arbeiten. Es gibt auch jemanden, der eine Kugelbahn gemacht hat. Ich sah noch keinen Nutzen darin, er erzählte aber, dass er es zum Spielen für seine Enkelkinder machte. 

    L: Er hatte vielleicht als junger Mann nicht die Möglichkeiten dazu. So ein Lasercutter ist schon ein heißes Ding.

    C: Er hat auch mit 70 Jahren einen Arduino gekauft und gelernt, diesen Computer zu programmieren.

    E: Man muss dazu keine ganze Ausbildung machen, bis ich beginne, etwas zu entwickeln.

    L: Ihr bildet eine Rampe, die eine sanfte Auffahrt in ein Gelände ermöglichen, in dem Dinge möglich werden, die ich vorher nicht denken konnte.

    E: Wir haben mit dem techLAB einen Prototypen, mit dem wir einen Forschungsprozess zeigen können. Das Objekt ist ein Ergebnis. Wichtig ist der Weg. Und so kompliziert ist das gar nicht.

    L: Schon. Auf Fotos sieht man die Prozesse ja nicht. Das ist doch auch schwer anzubieten, Sponsoren, Ministerien. Das Unsichtbare muss man auch in Worte fassen. Ich werde übrigens schon für Hausmeistertätigkeiten zuhause angefragt, weil ich einen 3D-Drucker bedienen kann. Ich wäre übrigens sehr gespannt, wie das alles aussehen wird, wenn wir in 50 Jahren hier sitzen.

    E: Schon in zwei Jahren wird vieles anders sein. Eine digitale Ebene wäre schön die dann darüber liegt. Ergebnisse aus Projekten der Benutzer:innen, die sichtbar werden. Ich möchte diesen Raum auch mit weiteren Themen verändern. Er soll nicht weggeräumt werden.

    C: In 50 Jahren bin ich mir nicht sicher, ob wir noch da sind. Die Geräte stehen dann sicher bei den Leuten zuhause, weil die Arbeit derzeit wieder nach Hause wandert.

    E: Auch wenn ich in 50 Jahren alles zuhause haben kann, das gemeinsame Machen ist für mich schon noch ein schöner Gedanke. Für mich sind auch die gemeinsamen Fragen interessant. Als wir am Konzept für das techLAB gearbeitet haben, waren wir in der “Cité des sciences”, dem Wissenschaftsmuseum in Paris. Auch dort gibt es ein Lab. Dort aber mit der strikten Vorgabe, nichts vorzugeben. Alles soll man sich dort selbst erarbeiten. Man muss selbst fragen, wie es funktioniert, es wird keine Projektanregung zur Verfügung gestellt.

    L: Man fördert so vielleicht nur die diejenigen, die schon “auf Zack” sind?

    E: Manche brauchen Unterstützung. Oder sie wollen nur schnell was ausprobieren. Viel Zeit und der eigene Wunsch waren in Paris der Kern des Konzepts. Wir wollten das im techLAB nicht ganz so strikt machen. Wir bieten auch etwas an.

    L: Es hängt kein Schild hier „Es wird hier nichts geboten“. Nein, es hängt eine Tasche an der Wand.

    E: Und Anleitungen, wenn ich sie nicht selbst raussuchen will. Wenn ich nicht kreativ sein will. Wenn ich nur nachmachen will, kann ich mir den Zettel an der Wand nehmen und es im ersten Schritt einfach genau so machen. Wir haben uns für diese Haltung nach Diskussionen entschieden, weil wir gedacht haben, dass die Rampe nicht ganz so steil soll. Wir bieten auch einen Aufzug an.

    C: Wir möchten auch vermitteln, wie man mit Problemen umgeht. Die Technik tut oft nicht gleich, wie man will. Man lernt, Geduld haben. Es gibt eine Lösung, ich habe sie jetzt nur gerade nicht. Dranbleiben, das lernt man. Das sieht man auch bei anderen Menschen, wie sie das machen. Vieles braucht Zeit.

    E: Das Lab bleibt also bestehen, und wir werden eine Form finden, mit jeder Sonderausstellung etwas Neues dazuzugeben, etwas zu verändern. Ein neues Thema, ein Motto, und neue Programme. Der Wunsch, zu kommen, bleibt.

