Radio, Science, Education

Wien

Moment – Leben heute

  • 356. Hausarrest

    Manuskript

    SIGNATION “Wort der Woche”

    Der Hausarrest verbindet etwas Angenehmes – das Haus – mit etwas Unangenehmen – dem Arrest. Arrest, entstanden das Wort aus dem lateinischen restare – zurückbleiben, stillstehen; wir kennen auch arretieren, und das bedeutet: blockieren. Man wird zuhause blockiert. Das kennen einige von uns vielleicht aus den 1950er- und 60-er Jahren, wo das oft angewendet wurde, wenn Kinder etwas angestellt hatten. Keine Freunde treffen. Kein Badenfahren. “Ist das erlaubt”, fragen offenbar viele Kinder Google. Und die Antwort ist, ja, leider. Aber: einsperren dürfen die Eltern die Kinder dabei nicht, das wäre Freiheitsberaubung. Man kann die Kinder auch nicht der Schulpflicht entziehen. Langer Hausarrest gilt aber als eine sehr schwere Form der Strafe. Häufig wird auch Computer- oder Fernsehbenützung verboten. Wer übertreibt, gefährdet das Kindeswohl, und das ist sehr wohl verboten.

    Galileo Galilei wurde 1633 bis 1642 von der Inquisition unter Hausarrest gestellt, weil er die Sonne in den Mittelpunkt rückte. Das waren Vergehen. 9 Jahre dauerte dieser Hausarrest, der, so muss man sagen, nur durch Galileos Tod beendet wurden.

    International gibt es viele Beispiele von Menschen, die zuhause festgesetzt werden oder wurden.

    In Österreich aber ist Hausarrest im öffentlichen Recht durchaus ein geordneter Teil des Strafvollzugs. Seit 2010. Denn wer zuhause ist, hat Struktur. Er muss eine Arbeit haben.

    OT “Anstatt dass man in Haft ist, ist man im eigenen Zuhause und hat dann nur ganz bestimmte Zeiten, wo man die Unterkunft verlassen darf.”

    Miriam Zillner ist leitende Sozialarbeiterin im Verein Neustart, einer Organisation für Bewährungshilfe und Soziale Arbeit. Haftstrafen bis zu 12 Monaten dürfen in Österreich in Hausarrest umgewandelt werden. Im Durchschnitt sind es 3 Monate.

    OT “Es gibt Sonderzeiten wo man die Unterkunft verlassen darf. Man braucht eine Beschäftigung, eine Tagesstruktur, da darf man die Unterkunft verlassen. Und für Einkauf, Arztbesuche. Und Behördentermine.”

    Das Gefängnis zuhause ist ein Gefängnis im Kopf, sagt Miriam Zillner und berichtet von einem der ersten Häftlinge, der 2010 in den Hausarrest durfte.

    OT “Man ist eingesperrt, und er hat gesagt, nach ein paar Wochen hat er diese Fußfesseln nicht mehr gesehen, sondern er hatte das Gefängnis im Kopf sozusagen, weil er eben nicht raus darf aus der eigenen Wohnung.”

    Miriam Zillner berichtet von durchwegs positiven Erfahrungen. Die Betreuung ist das Um- und Auf. Man ist beim behördlich angeordneten Hausarrest mit elektronischer Überwachung nicht einfach nur zu Hause.

    OT “Es bringt aus unserer Sicht, aus unserer Erfahrung, dass die Personen, die die Haft auf diese Art verbüssen, dass Resozialisierung nicht notwendig ist, weil sie nie die Unterkunft und die Arbeit verlieren und so nie aus dem Umfeld herausgerissen werden und dadurch auch der Einstieg nicht wieder notwendig ist. Der zweite Grund ist, dass es eine extreme Voraussetzung an Struktur braucht. Die Personen müssen den ganzen Tagesablauf selbst strukturieren, haben da so etwas wie einen Wochenplan und müssen den einhalten. Und immer früh aufstehen, um in die Arbeit zu gehen zum Beispiel. Viele Personen haben das davor nie geschafft. Und das war dann oft das erste Mal, dass sie das über einen längeren Zeitraum geschafft haben.

