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Wien

Österreich 1

  • 086. Quantensprung or Quantum jump?

    Die Sprache der Wissenschaft: Ob Fruchtliegenforscher, Atomphysiker, Verfahrenschemiker oder Wissenschaftler der internationalen Henrik-Ibsen-Community: sie alle verwenden Englisch als Forschungs- und Verkehrssprache. Latein hat seine zentrale Stellung im Wissenschaftsbetrieb natürlich längst verloren, nur noch neu entdeckte Pflanzen müssen lateinisch beschrieben werden. Mit zunehmender Bedeutung länderübergreifender Forscherteams verlieren aber auch die gegenwärtigen Landessprachen immer mehr an Stellenwert. Sogar ganze Forschungsgebiete werden an nationalen Universitäten nicht mehr in den jeweiligen Landessprachen diskutiert und bearbeitet, sondern auf Englisch, in einer Qualität, die trotz langjährigen Englischlernens an Schulen nicht an das Sprachniveau der Muttersprache heranreicht. Internationale Studiengänge und nationale Tagungen, die ausschließlich auf Englisch angeboten werden, tun ihr übriges, um “BSE” (Bad Simple English), wie Kritiker das oft niedrige Sprachniveau bezeichnen, verstärkt zu etablieren. Eine Sendung zur Frage der Vielsprachigkeit der Wissenschaft.

    Filename: radio086_dim_wissenschaftssprache

    Manuskript (ohne letzte Änderungen)

    DIMENSIONEN, Donnerstag, 16. Oktober

    Quantensprung or Quantum jump?

    Eine Sendung über die Folgen der Einsprachigkeit in der Wissenschaft von Lothar Bodingbauer

    Ob Fruchtliegenforscher, Atomphysiker, Verfahrenschemiker oder Wissenschaftler der internationalen Henrik-Ibsen-Community: sie alle verwenden Englisch als For- schungs- und Verkehrssprache. Latein hat seine zentrale Stellung im Wissen- schaftsbetrieb natürlich längst verloren – nur noch neu entdeckte Pflanzen müssen lateinisch beschrieben werden. Mit zunehmender Bedeutung länderübergreifender Forscherteams verlieren aber auch die gegenwärtigen Landessprachen immer mehr an Stellenwert. Sogar ganze Forschungsgebiete werden an nationalen Uni- versitäten nicht mehr in den jeweiligen Landessprachen diskutiert und bearbeitet, sondern auf Englisch – in einer Qualität, die trotz langjährigen Englischlernens an Schulen nicht an das Sprachniveau der Muttersprache heranreicht. Internationale Studiengänge und nationale Tagungen, die ausschließlich auf Englisch angeboten werden, tun ihr übriges, um “BSE” (Bad Simple English), wie Kritiker das oft niedri- ge Sprachniveau bezeichnen, verstärkt zu etablieren. Eine Sendung zur Frage der Vielsprachigkeit der Wissenschaft.

    MANUSKRIPT

    OT 1 / 00:50 / Mix unterschiedlicher Wissenschaftler

    Mein Name ist Hans Pechar, Hochschulforscher. Ein großer Teil der Teil der Literatur, die ich lese, vermutlich mittlerweile etwa 4/5 ist englische Literatur. Meine eigene Publikations- tätigkeit 3/4 Deutsch, 1/4 Englisch.

    OK [englisch ausgesprochen] – Mein Name ist Miria Kutzter, ich arbeite am Institut für dogmatische Theologie an der Universität Wien. Also es war lange Zeit so, da musste man Deutsch können, um Theologie studieren zu könne, das ist etwas, was sich deutlich geän- dert hat, die Diskurse rutschen jetzt auch ins Englisch hinüber …

    Ich heiße Franz Pöchhacker, Dolmetschwissenschaftler. Meine wissenschaftliche Arbeit verläuft auf Englisch.

    Hans Lohninger, Chemiker, und meine Forschungssprache ist Englisch.

    Sprecherin

    Quantensprung – oder vielleicht ist besser: Quantum jump?

    1

    OT 2 / 00:22 / Oberhummer auf Englisch

    Hello, my name is Heinz Oberhummer. I come from Vienna University of Technology. I am a physicist, but besides this I am also engaged in presening popular science through books through cabaret, in order to tell the people, how interesting science is …

    Sprecherin

    Eine Sendung zur Frage der Einsprachigkeit der Wissenschaft von Lothar Boding- bauer.

    OT 3 / 00:48 / Oberhummer

    Manchmal denke ich auf Englisch, und manchmal muss ich sogar wenn ich Deutsch spre- che krampfhaft nach dem wissenschaftlichen Wortsuchen, wie das in der wissenschaftli- chen Sprache heißt. Ich kenne zum Beispiel Physik in CERN, die stammen aus Öster- reich, die können sich eigentlich wissenschaftlich nicht mehr in Deutsch ausdrücken. Die können nur mehr Englisch reden. Englisch ist ja eine einfache Sprache in dem Sinn, die Sätze sind kürzer, es ist prägnant, eigentlich wesentlich die geeigneter Sprache für Natur- wissenschaft als zum Beispiel Deutsch, die Deutsche Sprache sind Schachtelsätze, die sind wesentlich komplizierter. Aber auch beim Publizieren ist es so, dass es wesent- lich einfacher ist vom Stil her im Englischen zu publizieren, weil die Sätze kürzer sind und dies wissenschaftlichen Erkenntnisse leichter vermitteln kann.

    Ganz ohne Zweifel: Englisch ist zur Lingua Franca geworden, zur Verkehrssprache zwischen Sprechern verschiedener Sprachgemeinschaften. Auch in den Wissen- schaften. Es begann mit der Auswanderung und Vertreibung deutschsprachiger Wissenschaftler vor und während des 2. Weltkriegs und gerade der Boom elektro- nischer Kommunikationsmittel hat Englisch als leicht erlernbare Austauschsprache in seiner Bedeutung gefestigt. Bevor allerdings ein etwaiges Verschwinden von Deutsch als Wissenschaftssprache bemerkt und auch bedauert wird, ist es wichtig, die Funktionen einer Wissenschaftssprache im Universitätsgeschehen klar darzu- stellen. Drei wesentliche Punkte sind zu erkennen, sagt der Hochschulforscher Hans Pechar:

    OT 4 / 1:10 Pechar

    Das eine ist die Publikation von Forschungsergebnissen. Da hat sich das Englische am stärksten durchgesetzt und so wie jetzt ausschaut, auf lange Sicht wird sich daran nichts ändern. Das zweite ist bei Kommunikation auf Konferenzen, der Austausch von Forsche- rinnen. Und der Dritte wichtige Bereich ist, in welcher Sprache wird gelehrt. Hier aus einer Modetorheit heraus den muttersprachlichen Unterricht durch schlecht gesprochenes Eng-

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    lisch zu ersetzten macht ja wirklich keinen Sinn, aber wenn Universitäten sich entschlie- ßen, internationale Studenten zu rekrutieren, dann müssen sie in der Regel auf Englisch umstellen.

    Internationale Studierende bringen in der Regel den heimischen Universitäten mehr Geld, als sie kosten. Die Wahl der Sprache der Lehre wird somit – neben der welt- weiten Sichtbarkeit der Aktivitäten – auch zu einer Marketingentscheidung.
    Doch zunächst zu einem grundsätzlichen Aspekt der Sprache, den der Überset- zungs- bzw. Translationswissenschaftler Gerhard Budin anspricht: die Rolle der Sprache im Erwerb von Wissen.

    OT 5 / 00:41 Budin

    Es ist einerseits einmal ein Ausdruck der Sprachökonomie. Das heißt, die menschliche Kognition funktioniert so, dass man für die Dinge, die man immer wieder braucht, oder die einen interessieren, dass man die mit Namen belegt, um auf sie mit referieren zu können. Denn wen ich jedes Mal sagen müsste, das ist ein längliches Instrument mit Haare drauf und da kann man reinsprechen, dann wäre das unökonomisch, wenn ich das immer sagen müsste. Wenn ich aber sage, das ist ein Mikrofon mit einem Windschutz, dann kann ich mich ökonomischer ausdrücken. Und dieses Grundprinzip wird in den Wissenschaftsspra- chen weiterentwickelt, aber für den Spracherwerb ist das ganz wesentlich.

    Es ist aber nicht nur die Rolle des Hinweisens und Benennens, den die Sprache hier erfüllt. Sprache selbst schafft Wirklichkeit. Dies zeigt sich am besten bei der legistischen Wirklichkeit – ein Rechtssystem das erst entstehen kann, weil es Spra- che, weil es Terminologie gibt. Es ist demnach nicht egal, in welcher Sprache der Wissenserwerb stattfindet. Grundvoraussetzung für jede Wissenschaftssprache ist eine klar und differenziert entwickelte Terminologie. Die Dogmatikerin Mirja Kutzer bringt ein Beispiel aus dem Bereich der Theologie, sie beschäftigt sich mit „dem Bösen“.

    OT 6 / 00:32 Kutzer

    Ja, also allein schon der Ausdruck, den man benutzt, um das Böse zu beschreiben ent- scheidet letztendlich über die Phänomene, die ich darunter zu verrechnen versuche. Im Englischen haben wir „the evil“. „The evil“ würden wir im Deutschen übersetzen mit „der Böse“, oder „das Böse“ oder „die Böse“. Wir unterscheiden zwischen „dem Bösen“ als ei- ner wie immer zu fassenden Entität oder auch zwischen einer Person, die wir als personi- fiziertes Böses oder wie auch immer bezeichnen wollen.

    Im Englischen fällt es leichter, einen Menschen wie Saddam Hussein als „das Bö- se“ zu bezeichnen. Diese Schwelle ist im Deutschen höher, weil es durch die Denk- konzepte, die sich hier durch das Deutsche ausdrücken, mehr Wahlmöglichkeiten

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    gibt. Am besten eignet sich aber das Französische, um über das Böse nachzuden- ken, sagt Mirja Kutzer, und das eigentlich aus einem Mangel heraus.

    OT 7 / 1:07 / Kutzer

    Das klassische lateinische Wort für „das Böse“ wäre das „Malum“, im Lateinischen wird dann unterschieden zwischen malum morale, das Böse, das das moralische Verhalten des Menschen betrifft, und dem malum physicum, alles was wir unter dem Naturbösen subsu- mieren. Im Deutschen hätten wir hier die Möglichkeit zwischen dem Bösen und dem Übel, eine Unterscheidung die im Französischen so aber nicht funktioniert, denn da wird beides subsumiert unter „le mal“. Das heißt aber auch, dass sich unsere französischen Kollegen oder in der französischen Philosophie dieser Zusammenhang zwischen dem Naturbösen und dem Bösen im moralischen Handeln. als Problem viel unmittelbarer stellt als uns, denn wenn wir über das Böse nachdenken, müssen wir noch nicht zwangsläufig oder über das Naturböse, also das Übel nachdenken. Während gerade die Spekulationen wie wir sie bei Paul Ricoeur finden, gerade diese Verbindung versuchen zu suchen, wo liegt sie denn diese Verbindung zwischen dem Bösen und dem Naturbösen.

