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Wien

Vom Leben der Natur

  • 341. Der Fadenwurm

    Der Nervennetz des Fadenwurms: Der Neurobiologe Manuel Zimmer spricht über Caenorhabditis elegans, einen der wichtigsten Modellorganismen der Biologie. Abgekürzt wird dieser Fadenwurm „C-elegans“ genannt.

    Caenorhabditis elegans, der Fadenwurm, ist neben der Fruchtfliege (Genetik) und der Acker-Schmalwand (Botanik) einer der wichtigsten Modellorganismen der Biologie. Er ist klein, durchsichtig, genügsam und braucht für seine Entwicklung nur 3 Tage. Das ist aber noch nicht alles. Jeder Wurm hat die gleiche Anzahl an Zellen – etwas über 1000 – und die gleiche Anzahl an Nervenzellen – etwas über 300. Jede dieser Zellen hat eine eigene Bezeichnung und kann so zunächst kartiert – das ist noch zum Ende des 20. Jahrthunderts passiert – und auf ihre Verbindungen untersucht werden – das ist jetzt Gegenstand der Forschung.

    Einerseits geht es bei den wissenschaftlichen Untersuchungen derzeit um Fragen zum programmierten Zelltod. Während der Entwicklung eines Fadenwurms sterben einige Zellen geplanterweise zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt wieder ab. Das ist für die Krebsforschung vom Interesse. Bei Krebs gibt es Störungen beim programmierten Zelltod, die Krebszellen vermehren sich unkontrolliert. Andererseits sind besonders die Nervenzellen des Fadenwurms für Neurowissenschaftler interessant. Sie können deren Aktivität durch genetische Tricks sichtbar machen. Ist ein Neuron aktiv, flackert es im Mikroskop auf. Der Fadenwurm leuchtet beim „denken“.

    So wird es möglich, das Verhalten zu untersuchen, und zwar auf neuronaler und genetischer Basis. Was im Wurm ist wofür zuständig? Auch Schlaf-Forschung wird auf zellulärer Ebene möglich. Wenn sich ein Fadenwurm schlafen legt, kündigen das seine Neuronen im Vorfeld an.

    (more…)
  • 327. Pflanzensammlungen

    Sammeln, zeigen, schützen, kultivieren.

    Friedrich Schwarz vom Botanischen Garten Linz spricht über die Bedeutung von Pflanzensammlungen.
    Gestaltung: Lothar Bodingbauer

    Botanische Gärten vereinen weltweit mehrere Ebenen der Funktion. Für Besucher/innen sind es Orte der Erholung, Entspannung und Weiterbildung. In den Sammlungen wird die Vielfalt der Flora gezeigt, und in thematisch spezialisierten Ausstellungen wird der Fokus auf besondere Aspekte gelegt.

    Es gibt dazu immer auch ein wissenschaftliches Interesse für die lebendigen Objekte der Sammlungen – seien es Kakteen, Orchideen, Rosen oder Bäume. Die vielen Objekte – Arten – werden am Leben erhalten, sie werden über Samen und Stecklinge vermehrt, sie werden aber auch über ein weltweites Netzwerk botanischer Gärten ausgetauscht.

    Viele Objekte stammen aus einer Zeit, da es noch Expeditionen in andere Länder gab, Sammlungsfahrten, bei denen pflanzliches Material “nach Hause” gebracht wurde. Doch diese Zeit ist vorbei. Es gibt strenge Auflagen, weder Pflanzen noch Samen noch das Wissen über sie einfach außer Landes zu bringen.