  • #subscribe10 | Workshop Museumuspodcasts |…hier zur Workshopdoku

    Gespräche, die zugänglich sind. Bei denen man dabei sein kann. Wie damals am Lagerfeuer, als die Menschen noch in Kohorten umherzogen. Das, worüber sie reden, steht im Mittelpunkt. Die Wärme des Feuers. Und sie reden so lange, bis sie fertig sind.

    Es geht bei Podcasts vorderhand nicht um Reichweite, sondern um die Zugänglichkeit des Gesprächs. Um die Möglichkeit, dabei zu sein. Die Länge der Sendung ist egal. Podcaster:innen sind in seltenen Fällen berühmt. Meinung ist Teil des Konzepts, und im Museumsumfeld wird durch einen Podcast kuratorische Arbeit hörbar gemacht.

    In Podcasts finden Sie meistens Gespräche. Radiosendungen zeigen hingegen in aufwändig gestalteten Beiträgen die Welt, wie sie den Gestaltenden erscheint. Und das ist nicht der einzige Unterschied: Radio wird über Lautsprecher gehört, Podcasts über Kopfhörer. Radio ist geteilte Öffentlichkeit. Podcasts eher intim. Bei Radioaufnahmen wird ein Mikrofon hin- und her geschwenkt. Beim Podcast-Gespräch tragen alle Teilnehmer:innen Kopfhörer, an denen Mikrofone montiert sind, die der Kopfbewegung folgen. Jede:r kann zu jeder Zeit reden. Jeder kann den anderen gut hören.

    Musik ist wegen GEMA-Gebühren selten dabei. “Verlautbarungen” verschwinden wie das Geheul der Wölfe im Dunkel weit hinter dem Feuer. Sie machen Platz dem Detail, den weiten Augen, dem schweifenden Geist, und dem Wunsch etwas herauszufinden zu wollen. Im Kontakt, im Gespräch.

    Sendungen heißen beim Podcast “Episoden”. Im Museum können sie via QR-Code den Ausstellungsobjekten hinzugefügt werden. Wer also ein Objekt sieht und Lust auf den Hintergrund hat, verfolgt bei Verfügbarkeit die Entstehung des Präsentierten als Podcastepisode über den bereitgestellten Link.

    Blick in die Geschichte.

    Die erste Podcastwelle entstand um das Jahr 2000. Audiofiles wurden via mp3 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es war die Zeit der illegal geteilten Musikfiles. Die neuen mp3-Player lösten den Walkman und Discman ab. Parallel zu Internet-Blogs mit Texten und Bildern entstanden erste Audioblogs. Auch sie konnten über “RSS-Feeds” abonniert werden, ohne jede Seite einzeln ansurfen zu müssen, um zu schauen, ob es etwas Neues gibt. Wann immer es eine neue Episode gibt, wird das zugehörige mp3-File automatisch heruntergeladen. Es wartet dann auf dem mobilen Endgerät, bis es der Benutzer zeitsouverän hören möchte. Einziges Problem der ersten Podcastwelle: der Klang. Viele der Aufnahmen hörten sich an, als ob sie auf dem Klo gemacht wurden. Die Stimmen waren nicht präsent, es hallte und schepperte. Aber man konnte senden, man konnte gehört werden.

    Und dann kam Podcastwelle 2.

    Ausgelöst durch Pioniere aus Deutschland, zuzuordnen dem Umkreis des “Chaos Computer Clubs” – die “guten Hacker”. Sie geben Wissen über Podcastepisoden weiter. Die Episoden dauern gerne um die 1, 2, 3 Stunden. Oder 4. Wenn sich jemand mit dem Thema auskennt. Über das Ohr zum Beispiel – ein Experte für Cochleaimplantate. Oder über Kurdistan, Feminismus, das Bierbrauen, Pornographie oder die Chilli-Schote. Über Kakteen. Gespräche sind nun in Studioqulität zu hören und von Radiosendungen nur insofern zu unterscheiden, dass sie keine gebauten Beiträge oder Features sind. Und dass auch mal gelacht wird.

    Auch die Rundfunkanstalten ziehen nach, die in Podcasts einen weiteren Ausspielkanal für ihre Sendungen haben. Öffentlich-rechtliche Radiostationen müssen diese Angebote üblicherweise “depublizieren”, nach einer bestimmten Zeit vom Netz nehmen. Freie Podcaster:innen nicht. Die Erfahrung zeigt: auch ältere Episoden werden noch gehört, wenn sie verfügbar sind.

    Dann kam die Podcastwelle 3.