    Viele Begriffe sind an eine bestimmte Wissenschaftssprache gebunden, und manchmal nimmt auch ein deutsches Wort den Umweg über das Englische wieder zurück ins Deutsche, zum Beispiel der Begriff „Einfühlung“, erzählt der Grazer Germanist Robert Velussig.

    OT 8 / 00:38 / Velussig

    Der Begriff „Einfühlung“ aus der deutschen Philosophie um 1900, das ist diskreditiert wor- den und über den Begriff der „Empathie“ wieder reimportiert. Das ist gewisserweise die Scheu einen Begriff zu verwenden, den Leuten verwende haben, mit denen man theore- tisch nichts mehr zu tun haben möchte. Insofern kann der Export und Reimport von sol- chen Begriffen dazu dienen, dass einem die Scheu von seinem solchen Phänomen wieder genommen wird, und besonders dieser Begriff Einfühlung ist etwas, was in der Literatur- wissenschaft der letzten Jahre besonders diskutiert worden ist.

    Die notwendigen Übersetzungvorgänge beim Austausch des Wissens in unter- schiedliche Sprachen sieht der Translationswissenschafter Gerhard Budin nicht unbedingt negativ.

    OT 9 / 01:45 / Budin

    Meiner eigenen Erfahrungen nach ist diese Zweisprachigkeit Deutsch Englisch etwas posi- tives, weil man durch diesen internen Übersetzungsprozess ja eigentlich immer kreative Moment hat, und etwas weiterdenkt. Zum Beispiel wenn ich Unterrichtsmaterialien, ich

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    habe das meistens auf Deutsch und auf Englisch, einmal unterrichte ich irgendwo international, aber auch dann hier auf der Universität und ich brauche dann zum selben Thema Unterrichtsmaterialen in zwei Sprachen, jedesmal wenn ich die Mate- rialien Aktualisierung, bei dieser Gelegenheit denke ich darüber nach, verbessere oder ergänze ich etwas, und. Natürlich gibt es auch Unterschiede in den Argumentati- onsstrategien in den verschiedenen Sprachen. Im englischsprachigen eher geradlinig, we- nig Degression, wenig Abweichungen, im Deutschen traditionellerweise eher komplex, mehrere Argumentationsstränge, die einander manchmal überschneiden, was für den Zu- hörer oder Leser nicht einfach ist oft, zu folgen, dann gibt es auch verschiedene weitere, wie arabische oder chinesische Argumentationslogiken. Andererseits durch diese Interna- tionalisierung der Wissenschaften konvergiert diese Denkweisen immer mehr, denn die Wissenschaftslogik doch wieder etwas mehr oder weniges sprachunabhängiges. Aber auch da wieder in den Naturwissenschaften wesentlich mehr sprachunabhängig, weil die Wissenschaftslogik auf einer allgemeinen Logik beruht, währen die hermeneutische Tradi- tionen, mit Verstehensprozessen und stark kulturspezifischen Ansätzen die Kulturspezifik dann doch eine Sprachspezifik ist

    Mit einem Verschwinden des Deutschen aus dem Wissenschaftsbetrieb würde also tatsächlich Wissen verloren gehen, zumindest im nicht-naturwissenschaftlichen Bereich. Der Musikwissenschaftler Richard Parncutt aus Graz geht an der Schnitt- stelle Geistes- und Naturwissenschaft – selbst mehrsprachig – mit seinen Studie- renden einen konsequent zweisprachigen Weg. Er ermuntert seine Studierenden, die Zweisprachigkeit nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern gezielt zu entwickeln, und wählt selbst aus dem Fundus der Sprache jene aus, die am besten zu seinen Anforderungen passt. Richard Parncutt erzählt von einem Tag der Geisteswissen- schaften an der Uni Graz, für den sein Institut gebeten wurde, ein gutes Zitat aus der Musikwissenschaften auszuwählen, eines das das Forschungsthema „Musik“ am treffendsten beschreibt.

    OT 10 / 01:34 / Parncutt

    Wir haben uns entschieden, dass unser Zitat auf Englisch sein wird. Ich meine, ich fand das eigentlich nicht gut, aber in jedem Fall ist ein sehr interessantes Zitat: „Music doesnʻt just happen. It is what we make it and what we make of it“. Nun, wenn man versucht, das zu übersetzen, dann findet man, dass eigentlich die englischsprachigen Menschen viel- leicht nicht klar sind, was es bedeutet. Wenn man sagt: „Music is what we make it“, das heißt Musik hat einen gewissen Stellenwert und es hängt von unserer Einstellung wie gut oder wichtig Musik ist, das kann man aber nur relativ ausführlich erklären. Und dann kommt er nächste Satz „und what we make of it“. Und das heißt, wenn wir aktiv versuchen Musik zu fördern und Musik zu interpretieren oder eine Konstruktion von einer Musikwis- senschaft, Musikwissenschaft zu konstruieren, dann kriegen wir eine neue Version von Musik. Und das kann man auch ausführlich erklären, aber in dem englischen Satz ist es sehr knapp. Und dann entsteht die Frage sollte man das übersetzen wollen, soll man ei- nen Satz schreiben, der zwei mal so lange ist, oder drei mal so lang, und man wird natür- lich nie auf die gleiche Bedeutung kommen, weil die gleiche Bedeutung nicht definiert ist. Das hat man auch innerhalb der deutschen Sprache oder englischen Sprache, dass man nicht immer sagen kann, was man sagen will, das ist nämlich ein Thema in der Musikwis-

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    senschaft, dass man bestimmte Erfahrungen in der Musik nicht beschreiben kann, weil die Wörter fehlen. Das nennt man auf Englisch „ineffability“, das man etwas nicht vollständig beschreiben kann.

    Ineffability. Das ist in der Musik das Fehlen einer Beschreibung, wo die Worte feh- len. Was in der Musik ganz alltäglich ist, fällt sprachenpolitisch unter den Begriff Domänenverlust. Oft einfach nur aus praktischen Gründen – Zeitsparen, begrenzte Ressourcen, wird nicht nur der Wissensaustausch, sondern die Forschung selbst in Englisch gemacht. Das kann dazu führen, dass diese Themen dann nicht mehr in der jeweiligen Landessprache diskutieren werden können. In Schweden ist das nicht wie in Österreich vor allem bei naturwissenschaftlichen, sondern auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern der Fall, erzählt die schwedische Translations- wissenschafterin Elizabeth Tiselius.

    OT 11 / 00:31 7 Tiselius / Übersetzung

    In Schweden haben wir das Problem, dass mehr und mehr Forschung ausschließ- lich auf Englisch gemacht wird. Das schafft einen Verlust, einen Domänenverlust. Wir verlieren dabei die gesamte Terminologie in der schwedischen Sprache und haben damit nicht mehr die Möglichkeit diese Forschungsfelder auf Schwedisch, in unserer Muttersprache zu diskutieren.

    Elisabeth Tiselius wünscht sich, dass Schwedisch wenigstens Englisch gleich ge- stellt wird, damit ihr Universitätsinstitut auch die rechtliche Grundlage hat, schriftli- che Arbeiten sowohl in Englisch, als auch in Schwedisch zu verfassen. Das ist aber noch nicht der Fall. In der praktischen Arbeit muss sie einen Weg finden, die feh- lende Terminologie in den schwedischen Text einzubetten.

    OT 12 / 00:41 / Tiselius / Übersetzung

    Ich kann Ihnen da ein Beispiel aus der Zweisprachigkeitsforschung geben. Hier geht es um input und output. Input ist das was wir Menschen hören, und output was wir sprechen. Aber wie soll ich das auf Schwedisch nennen? Inströmung und Aus- strömung vielleicht, oder Zuhörung und Produktion? Oder soll ich input und output unter Anführungszeichen setzen? Das ist eine schwierige Frage, und wir müssen uns viel mehr bemühen, eine schwedische Terminologie nicht nur zu erhalten, son- dern auch aufzubauen.

    OT 13 / 01:21 / Tiselius / Übersetzung

    Man kann ja auch nur in seiner Muttersprache wirklich philosophisch sein, nur in seiner Muttersprache kann man wirklich große und schwierige Fragen diskutieren. Die schwedischen Forscher sollen ruhig international auf englisch wetteifern und

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    sich austauschen, aber sie sollen auch den selben Eifer aufwenden, die schwedi- sche Terminologie zu verwenden und zu entwickeln – man kann ja nicht sagen, ach ich habe ja all meine Forschung auf Englisch gemacht, und deswegen werde ich nur Englisch verwenden. – Ich will ja nicht nur mit Leuten im Ausland über meine Forschung reden, sondern auch mit meinen Schülern, oder mit jemandem, den ich zufällig auf der Straße treffen, und erkläre, was ich beruflich mache. Und das kann man nicht machen, wenn man komische Begriffe wie input und output verwendet, oder vielleicht noch schlimmere Begriffe… [lacht].

    OT 14 / 00:18 De Cilia

    Ich denke, dass Englisch zentrale Rolle hat in der internationalen Kommunikation als Ver- kehrssprache, als Publikationssprache, es ist wichtig, den Studierenden und lehrenden Forschern dementsprechend gute Kompetenzen zur Verfügung zu stellen, …

    Der Sprachwissenschaftler Rudolf De Zilliar, Universität Wien. OT 15 / 00:32 De Cilia

    … darüber sollte man nicht diskutieren müssen, das ist klar, aber trotzdem ist es wichtig, Nationalsprachen, die ja hochentwickelt sind, deren Entwicklung Jahrhunderte lang ge- dauert hat, die in der deutschen Aufklärung begonnen als funktionsfähige Wissenschafts- sprache, praktiziert und gefördert worden. Eine Politik der Mehrsprachigkeit halte ich für wichtig und nicht die der Einsprachigkeit.

    Es ist meist nicht bloß der Wille, der eine nationale Sprache weg vom Wissen- schaftsbetrieb driften lässt. Die Pflege der nationalsprachlichen Terminologie braucht vor allem Zeit und Geld, und natürlich einen sprachenpolitischen Rahmen. In Österreich ist die Wahl der Sprache den Universitäten selbst überlassen. Die Kosten der Mehrsprachigkeit werden dabei oft als Belastung gesehen, und de facto bleiben auf den Internetseiten der Institute Englisch oder Deutsch – die eine oder andere Sprache oft unberücksichtigt. Die Sprache als notwendiges Übel?

    OT 16 / 01:13 / De Cillia

    Das ist das Argument das häufig gebracht wird, das ökonomistische Argument, die Kosten der Mehrsprachigkeit. Es gibt Leute, die drehen das um: die sagen, die Kosten der Ein- sprachigkeit , die Einsprachigkeit ist teurer. Die Einsprachigkeit hat wenn man so will dann soziale Kosten. Kosten sind ja nicht nur ökonomische Kosten. Wenn man generell gese- hen einsprachige Politik macht, riskiert man soziale Konflikte. Roland Bart sagte, einem Menschen seine Sprache nehmen, alle legalen Morde beginnen da, und natürlich wehren sich die Menschen, dass man Sprache nimmt. —- Das könnten sozialen Kosten im Wissenschaftsbereich sein. Die Entwicklung der Wissenschaftssprachen im Mittel- alter hat zu Beginn der Neuzeit, 16. Jahrhundert aufwärts mit der Demotisierung der

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    Wissenschaft, mit der Demokratisierung der zunehmenden Entwicklung der einzel- nen Wissenschaftssprachen dazu geführt, dass das Wissen immer mehr allen Be- völkerungssprachen zur Verfügung gestellt werden konnte. Das Mittelalter war ja letztlich eine dogmatische Form der Wissenschaft, wo die Dogmatik über die Jahr- hunderte fortgeschrieben hat, was richtig und was falsch ist.

