Radio, Science, Education

Wien

Lothar Bodingbauer

  • 338. Kommission

    Ö1 / Moment / Das Wort der Woche / 14.10.2020

     

    Haben die Betriebe in Ischgl zu spät geschlossen, obwohl man von Corona längst schon wusste? Das zu untersuchen, war Aufgabe einer Kommission unter dem Vorsitz früheren Vizepräsidenten des Obersten Gerichtshofes, Ronald Rohrer. Sie hat am Montag ihren 287-seitigen Schlussbericht vorgelegt hat, der öffentlich über die Website des Landes Tirols zugänglich ist. 6 Expertinnen und Experten haben die Fakten und alle Aussagen der Beteiligten gesammelt. Und sie schreiben im ersten Teil des Schlussberichts: es soll keine Anklage sein, wer was falsch gemacht hat, sondern es soll Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, wie man bei einer Pandemie besser vorzugehen hat. Kommission – (das Wort der Woche)

     

     

    SIGNATION

     

    Kommission. Die Vereinigung. Die Verbindung. Aus dem Lateinischen, commissio – das hat auch mit Mission zu tun, einer Entsendung, einem Auftrag. Von “mittere”, etwas Laufen lassen. “Committere”, zusammen etwas laufen lassen.

     

    “Kommission zur fachlichen Beratung im Bereich von Blut und Blutprodukten sowie Blutspende- und Transfusionswesen”, das ist etwa so eine österreichische Kommission, angesiedelt im Sozialministerium. Ehrenamtlich ist dort die Tätigkeit. Wer dabei ist, wird schon anderswo bezahlt: Leiterinnen und Leiter von Blutdepots etwa, Fachärztinnen und Fachärzte aus Universitätskliniken, je eine Vertretung aus der Wirtschaftskammer, der Interessensgemeinschaft Plasma, der Ärztekammer, der Arbeiterkammer, und so weiter.

     

    Oder: die Bioethikkommission, ein “Beratungsgremium für den Bundeskanzler zu Bioethik mit Geschäftsstelle im Bundeskanzleramt”. Darf die CRISPR-CAS Genschere, für die es den Chemienobelpreis heuer gab, verwendet werden, um Menschen, kurzgefasst, gesund zu machen, ist eine der Fragestellungen. Dürfen Stammzellen dazu verändert werden – die Antwort ist ja – oder Experimente an menschlichen Ei- und Samenzellen gemacht werden? – die Antwort ist nein, nämlich genau dann nicht, wenn daraus in der Folge Menschen entstehen.

     

    Oder: Die Kommission für Provinienzforschung. Sie  untersucht die österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen “nach Objekten, die heute in Folge einer NS-Entziehung”, so heißt es in der Selbstbeschreibung der Kommission, im Eigentum des Bundes stehen.

     

    Kommissionen sind mit klaren Interessen verbunden.

     

    OT “Kommissionen werden in allen möglichen Bereichen des Lebens gebildet. In der Politik kommen die Aufträge entweder aus den Regierungen, aber auch aus dem Parlament.”

     

    Katrin Auel ist Politikwissenschaftlerin in Wien, sie leitet am Institut für Höhere Studien die Abteilung “European Governance and Finance”, ihr Spezialgebiet ist die Rolle nationaler Parlamente.

     

    OT “In der Regel werden Kommission eingesetzt um ein Thema aufzubereiten. Das gilt für Kommissionen, die außerhalb des politischen Systems eingerichtet werden, das gilt aber auch für einen Teil der Kommissionen die beispielsweise innerhalb des Parlaments eingerichtet werden, denken Sie an Enquetekommissionen und beispielsweise an die Enquetekommission zur Stärkung der Demokratie. DAs war eine Kommission, die ist gebildet worden vom Hauptausschuss des Nationalrats mit dem expliziten Ziel, sich untereinander aber auch mit Experten dieses Themas anzunehmen und sich dafür mehr Zeit dafür zu nehmen, als normalerweise im parlamentarischen Alltag Zeit dafür ist.”

     

    Entscheidungen werden normalerweise nicht getroffen, in Kommissionen, sondern es werden die Voraussetzungen geschaffen, die es den Auftraggebenden ermöglicht, Entscheidungen zu treffen.