    “Podlove” entstand, ein digitales Plugin für das weitverbreitetes Content-Management-System “WordPress”, das viele Bloger:innen verwenden. Episoden können damit noch einen Tick einfacher veröffentlicht werden. Die Podcasts verlassen die Nerd-Ecke. Die Community trifft sich regelmäßig an unterschiedlichen Orten im deutschsprachigen Raum, um Erfahrungen zu tauschen. Oder digital auf www.sendegate.de. Österreichische Audioexperten entwickelten mit “Auphonic” ein Onlineservice, das aufgenommenes Material akustisch optimiert. Mehrspuraufnahme sind mit “Ultraschall” möglich, und über das Plugin “Studiolink” können Mikrofone an mehreren Orten kostenlos via Internet in Studioqualität verbunden werden. Das Podcast-Equipment passt in ein Köfferchen.

    Zunehmend werden auch “Podcastlabels” gegründet, eigene Agenturen, die ausschließlich Podcasts produzieren.

    Manche Podcaster:innen finanzieren mit Werbung ihre Episoden -obwohl, da sind sich viele einig, Werbung noch nie etwas besser gemacht hat. Andere Podcaster:innen arbeiten mit Produktplatzierung. Oft zahlen die Hörer:innen zusammen, und es gibt auch jene Podcasts, bei denen Auftraggeber Episoden kaufen, weil es ein Budget für Öffentlichkeitsarbeit gibt. Einige verkaufen Bücher, Vorträge Expertise und Kurse, aber die meisten podcasten als Hobby. Und das in guter Qualität – Garantie oder Aufsicht gibt es keine. Es braucht ein kritisches Ohr und auch die Erfahrung kuratierter Podcastverzeichnisse wie wissenschaftspodcasts.de, um “gut” von “belanglos” zu unterscheiden.

    Wir sind jetzt in Podcastwelle 4.

    Die Verlage und Zeitschriften und Zeitungen sind eingestiegen. Podcast wurde bekannter, weil auch Musikplattformen wie Spotify die Episoden anbieten. Wir schreiben das Jahr 2019. Jede:r, der etwas auf sich hält, macht einen Podcast. Auch die Museen begannen den Hörraum zu erobern.

    Für Menschen beim Pendeln, im Auto, in der Werkstatt. Manche Podcasts sind einzigartig. Viele senden für die Nische, einige für die breite Masse. Ein Spielplatz für Experimente auch für Verlage, die die längste Zeit ihre Inhalte auf Papier gedruckt haben.

    Andreas Sator etwa lernt als Standard-Journalist in “Erklär mir die Welt” Alltägliches und Unbekanntes im Gespräch mit Expert:innen in einem eigenen Podcast kennen und Maria Wegenschimmel erforscht in ihrem “Wiener Sozial-Pod” Hilfsangebote für Mitmenschen auf eigene Faust, sorgt dadurch für eine Vernetzung der Beteiligten untereinander.

    Auch die Museen begannen den Hörraum zu erobern.

    Interessant ist dabei, dass sich freie Podcaster:innen oft in ihren eigenen Produktionen einen unabhängigen Ruf erarbeiten. Einen Stil, eine Art, für die sie ihren Hörer:innen bekannt sind, und die dann von einem Auftraggeber gekauft wird. Zum Beispiel Holger Klein aus “WRINT”, der für einen Hornbach-Bauhaus-Podcast seine Art, Gespräche zu führen, mitbringt. Er spricht mit Abenteurern und Do-It-Yourself-Pionieren. Marketingabteilungen und Pressestellen müssen in solchen Projekten ebenso flexibel sein, wie die beteiligten Podcaster:innen, die bisher gewöhnt waren, alleine zu arbeiten. Müssen die Inhalte freigegeben werden? Wer entscheidet? Wer hört ab, wer hört mit? Wer repräsentiert und wer veröffentlicht, wo und wie?

    Es gibt Abhängigkeiten, Überschneidungsflächen, Graubereiche, Bekanntheitsströme und die Eroberung neuer Terrains.

    Und das Stadtgespräch?