    Nicht zufällig haben diese neuen Wissenschaftssprachen, die in allen europäischen großen Ländern starteten, das Englische, das Französische, das Spanische, dazu geführt, dass die Wissenschaft demokratisch wurde.

    OT 17 / 00:37 / De Cillia

    Ein wissenschaftlicher Unitarismus, so schätzen das Kolleginnen und Kollegen ein, wenn man nur in einer Sprache forscht und kommuniziert, auch im deutschsprachigen Raum nur noch auf Englisch kommuniziert, was in bestimmten Bereichen jetzt schon der Fall ist, dass man wieder zu einer Entdemokratisierung der Wissenschaft kommt, dass zum Bei- spiel die Medizin immer weniger in der Lage ist, auch der breiten Bevölkerung zu kommu- nizieren, was da passiert, was die Forschungsergebnisse sind, wie Therapien durchzufüh- ren sind oder durchgeführt werden.

    Der FWF, der Wissenschaftsfond ist Österreichs größter Geldgeber für For- schungsprojekte. Der Fonds bemüht sich in seinen Eingabeformularen ausdrück- lich um Zweisprachigkeit – die Projektbeschreibungen selbst sind allerdings nur noch auf Englisch einzureichen – auch in den Geisteswissenschaften. Die Antrags- sprache Englisch ist eine autonome Entscheidung des FWF und hat vor allem den Grund, dass Gutachten über die Förderungswürdigkeit der Projekte ausschließlich im Ausland eingeholt werden. Hier werden gewinnen zunehmend auch die sprach- lich weiter entfernten EU Länder und Asien von Bedeutung. Einzig für Germanisten gibt es Ausnahmen erzählt die germanistische Mittelalterforscherin Karin Kranich.

    OT 18 / 00:28 / Kranich

    Es gibt aber auch Kooperationen, wo auch technische Fächer mit geisteswissen- schaftlichen Fächern kooperieren, es gibt Programme, die grundsätzlich überhaupt Englisch strukturiert sind, dort ist es schon so, dass man zum Projektantrag eine englische Version dazugeben muss, manchmal auch englischsprachiges Hearing gemacht wird. Dazu müssen wir uns in irgendeiner Form aufraffen.

    Die englischsprachige Weiterbildung erfolgt dabei im eigenen Interesse, sagt Karin Kranich.

    OT 19 / 00:29 / Kranich

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    Da muss man sagen, es gibt an den österreichischen Unis, in Graz ist das ziemlich gut ausgebildet, ein hausinternes Weiterbildungsprogramm, da gibt es einen Kurs der Standard ist, den besucht man immer wieder. Da gibt es einen Kurs, der Stan- dard ist, English for Academic Purposes, den besucht man immer wieder oder auch English conversation in Academical teaching, oder derartiges, das ist in einem ge- wissen grad auch Selbstschutz, weil man dort Ängste abbaut, nicht kommunizieren zu können.

    Was ist der Unterschied zwischen ‘Sein’ und ‘Dasein’ bei Heidegger? Den Un- terschied zwischen ‘Sein’ und ‘Dasein’ kann man noch relativ leicht auf eng- lisch erklären, bei ‘Sein’ und ‘Seiendes’ wird es dann schwieriger,
    recht mit der „Seiendheit des Seins!“. – Der Franz Pöchhacker kennt die Tücken der Übersetzungen, selbst bei einfacheren Themen. Für ihn ist Sprache kein notwendiges Übel, sondern eine Faszination, die sich manchmal besonders erst zeigt, wenn von einer Sprache in die andere übersetzt wird.

    OT 20 / 1:20 / Pöchhacker

    Von der Motorentechnik bis zu den Kunststoffen bis zu politischen Überlegungen findet man überall Beispiele für schlechtes Englisch, so nach dem Motto der Äußerung die einem deutschen Bundeskanzler einmal zugeschrieben wurde, als er sich kurz fas- sen wollte und auf Englisch referierte und eingangs sagte: Ladies and Gentlemen, let me be short and pregnant. Aber es gibt vor allem durch sehr extreme Akzente im englischen aus neuerer Zeit Beispiele, wo dann auch die Dolmetscher drüberstolpern. Das sind dann Fälle wo die internationale Sprache Englisch für die Wissenschaft zu Verständ- nisschwierigkeiten führt, weil die Kollegen das stark akzentuierte koreanische oder italieni- sche Englisch nicht gut verstehen oder weil auch mitunter die Dolmetscher drüberstolpern können. Der Kollege hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass er den Ausdruck „stud- eyes“ offenbar als etwas mit Augen verbundenes rezipiert hat, und nicht wusste, was er mit diesem stud-eyes tun sollte, bis er dann draufkam, dass das eine sehr schlechte Aus- sprache des englischen Wortes studies war. Da kanns dann sicher beim Dolmetschen zu Reibungsverlusten kommen.

    Englisch ist zur Lingua Franca der Wissenschaften geworden. Zur Verkehrs- sprache, deren Niveau, bei denen, die sie verwenden, aber gar nicht an das hohe Sprachniveau von Muttersprachlern heranreichen müsste. „Gutes“ Eng- lisch gibt es aber eigentlich es nicht unter jenen, die Englisch als Verkehrs- sprache benützen – es ist eine Frage der „Angebrachtheit“. Diese unter Ang- listen nicht unumstrittene Sicht vertritt die Anglistin und Lingua Frank For- scherin Barbara Seidlhofer.

    OT 21 / 00:25 Seidlhofer Lingua Franka

    und erst

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    Dolmetschwissenschaftler

    Es ist immer die Frage für welchen Zweck, welche Funktion erfüllt die Sprache, und nicht den Formen nach, gut oder perfekt. Natürlich kann man sagen, Queen English oder Hipp Hopp English sind echt, das sind Sprachformen, die von Native Speakern gesprochen werden. Gleichzeitig wenn ich mit Queens English oder mit Hipp Hopp English auf eine Mathematikerkonferenz sein, werde ich völlig fehl am Platz sein.

    Bad Simple English – nennen Spötter die schlechte Qualität der international gesprochenen Englischs nennen – und dieses schlechte English wird trotz jahrelangen Sprachenlernens auch noch mittelmäßig ausgesprochen. Auch sei nicht grundsätzlich ein Problem.

    OT 22 / 00:42 / Seidlhofer

    Vokale, die etwa in der Perzeption sehr hervorstechen, weil Sie gerade gesagt haben Bad Simple English, wenn das ein Österreicher gesagt hat, sagt er Bad Simple English statt einem offenen A Laut spricht er es mit einem E Laut aus, und statt English sagt er INglish. Das macht abe rin der internationalen Verständigung keine Schwierigkeiten. Aber wenn ich meine Konsonanten nicht aussprchen kann, außer dem TH, und zum Beispiel wenig Unterschied mache zwischen einem pill und bill, dann wäre das eine Unterscheidung, die wichtig wäre, und auch die Apsiration von dem pill.

    Für den englischsprachigen Unterricht an Schulen hätte eine Stärkere Berücksich- tigung von Englisch – nicht als Kultursprache, sondern als Lingua Franca – als Aus- tauschsprache – besondere Bedeutung, sagt Barbara Seidlhofer.

    OT 23 / 00:42 / Seidlhofer Lingua Franka

    Jetzt nicht in dem Sinn, das man schlechtes Englisch unterrichte, sondern dass ich in der beschränkten Unterrichtszeit ich Dinge unterrichte, die für die internationale Kommunikati- on wichtig sind. Das heißt ich werde mich dann nicht stundenlang hinstellen und meinen Schülern sagen, gibt die Zunge zwischen die Zähne und spuck ein bisschen und sag think, und gleichzeitig aber schauen, dass die Längen der Vokale, ob ich sage to be oder the bee sage, dass sie die Konsonanten richtig aussprechen, von denen man weiß, dass sie für die internationale Verständlichkeit wichtig sind.

    SPRECHERIN

    Sie hörten: Quantensprung – oder vielleicht besser Quantum jump?

    OT 24 / 00:57 / De Cillia

    10

    Die Sprache als Instrument der wissenschaftlichen Aneignung der Realität außer- sprachlichen Realität, die unterschiedlich organisiert ist je nach Einzelsprache, das ist das zentrale Argument all jener die der Meinung sind, eine einzige Wissen- schaftssprache ist ein Verlust. Ich glaube das schon, wenn jemand nicht mehr in der seiner Muttersprache, Erstsprache, oder die Sprache, die man am besten be- herrscht, wenn man nicht mehr darin forschen kann, weil die nicht mehr als Wis- senschaftssprache funktioniert, dann ist man nicht mehr konkurrenzfähig mit de- nen, die das in ihrer Muttersprache tun. Und zwar was die wissenschaftliche Kreati- vität betrifft. Und ich glaube, das wissenschaftlich Forschung in Chemie, Physik, überall, ein eminent kreativer Prozess ist, und nicht einfach eine reine Terminolo- giefrage sozusagen.

    SPRECHERIN

    Eine Sendung zur Frage der Einsprachigkeit der Wissenschaft von Lothar Boding- bauer.

    OT 25 / 00:16 / De Cillia

    Man kann Wissenschaftssprache sicher nicht reduzieren auf Nomenklaturen, auf Termino- logien, die man von einer Sprache in die andere ganz einfach übersetzen kann. Dort, wo kreatives Forschen stattfindet, dort spielt die Sprache eine zentrale Rolle.

    Sprecherin

    Gesprochen haben ____________ und der Gestalter. Morgen in den Dimensionen…

    DIE ABSAGE WIRD EIN BISSEL LÄNGER. ICH HABE SIE IM BÜRO. SIE KANN VON NINA STREHLEIN GESPROCHEN WERDEN…

    18281 14:00

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    Manuskript (letzte Änderungen nicht vermerkt)

    DIMENSIONEN, Donnerstag, 16. Oktober

    Quantensprung or Quantum jump?

    Eine Sendung über die Folgen der Einsprachigkeit in der Wissenschaft von Lothar Bodingbauer

    Ob Fruchtliegenforscher, Atomphysiker, Verfahrenschemiker oder Wissenschaftler der internationalen Henrik-Ibsen-Community: sie alle verwenden Englisch als For- schungs- und Verkehrssprache. Latein hat seine zentrale Stellung im Wissen- schaftsbetrieb natürlich längst verloren – nur noch neu entdeckte Pflanzen müssen lateinisch beschrieben werden. Mit zunehmender Bedeutung länderübergreifender Forscherteams verlieren aber auch die gegenwärtigen Landessprachen immer mehr an Stellenwert. Sogar ganze Forschungsgebiete werden an nationalen Uni- versitäten nicht mehr in den jeweiligen Landessprachen diskutiert und bearbeitet, sondern auf Englisch – in einer Qualität, die trotz langjährigen Englischlernens an Schulen nicht an das Sprachniveau der Muttersprache heranreicht. Internationale Studiengänge und nationale Tagungen, die ausschließlich auf Englisch angeboten werden, tun ihr übriges, um “BSE” (Bad Simple English), wie Kritiker das oft niedri- ge Sprachniveau bezeichnen, verstärkt zu etablieren. Eine Sendung zur Frage der Vielsprachigkeit der Wissenschaft.