    Strafen haben in unserer Gesellschaft eine Wandlung erlebt. Prügelstrafen wurden abgeschafft. In den 1970er Jahren prägte der ehemalige Justizminister Christian Broda den Begriff der „Gefängnislosen Gesellschaft“. Das Gefängnis aber gibt es nach wie vor. Es gibt hier den Begriff “Haftübel” das verspürt werden soll. Haftübel als Konsequenz eines strafrechtlich relevanten Verhaltens in der Vergangenheit. – Hausarrest unter kontrollierten Bedingungen, sagt Miriam Zillner vom Verein Neustart, das ist moderner Strafvollzug.

    OT “Dadurch dass die Personen eben nicht aus dem Umfeld herausgerissen werden, den Job nicht verlieren und die Wohnung nicht verlieren nämlich auch aus Sicht der Rückfallgefahr, ohne Arbeit und ohne Einkommen ohne Wohnen hat man eine höhere Rückfallgefahr, das sagen auch zahlreiche Studien und dadurch dass dieser Verlust nicht passiert, dass eben die Arbeit bleibt und auch bleiben muss, weil sonst verlieren sie den elektronisch überwachten Hausarrest, ist das ein großer Vorteil aus unserer Sicht, dass der elektronisch überwachte Hausarrest angewendet werden kann.”

  • 353. Endlager

    Umweltministerin Leonore Gewessler hat vor kurzem in einem Zeit-im-Bild-Interview an ein nationales Entsorgungsprogramm für radioaktiven Abfall erinnert. Auch in Österreich fällt nämlich radioaktiver Abfall an – durch Industrie und Medizin, oder bei der Dekontamination. Dazu wurde ein sogenannter Entsorgungsbeirat eingerichtet, für die Entsorgung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle. Er soll in den kommenden Jahren Vorschläge für ein Endlager in Österreich präsentieren.

    (more…)
  • 352. Randnotizen: Ruheabteil

    Ein Jahr haben wir nun unser Leben reduziert. Und jetzt: wir können uns wieder häufiger treffen. Alte Herausforderungen werden wieder aktuell. Neue entstehen. Beobachtungen aus dem Ruheabteil.

    (more…)
  • 351. Amtsmissbrauch

    Der Amtsmissbrauch ist keine Lappalie. Die staatliche Hoheitsgewalt wird ausgenutzt, um wissentlich jemanden zu schädigen. Amtsmissbrauch gehört zum Strafgesetzbuch, Amts-missbrauchs-träger werden bei Verurteilung nicht einfach getadelt, oder notfalls in ein hinteres Tal versetzt, sie werden de facto eingesperrt oder zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Rechtsstudium kommt das Thema durchaus am Anfang schon vor, es ist aber auch etwas für Spezialisten dabei.

    (more…)
  • 350. Taliban

    Die Taliban haben in Afghanistan eine dreitägige Feuerpause angekündigt – Anlässlich des muslimischen Festes Id al-Fitr, dem traditionellen Fastenbrechen nach dem Fastenmonat Ramadan.

    Die Bürger sollten das Fastenbrechen friedlich und sicher feiern können, teilte der Sprecher der Taliban, Mohammad Naeem am Montag per Tweet mit. Das Fest wird heute Mittwoch oder Donnerstag dieser Woche beginnen, je nach Sichtung des Mondes. Fast zeitgleich ereignete sich ein neuer blutiger Anschlag mit mehreren Toten.

    (more…)
  • 349. Munitionslager

    Tschechien hat vor kurzem 18 Mitarbeiter der russischen Botschaft in Prag ausgewiesen. Der Grund ist der Verdacht, dass die Offiziere von russischen Geheimdiensten GRU und SVR in zwei Explosionen in Munitionslagern im südmährischen Vrbetice 2014 verwickelt gewesen seien. Das teilte der tschechische Premier Andrej Babis und der Innenminister Jan Hamacek mit.