    Das “Stadtgespräch” ist der Podcast des Technischen Museums Wien. Mittlerweile bei Folge 20 erschien die erste Episode Anfang 2017 im Zusammenhang mit der Ausstellung “Zukunft der Stadt”, weil Expert:innen verfügbar waren, die bereit waren, über ihre Inhalte ausführlicher zu reden. Der Lichtmeister von Wien – er kümmert sich um alle Lampen inklusive Ampeln. Die Logistikexpertin über die Zukunft der Lastenräder. Die Leute vom Stromverteiler, die dafür sorgen, dass Energie für alle zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stellt – eine Episode in Verbindung mit der Elektrizitätsausstellung On-Off. Mit der Ausstellung “Zukunft der Arbeit und Produktion” erschienen Gespräche mit Roboteringenieuren, mit Soziologen, einer Expertin der Gewerkschaft, mit einer Datenwissenschaftlerin der VOEST. Die Gespräche immer ausführlich und immer mit vielen Details.

    Und immer lang.

    Im allgemeinen werden die Episoden der “Stadtgepräche” nicht geschnitten. Es sind auch die Pausen zu hören. Das Denken. Das Atmen. Das Leben. Das Dazwischen, was in Kurzbeiträgen in Radio und Fernsehen meist wegfällt.

    Eigene Gedanken werde sorgsam in die des Gegenübers geflochten. Beim “Stadtgespräch” aus dem Technischen Museum sind oft sind die Kurator:innen der kommenden Ausstellung dabei. Ihre Fragestellungen werden hörbar, zugänglich, ihre Ansätze spürbar. So bekommt das Museum eine Stimme. Die Sicherheiten, die Zweifeln, das Nachfragen, das Explorieren. Wer Lust hat, hört zu. Wer nicht – nicht.

    Podcast-Tipps und Beispiele aus anderen Museen.

    Empfehlenswerte Podcasts sind – natürlich neben dem Stadtgespräch – die Referenzprodukte aus dem deutschsprachigen Raum: “CRE”, “Omega Tau”, “Forschergeist”. Vielleicht auch die “Bienengespräche” aus Wien, wenn Sie sich für Natur interessieren. Es gibt den “Lila Podcast” mit feministischen Inhalten. Ja, auch für Männer. Für Läufer:innen die “3-Schweinehunde”. Oder “Zeitsprung”, Geschichten aus der Geschichte. Alle sind einfach zu finden, einfach zu googeln. Das Sigmund-Freud-Museum in Wien hat einen Podcast, das Smithsonian Museum, das Archäologische Museum Hamburg. Über Ausstellungen erzählen der “Museumscast”, “Exponiert”, “Kunst und Horst” und das “Kulturkapital”. Die Grenzen verschwimmen. Empfehlenswerter Startpunkt für Suchen ist auch das Podcastverzeichnis www.fyyd.de

    Wenn Sie Ihren Lieblingspodcasts gefunden haben, drücken sie auf dessen Website auf den “Abonnieren”-Knopf und aktivieren dadurch eine App auf Ihrem Smartphone, den sogenannten “Podcatcher”. Er sammelt die neuen Episoden und speichert sie wie in einem Schatzkästchen bis zu jenem Zeitpunkt, an dem Sie bereit sind, zu hören. Es gibt eine Pausetaste. Und oft auch Kapitelmarken. Damit sie wieder zurückfinden, wo sie aufgehört haben zu hören, als Sie stoppen mussten, weil es ja auch noch die anderen Dinge im Leben gibt.

    Lothar Bodingbauer, Radiojournalist und Podcaster der “Stadtgespräche” aus dem Technischen Museum Wien

     

    Beispiele für Podcasts aus Museen

    Beispiele für Podcasts über Museen

  • Terror. Ein Gespräch. Ein Austausch. Ideen und Positionen. Wir haben Terror zum Anlass genommen, miteinander zu reden.

    Univ.-Prof. Dr. phil. Ednan Aslan, MA
    Univ.-Prof. Mag. Dr. Zekirija Sejdini
    Dr. Evrim Ersan-Akkilic
    Mag. Dr. Ranja Ebrahim
    Ibrahim Kocyigit, BA MA

    Episodenbild: Photo by Cristian Newman on Unsplash

  • Was passiert bei einer Insektengiftallergie, und wie kann man sie heilen? Gespräch mit der Molekularbiologin Irene Mittermann von der Meduni Wien (AKH).

    Irene Mittermann ist Molekularbiologin und leitet die Arbeitsgruppe Molekulare Allergen-Charakterisierung am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien. Sie hat Genetik an der Universität Wien studiert und wechselte 2001 an die Medizinische Universität Wien, wo sie im Oktober 2014 habilitierte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Insektengiftallergie und die Atopische Dermatitis.