    MANUSKRIPT

    OT 1 / 00:50 / Mix unterschiedlicher Wissenschaftler

    Mein Name ist Hans Pechar, Hochschulforscher. Ein großer Teil der Teil der Literatur, die ich lese, vermutlich mittlerweile etwa 4/5 ist englische Literatur. Meine eigene Publikations- tätigkeit 3/4 Deutsch, 1/4 Englisch.

    OK [englisch ausgesprochen] – Mein Name ist Miria Kutzter, ich arbeite am Institut für dogmatische Theologie an der Universität Wien. Also es war lange Zeit so, da musste man Deutsch können, um Theologie studieren zu könne, das ist etwas, was sich deutlich geän- dert hat, die Diskurse rutschen jetzt auch ins Englisch hinüber …

    Ich heiße Franz Pöchhacker, Dolmetschwissenschaftler. Meine wissenschaftliche Arbeit verläuft auf Englisch.

    Hans Lohninger, Chemiker, und meine Forschungssprache ist Englisch.

    Sprecherin

    Quantensprung – oder vielleicht ist besser: Quantum jump?

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    OT 2 / 00:22 / Oberhummer auf Englisch

    Hello, my name is Heinz Oberhummer. I come from Vienna University of Technology. I am a physicist, but besides this I am also engaged in presening popular science through books through cabaret, in order to tell the people, how interesting science is …

    Sprecherin

    Eine Sendung zur Frage der Einsprachigkeit der Wissenschaft von Lothar Boding- bauer.

    OT 3 / 00:48 / Oberhummer

    Manchmal denke ich auf Englisch, und manchmal muss ich sogar wenn ich Deutsch spre- che krampfhaft nach dem wissenschaftlichen Wortsuchen, wie das in der wissenschaftli- chen Sprache heißt. Ich kenne zum Beispiel Physik in CERN, die stammen aus Öster- reich, die können sich eigentlich wissenschaftlich nicht mehr in Deutsch ausdrücken. Die können nur mehr Englisch reden. Englisch ist ja eine einfache Sprache in dem Sinn, die Sätze sind kürzer, es ist prägnant, eigentlich wesentlich die geeigneter Sprache für Natur- wissenschaft als zum Beispiel Deutsch, die Deutsche Sprache sind Schachtelsätze, die sind wesentlich komplizierter. Aber auch beim Publizieren ist es so, dass es wesent- lich einfacher ist vom Stil her im Englischen zu publizieren, weil die Sätze kürzer sind und dies wissenschaftlichen Erkenntnisse leichter vermitteln kann.

    Ganz ohne Zweifel: Englisch ist zur Lingua Franca geworden, zur Verkehrssprache zwischen Sprechern verschiedener Sprachgemeinschaften. Auch in den Wissen- schaften. Es begann mit der Auswanderung und Vertreibung deutschsprachiger Wissenschaftler vor und während des 2. Weltkriegs und gerade der Boom elektro- nischer Kommunikationsmittel hat Englisch als leicht erlernbare Austauschsprache in seiner Bedeutung gefestigt. Bevor allerdings ein etwaiges Verschwinden von Deutsch als Wissenschaftssprache bemerkt und auch bedauert wird, ist es wichtig, die Funktionen einer Wissenschaftssprache im Universitätsgeschehen klar darzu- stellen. Drei wesentliche Punkte sind zu erkennen, sagt der Hochschulforscher Hans Pechar:

    OT 4 / 1:10 Pechar

    Das eine ist die Publikation von Forschungsergebnissen. Da hat sich das Englische am stärksten durchgesetzt und so wie jetzt ausschaut, auf lange Sicht wird sich daran nichts ändern. Das zweite ist bei Kommunikation auf Konferenzen, der Austausch von Forsche- rinnen. Und der Dritte wichtige Bereich ist, in welcher Sprache wird gelehrt. Hier aus einer Modetorheit heraus den muttersprachlichen Unterricht durch schlecht gesprochenes Eng-

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    lisch zu ersetzten macht ja wirklich keinen Sinn, aber wenn Universitäten sich entschlie- ßen, internationale Studenten zu rekrutieren, dann müssen sie in der Regel auf Englisch umstellen.

    Internationale Studierende bringen in der Regel den heimischen Universitäten mehr Geld, als sie kosten. Die Wahl der Sprache der Lehre wird somit – neben der welt- weiten Sichtbarkeit der Aktivitäten – auch zu einer Marketingentscheidung.
    Doch zunächst zu einem grundsätzlichen Aspekt der Sprache, den der Überset- zungs- bzw. Translationswissenschaftler Gerhard Budin anspricht: die Rolle der Sprache im Erwerb von Wissen.

    OT 5 / 00:41 Budin

    Es ist einerseits einmal ein Ausdruck der Sprachökonomie. Das heißt, die menschliche Kognition funktioniert so, dass man für die Dinge, die man immer wieder braucht, oder die einen interessieren, dass man die mit Namen belegt, um auf sie mit referieren zu können. Denn wen ich jedes Mal sagen müsste, das ist ein längliches Instrument mit Haare drauf und da kann man reinsprechen, dann wäre das unökonomisch, wenn ich das immer sagen müsste. Wenn ich aber sage, das ist ein Mikrofon mit einem Windschutz, dann kann ich mich ökonomischer ausdrücken. Und dieses Grundprinzip wird in den Wissenschaftsspra- chen weiterentwickelt, aber für den Spracherwerb ist das ganz wesentlich.

    Es ist aber nicht nur die Rolle des Hinweisens und Benennens, den die Sprache hier erfüllt. Sprache selbst schafft Wirklichkeit. Dies zeigt sich am besten bei der legistischen Wirklichkeit – ein Rechtssystem das erst entstehen kann, weil es Spra- che, weil es Terminologie gibt. Es ist demnach nicht egal, in welcher Sprache der Wissenserwerb stattfindet. Grundvoraussetzung für jede Wissenschaftssprache ist eine klar und differenziert entwickelte Terminologie. Die Dogmatikerin Mirja Kutzer bringt ein Beispiel aus dem Bereich der Theologie, sie beschäftigt sich mit „dem Bösen“.

    OT 6 / 00:32 Kutzer

    Ja, also allein schon der Ausdruck, den man benutzt, um das Böse zu beschreiben ent- scheidet letztendlich über die Phänomene, die ich darunter zu verrechnen versuche. Im Englischen haben wir „the evil“. „The evil“ würden wir im Deutschen übersetzen mit „der Böse“, oder „das Böse“ oder „die Böse“. Wir unterscheiden zwischen „dem Bösen“ als ei- ner wie immer zu fassenden Entität oder auch zwischen einer Person, die wir als personi- fiziertes Böses oder wie auch immer bezeichnen wollen.

    Im Englischen fällt es leichter, einen Menschen wie Saddam Hussein als „das Bö- se“ zu bezeichnen. Diese Schwelle ist im Deutschen höher, weil es durch die Denk- konzepte, die sich hier durch das Deutsche ausdrücken, mehr Wahlmöglichkeiten

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    gibt. Am besten eignet sich aber das Französische, um über das Böse nachzuden- ken, sagt Mirja Kutzer, und das eigentlich aus einem Mangel heraus.

    OT 7 / 1:07 / Kutzer

    Das klassische lateinische Wort für „das Böse“ wäre das „Malum“, im Lateinischen wird dann unterschieden zwischen malum morale, das Böse, das das moralische Verhalten des Menschen betrifft, und dem malum physicum, alles was wir unter dem Naturbösen subsu- mieren. Im Deutschen hätten wir hier die Möglichkeit zwischen dem Bösen und dem Übel, eine Unterscheidung die im Französischen so aber nicht funktioniert, denn da wird beides subsumiert unter „le mal“. Das heißt aber auch, dass sich unsere französischen Kollegen oder in der französischen Philosophie dieser Zusammenhang zwischen dem Naturbösen und dem Bösen im moralischen Handeln. als Problem viel unmittelbarer stellt als uns, denn wenn wir über das Böse nachdenken, müssen wir noch nicht zwangsläufig oder über das Naturböse, also das Übel nachdenken. Während gerade die Spekulationen wie wir sie bei Paul Ricoeur finden, gerade diese Verbindung versuchen zu suchen, wo liegt sie denn diese Verbindung zwischen dem Bösen und dem Naturbösen.

    Viele Begriffe sind an eine bestimmte Wissenschaftssprache gebunden, und manchmal nimmt auch ein deutsches Wort den Umweg über das Englische wieder zurück ins Deutsche, zum Beispiel der Begriff „Einfühlung“, erzählt der Grazer Germanist Robert Velussig.

    OT 8 / 00:38 / Velussig

    Der Begriff „Einfühlung“ aus der deutschen Philosophie um 1900, das ist diskreditiert wor- den und über den Begriff der „Empathie“ wieder reimportiert. Das ist gewisserweise die Scheu einen Begriff zu verwenden, den Leuten verwende haben, mit denen man theore- tisch nichts mehr zu tun haben möchte. Insofern kann der Export und Reimport von sol- chen Begriffen dazu dienen, dass einem die Scheu von seinem solchen Phänomen wieder genommen wird, und besonders dieser Begriff Einfühlung ist etwas, was in der Literatur- wissenschaft der letzten Jahre besonders diskutiert worden ist.

    Die notwendigen Übersetzungvorgänge beim Austausch des Wissens in unter- schiedliche Sprachen sieht der Translationswissenschafter Gerhard Budin nicht unbedingt negativ.