    Manuskript

    Es gibt Gegenden, in denen es nicht so leicht ist, Häuser zu verkaufen. Wen würden Sie als Nachbarn akzeptieren? Den botanischen Garten gerne. Die Autobahn wohl eher nicht. Wohnen unter einer Stromleitung, oder über einer Deponie. Natürlich nicht. Neben einem Munitionslager? Da kann man nur mit guter Aussicht punkten. In Österreich zum Beispiel in Stadl Paura, ein wunderschöner Wanderweg entlang der Traun – und plötzlich Zaun. Mit Stacheldraht. Warnschildern. Rostigen Ketten und schnell versperrt der Wald den Blick, wer nicht zur Traun hin schaut, sondern in das militärische Sperrgebiet hinein. Nur die Einheimischen wissen Bescheid. Die Zufahrt – eine Sackgasse ohne Anschrift. Das Navigationssystem zeigt einen grünen Wald mit Eisenbahnanschluss, verzweigten Wegen, Hütten.

    SCHNEIDEN MÖGLICH // Munitionslager haben immer die Schnittstelle zur Öffentlichkeit, die gut bewacht werden will. Und sei es durch Nicht darüber reden. //

    Damit dort alles mit rechten Dingen zugeht, gibt es einiges zu berücksichtigen. Festgehalten in Österreich im Munitionslagergesetz 2003 under der Munitionslagerverordnung 2006. Zur militärischen Munition zählen …

    ZITAT 1

    Munition für Pistolen und Maschinenpistolen, Gewehre und Karabiner, Maschinengewehre, Granatwerfer, Fliegerabwehrkanonen, Maschinenkanonen und Panzerabwehrkanonen, Panzerkanonen, Haubitzen und Kanonen, Raketenwerfer, Panzerabwehrrohre, Lenkwaffen, Bordkanonen und Raketen, Hand- und Gewehrgranaten, Minen, Spreng- und Zündmittel, Granatzünder, Signalmittel, Nebel-, Knall- Markiermittel, Übungsschießgeräte und Kleinkalibergewehre und Pulver, Ladungen und Zündeinrichtungen.

    Die Lagerung erfolgt …

    ZITAT 2

    oberirdisch, unterirdisch oder in Kombination.

    Und die Schutzabstände?

    ZITAT 4

    Die Schutzabstände sind nach folgender Formel zu ermitteln:
    S = 2,4 * Q hoch 1/3, wobei Q die Explosivstoff-Höchstbelagsmenge darstellt.

    Was ist das bloß für ein Geschäft. Einen Tag der offenen Tür wird es dort nicht geben.

    OT Kollmann 1 (00:06)

    *Munition wird intern in verschiedenen Gefahrenklassen abhängig bei ihrem Verhalten von Unfällen klassifiziert.*

    Brigadier Georg Kollmann leitet die Abteilung Waffensysteme und Munition. Er ist stellvertretender Leiter der Direktion Rüstung und Beschaffung im Bundesministerium für Landesverteidigung. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen die österreichischen Munitionslager.

    OT Kollmann 2 (00:19)

    *Wir haben also Munition, die sehr einfach ist, wie zum Beispiel eine Pistolenpatrone oder eine Sturmgewehrpatrone. Sollte hier irgendetwas passieren, dann detoniert höchstens die Packung mit 20, 30 Stück. Aber der Rest des Stapels, der traditionsgemäß bis zu einer Tonne betragen kann und mehr, würde hier nicht in Mitleidenschaft gezogen.*

    Am anderen Ende der Gefahrenskala wäre der Sprengstoff selbst.

    OT Kollmann 3
    *Würde ein Sprengstoff entsprechen umgesetzt so wird automatisch durch sogenannte Detonationsübertragung der gesamte Stapel in die Luft fliegen und würde würden die Abstände nicht eingehalten, auch Nachbarstapeln auch mit zur Detonation bringen. So käme es dann zu den großen Unfällen. Das kann in Österreich insofern nicht passieren, weil unsere Abstände entsprechend groß gewählt werden, wie auch andere handhabungsleichtere Munitionssorten als Trennfläche einlagern, unsere Bauten entsprechend berechnet sind, sodass im schlimmsten Fall bei einer oberirdischen Anlage das Dach der Anlage weggesprengt würde, aber im Endeffekt die Auswirkung auf Unbeteiligte und Bauwerke rundherum absolut verhindert wird.*

    Zu nahe darf man trotzdem nicht ranbauen, dafür sorgen die Raumordnungsgesetze – auch wenn die Lage zwischen Wald und Fluß noch so still und schön wäre.