    Korrespondent: Kurt Krottendorfer, Bienenzuchtverein Wien-Westende

    Beitragsbild: Arthur Rachbauer, Wien

  • Akzentfrei Deutsch. So klingst du wie ein Österreicher – und besser. Am besten ist, du sprichst einfach nach. Hier ist die dritte Episode – zum wechselnden U. Wir konzentrieren uns auf einen Buchstaben und übertreiben stark. Bei der Anwendung reduzieren wir dann wieder. Du solltest täglich 10 Minuten üben. Nach 6 Wochen dann hörst du die Resultate.

    Hinweis: Du solltest für diese Episode die Episode 1 und 2 gut geübt haben, damit du das lange geschlossene U und das kurze offene U unterscheiden und richtig einsetzen kannst.

    1. Das Huhn rufen und zupfen.
    2. Spuk in der Burg.
    3. In die Blutwurst spucken.
    4. Die Wurzel der Buche.
    5. Die Vermutung war Lug und Trug.
    6. Kurz und gut.
    7. Du mußt die Fundgrube suchen.
    8. Zucht schuf Unruhe.
    9. Kurt grub unruhig.
    10. Der Ur nagt am Hungertuch.
    11. Die Luftzufuhr in der Musterschule.
    12. Der Fluch schlug den Wucherer in die Flucht.
    13. Du mußt buchen.
    14. Mit Buch und Musik durchhungern.
    15. Stufe um Stufe zur Unzucht.
    16. Susi duscht nur unter der Brunnenstube.
    17. Im Juli Wurzeln zupfen.
    18. Das Mus im gebuchten Zug schien Urban Lug und Trug.
    19. In Zukunft muß Ulrich den Unterschwung ruhiger turnen.
    20. Der kugelrunde Schuhputzer putzt die Turnschuhe gut genug.
    21. Der kluge Bursche schlug unter den Gurt und schlug den Russen.
    22. Ursprung des Muskelschwundes war der Irrtum des Kurpfuschers.
    23. Ludwig mußte bei der Untersuchung zum Husten Zuflucht suchen.
    24. Die Bruchbude des Musikus wurde nach Schmuggelgut durchsucht.
    25. Die Ursache der Wut des Publikums war der Unfug blutjunger Buben.
    26. Um den Turm wuchtet ein Sturm. Ein Husten und Prusten flucht durch die Luft. Ein Uhu in dunkler Mulde ruft. In Schlucht und Grube gluckst eine Wasserbucht, und sprudelt mit Wucht gegen die schlummernde Schlucht.
    27. Mancher Herzensgrund ist eine dunkle Bucht; drunten mit stummem Mund die Toten ruhn; geduldig dulden sie, nur welker Blumenduft, er ruft die Schlummernden aus ihren Truhn.
    28. Und durch zukunftsdunklen Mund wurde Brutus Schuld nun kund; Gut und Blut trugst du zum Bunde – dulden mußt du nun zur Stund; und der Fluch schuf Blut und Wunde.
    29. Ulrich Huber, von Geburt ein Lunzer, war der beste Turner unserer Schule. Er hatte die Statur eines urgesunden Bullen und wurde von uns seiner kugelrunden Muskeln wegen bewundert. Ulrich war allerdings nur in der Turnstunde gut, nur dort war er munter und guten Mutes. In den anderen Schulstunden duckte er sich stumpf und stur, mitunter auch unmutig in die Schulbank und, so gut ich ihn mochte, muß ich unumwunden zugeben, daß wir Ulrich für einen urdummen Burschen hielten und den guten Jungen verulkten. Er brachte es nur bis zu den unteren Schulstufen und wurde lange vor uns, als wir noch blutjunge Buben waren, aus der Schule entlassen. Nun, nach rund dreißig Jahren, traf ich Ulrich vor dem Schulhaus wieder. Er trug einen Anzug aus dunklem Tuch, wuchtige Schuhe und einen runden Hut. Er lugte ruhig unter buschigen Brauen und munkelte unter seinem Schnurrbart hervor: „Nun ist es gut. Nun habe ich einen gefunden aus unserer Schule, dem ich sagen kann, daß aus dem Ulrich Huber etwas wurde. Nach der Schule ging ich zu Fuß zur Urgroßmutter ins Lunzerland, wurde Hüterbub, trug junge Schafe, die nicht gut zu Fuß waren, auf den Schultern herum, buckelte Kuhmilch und fuhr Rundholz zu Tal. Nach dem Tode unserer Urgroßmutter wurde das Bauerngut urkundlich mir zugesprochen. Nun war ich ein paar Stunden hier unten, und nun habe ich genug. Ihr alle da unten, ihr seid mir zu dumm. “ Und er schlug mir auf die Schulter und rumpelte die Schulhaustreppe hinunter.
    30. Unter dunklen Uferulmen wurdest du durch Blut und Wunden ungefurcht und unbesudelt- ruhmlos ruhend nun gefunden. Unten fuhr durch blum’ge Fluren, lustvoll, munter, mutdurchdrungen unsrer Jugend Blum und Muster, zukunftstrunken, ruhmumschlungen! Mußtest du nun ruhn, um stumpf unsres Unmuts Sturm zu rufen? Du, des Ungunst Mut uns schuf, und uns trug zu Ruhmes Stufen!