     

    OT Häufig geht es darum, Lösungsvorschläge für einen bestimmten Problembereich zu entwerfen, Handlungsempfehlungen zu entwerfen, diese aber nicht selber umzusetzen sondern im Grunde genommen ein Thema für die Politik und später daraus folgende politische Entscheidungen aufzubereiten. Das muss man ein kleines bisschen unterscheiden von Kommissionen, die die Untersuchung eines bestimmten Falles oder eines bestimmte Ereignisses und das Stichwort hier ist natürlich die Ischgl Kommission, die sich damit befassen, hier geht es nicht darum, ein Themenfeld relativ breit aufzuarbeiten, sondern es geht darum, nachzuvollziehen, wie bestimmte politische Abläufe passiert sind, welche Entscheidungen getroffen sind, welche Entscheidungen man hätte besser treffen können. Aber auch hier ist mit einer solchen Kommission in der Regel keine Entscheidungsfähigkeit verbunden, sondern das obliegt dann politischen aber auch unter Umständen juristischen Entscheidungsträger.

     

    Wenn Studien in Auftrag gegeben werden, dann ist das die “Kleine Version”, sozusagen, einer Kommission.

     

    OT “Ja. Studien werden häufig für eine relativ abgegrenzte Frage in Auftrag gegeben, während sich Kommissionen häufiger mit einem großen, breiten Thema beschäftigen.

    Oft tragen Kommissionen die Namen bedeutender Persönlichkeiten, und oft werden sie von bedeutenden Persönlichkeiten geleitet. Natürlich auch international. Eine sehr bekannt gewordene Kommission wurde zum Beispiel in Südafrika zum Ende der Apartheid eingerichtet, 1996 durch den damaligen Präsidenten Nelson Mandela: die Wahrheits- und Versöhnungskommission, mit dem Ziel, die Verbrechen der Apartheid aufzuarbeiten, es einerseits den Tätern zu ermöglichen, zu sprechen – sie gingen straffrei aus, andererseits auch die Stimmen der Opfer hörbar zu machen.

     

    Wahrscheinlich findet man jeden Aspekt menschlichen Lebens in einer speziell dafür eingerichteten Kommission. Katrin Auel vom Institut für Höhere Studien:

     

    OT “Mich interessieren natürlich ganz besonders als Parlamentsforscherin parlamentarische Kommissionen, das ist etwas, wo man selbst verständlich hinhört, auch Kommissionen wie beispielsweise die Ischgl-Kommission sind natürlich immer interessant.”

  • 337. Schwarzes Meer

    Österreich 1 / ORF / Vom Leben der Natur, 5. – 9. Oktober 2020

    Das Schwarze Meer hat eine geringere Artenvielfalt als das Mittelmeer. Grund ist der geringere Salzgehalt und ein widrigeres Klima in Teilen der Küstenstaaten. Im Winter friert das Wasser des Schwarzen Meeres in Küstennähe dort durchaus zu.

    Weniger Arten bedeutet aber nicht unbedingt eine geringere Anzahl an Lebewesen. Jene wenigen Arten, die vorkommen, kommen in einer größeren Zahl vor. Viele dieser Arten können über den Bosporus aus dem Mittelmeer das Schwarze Meer besiedeln, wenn sie es schaffen, in der richtigen Tiefe die richtige Strömung zu erwischen. Andere Arten stammen aus einer früheren geologischen Erdzeit, in der die sogenannte Parathetys Teil eines weltumspannenden Meeres war, das unter anderem auch bis nach Wien reichte.

    Das Schwarze Meer steht über die Donau auch mit Österreich in Verbindung. Berichte über Störe (Hausen) aus dem Schwarzen Meer, die auf Wanderungen den Weg zum Oberlauf der Flüsse zurücklegten, gab es bis zum Bau der Kraftwerke und Staustufen auch aus unserer Region.

    Für Meeresbiolog:innen ist das Schwarze Meer besonders interessant, weil sie viele Arten und Lebensgemeinschaften aus dem Mittelmeer im Schwarzen Meer in anderen Umständen bzw. Kontexten vorfinden, und so unter Umständen als bekannt und gültig vorausgesetzte Lehrmeinungen revidiert werden müssen.