    OT 9 / 01:45 / Budin

    Meiner eigenen Erfahrungen nach ist diese Zweisprachigkeit Deutsch Englisch etwas posi- tives, weil man durch diesen internen Übersetzungsprozess ja eigentlich immer kreative Moment hat, und etwas weiterdenkt. Zum Beispiel wenn ich Unterrichtsmaterialien, ich

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    habe das meistens auf Deutsch und auf Englisch, einmal unterrichte ich irgendwo international, aber auch dann hier auf der Universität und ich brauche dann zum selben Thema Unterrichtsmaterialen in zwei Sprachen, jedesmal wenn ich die Mate- rialien Aktualisierung, bei dieser Gelegenheit denke ich darüber nach, verbessere oder ergänze ich etwas, und. Natürlich gibt es auch Unterschiede in den Argumentati- onsstrategien in den verschiedenen Sprachen. Im englischsprachigen eher geradlinig, we- nig Degression, wenig Abweichungen, im Deutschen traditionellerweise eher komplex, mehrere Argumentationsstränge, die einander manchmal überschneiden, was für den Zu- hörer oder Leser nicht einfach ist oft, zu folgen, dann gibt es auch verschiedene weitere, wie arabische oder chinesische Argumentationslogiken. Andererseits durch diese Interna- tionalisierung der Wissenschaften konvergiert diese Denkweisen immer mehr, denn die Wissenschaftslogik doch wieder etwas mehr oder weniges sprachunabhängiges. Aber auch da wieder in den Naturwissenschaften wesentlich mehr sprachunabhängig, weil die Wissenschaftslogik auf einer allgemeinen Logik beruht, währen die hermeneutische Tradi- tionen, mit Verstehensprozessen und stark kulturspezifischen Ansätzen die Kulturspezifik dann doch eine Sprachspezifik ist

    Mit einem Verschwinden des Deutschen aus dem Wissenschaftsbetrieb würde also tatsächlich Wissen verloren gehen, zumindest im nicht-naturwissenschaftlichen Bereich. Der Musikwissenschaftler Richard Parncutt aus Graz geht an der Schnitt- stelle Geistes- und Naturwissenschaft – selbst mehrsprachig – mit seinen Studie- renden einen konsequent zweisprachigen Weg. Er ermuntert seine Studierenden, die Zweisprachigkeit nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern gezielt zu entwickeln, und wählt selbst aus dem Fundus der Sprache jene aus, die am besten zu seinen Anforderungen passt. Richard Parncutt erzählt von einem Tag der Geisteswissen- schaften an der Uni Graz, für den sein Institut gebeten wurde, ein gutes Zitat aus der Musikwissenschaften auszuwählen, eines das das Forschungsthema „Musik“ am treffendsten beschreibt.

    OT 10 / 01:34 / Parncutt

    Wir haben uns entschieden, dass unser Zitat auf Englisch sein wird. Ich meine, ich fand das eigentlich nicht gut, aber in jedem Fall ist ein sehr interessantes Zitat: „Music doesnʻt just happen. It is what we make it and what we make of it“. Nun, wenn man versucht, das zu übersetzen, dann findet man, dass eigentlich die englischsprachigen Menschen viel- leicht nicht klar sind, was es bedeutet. Wenn man sagt: „Music is what we make it“, das heißt Musik hat einen gewissen Stellenwert und es hängt von unserer Einstellung wie gut oder wichtig Musik ist, das kann man aber nur relativ ausführlich erklären. Und dann kommt er nächste Satz „und what we make of it“. Und das heißt, wenn wir aktiv versuchen Musik zu fördern und Musik zu interpretieren oder eine Konstruktion von einer Musikwis- senschaft, Musikwissenschaft zu konstruieren, dann kriegen wir eine neue Version von Musik. Und das kann man auch ausführlich erklären, aber in dem englischen Satz ist es sehr knapp. Und dann entsteht die Frage sollte man das übersetzen wollen, soll man ei- nen Satz schreiben, der zwei mal so lange ist, oder drei mal so lang, und man wird natür- lich nie auf die gleiche Bedeutung kommen, weil die gleiche Bedeutung nicht definiert ist. Das hat man auch innerhalb der deutschen Sprache oder englischen Sprache, dass man nicht immer sagen kann, was man sagen will, das ist nämlich ein Thema in der Musikwis-

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    senschaft, dass man bestimmte Erfahrungen in der Musik nicht beschreiben kann, weil die Wörter fehlen. Das nennt man auf Englisch „ineffability“, das man etwas nicht vollständig beschreiben kann.

    Ineffability. Das ist in der Musik das Fehlen einer Beschreibung, wo die Worte feh- len. Was in der Musik ganz alltäglich ist, fällt sprachenpolitisch unter den Begriff Domänenverlust. Oft einfach nur aus praktischen Gründen – Zeitsparen, begrenzte Ressourcen, wird nicht nur der Wissensaustausch, sondern die Forschung selbst in Englisch gemacht. Das kann dazu führen, dass diese Themen dann nicht mehr in der jeweiligen Landessprache diskutieren werden können. In Schweden ist das nicht wie in Österreich vor allem bei naturwissenschaftlichen, sondern auch in den geisteswissenschaftlichen Fächern der Fall, erzählt die schwedische Translations- wissenschafterin Elizabeth Tiselius.

    OT 11 / 00:31 7 Tiselius / Übersetzung

    In Schweden haben wir das Problem, dass mehr und mehr Forschung ausschließ- lich auf Englisch gemacht wird. Das schafft einen Verlust, einen Domänenverlust. Wir verlieren dabei die gesamte Terminologie in der schwedischen Sprache und haben damit nicht mehr die Möglichkeit diese Forschungsfelder auf Schwedisch, in unserer Muttersprache zu diskutieren.

    Elisabeth Tiselius wünscht sich, dass Schwedisch wenigstens Englisch gleich ge- stellt wird, damit ihr Universitätsinstitut auch die rechtliche Grundlage hat, schriftli- che Arbeiten sowohl in Englisch, als auch in Schwedisch zu verfassen. Das ist aber noch nicht der Fall. In der praktischen Arbeit muss sie einen Weg finden, die feh- lende Terminologie in den schwedischen Text einzubetten.

    OT 12 / 00:41 / Tiselius / Übersetzung

    Ich kann Ihnen da ein Beispiel aus der Zweisprachigkeitsforschung geben. Hier geht es um input und output. Input ist das was wir Menschen hören, und output was wir sprechen. Aber wie soll ich das auf Schwedisch nennen? Inströmung und Aus- strömung vielleicht, oder Zuhörung und Produktion? Oder soll ich input und output unter Anführungszeichen setzen? Das ist eine schwierige Frage, und wir müssen uns viel mehr bemühen, eine schwedische Terminologie nicht nur zu erhalten, son- dern auch aufzubauen.

    OT 13 / 01:21 / Tiselius / Übersetzung

    Man kann ja auch nur in seiner Muttersprache wirklich philosophisch sein, nur in seiner Muttersprache kann man wirklich große und schwierige Fragen diskutieren. Die schwedischen Forscher sollen ruhig international auf englisch wetteifern und

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    sich austauschen, aber sie sollen auch den selben Eifer aufwenden, die schwedi- sche Terminologie zu verwenden und zu entwickeln – man kann ja nicht sagen, ach ich habe ja all meine Forschung auf Englisch gemacht, und deswegen werde ich nur Englisch verwenden. – Ich will ja nicht nur mit Leuten im Ausland über meine Forschung reden, sondern auch mit meinen Schülern, oder mit jemandem, den ich zufällig auf der Straße treffen, und erkläre, was ich beruflich mache. Und das kann man nicht machen, wenn man komische Begriffe wie input und output verwendet, oder vielleicht noch schlimmere Begriffe… [lacht].

    OT 14 / 00:18 De Cilia

    Ich denke, dass Englisch zentrale Rolle hat in der internationalen Kommunikation als Ver- kehrssprache, als Publikationssprache, es ist wichtig, den Studierenden und lehrenden Forschern dementsprechend gute Kompetenzen zur Verfügung zu stellen, …

    Der Sprachwissenschaftler Rudolf De Zilliar, Universität Wien. OT 15 / 00:32 De Cilia

    … darüber sollte man nicht diskutieren müssen, das ist klar, aber trotzdem ist es wichtig, Nationalsprachen, die ja hochentwickelt sind, deren Entwicklung Jahrhunderte lang ge- dauert hat, die in der deutschen Aufklärung begonnen als funktionsfähige Wissenschafts- sprache, praktiziert und gefördert worden. Eine Politik der Mehrsprachigkeit halte ich für wichtig und nicht die der Einsprachigkeit.

    Es ist meist nicht bloß der Wille, der eine nationale Sprache weg vom Wissen- schaftsbetrieb driften lässt. Die Pflege der nationalsprachlichen Terminologie braucht vor allem Zeit und Geld, und natürlich einen sprachenpolitischen Rahmen. In Österreich ist die Wahl der Sprache den Universitäten selbst überlassen. Die Kosten der Mehrsprachigkeit werden dabei oft als Belastung gesehen, und de facto bleiben auf den Internetseiten der Institute Englisch oder Deutsch – die eine oder andere Sprache oft unberücksichtigt. Die Sprache als notwendiges Übel?

    OT 16 / 01:13 / De Cillia

    Das ist das Argument das häufig gebracht wird, das ökonomistische Argument, die Kosten der Mehrsprachigkeit. Es gibt Leute, die drehen das um: die sagen, die Kosten der Ein- sprachigkeit , die Einsprachigkeit ist teurer. Die Einsprachigkeit hat wenn man so will dann soziale Kosten. Kosten sind ja nicht nur ökonomische Kosten. Wenn man generell gese- hen einsprachige Politik macht, riskiert man soziale Konflikte. Roland Bart sagte, einem Menschen seine Sprache nehmen, alle legalen Morde beginnen da, und natürlich wehren sich die Menschen, dass man Sprache nimmt. —- Das könnten sozialen Kosten im Wissenschaftsbereich sein. Die Entwicklung der Wissenschaftssprachen im Mittel- alter hat zu Beginn der Neuzeit, 16. Jahrhundert aufwärts mit der Demotisierung der

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    Wissenschaft, mit der Demokratisierung der zunehmenden Entwicklung der einzel- nen Wissenschaftssprachen dazu geführt, dass das Wissen immer mehr allen Be- völkerungssprachen zur Verfügung gestellt werden konnte. Das Mittelalter war ja letztlich eine dogmatische Form der Wissenschaft, wo die Dogmatik über die Jahr- hunderte fortgeschrieben hat, was richtig und was falsch ist.

    Nicht zufällig haben diese neuen Wissenschaftssprachen, die in allen europäischen großen Ländern starteten, das Englische, das Französische, das Spanische, dazu geführt, dass die Wissenschaft demokratisch wurde.

    OT 17 / 00:37 / De Cillia

    Ein wissenschaftlicher Unitarismus, so schätzen das Kolleginnen und Kollegen ein, wenn man nur in einer Sprache forscht und kommuniziert, auch im deutschsprachigen Raum nur noch auf Englisch kommuniziert, was in bestimmten Bereichen jetzt schon der Fall ist, dass man wieder zu einer Entdemokratisierung der Wissenschaft kommt, dass zum Bei- spiel die Medizin immer weniger in der Lage ist, auch der breiten Bevölkerung zu kommu- nizieren, was da passiert, was die Forschungsergebnisse sind, wie Therapien durchzufüh- ren sind oder durchgeführt werden.

    Der FWF, der Wissenschaftsfond ist Österreichs größter Geldgeber für For- schungsprojekte. Der Fonds bemüht sich in seinen Eingabeformularen ausdrück- lich um Zweisprachigkeit – die Projektbeschreibungen selbst sind allerdings nur noch auf Englisch einzureichen – auch in den Geisteswissenschaften. Die Antrags- sprache Englisch ist eine autonome Entscheidung des FWF und hat vor allem den Grund, dass Gutachten über die Förderungswürdigkeit der Projekte ausschließlich im Ausland eingeholt werden. Hier werden gewinnen zunehmend auch die sprach- lich weiter entfernten EU Länder und Asien von Bedeutung. Einzig für Germanisten gibt es Ausnahmen erzählt die germanistische Mittelalterforscherin Karin Kranich.