    In Tschechien ist also 2014 ein Munitionslager explodiert. Das Problem ist nicht unbedingt die Explosion selbst, das große Problem sind die Dinge, die danach “undefiniert herumliegen”, so nennen es die Militärexperten, große Teile, kleine Teile, noch gefährlich, oder vielleicht auch nicht. Es wird Jahre dauern, es aufzuräumen. Das Gebiet ist unbrauchbar geworden.

    Ein eigener Abschnitt im österreichischen Munitionslagergesetz widmet sich den Entschädigungen. Wenn einmal etwas schiefgeht. Als dritter Punkt darin: Die Entschädigung ist in Geld zu leisten,

    ZITAT 5

    auszuzahlen spätestens drei Monate nach Rechtskraft der die Entschädigung feststellenden gerichtlichen Entscheidung.

  • 344. Diversität

    Vergangenes Wochenende wurden die Golden Globes verliehen, Preise für die besten Filme und Fernsehsendungen. Für die besten Schauspieler, die beste Regie. Die beste Serie. Die Vergabe bestimmt eine Gruppe rund 100 internationalen Journalisten, die in Hollywood arbeiten. Und bei dieser 78. Verleihung viel es auf, dass die schwarze Community unter den Abgesandten der internationalen Medienwelt in Los Angeles nicht repräsentiert ist. Die Schauspielerin Jane Fonda erhielt einen Preis für ihr Lebenswerk. “Lasst uns das Zelt größer machen”, sagte Fonda in ihrer Rede. Die Diversität sollte in Hollywood, im Zentrum der amerikanischen Erzählindustrie, doch größer sein.

    (more…)
  • 340. Appell

    “Appelle haben nicht geholfen”, meinte gestern der deutsche SPD Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach. “Ohne den schnellen Teil-Shutdown droht uns ein längerer Voll-Lockdown nur wenige Wochen später. Jetzt können wir noch ein relativ normales Weihnachten und bis dahin offene Schulen retten.” Das gilt für Deutschland. Aber analog meint das offizielle Österreich das selbe: Der Halloween-Appell von Gesundheitsminister Anschober. Der Allerheiligen-Appell von Bundeskanzler Kurz. “Es darf nicht die Post abgehen”, so Anschober. Keinen Blödsinn machen. Und zuhause zu bleiben. Appell.

    (more…)
  • 333. IIllusionen

    Wortspiele mit dem Begriff “Illusion”

    Filename: radio333_mom_illusionen Beitrag

    Filename: radio333_mom_illusionen


    Manuskript

    SIGNATION

    Einige offene Fragen haben sich in den letzten Tagen in meine Tagträume geschlichen…

    Wenn jemand eine gute Tat macht, ist er dann ein guter Täter?

    Ein Anderer ist ein Attentäter. Was oder wo, um alles in der Welt, ist Atten?

    Wenn jemand ein sympathischer Mensch ist, wo ist dann der Schwerpunkt seiner Sympathie? In seiner Mitte? Am Kopf, im Kopf, oder zwischen den Schultern?

    Es gibt WCs für Frauen und für Männer. In Finnland, Schweden, und Norwegen nicht. Wer hat die WCs jemals getrennt? Aus welchem Grund? Und was hat sich verändert, dass in Skandinavien diese Trennung wieder aufgehoben wurde?

    Im Verkehrsdienst gehört: “Achtung: Zwischen … und … liegt ein toter Greifvogel auf der linken Spur. Fahren Sie bitte vorsichtig.” – Warum?

    TRENNER

    Aus der Liste der Sätze, die man vermutlich noch nie gehört hat, und auch nie hören wird:

    Sie hat ihm nicht nur Sand in die Augen gestreut.

    Schraube bitte eine neue Glühbirne raus.

    Dreh den Fernseher um!

    Geh mir in den Weg!

    Könnten Sie bitte etwas schneller sprechen?

    Wir müssen Ihnen hier einige Missverständnisse in den Weg räumen.

    Und Sätze, die man häufiger hört, und ungefähr gleichhäufig sogar:

    Der Deckel passt!