    GESPRÄCHSPARTNER:

    Dr. Friedrich Schwarz
    Magistrat der Landeshauptstadt Linz, Stadtgrün und Straßenbetreuung
    Abteilungsleiter Botanischer Garten und Naturkundliche Station


    Teil 1: Netzwerke des Austauschs (Filename: radio327_pflanzensammlungen_1 mp3)

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    Teil 2: Anzucht und Beschriftung (Filename: radio327_pflanzensammlungen_2 mp3)

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    Teil 3: Beschränkungen bei der Einfuhr (Filename: radio327_pflanzensammlungen_3 mp3)

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    Teil 4: Gewächse hinter den Kulissen (Filename: radio327_pflanzensammlungen_4 mp3)

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    Teil 5: Management des Wissens (Filename: radio327_pflanzensammlungen_5 mp3)

    Filename: radio327_pflanzensammlungen_5


  • 324. Der Waldrapp

    324. Der Waldrapp

    18. bis 22. Mai 2020

    Die letzte Möglichkeit, den Waldrapp in Österreich in freier Wildbahn zu sehen, war vor mehr als 300 Jahren. Der etwa krähengroße Vogel, schwarz, schillernd, kahl am Kopf, mit langem rotem Schnabel ist seither ausgestorben. Aber in Marokko gibt es eine Gruppe von 700 Individuen, denen es gut geht, wenn ihre Lebensbedingungen geschützt, geschätzt und gepflegt werden. Waldrappe leben gerne in Gruppen, sie sind äußerst sozial, durchaus scheu, sie lieben Wiesen und sind dann tatsächlich weniger im Wald zu finden, als in der Steppe. Wenn sie nass werden, werden sie zur Beute für Greifvögel, denn ihr Gefieder hat keine wasserabweisenden Fähigkeiten.

    In Österreich sind Waldrappe schon heute im Cumberland Tierpark in Grünau im Almtal zu beobachten. Eine wissenschaftliche Gruppe an der dort angesiedelten Konrad Lorenz Forschungsstelle – das “Waldrappteam” – erforscht ihre Lebensweise, ihr soziales Verhalten samt einer durchaus seltsam anmutenden Art, mit drei verschiedenen Arten von Lautäußerungen zu kommunizieren. Das “Huch” etwa – und es klingt bei Waldrappen genau so, wie man es schreibt, verwenden sie, wenn sie interessante Partner:innen treffen, aber auch wenn Gefahr droht. Hier gilt es also fein zu unterscheiden.

    Wer Waldrappe in Österreich wieder ansiedeln will, muss sich auch darum kümmern, dass sie im Winter verlässlich in den Süden fliegen. Da sie das nicht können, wenn sie aus Marokko stammen, muss man es ihnen lernen. Das Waldrappteam fliegt mit Leichtflugzeugen voraus, ruft “Waldies, kommt” und so geht es gemeinsam nach Italien – mit Pausen. Einmal die Route gelernt, können sie dann selbst zurückfliegen und den Kurs an zukünftige Generationen selbst weitergeben.

    Interviewpartnerin:

    Verena Pühringer-Sturmayr, MSc
    Konrad Lorenz Forschungsstelle
    Fischerau 11
    4645 Grünau im Almtal

    https://klf.univie.ac.at/de/forschung/modellarten/waldrappe/


    Foto: Verena Pühringer-Sturmayr

  • 308a. Lichtbilder des Universums

    Link zur Sendung

    Der Astronom Stefan Meingast von der Universitätssternwarte Wien spricht über die Astrofotografie.

    Wer den Himmel fotografieren will, muss sich mit einigen Problemen auseinandersetzen, die es zu lösen gilt, um ebenso schöne farb- und formenreiche Bilder vom Nachthimmel zu erhalten, die wir aus der professionellen Astrofotografie kennen.

    Erstens sind die Objekte weit weg. Wir müssen vergrößern, um sie fotografieren zu können. Zweitens sind die Objekte lichtschwach. Wir müssen Licht über längere Zeit sammeln, um sie heller abzubilden, als sie am Himmel erscheinen. Drittens verhindert die Erddrehung, dass sie in dieser Zeit scharf abgebildet werden. Wir müssen das Fernrohr der scheinbaren Bewegung der Sterne nachführen, um immer dieselbe Stelle der Aufnahme zu belichten. Und viertens verhindern die Lichter der Stadt, dass die feinen Lichter der Planeten, Sterne und Galaxien überhaupt erst sichtbar werden.