    Interviewpartner:
    ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Steiner
    Department für Evolutionsbiologie
    Universität Wien
    Link zu Publikationen

  • 336. Gehsteiggespräche

    ORF Radio Österreich 1, Moment – Leben heute, 29. September, 15:30 Uhr – 15:55 Uhr, 25 Minuten, mit Hörer:innenreaktionen am nächsten Tag

    Eine Radio-küsst-Podcast-Produktion: https://www.sprechkontakt.at/gehsteiggespraeche/

    Aus einer Serie von sechs Gehsteiggesprächen hier im Bildungspodcast sind Ausschnitte zu einer Radiosendung verwebt.

    Seit Menschen in Städten wohnen, teilen sie sich den Verkehrsraum auf. Die Liste der dabei entstehenden Konflikte ist lang. Einerseits sind es planmäßige Begegnungen, andererseits Zufälligkeiten und Unfälle, oft sind es unterschiedliche Interessen, die für Probleme sorgen. Schanigärten, Begegnungszonen, Parkplatz für Autos, Platz für Fahrräder und Roller? Eine Bestandsaufnahme nicht nur der baulichen Anlagen, sondern auch der Möglichkeiten, die es bereits gibt, sich vom wohldefinierten Bürgersteig wieder hin zu einer gemeinsam genutzten Verkehrsfläche zu bewegen. „Gehsteiggespräche“ mit Planer:innen, Historiker:innen und Betroffenen. Hörer:innen haben nach der Sendung die Möglichkeit, Ihre Erfahrungen oder Ideen telefonisch oder per E-Mail einzubringen. (Lothar Bodingbauer)

  • Gehsteiggespräche

    Gehsteiggespräche

    Podcast küsst Radio: Aus einer Serie von sechs Gehsteiggesprächen hier im Bildungspodcast sind Ausschnitte zu einer Radiosendung verwebt.

    Leben, Leiden, Lust und Frust am Gehsteig

    Seit Menschen in Städten wohnen, teilen sie sich den Verkehrsraum auf. Fußgängern ist ein mehr oder weniger breiter Streifen vorbehalten. Die Liste der dabei entstehenden Konflikte ist lang. Einerseits sind es planmäßige Begegnungen, andererseits Zufälligkeiten und Unfälle, oft sind es unterschiedliche Interessen, die für Probleme sorgen. Schanigärten, Begegnungszonen, Parkplatz für Autos, Platz für Fahrräder und Roller sorgen für Diskussionen. Eine Bestandsaufnahme der baulichen Anlagen und der Möglichkeiten, sich vom wohldefinierten Bürgersteig wieder hin zu einer gemeinsam genutzten Verkehrsfläche zu bewegen. “Gehsteiggespräche” mit Planern, Historikerinnen und Betroffenen. 

    Die Sendung gibt es am 29. September 2020 ab 15:30 Uhr auf ORF Österreich 1.

    Nach der Sendung sind Meinungen, Erfahrungen oder Ideen der Zuhörerinnen und -hörer gefragt – telefonisch unter 0800 22 69 79 oder per E-Mail an moment@orf.at

    Die einzelnen Gespräche hier in voller Länge als Podcastepisoden.

    LUT090 Straßenbau in Salzburg: Gehsteiggespräch mit Martina Berthold

    Martina Berthold ist als Stadträtin für den Bau von Gehsteigen in Salzburg zuständig. Ein Spaziergang in Salzburg. Wir lernen das Thema “Gehsteig” kennen, erste Aspekte. Worauf kommt es an. Welche Sichtweisen gibt es. Was gelingt, wann wird es eng. Eigentlich ein Biotop, so ein Gehsteig. Gesellschaftlich, historisch. Eine Verkehrsfläche im Wandel der Zeit.

    LUT091 Verkehrsplanung in Salzburg: Gehsteiggespräch mit Michael Schwifcz

    Michael Schwifcz ist Verkehrsplaner in Salzburg. Worauf kommt es bei der Verkehrsplanung an, was ist das Ziel? Wir bekommen einen Einblick in eine andere, professionelle Sicht auf den Verkehr. “Es geht nur, wenn man alle Verkehrsmittel gemeinsam betrachtet. Eine Verkehrsplanung, die sich auf einen Verkehrsträger konzentriert, kann nur im Disaster enden.” – Ein Spaziergang durch die Stadt.