    Der Deckel passt nicht!

    Der Deckel passt fast!

    TRENNER

    Manche Wörter liegen so nah nebeneinander. Asymptotisch und asymptomatisch, das hört man ja gerade öfter, aber auch Statiker, Statistiker, Stator und Statist – da liegen Welten dazwischen.

    Der eine untersucht die Verteilung der Kräfte im Gebäude, der andere die Zahlen, der dritte ist der feste Teil im Motor, und  viele vom Vierten werden gerade am neuen Flughafen in Berlin gebraucht, um auszuprobieren, ob man von dort fortfliegen kann, wenn er dann bald eröffnet wird.

    Sie erlauben bitte die folgende Spielerei:

    Ich bin in eine Illusion getreten.

    Sie lässt wieder ihre lllusionen zum Fenster raushängen.

    Die gröbsten Illusionen hat er leider noch vor sich.

    Zuviel Illusionade getrunken.

    Er hat die ganze Zeit Illusionetten gemampft.

    Oh, was sind Sie von Beruf? Illusionatiker.

    Ach, ich dachte er sei Illusionateur.

    Eine illusionistische Haltung wäre nur absolut verfehlt.

    Da liegt ein Illusionasmus vor.

    Illusiotrop in alle Richtungen!

    Der Arme, er illusioniert wieder.

    Da müssen wir aber jetzt noch einmal drüberillusionieren.

    Gib noch etwas Illusionat rein!

    Diese Angelegenheit erfordert eine sofortige Illusionaton.

    Sie hat sich wiederholt illusioniert.

    Die Sache geht leider in die nächste Illusionanz.

    Ach ist der Kleine süß… Ja, er heißt Illusius!

    Machen Sie sich hier mal lieber Illusionen.

    Wir sind hier von einer illusionistischen Umzäunung umgeben. Nicht zu überwinden.

    Ja, sie muss endlich ihre Illusionen unter Kontrolle kriegen.

    An der dritten Illusion rechts abbiegen. Nein, Sie müssen erst über die anderen beiden Illusionen drüber und dann rechts.

    … illusionierend, illusioniert, illusioniebig, illusionistisch, illusionativ, illusionesk, illusionod, illusionarisch, illusional, illusiotiv, illusionamisch, illusionastisch. Illusionell! Das Illusionat, neoillusionistisch. Illusionale. Illusionengler & Illusioniker. Illusionator. Illusionateur. Illusionationszeit. Illusionatik.  Illusiopädie. Illusionasmus, llusionismus; Illusionen. Illusion. Genug.

    Im Lexikon steht übrigens: Illusion: beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung, wie auch immer, ich mag sie in gewisser Weise, die Illusionen. Man sollte nicht davon abhängen, aber so wie Gewürze auch, sie machen das Leben dann doch ganz interessant.

  • 326. Von der Gegenwart

    Wie viel Vergangenheit begegnet Ihnen in der Gegenwart und was bedeutet das für die Zukunft? Über die Zeitformen.

    In der Gegenwart sollst du leben. Sagen angeblich die Buddhisten. Und die Leute vom Online-Yoga. Ich höre da immer zu, im Halbschlaf, wenn meine Lebensgefährtin ihre Morgenübungen macht. Ist sie fertig, bin ich ausgeschlafen. Lebe den Moment. So kann es losgehen.

    Bemüh dich um das Paradies, sagen die Andersgläubigen hingegen. Und das liegt vor dir – mehr oder weniger weit in der Zukunft. Auch ein Konzept, ich kenn das von der Sonntagsmesse.

    Alles nichts, wir schwören auf die Vergangenheit, sagen die Ewiggestrigen. Und es ist nicht so klar, was an den zerbombten Resultaten so schön war, dass man sie wieder haben wollte. Aber solche Leute reden ja über die Zukunft. Gut, das taten die damals auch.