    Es gibt Objekte am Himmel, die trotzdem fotografiert werden können, auch wenn man nicht alle Probleme lösen kann: Der Mond ist nahe, groß und lichtstark, nahe Planeten und Galaxien können auch schon mit leichten Vergrößerungen gut sichtbar gemacht werden, ausgedehnte Gasnebel zum Beispiel im Sternbild des Orions werden auch schon durch kürzere Belichtungszeiten am Foto sichtbarerer, als sie es für das freie Auge je sind.

    Für die professionelle Astrofotografie geben die Bilder des nahen und fernen Universums Hinweise auf seine Entwicklung. Wie entstehen Sterne? Welche Prozesse sind beteiligt? Wie ist das Universum entstanden und wie ist es heute aufgebaut? Die Bilder ermöglichen das Kennenlernen von Gegenden, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, da das Licht oft lange Zeit unterwegs war, bis es die Linsen der Kameras erreichte.

    Service
    GESPRÄCHSPARTNER:

    Dr. Stefan Meingast, Bakk. MSc.
    Universität Wien
    Institut für Astrophysik


    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_1 Teil 1 : Leuchtende Wolken

    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_1


    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_2 Teil 2 : Ruhe und Bewegung

    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_2


    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_3 Teil 3 : Aufschlussreiche Strukturen

    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_3


    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_4 Teil 4 : Blicke in die Vergangenheit

    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_4


    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_5 Teil 5 : Heimatgalaxie Milchstraße

    Filename: radio308a_nat_lichtbilderdesuniversums_5

  • 301. Wechselkröte

    301. Wechselkröte

    Zwischen Land und Wasser. Der Biologe Werner Kammel aus Wildon spricht über die Wechselkröte.
    Link zur Sendung

    Die Wechselkröte hat ihren Namen von ihrer weiß-grün gefleckten Haut, ein Muster das aussieht wie bei einem militärischen Tarnanzug. Wie andere heimische Krötenarten lebt sie gleichermaßen an Land wie auch im Wasser. Erkennbar sind ihre Eier in Pfützen und Tümpeln, weil sie in sogenannten Laichschnüren aneinanderhängen.

    Der Misserfolg bei der Fortpflanzung ist durchaus einkalkuliert. Oft trocknen die Tümpel aus, bevor sich die Kaulquappen zu fertigen Kröten entwickelt haben. Da die Wechselkröte aber bis zu 30 Jahre alt wird, ist es nicht notwendig, dass jede Eiablage auch erfolgreich sein muss.

    Was die Wechselkröte auf die Liste der bedrohten Arten setzt ist das Verschwinden der Lebensräume. Es sind in unseren stark bewirtschafteten Kulturräumen oft die verlassenen Plätze, die sie nutzt. Schottergruben, deren Böden oft von Baggern oder LKW verdichtet werden – dort hält sich das Wasser, das sie braucht. Oder Rückhaltebecken in Gewerbegebieten, die angelegt werden, damit es bei Regenfällen nicht zu Überschwemmungen kommt.

    Interviewpartner:

    Mag. Dr. Werner Kammel
    Technisches Büro für Biologie
    Wildon, Steiermark

    http://www.wernerkammel.at

    Foto: Werner Kammel


    1. Kaulquappen in der Schottergrube (Filename: radio301_nat_wechselkroete_1 mp3)

    Filename: radio301_nat_wechselkroete_1


    2. Vergessene Teiche (Filename: radio301_nat_wechselkroete_2 mp3)

    Filename: radio301_nat_wechselkroete_2


    3. Rückhaltebecken am Kreisverkehr (Filename: radio301_nat_wechselkroete_3 mp3)

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    4. Auland zwischen Autobahnen (Filename: radio301_nat_wechselkroete_4 mp3)

    Filename: radio301_nat_wechselkroete_4


    5. Begehrte Beute (Filename: radio301_nat_wechselkroete_5 mp3)

    Filename: radio301_nat_wechselkroete_5


  • 284. Gackern, scharren, Eierlegen

    Eine traditionsreiche Nutztierrasse. Die Biologin Irene Hochrathner über das Altsteirer Huhn.