    OT 18 / 00:28 / Kranich

    Es gibt aber auch Kooperationen, wo auch technische Fächer mit geisteswissen- schaftlichen Fächern kooperieren, es gibt Programme, die grundsätzlich überhaupt Englisch strukturiert sind, dort ist es schon so, dass man zum Projektantrag eine englische Version dazugeben muss, manchmal auch englischsprachiges Hearing gemacht wird. Dazu müssen wir uns in irgendeiner Form aufraffen.

    Die englischsprachige Weiterbildung erfolgt dabei im eigenen Interesse, sagt Karin Kranich.

    OT 19 / 00:29 / Kranich

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    Da muss man sagen, es gibt an den österreichischen Unis, in Graz ist das ziemlich gut ausgebildet, ein hausinternes Weiterbildungsprogramm, da gibt es einen Kurs der Standard ist, den besucht man immer wieder. Da gibt es einen Kurs, der Stan- dard ist, English for Academic Purposes, den besucht man immer wieder oder auch English conversation in Academical teaching, oder derartiges, das ist in einem ge- wissen grad auch Selbstschutz, weil man dort Ängste abbaut, nicht kommunizieren zu können.

    Was ist der Unterschied zwischen ‘Sein’ und ‘Dasein’ bei Heidegger? Den Un- terschied zwischen ‘Sein’ und ‘Dasein’ kann man noch relativ leicht auf eng- lisch erklären, bei ‘Sein’ und ‘Seiendes’ wird es dann schwieriger,
    recht mit der „Seiendheit des Seins!“. – Der Franz Pöchhacker kennt die Tücken der Übersetzungen, selbst bei einfacheren Themen. Für ihn ist Sprache kein notwendiges Übel, sondern eine Faszination, die sich manchmal besonders erst zeigt, wenn von einer Sprache in die andere übersetzt wird.

    OT 20 / 1:20 / Pöchhacker

    Von der Motorentechnik bis zu den Kunststoffen bis zu politischen Überlegungen findet man überall Beispiele für schlechtes Englisch, so nach dem Motto der Äußerung die einem deutschen Bundeskanzler einmal zugeschrieben wurde, als er sich kurz fas- sen wollte und auf Englisch referierte und eingangs sagte: Ladies and Gentlemen, let me be short and pregnant. Aber es gibt vor allem durch sehr extreme Akzente im englischen aus neuerer Zeit Beispiele, wo dann auch die Dolmetscher drüberstolpern. Das sind dann Fälle wo die internationale Sprache Englisch für die Wissenschaft zu Verständ- nisschwierigkeiten führt, weil die Kollegen das stark akzentuierte koreanische oder italieni- sche Englisch nicht gut verstehen oder weil auch mitunter die Dolmetscher drüberstolpern können. Der Kollege hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass er den Ausdruck „stud- eyes“ offenbar als etwas mit Augen verbundenes rezipiert hat, und nicht wusste, was er mit diesem stud-eyes tun sollte, bis er dann draufkam, dass das eine sehr schlechte Aus- sprache des englischen Wortes studies war. Da kanns dann sicher beim Dolmetschen zu Reibungsverlusten kommen.

    Englisch ist zur Lingua Franca der Wissenschaften geworden. Zur Verkehrs- sprache, deren Niveau, bei denen, die sie verwenden, aber gar nicht an das hohe Sprachniveau von Muttersprachlern heranreichen müsste. „Gutes“ Eng- lisch gibt es aber eigentlich es nicht unter jenen, die Englisch als Verkehrs- sprache benützen – es ist eine Frage der „Angebrachtheit“. Diese unter Ang- listen nicht unumstrittene Sicht vertritt die Anglistin und Lingua Frank For- scherin Barbara Seidlhofer.

    OT 21 / 00:25 Seidlhofer Lingua Franka

    und erst

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    Dolmetschwissenschaftler

    Es ist immer die Frage für welchen Zweck, welche Funktion erfüllt die Sprache, und nicht den Formen nach, gut oder perfekt. Natürlich kann man sagen, Queen English oder Hipp Hopp English sind echt, das sind Sprachformen, die von Native Speakern gesprochen werden. Gleichzeitig wenn ich mit Queens English oder mit Hipp Hopp English auf eine Mathematikerkonferenz sein, werde ich völlig fehl am Platz sein.

    Bad Simple English – nennen Spötter die schlechte Qualität der international gesprochenen Englischs nennen – und dieses schlechte English wird trotz jahrelangen Sprachenlernens auch noch mittelmäßig ausgesprochen. Auch sei nicht grundsätzlich ein Problem.

    OT 22 / 00:42 / Seidlhofer

    Vokale, die etwa in der Perzeption sehr hervorstechen, weil Sie gerade gesagt haben Bad Simple English, wenn das ein Österreicher gesagt hat, sagt er Bad Simple English statt einem offenen A Laut spricht er es mit einem E Laut aus, und statt English sagt er INglish. Das macht abe rin der internationalen Verständigung keine Schwierigkeiten. Aber wenn ich meine Konsonanten nicht aussprchen kann, außer dem TH, und zum Beispiel wenig Unterschied mache zwischen einem pill und bill, dann wäre das eine Unterscheidung, die wichtig wäre, und auch die Apsiration von dem pill.

    Für den englischsprachigen Unterricht an Schulen hätte eine Stärkere Berücksich- tigung von Englisch – nicht als Kultursprache, sondern als Lingua Franca – als Aus- tauschsprache – besondere Bedeutung, sagt Barbara Seidlhofer.

    OT 23 / 00:42 / Seidlhofer Lingua Franka

    Jetzt nicht in dem Sinn, das man schlechtes Englisch unterrichte, sondern dass ich in der beschränkten Unterrichtszeit ich Dinge unterrichte, die für die internationale Kommunikati- on wichtig sind. Das heißt ich werde mich dann nicht stundenlang hinstellen und meinen Schülern sagen, gibt die Zunge zwischen die Zähne und spuck ein bisschen und sag think, und gleichzeitig aber schauen, dass die Längen der Vokale, ob ich sage to be oder the bee sage, dass sie die Konsonanten richtig aussprechen, von denen man weiß, dass sie für die internationale Verständlichkeit wichtig sind.

    SPRECHERIN

    Sie hörten: Quantensprung – oder vielleicht besser Quantum jump?

    OT 24 / 00:57 / De Cillia

    10

    Die Sprache als Instrument der wissenschaftlichen Aneignung der Realität außer- sprachlichen Realität, die unterschiedlich organisiert ist je nach Einzelsprache, das ist das zentrale Argument all jener die der Meinung sind, eine einzige Wissen- schaftssprache ist ein Verlust. Ich glaube das schon, wenn jemand nicht mehr in der seiner Muttersprache, Erstsprache, oder die Sprache, die man am besten be- herrscht, wenn man nicht mehr darin forschen kann, weil die nicht mehr als Wis- senschaftssprache funktioniert, dann ist man nicht mehr konkurrenzfähig mit de- nen, die das in ihrer Muttersprache tun. Und zwar was die wissenschaftliche Kreati- vität betrifft. Und ich glaube, das wissenschaftlich Forschung in Chemie, Physik, überall, ein eminent kreativer Prozess ist, und nicht einfach eine reine Terminolo- giefrage sozusagen.

    SPRECHERIN

    Eine Sendung zur Frage der Einsprachigkeit der Wissenschaft von Lothar Boding- bauer.

    OT 25 / 00:16 / De Cillia

    Man kann Wissenschaftssprache sicher nicht reduzieren auf Nomenklaturen, auf Termino- logien, die man von einer Sprache in die andere ganz einfach übersetzen kann. Dort, wo kreatives Forschen stattfindet, dort spielt die Sprache eine zentrale Rolle.

    Sprecherin

    Gesprochen haben ____________ und der Gestalter. Morgen in den Dimensionen…

    DIE ABSAGE WIRD EIN BISSEL LÄNGER. ICH HABE SIE IM BÜRO. SIE KANN VON NINA STREHLEIN GESPROCHEN WERDEN…

    18281 14:00

  • 085. Taufliege

    Taufliegen sind jene lästigen winzigen Fliegen, die sich in unseren Obstschüsseln tummeln. Eine davon ist Drosophila melanogaster, die als Modellorganismus der Entwicklungsgenetik große Berühmtheit erlangt hat und als eines der am besten erforschten Lebewesen gilt. Jährlich erscheinen mehr als 4.000 Publikationen über Drosophila, und dennoch gibt es Organe bei dieser Insektenart, die nahezu unerforscht sind. Auch nach 100 Jahren intensiver Forschungen lässt sich bei Drosophila noch immer wissenschaftliches Neuland beschreiten. Es spricht: Carlos Ribeiro, Genetiker im Labor Barry Dickson, IMP – Research Institute of Molecular Pathology (Vom Leben der Natur / ORF Radio Österreich 1 ab 2. Juni 2008 )

    Programmtext

    Die Fruchtfliege (Taufliege) ist ein bedeutender Modellorganismus für Genetiker. An ihr kann unter verhältnismäßig einfachen Bedingungen erforscht werden, wie Gene dazu beitragen, komplexe Strukturen und Verhaltensmuster von Organismen auszubilden.
    So unscheinbar diese Fliege ist, so spannend sind ihre Verhaltensweisen, was Partnerwahl und Essverhalten betrifft.

    Am Wiener Institut für Molekulare Pathologie wurde eine “Fliegenbibliothek” eingerichtet, ein Zentrum für den weltweiten Versand von genetisch veränderten Fruchtfliegen.

    Kontakt

    Carlos Ribeiro, Genetiker im Labor Barry Dickson
    IMP – Research Institute of Molecular Pathologie
    Dr. Bohr-Gasse 7
    1030 Wien


    Teil 1: Ein historisches Umfeld


    Teil 2


    Teil 3


    Teil 4


    Teil 5


    Hinweis: Die einzelnen Teile stehen gesamt als Physikalische Soiree 135 zum Hören zur Verfügung.

  • 084. Meeresströmungen

    Nicht nur für Seefahrer sind Meeresströmungen von großer Bedeutung, sondern auch für Fischfang und Landwirtschaft. Wasser in Bewegung bedeutet Energietransport – oft über weite Strecken. Kaum eine Meeresströmung ist etwa so berühmt wie der Golfstrom. Er transportiert große Mengen an Wärme nach Europa, von seiner Exitenz hängt Vieles in Europa ab. Längst sind nich alle Mechanismen geklärt, die für das Entstehung und die Aufrechterhaltung von Meeresströmngen von Bedeutung sind. Zu grobmaschig ist das Netz der Beobachtungen, zu komplex die zugrundeliegenden dynamischen Vorgänge. Die Sendereihe erzählt über die physikalischen Aspekte von Meeresströmungen und ihre Bedeutung für die Kulturlandschaften der Erde.

    (Ab 1. Juni 2008 – das genaue Datum der Ausstrahlung ist unklar)

    Interviewpartner: Michael Hantel, Meteorologe (Link zu Wikipedia)

    Meeresströmungen — Wassermassen in Bewegung

    Der Meteorologe Michael Hantel über Meeresströmungen

    Teil 1: Der Transport von Energie

    Erde ist von 70% von Wasser bedeckt. Klimatisch ist der Ozean daher sehr wichtig. Meeresströmungen sind eine Komponente. Wasser fließt, Wellen, sie bewegen Wasser hin und her. Wellen sind keine Meeresströmungen. 

