Radio, Science, Education

Wien

Lothar Bodingbauer

  • 331. Heuschrecken in Wien

    331. Heuschrecken in Wien

    Episodenbild: Blauflügelige Ödlanschrecke, Foto: Günther Wöss


    Der Biologe Günther Wöss über die Heuschrecken der Bundeshauptstadt.

    ORF Radio Österreich1 | 3. August bis 7. August 2020

    Es gibt in Wien mehr Heuschreckenarten, als auf vergleichbar großen Flächen anderswo. Grund ist, dass die Österreichische Bundeshauptstadt an der Schnittstelle zwischen zwei Großräumen liegt: dem pannonischen Raum und dem Alpenraum. Die Arten beider Lebensräume treten hier gemeinsam auf. Ein kleiner Unterschied in den Bedingungen eines Lebensraumes kann schon eine völlig andere Artenzusammensetzung bei Heuschrecken bedeuten.

    Die Hinterbeine der Heuschrecken sind als Sprungbeine ausgebildet, zusätzliche Sprungkraft können einige Arten aus der Spannung des gesamten Körpers gewinnen.

    Heuschreckenforscher/innen interessieren sich besonders für Verbreitungskarten. Sie zu erstellen erfordert genaue Kenntnisse der Arten. Wenn diese Arten optisch oft schwer zu unterscheiden sind, hilft meist die Analyse der “Gesänge” weiter, die für viele Arten charakteristisch sind. Ob zur Partnersuche oder Revierabgrenzung: Heuschrecken “stridulieren” – sie zirpen. Langfühlerschrecken (zu denen auch die Grillen gehören) verwenden dazu ausschließlich ihre Vorderflügel und Kurzfühlerschrecken reiben die Oberschenkel an den Flügeln.

    GESPRÄCHSPARTNER:
    Mag. Günther Wöss
    Freiberuflicher Zoologe
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Naturhistorischen Museum Wien

    BUCHTIPP:
    Günther Wöss, Manuel Denner, Liesbeth Forsthuber, Matthias Kropf, Alexander Panrok, Werner Reitmeier & Thomas Zuna-Kratky:
    Insekten in Wien – Heuschrecken
    Österreichische Gesellschaft für Entomofaunistik Eigenverlag 2020


    Teil 1: Filename: radio331_heuschrecken_1 Eine facettenreiche Landschaft


    Teil 2: Filename: radio331_heuschrecken_2 Vielfalt am Schnittpunkt großer Lebensräume


    Teil 3: Filename: radio331_heuschrecken_3 Vielfalt am Schnittpunkt großer Lebensräume


    Teil 4: Filename: radio331_heuschrecken_4 Hörbare Unterschiede


    Teil 5: Filename: radio331_heuschrecken_5 Forschung in Bewegung


  • 329. Greifvögel in Südafrika

    ORF Radio Ö1 | Vom Leben der Natur | 08:55–09:00 Uhr

    Die Ornithologin Petra Sumasgutner über ihre Forschung an Beutegreifern auf der Südhalbkugel der Erde.

    Beutegreifer sind Tiere, die andere Tiere fressen. Frühere Bezeichnungen – Raubtiere – schließen immer auch eine Wertung ein, die von heutigen Forscher:innen nicht gewünscht wird. Beutegreifer können die verschiedensten Arten sein, Vögel insbesondere werden auch als Greifvögel bezeichnet. Wer als Ornithologin an Beutegreifern forscht, wird bald auf Ähnlichkeiten stoßen, auch wenn diese Forschung auf zwei verschiedenen Kontinenten stattfindet. Im Stadtgebiet geht es um das Miteinander von Mensch und “Raubtieren”, das im Detail dann durchaus unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Es gibt medial große Aufregung, wenn ein Adler statt seinem bevorzugten Beutetier, den Klippschliefer, irrtümlich einmal einen Dackel erwischt. Wer die Medienberichte untersucht, wird aber rasch erkennen, dass von ein und dem selben Vorfall immer wieder berichtet wird. Die Berichte machen sich selbständig und geistern als Mythos durch das Internet. Im Nationalpark andererseits geht es um das Ermöglichen des Überlebens vieler Arten, ein Wunsch, der mit den Interessen von Menschen kollidieren kann, die mit Tieren Geld verdienen möchten. Stichwort Geiersterben in Südafrika: Die Kadaver von Nashörnern werden von Wilderern vergiftet, um die Geier zu töten, die den Standort der Wilderer verraten würden. Es ist die Beschäftigung mit den Vögeln selbst, die Forschung an Beutegreifern spannend macht, aber auch die Einbettung dieser Forschung in das Gefüge und die Netzwerke der Menschen, die in ihrer Umgebung leben.