    LUT092 Verkehrsplanung in Salzburg: Gehsteiggespräch mit Barbara Unterkofler

    Barbara Unterkofler ist Vizebürgermeister in Salzburg und als Stadträtin verantwortlich für die Planung von Verkehr. Positive Anreize sollen dazu führen, dass sich die Bürger:innen ihren Verkehrsmix stadt- und umweltverträglich selbst zusammenstellen. Ein Spaziergang durch die Stadt.

    LUT093 Stadtforschung in Wien: Gehsteiggespräch mit Peter Payer

    Peter Payer ist Stadtforscher in Wien. Er benützt alle Sinne, um eine Gegebenheit der Stadt zu erfahren. Und er geht zurück in die Geschichte. Sucht Literatur, vergleicht, spürt nach. Ein Stadtspaziergang im 2. Bezirk in Wien.

    LUT094 Stadtentwicklung in Wien: Gehsteiggespräch mit Angelika Winkler

    Angelika Winkler ist Stadtentwicklerin in Wien. Sie zeigt, wie eine Begegnungszone funktioniert, und was mehrere Begegnungszonen zu Flaniermeilen macht. Ein Spaziergang durch die Stadt.

    LUT095 Blind in Wien: Gehsteiggespräch mit Franz Mayer

    Franz Mayer ist Verkehrssprecher für Ostösterreich beim Österreichischen Blindenverband. Ein Spaziergang durch die Stadt.

  • 335. Himalaya

    Vom Leben der Natur, Ö1, 14.09.2020-18.09.2020

    Johann Weidinger, Geologe

  • 334. Traunwanderweg

    334. Traunwanderweg

    Vom Alpenvorlands eine “Industrielinie” entlang ins Salzkammergut hinein. Industrie zu Beginn im Welser Raum, dann Flusstransport – Salz aus den Bergen, Papierverarbeitung zwischendurch. Und Sprengstoff.

    (more…)
  • 333. IIllusionen

    Wortspiele mit dem Begriff “Illusion”

    Filename: radio333_mom_illusionen Beitrag

    Filename: radio333_mom_illusionen


    Manuskript

    SIGNATION

    Einige offene Fragen haben sich in den letzten Tagen in meine Tagträume geschlichen…

    Wenn jemand eine gute Tat macht, ist er dann ein guter Täter?

    Ein Anderer ist ein Attentäter. Was oder wo, um alles in der Welt, ist Atten?

    Wenn jemand ein sympathischer Mensch ist, wo ist dann der Schwerpunkt seiner Sympathie? In seiner Mitte? Am Kopf, im Kopf, oder zwischen den Schultern?

    Es gibt WCs für Frauen und für Männer. In Finnland, Schweden, und Norwegen nicht. Wer hat die WCs jemals getrennt? Aus welchem Grund? Und was hat sich verändert, dass in Skandinavien diese Trennung wieder aufgehoben wurde?

    Im Verkehrsdienst gehört: “Achtung: Zwischen … und … liegt ein toter Greifvogel auf der linken Spur. Fahren Sie bitte vorsichtig.” – Warum?

    TRENNER

    Aus der Liste der Sätze, die man vermutlich noch nie gehört hat, und auch nie hören wird:

    Sie hat ihm nicht nur Sand in die Augen gestreut.

    Schraube bitte eine neue Glühbirne raus.

    Dreh den Fernseher um!

    Geh mir in den Weg!

    Könnten Sie bitte etwas schneller sprechen?

    Wir müssen Ihnen hier einige Missverständnisse in den Weg räumen.

    Und Sätze, die man häufiger hört, und ungefähr gleichhäufig sogar:

    Der Deckel passt!

    Der Deckel passt nicht!

    Der Deckel passt fast!

    TRENNER

    Manche Wörter liegen so nah nebeneinander. Asymptotisch und asymptomatisch, das hört man ja gerade öfter, aber auch Statiker, Statistiker, Stator und Statist – da liegen Welten dazwischen.

    Der eine untersucht die Verteilung der Kräfte im Gebäude, der andere die Zahlen, der dritte ist der feste Teil im Motor, und  viele vom Vierten werden gerade am neuen Flughafen in Berlin gebraucht, um auszuprobieren, ob man von dort fortfliegen kann, wenn er dann bald eröffnet wird.