    Meeresströmungen sind das, was übrigbleibt, wenn man sich die Wellen wegdenkt. Die Variabilität muss man sich auch wegdenken. Gezeitenströmungen zum Beispiel. 7 m/s in Irland. 

    Oststrom: West nach Ost. Ostwind: Aus Osten. “Ein westwärtiger Strom” ist einfacher zu verstehen 0,1 m/s = 0,2 Knoten, 360 m/ Stunde.

    Beispiele: Golfstrom, Kuroshio, Äquatorialströmung, Antarktischer Strom.

    Messung: Meeresströmungen merkt man nicht am Schiff. Columbus nach Amerika: geografische Position „heute“ + Kurs. Auf der Karte. Er rechnet vor. Er ist aber wo anders. Die Differenz ist die Meeresströmung. Segelt 6 m/s, Golfstrom nach Norden 6 m/s. Er segelt daher nach NW – nicht auf die Antillen. Sondern Cape Caverast in Amerika.

    Viele Geheimnisse. In welchen Bewegungsformen steckt die hauptsächliche Energie? In den kleinen Wirbeln im Golfstrom, die Golfstromwirbeln. Das sind ziemlich tiefgehende Drehbewegungen des Wasserkörpers, 1000m, nicht dauernd beobachtbar, das geht einem ständig durch die Lappen. Weil das aber für Wärme und Energietransport wichtig ist, sind da viele Fragezeichen.

    Auch die Tiefenzirkulation ist nicht ständig beobachtbar.

    Teil 2: Das Phänomen der Ekman Spirale

    Wie setzt sich die Strömung an der Oberfläche nach unten hin fort? Beim Fischen wird zum Beispiel die Leine mitgenommen: Das Phänomen der „Ekman Spirale“.

    Fridtjof Nansen versuchte den Nordpol zu erreichen. Bäume aus Sibirien wurden an der Küste von Grönland gefunden, Lerchen. Daraus schloss er, dass es am Nordpol kein Land gibt. Das Schiff „Fram“ fror im Eis fest. 1893–1896. Nansen beobachtete Wind aus Osten. Das Eis wurde nicht nach Westen geführt, sondern nach Nordwesten. Wind aus Westen, Eis nicht nach Osten, sondern Südosten. Eis wurde um 45° nach rechts abgelenkt. Drift.

    Nansen erzählte das in Bergen seinen Studenten. Ekman machte eine Theorie und löste das Problem in einer Nacht. Die Drehung kommt durch die Erdrotation zustande. Ostwind. Durch Reibung möchte er Reibung nach Westen mitnehmen. Warum nimmt er das mit? Wie ein Jugendlicher auf dem Surfbrett, er rennt hin, springt drauf, bei diesem Sprung gibt er seinen Impuls an das Surfbrett weiter. Jugendlicher ist der Wind, Surfbrett das Wasser. Weil sich Erde dreht, wird diese Strömung nach rechts abgelenkt. Kraft, die nach rechts geht, und die Kraft nach vorne, das sind 45 Grad. Nach unten immer weiter. Die obere Wasserschicht wirkt auf die untere. Noch weiter nach Norden, die noch weiteren Schichten fließen nach Norden und noch tiefer nach Osten zurück. Von oben alle verbundene Strömungsvektoren: eine Spirale, die sich auf ein Schwänzchen zusammenzieht. In den hohen Breiten. Am Äquator: Null. Das ist die Ekman Spirale. Das erklärt auch Eisdrift an der Oberfläche, auch Strömungsmessung von Nansen durch das 3 m dicke Polareis, Strömungsmessung in der Tiefe.

    Link: Die Korkenzieherströmung, auch Ekman-Spirale – https://de.wikipedia.org/wiki/Korkenzieherströmung

    Teil 3: Das Zusammenwirken von Kräften

    Die Menschheit hat immer Seefahrt betrieben. Äquatorialströme: Pazifik und Atlantik, Wasser von Osten nach Westen, über 20.000 Kilometer. Durch den             Passat getrieben, durch Wind. Dieser Windantrieb ist ein Transport von Impuls. Das heißt, dass der Wind einen horizontalen Impuls hat, wenn er weht. Und dass er den jetzt auf das Wasser überträgt. Dadurch entsteht die Wasserströmung in Windrichtung. Das ist die eine Kraft, die wirkt. Die andere Kraft ist die Schiefstellung der Meeresoberfläche. Wasser steht waagrecht, aber es sind ständig Kräfte da (der Wind etwa), die im Wasser Höhenunterschiede produzieren, kleine Berge und Täler. Wenn die Meeresoberfläche nicht exakt gerade ist, sondern an einer Stelle einen Berg bildet und einer anderen Stelle ein Tal, dann muss das Wasser vom Berg zum Tal fließen. Weil im Wasser Hochdruck herrscht. Das Wasser versucht vom Berg zum Tal zu fließen. 

    Man nennt diese Kraft, die das Wasser treibt, die Druckgradientkraft. Wir haben also Wind, Druckgradientkraft, und die dritte Kraft, die genauso wichtig ist, ist die ablenkende Kraft der Erdrotation. Das ist eine ganz unanschauliche Geschichte. 

    Da stellen Sie sich vor: wer hat schon mal den Film „Takshis Castle“ gesehen? Folgende Situation: die jugendlichen Wettbewerbsteilnehmer müssen über ein langes Brett gehen, ungefähr 10 m lang. Das Brett führt über ein Wasserbecken, in das darf man nicht fallen. Der Witz ist nun, dass sich das Brett in 1 Minute um sich selbst dreht. Man kann vom Rand an einer Stelle auf das Brett hinaufkommen. Und dann kommt man über Wasser und nach einer halben Umdrehung kommt das Ende vom Brett an dieser Stelle wieder vorbei. In der Zwischenzeit muss man über das Brett gegangen sein, dann kann man wieder ausseigen. Wenn man das nicht weiß, ist das zum Totlachen. Man muss die Jugendlichen sehen, die über das Brett laufen und von einer mächtigen Kraft abgelenkt ins Wasser fallen. Es schaffen es nur ganz wenige. Und diese Ablenkung heißt Corioliskraft. Man muss den Corioliseffekt wissen. Wenn man ihn weiß, kann man ihn berücksichtigen, dann braucht man sich nur vorher gegen die Kraft zu stemmen.

    Zurück zur Meeresströmung: dieser Prozess des Ausgleichs zwischen der der Schrägstellung der Wasseroberfläche, das ist ganz wenig, 1 m pro Tausend km. Das sehen Sie gar nicht. Das ist die eine Kraft, und die andere Kraft ist die Corioliskraft, und die ist auch sehr schwach, die kennt man normalerweise nicht. und der Takashi-Castle-Spieler, der sieht die nur, weil er sich in einer ganz abnormen Situation befindet. Aber das Wasser, das Tag und Nacht der Erddrehung ausgesetzt ist, und diesen schwachen Kräften ausgesetzt ist, merkt die Corioliskraft, die Schiefstellung der Oberfläche, und bewegt sich unter diesen beiden Kräften. Und diese verschiedenen Kräfte wirken zusammen. Das nennt man das „Geostrophische Gleichgewicht“.

    Ein Beispiel ist der Nordäquatorialstrom. Er fließt von Ost nach West, und wenn Sie sich die Karte ansehen, dann sehen Sie, dass die Wasseroberfläche im Atlantik und im Pazifischen Ozean ganz leicht nach Süden hin ansteigt. Dieser Ausgleich ist der ganz wichtige Ausgleich der Meeresströmung, dass die Balance der Meeresströmung im freien Weltmeer.

    Ein anderes Beispiel ist der antarktische Wasserring. Das ist ein Strom, der um die Antarktis von West nach Osten permanent herumläuft. Das ist das Reich des Albatros, und in dieser Gegend haben wir eine Strömung, die sonst im ganzen Weltmeer in dieser Stärke nicht erreicht wird. Da passiert das Entsprechende. Auf der Südhalbkugel steigt der Wasserspiegel zu Antarktika hin an.

    Der Golfstrom hat, der Kuroshio hat das, der Nordäquatorialstrom hat das. Und dieses Gleichgewicht sorgt dafür, dass Strömungen über 1000e km in eine Richtung fließen können.

    Teil 4: Die Bedeutung des Golfstroms

    Man muss mal im Golfstrom getaucht haben. Man muss gesehen haben, wenn die Wellen durchfließen und wenn die goldenen Schwärme von Fischen zu 1000en, kleine 10 cm lange Fische, 1000 Fische unter der Wasseroberfläche stehen, dann in der Welle gleichmäßig mit rauf und runtergehen. Und wenn die Sonne reinscheint und man wieder auftaucht, muss man das fast UV-blaue Licht auf der Wasseroberfläche gesehen haben. Man kann UV-Licht nicht sehen, aber wenn man dieses tiefe Blau sieht, denkt man, dass man UV sehen kann.

    Der Golfstrom ist bedeutend auf ganz vielen Gründen. Einer davon ist, dass er riesige Mengen von Wärme aus der Golfregion in die Polargebiete transportiert. Ein anderer ist, dass er das Gebiet der stärksten Sturmtätigkeit in der Atmosphäre markiert. Das hängt damit zusammen, dass durch die Wärme am Golfstrom ein sehr starker Vertikalaustausch von Wärme und Feuchte zwischen Ozean und Atmosphäre passiert. Er ist also energetisch äußerst wichtig, nicht nur der Golfstrom, sondern der Curoshio im pazifischen Ozean genauso.

    Was ist das Besondere am Golfstrom? Im Passatgebiet herrscht Hochdruck in der Atmosphäre. In den Subtropen, bis in die Tropen hinein, herrscht über dem Weltmeer, dem Atlantik und auch über dem Pazifik ein Windsystem, das von Nordosten her weht. Das ist der NO-Passt. Er weht von NO nach Südwest. Er ist sehr beständig, er treibt die Seefahrer auf ihren Weltumsegelungen von Europa nach Amerika. So ist Columbus nach Amerika gesegelt, im NO-Passat. Auf der Südbhalbkugel ist es der SO-Passat. Er weht auch nach O aber mit einer Komponente von S nach N. Die Passate treffen sich am Äquator und treiben das äquatoriale und das subtropische Strömungssystem am Ozean. Jetzt haben wir gleichzeitig nicht nur Winde dort, sondern auch Druck. Das Passatgebiet über dem subtropischen Ozean herrscht relativer Hochdruck in der Atmosphäre. Das Besondere ist, dass sich im Hochdruckgebiet die Luft entgegen der Erdrotation dreht, das nennt das „antizyklonal“. Das ist mit dem Linkswalzer vergleichbar. Die Erdrotation ist ein Rechtswalzer, die Antizyklonalrotation ist ein Linkswasser. Diese Linkswasserdrehung der Luft wird auf das Wasser übertragen. Das heißt, das Wasser bekommt Linkswalzerdrehung mit. Gleichzeitig führt der NO-Passat aber dazu, dass das Ozeanische Oberflächenwasser als Ganzes nach Süden fließt, nach Südwesten. Vor der amerikanischen Küste muss es wieder nach Norden zurück, sonst würde der Atlantik nach Süden leerlaufen. Wenn der Strom an der Westseite nach Norden zurückfließt, konzentriert er sich auf einen schmalen Küstenstreifen. Er ist nicht viel breiter als 100 km, vergleichen mit dem etwa 5000 km breiten Atlantik. Durch diesen schmalen Streifen muss das Wasser wieder nach Norden zurück, das heißt, das Wasser muss 50-mal so schnell sein im nordwärtigen Teil wie im südwärtigen Teil, um den Ausgleich zu machen. Im Golfstrom herrscht ungefähr 5 m/s, das sind ungefähr 18 Stundenkilometer. 20 km/h. 