    3 Sekunden dauert für uns das „jetzt“, das weiss die Wissenschaft. Drei Sekunden, die wir als Mensch als „jetzt“ erleben. Geräusche spielen sich üblicherweise in diesen drei Sekunden ab. Da baucht man schon ein bisschen Erinnerung, weil sie so schnell verschwinden. Es ist ein hübsches Wechselspiel dieser 3 Sekunden Gegenwart, finde ich, mit dem was war, und dem was wird. Erinnerungen versus Ideen, und warum ich das alles erzähle, weil ich gerade eine neue Sprache lerne, Spanisch.

    So kannst du die Welt ganz neu entdecken. Stück für Stück eignet man sich die Begriffe an, zuerst für die Dinge. Personen, die Länder, dann für die Mengen. Für den Besitz. Für Gefühle, Geschmäcker, Farben und Zahlen. Es ist eine neu beschriebene Welt, die hier entsteht. Die wiederersteht eigentlich. Mit neuer Sprache. Dazu kommen die Verben. Zuerst in der Gegenwart. Ich gehe zur Universität. Ich esse den Apfel. Mein Sohn trinkt die Milch. Da glaubt man dann, das war’s dann schon. Jetzt kann ich Spanisch. Aber dann: voy a comer. Ich werde essen. Die Zukunft geht auf. Ab jetzt gibt es eine Möglichkeit, mit der man beschreiben kann, was sein wird. Unfassbar, wer sich das einfallen hat lassen. Großartig. Heute schon von morgen sprechen. Das kann was. Und mehr braucht es nicht, könnte man auch hier wieder meinen. Da kommt der Spanischlehrer Antonio, der Bilder malt – besonders gern in rot – und er sagt: zwei Formen der Vergangenheit wären als Nächstes dran.

    Langeweile breitet sich aus. Wer würde über das sprechen wollen, was war? Ich war einkaufen. Ja eh. Und? Ich habe mir gedacht, dass – natürlich, aber was denkst du jetzt? Ich kaufte die Äpfel. Hier sind sie, ich sehe sie.

    Warum sollte ich über die Vergangenheit reden, wenn ich lebensmäßig da bin, hier, und lebenstechnisch ohnehin nur in die Zukunft gehe? Auf der anderen Seite: hast du das Bügeleisen ausgeschaltet – eine abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit mit Konsequenzen für jetzt, und sicher auch später.

    So klar ist es also doch nicht, wie viel Vergangenheit sinnvoll ist für die Gegenwart und Zukunft. Abschaffen sollte man die Vergangenheit wohl nicht.

    TRENNER

    Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie das folgende Geräusch schon einmal gehört haben. (GERÄUSCH) Und es ist durchaus personenabhängig. (GERÄUSCH). So klingt es beim Geduldigen, und so beim Ungeduldigen, oder bei dem, der wenig Zeit dafür verwenden will. (GERÄUSCH) Der Zaghafte, es könnte auch der Sparsame sein. Wie auch immer, was ist das für ein Geräusch?

    Sie kennen es bestimmt, wenn man nämlich mehr von seinem Hintergrund dazu noch hört (ATMO), in der Eisenbahn, in der Österreichischen, Deutschen und wahrscheinlich auch in der Schweizer Eisenbahn hat oder hatte dieses Geräusch seinen Lebensraum, und zwar im WC. Es ist der Trockenseifenspender. Das war nämlich jenes Gerät, das unten so einen igelhaften Kreis hatte, mit drei um 120 Grad versetzten Stacheln, die man mit den Fingern fassen oder nur mit den Knöcheln anschieben und drehen konnte, und es wurde dabei die Seife, die trockene Seife auf die Hand gerieben. Wenn dann kein Wasser da war, weil es schon aus war, konnte man sich die Seife (ATMO) runterklopfen. Heute ist es ja so, dass mit Flüssigseife das Problem besteht, wenn das Wasser aus ist, haben wir die Seife flüssig in der Hand, was soll man tun. Ja, früher war doch manches besser… Jetzt habe ich doch über die Vergangenheit geschwärmt. Ich weiß nicht, ob es Trockenseifenspender noch in den modernen Eisenbahnwaggons gibt, man kann aber diesen Spender im Internet sehr wohl leicht finden. Ich habe mir einen schicken lassen, mit einem Karton voller Seife, und habe das im Bad installiert und gehe jetzt beim Händewaschen auch in Zukunft wieder so gut wie auf die Reise.