    Link zum Programm

    Haushühner stammen aus dem chinesischen Raum, sie wurden bereits vor 4000 Jahren domestiziert. Sie kamen durch Phönizier, Griechen und Römer nach Europa. Bei uns haben sich in ländlichen Gebieten je nach Gegend individuelle Rassen weiterentwickelt, die zunehmend wiederentdeckt werden.

    Das Altsteirer Huhn, das Sulmtaler Huhn und das Nackthalshuhn sind drei österreichische Hühnerrassen, die als gefährdet gelten. Besonders das Altsteirer Huhn wird zunehmend in bäuerlichen Kleinbetrieben wiederentdeckt, da es als besonders stabile, wetterfeste und krankheitsresistente Rasse gilt. Es ist die Zweifachnutzung, für die die Tiere gehalten werden, für Eier und Fleisch gleichermaßen.

    Hybridrassen im Gegensatz dazu werden in der modernen Hühnerzucht spezialisiert gezüchtet: entweder als Mast- oder Legehennen. Im Vergleich zu Hybridhühnern legen die Altsteirer Hühner zwar weniger Eier, dafür aber bis ins hohe Alter.

    INTERVIEWPARTNERIN:

    Dr. Irene Hochrathner
    Spartenbetreuerin bei Arche-Austria (Verein zur Erhaltung seltener Nutztierrassen)
    COO Orchis


    Teil 1: Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_1 Asiatische Urahnen (mp3)

    Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_1


    Teil 2: Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_2 Eierlegen bis ins hohe Alter (mp3)

    Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_2


    Teil 3: Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_3 Ein Huhn wie aus dem Bilderbuch (mp3)

    Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_3


    Teil 4: Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_4 Schlafplätze und Hackordnung (mp3)

    Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_4


    Teil 5: Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_5 Wiederentdeckte Haltung (mp3)

    Filename: radio284_nat_altsteirerhuhn_5

  • 264. Schmelzendes Eis und steigende Meere

    Die Ozeanografin Kristin Richter spricht über menschgemachte und natürliche Gründe, die dazu geführt haben, dass die weltweiten Meeresspiegel im 20. Jahrhundert im Schnitt um 17 cm gestiegen sind.

    Link zur Sendung

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_1 Teil 1: Globale Verbindungen

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_1

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_2 Teil 2: Eisschilde als Wasserspeicher

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_2

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_3 Teil 3: Die Ursachen der Unterschiede

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_3

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_4 Teil 4: Kontinuierliche Messungen

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_4

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_5 Teil 5: Praktische Anwendungen

    Filename: radio264_nat_meeresspiegel_5

    Inhalt

    Teil 1

    Beim Meeresspiegel denken wir oft einfach daran, wo trifft das Meer auf das Land. Diese Linie verändert sich durch Gezeiten, durch Sturmfluten, auch durch Klimaveränderungen. Die langfristige Veränderung des Meeresspiegels muss uns lokal nicht unbedingt auffallen, denn durch Gezeiten etc. gibt es große Unterschiede.

    Global gleichen sich die kleinräumigen Schwankungen aber aus, wenn man die Meeresspiegel über alle Ozeane mittelt. Das heißt, dass man sehr gut sehen kann, das sich der Meeresspiegel auch global gesehen langfristig ändert, er steigt langsam an.