    Interviewpartnerin:
    Dr. Petra Sumasgutner
    Konrad Lorenz Forschungsstelle
    Fischerau 11
    4645 Grünau im Almtal
    T: +43-7616 8510
    office.klf@univie.ac.at

    https://klf.univie.ac.at/de/mitarbeiter/


    Montag: Filename: radio329_beutegreifer_1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede (mp3)

    Filename: radio329_beutegreifer_1


    Dienstag: Filename: radio329_beutegreifer_2 Raubtiere im Hinterhof (mp3)

    Filename: radio329_beutegreifer_2


    Mittwoch: Filename: radio329_beutegreifer_3 Ökologische Gleichgewichte (mp3)

    Filename: radio329_beutegreifer_3


    Donnerstag: Filename: radio329_beutegreifer_4 Leben in Nationalparks (mp3)

    Filename: radio329_beutegreifer_4


    Freitag: Filename: radio329_beutegreifer_5 Zusammenarbeit mit der Bevölkerung

    Filename: radio329_beutegreifer_5


  • 330. Unendlich

    20.06.2020 / ORF Radio Ö1 / Diagonal

    Studiogespräch

    Diagonal macht Schluss

    “Alles hat ein Ende, nur …” – “Diagonal” macht Schluss

    Über 150 Mal wurde er in den vergangenen zwei Millennien einmal mehr, einmal weniger öffentlichkeitswirksam angekündigt und kam dann doch nicht: Der Weltuntergang. “Hungern nach der Apokalypse heißt eigentlich Verlangen nach der Zeit nach der Apokalypse” gibt der Publizist Maarten Keulemans in seinem Buch “Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge” zu bedenken.

    Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, sagt man dazu wohl im Fußball. Dazwischen liegt immer der Abpfiff. Aber wie und wann der kommt beziehungsweise gekonnt zu setzen ist, das ist stets die Frage. Der Mensch ringt mit seiner Endlichkeit, die Künste mit dem grandiosen Finale, letzten Worten und Schlussstrichen; Webseiten geben Tipps für krönende Schlusssätze in Bewerbungsschreiben und der post-industrielle Dienstleistungskapitalismus hat sich das Beziehungsende als Markt erschlossen. Auch in Österreich gibt es heute eigene Agenturen, die sich auf das professionelle Schlussmachen spezialisiert haben – sei es mit dem ehemaligen Herzblatt oder der Chefin. “Diagonal” zur Kunst des Aufhörens und zu Konjunkturen des Endes.

    Mit Beiträgen von Alexandra Augustin und Lisa Rümmele, Lothar Bodingbauer, Dominique Gromes, Erich Klein, Christian Scheib und Horst Widmer.

    Präsentation: Peter Waldenberger und Roman Tschiedl

  • 328. IIASA Portrait

    MOMENT Was macht eigentlich

    SIGNATION “Was macht eigentlich…”

    … das IIASA. Was für eine Ansammlung an Vokalen, und jeder Buchstabe in dieser Abkürzung hat natürlich seine Bedeutung.

    International Institut – ein internationales Institut, ja klar, wofür, für Applied, für Angewandte. Und jetzt das S: System Analyse.

    Internationales Institut für Systemanalyse, beheimatet in Laxenburg, im Schloss Laxenburg in Niederösterreich. Ein Kind des kalten Krieges, denn damals haben sich die Sowjetunion und die USA zusammengesetzt, um sich gemeinsam mit anderen Staaten und eben auch mit Österreich zu überlegen, wie man nicht Militärbasen sondern Gesprächsbasen errichten kann. In diesem Fall mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die sich mich Risikoforschung beschäftigen, mit Systemen, mit komplexen Systemen.

    Um die 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten auch heute noch in Laxenburg. Die Aufgaben haben sich von Themen des Kalten Krieges gewandelt, von der Konfliktforschung hin zu den aktuellen Themen der Menschheit, die beforscht werden, alle geschart um einen inhaltlichen Kern: “Nachhaltigkeit”. Wie können Menschen auf dem Planeten Erde nachhaltig leben – im System Erde. Da gibt es Zusammenhänge, Taten, Ideen, und Auswirkungen. Komplexität. Es geht um die gesamte Weltbevölkerung, um Energie, Luftqualität und Treibhausgase, neue Technologien, Risiko und Resilienz, also wie sich Systeme gegenüber Störungen verhalten, Evolution und Ökologie, Wasser, und neuerdings auch um so genannte Ökosystem-Services: was die Natur für uns Menschen leistet, bewertet in Geld.

    Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen münden in sogenannten Policies, also in konkrete Inhalte für die Politik. Und das auf verschiedenen Skalen, om Dorf, zur Stadt, zu Ländern, Kontinenten, zur Welt.

    Reinhard Mechler ist einer der Wissenschaftler in Laxenburg.

    OT 1: Wir arbeiten zu globalen Wandelproblemen, das sind Probleme, die zu groß oder auch zu komplex sind, sodass sie eineinzelnes Land oder eine einzelne akademische Disziplin effektiv lösen kann.

    Die Komplexität der Systeme macht Vorhersagen schwierig.

    OT 2: Wir haben hier zum Beispiel positive und negative Rückkoppelungseffekte in Systemen. Diese positiven oder negativen Schleifen. Diese Rückkopplungseffekte führen auch zu nichtlinearen Entwicklungen, wie zum Beispiel wie man es jetzt sieht, die exponentielle Zunahme von Coronavirusinfektionen wird dadurch bedingt.

    Menschen haben kein Gefühl für “nichtlineare Effekte”, agt Reinhard Mechler. Es geht hier um exponentielles Wachstum. Je mehr, desto “sehr viel mehr”. Menschen denken linear, “je mehr, desto mehr”. Doppelt so viel, doppelt so viel. Alles nicht der Fall, bei wirklich komplexen Situationen oder auch Bedrohungen.

    OT 3: Es geht auch um Irreversibilitäten. Auch beim Coronavirus, der Entwicklung. Kommen wir zu Systemgrenzen heran, kann das zu irreversiblen Effekten führen, Gesundheitssystem, aber auch bei individuellen Auswirkungen. Klimawandel das selbe Problem, nähern wir uns Kipppunkten, lokalen Kipppunkten oder globalen Kipppunkten.

    Menschen entscheiden individuell im allgemeinen sehr kurzfristig. Für den nächsten Tag, die nächste Woche. Myopisch, kurzsichtig, sagt Reinhard Mechler, und er bezieht sich da auch selbst gleich ein.

    OT 4: Das sehen wir jetzt auch bei der Coronakrise. 4, 6-Wochen vorauszudenken, zu einer Entwicklung, die wir sonach nicht gesehen haben, fällt uns extrem schwer. Bei IIASA versuchen wir in die Zukunft vorauszudenken, 10, 20, 80 jähre, bis zum Ende des Jahrhunderts. Das ist auch ein wichtiger Punkt der Systemanalyse. Die Langfristigkeit mit der kurzen Frist zu koppeln, und da entsprechende Szenarien auszuarbeiten.

    Reinhard Mechler arbeitet selbst im Forschungsgebiet “Risiko und Nutzen”.

    OT 5: Da verwenden wir mathematisch gesprochen die Netzwerktheorie. Da geht es um die Verknüpfung, innerhalb des Netzes an Verbindungen. Wir hatten uns in den letzten Jahren gefragt, wie zum Beispiel Naturkatastrophen das Finanzsystem bedingen, ob hier große Katastrophen zu einem Kollaps des Finanzsystems in Österreich oder in Europa oder Global führen können. Die Modellierung basiert auf der Idee auf einer Ansteckung eines Erregers. Und ähnliche Theorien werden eben auch in epidemiologischen Umständen, die Ausbreitung eines Virus verwendet.

    In positiven Umständen ist zum Beispiel auch die Mode ein komplexes System, das mit ähnlichen Mechanismen funktioniert. Die Arbeit von Influencern auf Instagram, in sozialen Medien. Der kalte Krieg ist längst vorbei. Die Welt im Wandel – und so gesehen ist viel zu tun in diesen Tagen. Auch am IIASA, auch in Laxenburg.

  • 327. Pflanzensammlungen

    Sammeln, zeigen, schützen, kultivieren.

    Friedrich Schwarz vom Botanischen Garten Linz spricht über die Bedeutung von Pflanzensammlungen.
    Gestaltung: Lothar Bodingbauer

    Botanische Gärten vereinen weltweit mehrere Ebenen der Funktion. Für Besucher/innen sind es Orte der Erholung, Entspannung und Weiterbildung. In den Sammlungen wird die Vielfalt der Flora gezeigt, und in thematisch spezialisierten Ausstellungen wird der Fokus auf besondere Aspekte gelegt.