  • Akzentfrei Deutsch. So klingst du wie ein Österreicher – und besser. Am besten ist, du sprichst einfach nach. Hier ist die zweite Episode – zum kurzen, offenen U. Wir konzentrieren uns auf einen Buchstaben und übertreiben stark. Bei der Anwendung reduzieren wir dann wieder. Du solltest täglich 10 Minuten üben. Nach 6 Wochen dann hörst du die Resultate.

    Beachte: Ulrich, Urteil, ungern, flugs, Datum, Rum, Furt, Gurt, Urne, Burg, Dusche, durch, Kufstein, Spruch, Cherub, Konsul, Stambul, Opossum, Katgut, Falun. 

    1. Das Opossum im unteren Tunnel.
    2. Der Umsturz des Konsuls ist Ulk.
    3. Der Urteilsspruch war unterm Hund.
    4. Um hundert Puls herum.
    5. Ungunst der Witterung.
    6. Der Spruch des Cherubs ist kurz.
    7. Butter ist gesund.
    8. Dumme Jungen lungern herum.
    9. Durst ist ungesund.
    10. Im Untergrund Unterschlupf finden.
    11. Die Puppe duscht im Fluß.
    12. Die Nuß im Mund.
    13. Der unmögliche Lungenschuß.
    14. Ulrich ulkte im Turm.
    15. Der Kuß ging durch und durch.
    16. Rundum der Duft Ulrikes.
    17. Zum Gaudium unter der Dusche.
    18. Luft durch den Mund.
    19. Stunde um Stunde in Falun mit dem Gurt herumlungern.
    20. Flugs von Kufstein nach Istambul.
    21. Eine mit Rum gefüllte Urne.
    22. Der Bucklige murrte und knurrte ununterbrochen.
    23. Der dumme Junge plumpst zum Jux in den Sumpf.
    24. Wer unter hundert Pfund wiegt, hat gesunde Lungen.
    25. Unsere munteren Hunde sind durch und durch gesund.
    26. Zum Gaudium der Jungen stutzt sich Kurt den Schnurrbart.
    27. Zum Schluß rutschte der Junge unter der Kutsche durch.
    28. Die verurteilten Schmuggler wurden im Unterschlupf gefunden.
  • Der Joker unter den Zeichen: Wie das X als Zeichen für das Unbekannte in die Mathematik kam.

    Filename: radio295_dia_x

  • Verband mit Geschichte: Wenn es in einer Ortschaft besonders schön geschmückte Balkone gibt. Besonders stattliche Gärten, schöne Häuser, dann könnte das sein, weil es Preise dafür gibt. Ortsbildgestaltung. Gemacht von Menschen, die dort wohnen. Die ihre Siedlungen dort haben. Organisiert sehr wahrscheinlich durch einen Verein, in dem sie Mitglied sind. Genau genommen 281 Vereine österreichweit – mit 68.000 Mitgliedern. (Moment / ORF Radio Österreich 1)

     
    (Passwort notwendig)

  • Wort der Woche: Das Recht ist verschriftlich. Wenn sich später herausstellt, ein mutmaßlicher Täter war doch kein wirklicher Täter, dann zeugt zumindest das Wort ‘mutmaßlich’ von diesem Zweifel in der Berichterstattung. Mit Daniel Leisser, Österreichische Gesellschaft für Rechtslinguistik. (Moment / ORF Radio Österreich 1)

     
    (Passwort notwendig)

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Lothar Bodingbauer ist österreichischer Radiojournalist, Abendschullehrer und freier Podcaster.

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Text: Zum Hintergrund (2014)

Fotos sind auch auf Instagram: lobodingbauer