    Das Beständigste am Golfstrom ist seine ständige Veränderlichkeit. Er ist hochvariabel, er bildet Ringe, er fluktuier, er mäandriert. Und er ist jedes Jahr anders. Das ist das Normale. Jetzt hört man, der Golfstrom bricht zusammen. Das stimmt nicht. Ja, er bricht immer wieder zusammen und dann bildet er sich immer wieder neu. Er muss sich immer wieder neu bilden, der Mechanismus des Golfstroms ist so stark. Wenn die atmosphärische Zirkulation auch weiterhin die Aufgabe hat, das globale Windsystem aufrechtzuerhalten und dabei den Wärmetransport und den Drehimpulstransport und den Wassertransport in die hohen Breiten zu bewerkstelligen, dann muss das atlantische und das pazifische Stromsystem so funktionieren, dass dort immer dieser Linkswalzerimpuls aus der Atmosphäre in den Ozean hineingeht und dann ist der Golfstrommechanismus immer aktiv. 

    Das heißt, der Golfstrom kann nicht zusammenbrechen. Der Golfstrom wird sozusagen, wenn er mal schwächer geworden ist, ständig neu gebildet.

    Teil 5: Die Kälte der Tiefsee

    Als die Amerikaner in den 50er Jahren das Problem des radioaktiven Abfalls hatten, kamen sie auf die Idee, das am Meeresboden abzulagern. Da wurden Experten befragt, ob das gefährlich sei, weil man eigentlich der Meinung war, dass es in der Tiefsee überhaupt keine nennenswerten Stromgeschwindigkeiten mehr geben könnte. Und ich weiß, dass mein Lehrer Georg Wüst damals gewarnt hat und Stromgeschwindigkeiten in der Gegend von 10 cm pro Sekunde, das ist also eine ziemliche Schneckengeschwindigkeit, das sind so kleine Geschwindigkeiten, dass man die normalerweise nur dadurch messen kann, dass man dort Unterseeboote hinschickt. Die würde aber reichen, um radioaktiven Abfall, den man dort ablagert, im Laufe der Zeit dort wegzutragen. Daraufhin wurde dieses Projekt abgeblasen, und ich weiß noch, mit welchem Stolz Wüst die ersten direkten Strommessungen und Fotografieren von dem Meeresboden zeigte. Da gibt es nämlich Rippeln, die bilden sich erst bei mindestens 10 cm Stromgeschwindigkeit. Das war der Beweis, dass es am Meeresboden Wasserbewegungen gibt. Auf diese Weise ist verhindert worden, dass radioaktiver Abfall am Meeresboden abgelagert worden ist.

    Diese Strömungsgeschwindigkeiten in der Tiefsee: Es fließt vor allem das kalte Wasser unten zum Äquator hin. Woher kommt dieses kalte Wasser? Warum ist der Ozean unten überhaupt kalt. Das Innere des Meeres ist doch warm? 

    An der Oberfläche ist das tropische Wasser warm. Aber das Tiefenwasser ist kalt, ungefähr 4 Grad, 3 Grad, 1 Grad. Ganz kalt. Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Und es ist dadurch so, dass das kalte Wasser ständig durch arktisches und antarktisches eiskaltes Wasser gespeist wird. Das passiert auf der Nordhalbkugel, das in einem ganz schmalen Bereich durch die sogenannte Konvektion vor Labrador. In der Labradorsee befinden sich Areale, die sind im freien Ozean zum Teil nur 50 oder weniger km im Durchmesser, da ist das Wasser so kalt, durch Kälteausbrüche aus Kanada und der inneren Arktis, vor allem im Winter, da haben wir dort in der Luft Temperaturen von –20 Grad und weniger. Das Wasser wird abgekühlt und stürzt, weil es kalt ist, und damit schwer, an dieser Stelle im Ozean in die Tiefe und fällt auf 1000, 2000 Meter ab. Das ist eine Art kalter Wasserfall nach unten. Der jetzt am Meeresboden ankommt und sich dort in einem schmalen Strom entlang Amerika südwärts ausbreitet. Das fließt jetzt in Richtung zum Äquator und speist das gesamte ozeanische Tiefenwasser im Atlantik. Dieses kalte Wasser breitet sich nun dann aus, zum Äquator hin aus und wird dort wieder zurückgeführt und das gesamte ozeanische Stromsystem, das im Atlantik entwickelt ist, das im Pazifik entwickelt ist, im Indischen Ozean entwickelt, und das durch den entsprechenden Prozess vor Antarktika, wo es ebenfalls solche Konvektionszellen gibt, die kaltes Wasser nach unten führen und äquatorwärts führen, dieses gesamte ozeanische Stromsystem bezeichnet man als ein Förderbandsystem, die englische Fachbezeichnung ist „Conveyer Belt“. 

    Da geht es zu wie in einem Netzwerk, auf der Autobahn, einer Mischung aus hektischer Schnellbewegung und ganz ruhiger Bewegung dazwischen. Das Interessante ist, dass diese Tiefenzirkulation eigentlich im Wesentlich auf der deutsch-österreichischen Atlantik-Expedition mit dem Forschungsschiff und Vermessungsschiff Meteor 1925–1927 entdeckt wurde. Und das Verrückte ist, dass eben das Wasser nicht, wie man denken sollte, sich völlig gleichmäßig organisiert, sondern sich in starken Strömungen konzentriert. Und die Kräfte, die das bewirken sind immerfort am Werke. Wenn ein solcher Storm sich mal gebildet hat, bildet er sich immer wieder, auch wenn er mal zusammenbricht.


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    Filename: radio084_meeresstroemungen_5 Teil 5

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  • 083. Reise ins Pielachtal

    Das obere Pielachtal im niederösterreichischen Mostviertel ist eine alte landwirtschaftlich genutzte Kulturlandschaft. Heute ergeben sich mit der Wiederentdeckung des Dirndl-Strauchs und seiner roten Früchte Verbindungen zu Kräuterpädagogik und sanfter Naturvermittlung – zu modernen Ideen für nachhaltigen Tourismus. Eine Reise entlang der Mariazellerbahn.

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  • 081. Sternwarten in Wien

    081. Sternwarten in Wien

    Selten heben Menschen in den Städten ihre Augen höher als zu den höchsten Häuser. Wer aber als Stadtbesucher auch einmal zum Himmel sehen mag, kann dies in Wien an drei immer noch aktiven Sternwarten tun: in der Kuffner-Sternwarte, der Universitätssternwarte und in der Urania. Diese Sternwarten mit reicher Geschichte sind idyllisch in Parks gelegen, am Donaukanal, und bieten neben einem Blick zum Himmel – Lichtverschmutzung hin oder her – auch einen Blick zurück in eine Zeit, als astronomische Beobachtungen noch mitten in den Lebensärumen der Menschen gemacht wurden. Es sprechen: Günther Wuchterl, Kuffnersternwarte: Thomas Posch, Universitätsternwarte; Maria Firneis, Universitättsternwarte; Hermann Mucke, Astronomische Gesellschaft Wien

  • 080. Verwandlungskünstler Eis

    Eis existiert in 18 verschiedenen Formen. Gut erforscht sind davon nur das klassische Eis und der uns wohlbekannte Schnee. Alle anderen Formen festen Wassers finden sich teils auf dem Meeresgrund, teils im Weltall, und zum Großteil nur in den Labors der Forscher. Es sind nämlich extreme Druck- und Temperaturbedingungen, die die beteiligten Wassermoleküle zu den exotischeren Eissorten anordnen lassen. Der Chemiker Thomas Loerting von der Universität Innsbruck spricht über das Eis und seine vielfältigen Formen.

    Link: Teil 1 bis 5 in der Physikalischen Soiree 131

    Filename: phs131

  • 079. Falknerei

    Die Jagd mit Greifvögeln hat auch in Österreich reiche Tradition. Auch heute noch trainieren Jäger Geier, Adler, Falken, Uhu, Milan und Bussard, um sie als Jagdhelfer einzusetzen. In der Falknerei Obernberg am Inn werden die Tiere darüber hinaus für die Verwendung in Flugvorführungen ausgebildet. Noch im Ei findet die erste Prägung durch den Falkner statt, der mit den Jungvögeln spricht, sodass sie sich an seine Stimme gewöhnen. Sind sie erst geschlüpft, werden die Vögel von Hand aufgezogen. Das Training danach erfolgt ausschließlich durch Belohnung. Im Idealfall bilden Falkner und Greifvogel eine fein eingestellte Verbindung, die – die Rangordnung im Greifvogelteam genau beachtend – eine komplexe Vorführung erarbeitet und darstellt.

    Es spricht: Helmut Kotlik, Falknerei Burg Obernberg am Inn.

  • 078. Libeccio, Bora, Scirocco und Khamsin

    Durch die Kleinräumigkeit der Landschaft und großen Unterschieden in der Oberflächenbeschaffenheit entstehen im Mittelmeerraum viele unterschiedliche Windsysteme, die meist klingende und charakteristische Namen bekommen haben: Bora, Libeccio, Khamsin, Scirocco, Mistral, Levante, und viele weitere mehr. Mit den Winden verbunden sind Sonne oder Regen, oft Sturm oder Stille, Überschwemmungen und Trockenheit, eine erfrischende Seebrise oder eben auch drückende Schwüle. Die Winde des Mittelmeers sind Ausdruck eines auch im Jahreslauf vielfältigen Lebensraums.

  • 077. Weihnachten beim Landpfarrer

    Karl Burgstaller: Zum Heiligen Abend hin beginnen die Menschen ruhig zu werden. Besonders für viele Landpfarrer beginnt eine hektische Zeit. Durch den Priestermangel müssen mehrere Pfarren betreut werden, damit alle ihren persönlichen Weihnachtsgottesdienst erleben können. Die Weihnachtszeit ist anstrengend. Wann genau kommt nun Weihnachten zu einem Priester selbst?

    Filename: radio077_mom_landpfarrer

  • 076. Leben im All

    Es spricht: Heinz Oberhummer, Atominstitut der Österreichischen Universitäten: Bis vor einigen Jahren noch war die Suche nach Außerirdischen reine Spekulation und die Forschung darüber ganz und gar nicht wissenschaftlich. Heute können Astrophysiker und Astrobiologen hingegen schon gut abschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit es Leben außerhalb der Erde geben könnte. Der Astrophysiker Heinz Oberhummer spricht über Hypothesen, Bedingungen und Möglichkeiten der Existenz von Leben im Weltall.