    Es gibt dazu immer auch ein wissenschaftliches Interesse für die lebendigen Objekte der Sammlungen – seien es Kakteen, Orchideen, Rosen oder Bäume. Die vielen Objekte – Arten – werden am Leben erhalten, sie werden über Samen und Stecklinge vermehrt, sie werden aber auch über ein weltweites Netzwerk botanischer Gärten ausgetauscht.

    Viele Objekte stammen aus einer Zeit, da es noch Expeditionen in andere Länder gab, Sammlungsfahrten, bei denen pflanzliches Material “nach Hause” gebracht wurde. Doch diese Zeit ist vorbei. Es gibt strenge Auflagen, weder Pflanzen noch Samen noch das Wissen über sie einfach außer Landes zu bringen.

    GESPRÄCHSPARTNER:

    Dr. Friedrich Schwarz
    Magistrat der Landeshauptstadt Linz, Stadtgrün und Straßenbetreuung
    Abteilungsleiter Botanischer Garten und Naturkundliche Station


    Teil 1: Netzwerke des Austauschs (Filename: radio327_pflanzensammlungen_1 mp3)

    Filename: radio327_pflanzensammlungen_1


    Teil 2: Anzucht und Beschriftung (Filename: radio327_pflanzensammlungen_2 mp3)

    Filename: radio327_pflanzensammlungen_2


    Teil 3: Beschränkungen bei der Einfuhr (Filename: radio327_pflanzensammlungen_3 mp3)

    Filename: radio327_pflanzensammlungen_3


    Teil 4: Gewächse hinter den Kulissen (Filename: radio327_pflanzensammlungen_4 mp3)

    Filename: radio327_pflanzensammlungen_4


    Teil 5: Management des Wissens (Filename: radio327_pflanzensammlungen_5 mp3)

    Filename: radio327_pflanzensammlungen_5


  • Wie man mit Studiolink fürs Radio aufnimmt

    Ich habe in diesem Video aus Radiomacher:innen-Sicht zusammengestellt, wie man mit Studiolink arbeitet. Hintergrund: Beim Radio sind wir immer eine Spur gewöhnt, wo alles drauf ist. Und wir haben keine Erfahrung, wie man außerhalb des Biotops an Studioleitungen arbeitet. Ich hoffe, es sind nicht allzu viele Fehler in dem Video – aber es ist sicher auch interessant für Leute, die noch gar keine Ahnung haben, wie Studiolink funktioniert, und was man braucht. Am Anfang ist auch ein Stück Demo dabei, wir man mit drei Spuren auf Ultraschall schneidet – nämlich vor allem, wozu man das gerne will.

    Link zum Video

  • 326. Von der Gegenwart

    Wie viel Vergangenheit begegnet Ihnen in der Gegenwart und was bedeutet das für die Zukunft? Über die Zeitformen.

    In der Gegenwart sollst du leben. Sagen angeblich die Buddhisten. Und die Leute vom Online-Yoga. Ich höre da immer zu, im Halbschlaf, wenn meine Lebensgefährtin ihre Morgenübungen macht. Ist sie fertig, bin ich ausgeschlafen. Lebe den Moment. So kann es losgehen.

    Bemüh dich um das Paradies, sagen die Andersgläubigen hingegen. Und das liegt vor dir – mehr oder weniger weit in der Zukunft. Auch ein Konzept, ich kenn das von der Sonntagsmesse.

    Alles nichts, wir schwören auf die Vergangenheit, sagen die Ewiggestrigen. Und es ist nicht so klar, was an den zerbombten Resultaten so schön war, dass man sie wieder haben wollte. Aber solche Leute reden ja über die Zukunft. Gut, das taten die damals auch.

    3 Sekunden dauert für uns das „jetzt“, das weiss die Wissenschaft. Drei Sekunden, die wir als Mensch als „jetzt“ erleben. Geräusche spielen sich üblicherweise in diesen drei Sekunden ab. Da baucht man schon ein bisschen Erinnerung, weil sie so schnell verschwinden. Es ist ein hübsches Wechselspiel dieser 3 Sekunden Gegenwart, finde ich, mit dem was war, und dem was wird. Erinnerungen versus Ideen, und warum ich das alles erzähle, weil ich gerade eine neue Sprache lerne, Spanisch.