    Sie erlauben bitte die folgende Spielerei:

    Ich bin in eine Illusion getreten.

    Sie lässt wieder ihre lllusionen zum Fenster raushängen.

    Die gröbsten Illusionen hat er leider noch vor sich.

    Zuviel Illusionade getrunken.

    Er hat die ganze Zeit Illusionetten gemampft.

    Oh, was sind Sie von Beruf? Illusionatiker.

    Ach, ich dachte er sei Illusionateur.

    Eine illusionistische Haltung wäre nur absolut verfehlt.

    Da liegt ein Illusionasmus vor.

    Illusiotrop in alle Richtungen!

    Der Arme, er illusioniert wieder.

    Da müssen wir aber jetzt noch einmal drüberillusionieren.

    Gib noch etwas Illusionat rein!

    Diese Angelegenheit erfordert eine sofortige Illusionaton.

    Sie hat sich wiederholt illusioniert.

    Die Sache geht leider in die nächste Illusionanz.

    Ach ist der Kleine süß… Ja, er heißt Illusius!

    Machen Sie sich hier mal lieber Illusionen.

    Wir sind hier von einer illusionistischen Umzäunung umgeben. Nicht zu überwinden.

    Ja, sie muss endlich ihre Illusionen unter Kontrolle kriegen.

    An der dritten Illusion rechts abbiegen. Nein, Sie müssen erst über die anderen beiden Illusionen drüber und dann rechts.

    … illusionierend, illusioniert, illusioniebig, illusionistisch, illusionativ, illusionesk, illusionod, illusionarisch, illusional, illusiotiv, illusionamisch, illusionastisch. Illusionell! Das Illusionat, neoillusionistisch. Illusionale. Illusionengler & Illusioniker. Illusionator. Illusionateur. Illusionationszeit. Illusionatik.  Illusiopädie. Illusionasmus, llusionismus; Illusionen. Illusion. Genug.

    Im Lexikon steht übrigens: Illusion: beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung, wie auch immer, ich mag sie in gewisser Weise, die Illusionen. Man sollte nicht davon abhängen, aber so wie Gewürze auch, sie machen das Leben dann doch ganz interessant.

  • 332. Wahlbetrug

    Manuskript

    Vergangenen Sonntag wurde in Belarus gewählt – in Weißrussland. Der bisherige langjährige Amtsinhaber Alexander Lukaschenko hat laut offiziellem Ergebnis fast 80% aller Stimmen erhalten, und das bei enorm hoher Wahlbeteiligung von ebenso 80%. Da stimmt was nicht, sagt die unterlegene Kandidatin Swetlana Tichanowskaja. Sie wird das Ergebnis nicht anerkennen, sie sagt: hier gab es Wahlbetrug. Wahlbetrug ist unser …

     

    SIGNATION DAS WORT DER WOCHE

     

    Wahl kommt von Wollen. Und Betrug von Trügen, einen falschen Schein erwecken, verwandt mit Traum. Wollen und träumen. Und wer nicht gewählt – gewollt – wird – aus der Traum. Was liegt näher, als dafür zu sorgen, dass der Traum weitergeht, und das mit zweifelhaften Mitteln.

     

    Die Geschichte zeigt viele Beispiele von Wahlfälschung mit unterschiedlichsten Methoden aus oft überraschenden Richtungen. Automatische Algorithmen etwa, die zweifelhafte Aussagen über – sagen wir – eine Kandidatin A in die Timeline der Sozialen Netze spült, so dass Menschen, die sie wählen würden, zu einem gewissen Prozentsatz zu Hause bleiben, mit dem Gedanken, „es sind ja eh alle korrupt“. Das nützt dem Kandidaten B.

     

    Kontrolle der Medien. Einschüchtern. Einsperren. Veranstaltungen verbieten. Das Internet am Wahltag drosseln. Vorhänge bei Wahlkabinen entfernen oder gar nicht erst einbauen. Eine prügelnde Staatsmacht. Die Liste der Möglichkeiten ist lang. Offizielle Beobachter sollen dann nicht dabei sein bei so einer Wahl, denn eines steht fest: Für jede Form des Wahlbetrugs gibt es eine Möglichkeit, sie festzustellen. Das gilt besonders für die Richtigkeit der Endergebnisse.