    So kannst du die Welt ganz neu entdecken. Stück für Stück eignet man sich die Begriffe an, zuerst für die Dinge. Personen, die Länder, dann für die Mengen. Für den Besitz. Für Gefühle, Geschmäcker, Farben und Zahlen. Es ist eine neu beschriebene Welt, die hier entsteht. Die wiederersteht eigentlich. Mit neuer Sprache. Dazu kommen die Verben. Zuerst in der Gegenwart. Ich gehe zur Universität. Ich esse den Apfel. Mein Sohn trinkt die Milch. Da glaubt man dann, das war’s dann schon. Jetzt kann ich Spanisch. Aber dann: voy a comer. Ich werde essen. Die Zukunft geht auf. Ab jetzt gibt es eine Möglichkeit, mit der man beschreiben kann, was sein wird. Unfassbar, wer sich das einfallen hat lassen. Großartig. Heute schon von morgen sprechen. Das kann was. Und mehr braucht es nicht, könnte man auch hier wieder meinen. Da kommt der Spanischlehrer Antonio, der Bilder malt – besonders gern in rot – und er sagt: zwei Formen der Vergangenheit wären als Nächstes dran.

    Langeweile breitet sich aus. Wer würde über das sprechen wollen, was war? Ich war einkaufen. Ja eh. Und? Ich habe mir gedacht, dass – natürlich, aber was denkst du jetzt? Ich kaufte die Äpfel. Hier sind sie, ich sehe sie.

    Warum sollte ich über die Vergangenheit reden, wenn ich lebensmäßig da bin, hier, und lebenstechnisch ohnehin nur in die Zukunft gehe? Auf der anderen Seite: hast du das Bügeleisen ausgeschaltet – eine abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit mit Konsequenzen für jetzt, und sicher auch später.

    So klar ist es also doch nicht, wie viel Vergangenheit sinnvoll ist für die Gegenwart und Zukunft. Abschaffen sollte man die Vergangenheit wohl nicht.

    TRENNER

    Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie das folgende Geräusch schon einmal gehört haben. (GERÄUSCH) Und es ist durchaus personenabhängig. (GERÄUSCH). So klingt es beim Geduldigen, und so beim Ungeduldigen, oder bei dem, der wenig Zeit dafür verwenden will. (GERÄUSCH) Der Zaghafte, es könnte auch der Sparsame sein. Wie auch immer, was ist das für ein Geräusch?

    Sie kennen es bestimmt, wenn man nämlich mehr von seinem Hintergrund dazu noch hört (ATMO), in der Eisenbahn, in der Österreichischen, Deutschen und wahrscheinlich auch in der Schweizer Eisenbahn hat oder hatte dieses Geräusch seinen Lebensraum, und zwar im WC. Es ist der Trockenseifenspender. Das war nämlich jenes Gerät, das unten so einen igelhaften Kreis hatte, mit drei um 120 Grad versetzten Stacheln, die man mit den Fingern fassen oder nur mit den Knöcheln anschieben und drehen konnte, und es wurde dabei die Seife, die trockene Seife auf die Hand gerieben. Wenn dann kein Wasser da war, weil es schon aus war, konnte man sich die Seife (ATMO) runterklopfen. Heute ist es ja so, dass mit Flüssigseife das Problem besteht, wenn das Wasser aus ist, haben wir die Seife flüssig in der Hand, was soll man tun. Ja, früher war doch manches besser… Jetzt habe ich doch über die Vergangenheit geschwärmt. Ich weiß nicht, ob es Trockenseifenspender noch in den modernen Eisenbahnwaggons gibt, man kann aber diesen Spender im Internet sehr wohl leicht finden. Ich habe mir einen schicken lassen, mit einem Karton voller Seife, und habe das im Bad installiert und gehe jetzt beim Händewaschen auch in Zukunft wieder so gut wie auf die Reise.

  • 325. Schluchzen im Liegewagen

    Link: https://www.deutschlandfunk.de/hand-in-hand-im-liegewagen-dlf-c676dcf7-100.html

    Geräusche finden ja immer in der Gegenwart statt, und wer über sie spricht, muss sie aus der Vergangenheit zurückholen. Vielleicht mit technischen Mitteln. Aber ein Aufnahmegerät war damals nicht dabei. Das folgende Geräusch kann ich Ihnen nicht vorspielen.

    Es ist ein tiefes, herzzerreißendes Schluchzen, das aus der Ecke kommt. Der Zug hat Straßburg erreicht, und jemand ist zugestiegen. Hat sich in die Ecke der obersten Etage im Liegewagen zurückgezogen und weint, und weint, und weint so herzzerreißend, dass der Student in der obersten Etage gegenüber fragt, was leicht los wäre. Und das Mädchen erzählt von einem Sommer in Strassburg, einem Filmworkshop, an dem es teilgenommen hat, und dass es jetzt wieder nach Bulgarien zurückfährt. Und dass es nie dorthin zurück wird können, wo es so schön war.

    Ob er ihre Hand halten könnte, fragt sie den Student gegenüber, und er hält ihre Hand, und so schlafen sie ein. Die Hände über den tiefen Raum des Liegewagenabteils verbunden, im dritten Stock, auf der dritten Ebene, ganz oben. Am Morgen steigt er aus, im Nebel von Wels, einem Umsteigebahnhof in Oberösterreich, wo der Zug wieder hält. Und sie schaut ihn an. Und er schaut sie an. Eine Sekunde, vielleicht zwei.

  • 324. Der Waldrapp

    324. Der Waldrapp

    18. bis 22. Mai 2020

    Die letzte Möglichkeit, den Waldrapp in Österreich in freier Wildbahn zu sehen, war vor mehr als 300 Jahren. Der etwa krähengroße Vogel, schwarz, schillernd, kahl am Kopf, mit langem rotem Schnabel ist seither ausgestorben. Aber in Marokko gibt es eine Gruppe von 700 Individuen, denen es gut geht, wenn ihre Lebensbedingungen geschützt, geschätzt und gepflegt werden. Waldrappe leben gerne in Gruppen, sie sind äußerst sozial, durchaus scheu, sie lieben Wiesen und sind dann tatsächlich weniger im Wald zu finden, als in der Steppe. Wenn sie nass werden, werden sie zur Beute für Greifvögel, denn ihr Gefieder hat keine wasserabweisenden Fähigkeiten.

    In Österreich sind Waldrappe schon heute im Cumberland Tierpark in Grünau im Almtal zu beobachten. Eine wissenschaftliche Gruppe an der dort angesiedelten Konrad Lorenz Forschungsstelle – das “Waldrappteam” – erforscht ihre Lebensweise, ihr soziales Verhalten samt einer durchaus seltsam anmutenden Art, mit drei verschiedenen Arten von Lautäußerungen zu kommunizieren. Das “Huch” etwa – und es klingt bei Waldrappen genau so, wie man es schreibt, verwenden sie, wenn sie interessante Partner:innen treffen, aber auch wenn Gefahr droht. Hier gilt es also fein zu unterscheiden.

    Wer Waldrappe in Österreich wieder ansiedeln will, muss sich auch darum kümmern, dass sie im Winter verlässlich in den Süden fliegen. Da sie das nicht können, wenn sie aus Marokko stammen, muss man es ihnen lernen. Das Waldrappteam fliegt mit Leichtflugzeugen voraus, ruft “Waldies, kommt” und so geht es gemeinsam nach Italien – mit Pausen. Einmal die Route gelernt, können sie dann selbst zurückfliegen und den Kurs an zukünftige Generationen selbst weitergeben.

    Interviewpartnerin:

    Verena Pühringer-Sturmayr, MSc
    Konrad Lorenz Forschungsstelle
    Fischerau 11
    4645 Grünau im Almtal

    https://klf.univie.ac.at/de/forschung/modellarten/waldrappe/


    Foto: Verena Pühringer-Sturmayr

  • 323. Pflanzenklänge

    323. Pflanzenklänge

    Pflanzen beim Wachsen zuhören
    Audiokunst in der Botanik

    Wie es die Pflanzen schaffen, aus dem Sonnenlicht Energie zu gewinnen, ist biologisch gut verstanden. Die Photosynthese findet in den Zellen statt, mit dem “grünen” Molekül Chlorphyll gelingt es, höherwertige Moleküle für die Pflanze zu bilden. Das Ganze funktioniert lautlos, daran haben wir uns gewöhnt. Pflanzen machen keinen Lärm bei ihrer Arbeit. Studierende der TransArts Klasse der Universität für Angewandten Kunst in Wien haben sich im Botanischen Garten umgehört, ob es dabei nicht doch etwas zu hören gibt. Sie entwickelten Klanginstallationen, die sie vom 20. bis 24. Mai 2020 im Botanischen Garten der Universität Wien am Rennweg direkt an den Pflanzen selbst interessieten Besucher:innen zugänglich machen. Für die Augen und für die Ohren – Kunst und Botanik für alle Sinne.

    Link: https://www.transarts.at