     

    OT 1: Alle Daten erzählen Geschichten, aber die erzählen die meistens ziemlich leise. Und Statistiker sind die Leute, die den Daten besonders gut zuhören können.

     

    Erich Neuwirth. Statistiker – und „Zuhörer“. Er ist emeritierter Professor der Universität Wien.

     

    OT 2: Wir sind nicht gut im Erfinden von Zahlen und Ziffern, die zufällig ausschauen, weil wenn man so Zahlen erfindet, denkt man nicht daran, dass 6-Mal hintereinander dasselbe auch vorkommen kann, und das tut es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.

     

    Und da sind wir bei der nachträglichen Kontrolle, ob alles richtig zugegangen ist. Wer Zahlen erfindet, macht Fehler.

     

    OT 3: Genau so ist es, ja. Wenn man die Leute zufällig Zahlen nennen lässt, kommen weitaus mehr ungerade Zahlen als gerade Zahlen zum Beispiel.

     

    Computer können das Erfinden im Allgemeinen besser, sie verschieben aber die Möglichkeiten der Betrugserkennung nur auf eine andere Ebene.

     

    OT 4: Es gibt mehrere Tests auf Zufälligkeit. Und so zu erfinden, dass man die alle austrickst, ist nicht einfach. Wenn man sich z. B. Wahlbeteiligung und Ergebnisse einer bestimmten Partei oder eines bestimmten Kandidaten gegenüberstellt, dann erwischt man vereinfacht gesagt, die Wahllokale, wo noch irgendjemand noch ein Paket Wahlkuverts zusätzlich in die Urne geworfen hat.

     

    Ballot-stuffing heißt diese Form des Wahlbetrugs. Man stopft noch Wahlzettel in die Urne rein. Vorher, nachher, während. Wie auch immer.

     

    OT 5: Wenn die Wahlbeteiligung dort besonders hoch ist, wo prozentmäßig ein bestimmter Kandidat besonders stark abschneidet, dann legt es den Verdacht nach, dass da zusätzlich Stimmen nur für einen Kandidaten hineingeschummelt wurden.

     

    Die österreichische Bundespräsidentschaftswahl 2016 musste wiederholt werden, weil Wahlzettel aus der Briefwahl zu früh geöffnet wurden. Erich Neuwirth hat damals nachgerechnet:

     

    OT 6: Das entsprechende Gesetz sagt ja, die Wahl ist dann aufzuheben, wenn die Manipulationen von Einfluss auf das Ergebnis waren. Und ich kann Statistik praktisch sicher nachweisen, war kein Einfluss. Das war eindeutig. Wobei, die Verfassungsrichter konnte ich leider damals nicht überzeugen, dass die Statistik sagt, dass es keinen Wahlbetrug gegeben hat, also keine Wahlverfälschung, obwohl nicht korrekt geöffnet wurde.

     

    Die Zahlen auch dieser Wahl haben eine Geschichte erzählt, die auf zwei Achsen in einem Diagramm zu finden ist. Markiert mit unterschiedlichen Farben. Abweichungen sind grafisch gut erkennbar. Muster werden erkennbar, und damit auch potenzieller Betrug. Das gilt für alle Wahlen – in allen Ländern – die Frage ist nur, ob die Daten zugänglich sind, und die Muster dadurch zugänglich gemacht werden.

     

    OT 7: Randomness is much too important to be left to chance.

     

    … das wissen die Statistiker; Randomness, Zufälligkeit, ist viel zu wichtig, um dem Zufall überlassen zu werden. Wer die Zahlen kontrolliert, hat so zunächst die Wahl gewonnen. Ob es auch die Herzen sind, ist fraglich.

     

     

     

     

     

    ABMODERATION

     

    Das Wort der Woche von Lothar Bodingbauer

  • Abgefahren

    Der Verkäufer verlässt den Würstelstand an der Straßenbahnstation durch die Hintertüre, die er versperrt. Er geht eilig um den Stand herum und schiebt vorne von außen das große Glasfenster zu. Dann läuft er zur Straßenbahn, die in diesem Moment einfährt. Er springt hinein und fährt davon. Im Würstelstand geht das Leben weiter, als wäre er noch da. Es brennt das Licht. Fünf Bratwürste liegen nach wie vor am Grill. Eine spanischsprechende Touristin klopft an die Scheibe.