    Zum einen durch die Ausdehnung des Meerwassers. Wenn sich Wasser erwärmt, dehnt es sich aus. Das Zweite ist, dass durch das Abschmelzen der Gletscher und Eisschilde dem Meer zusätzlich Wasser in Form des Schmelzwassers zugeführt wird. Abschmelzende Gletscher und Erwärmung des Wassers sind ungefähr zu gleichen Teilen für den Anstieg verantwortlich.

    In den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel global um etwa 15 cm gestiegen. Zu gleichen Teilen haben die Erwärmung des Meerwassers und Abschmelzen der Gletscher beigetragen. Es gibt aber noch kleinere Beispiele, zum Beispiel, dass der Mensch Dämme baut. Meer, das ins Wasser fließen würde, wird am Land zurückgehalten. Ein kleiner Faktor, der zu einer Absenkung des Meeresspiegels führts. Weitere Prozesse aber, zum Beispiel Entnahme von Grundwasser für Bewässerung oder Trinkwasser etc. Das ist ein positiver Beitrag zum Meeresspiegelanstieg, denn dieses Grundwasser, das eigentlich an Land gespeichert ist, wird letztendlich dem Meer zugeführt. Wir unterbrechen da sozusagen den natürlichen Wasserkreislauf. Das sind relativ kleine Beiträge, die zur Veränderung des Meeresspiegels beitragen.

    Ich rede immer vom globalen Meeresspiegelanstieg. Damit kann der Küstenbewohner relativ wenig anfangen. Lokal kann dieser Anstieg sehr unterschiedlich ausfallen. Das hängt damit zusammen, dass sich Windsysteme verändern, Winde können Wasser im Meer hin -und hertransportieren, das ist ein großer Effekt. Beim Abschmelzen von Gletschern, dieses Schmelzwasser verteilt sich nicht gleichmäßig im Ozean, da gibt es große Unterschiede, und da gibt es natürliche Veränderungen im Meeresspiegel, die lokal sehr groß sein können, etwa El Niño, ein natürliches Klimaphänomen, das unter anderem auch mit Veränderung im Meeresspiegel einhergehen kann.

    Wenn nun irgendwo sagen wir an der Küste Westamerikas absinkt, dann kann es sein, dass er an der Küste Ostasiens zunimmt. Man kann sich das ein wenig wie in der Badewanne vorstellen, wo das Wasser hin- und herschwappt. Auf der einen Stelle schwappt es nach oben, an der anderen unten. Wenn wir über die ganze Badewanne mitteln, gibt es keinen Unterschied. Wenn wir beim Bild der Badewanne bleiben, ist durch die globale Erwärmung der Wasserhahn immer ein bisschen offen, das heißt, es tröpfelt immer ein klein wenig Wasser in die Badewanne. Wenn nun das Wasser wirklich an beiden Seiten sehr viel hin- und herschwappt, fällt uns das nicht unbedingt sofort auf. Gerade wenn wir uns nur eine Seite der Badewanne anschauen, durch das Schwappen haben wir so große Unterschiede im Wasserstand, dass ein paar Millimeter durch den tropfenden Wasserhahn nicht unbedingt auffallen, wenn wir aber beide Seiten der Badewanne anschauen, mitteln sich diese Schwankungen heraus, aber dieses Tröpfeln kommt dann plötzlich zum Vorschein. Dann sehen wir, oh, der Wasserstand in der Badewanne steigt langsam an. So kann man das auch auf die Weltmeere übertragen.

    Zusammenfassend kann man sagen, es tröpfelt, und wenn es vielleicht auch lokal nicht so sehr auffällt, steigt der globale Meeresspiegel. Und dann kann es dazu kommen, dass es in der Badewanne auf der einen Seite plötzlich überschwappt, was vorher nicht passiert ist, und das wäre schon eine Auswirkung des Meeresspiegelanstiegs, dass gerade extreme Wasserstände dann einfach häufiger auftreten und vielleicht auch zu größeren Schäden führen.

    Teil 2

    Ein wichtiger Beitrag zum Anstieg der Meere ist das Abschmelzen von Eis. Es gibt im Klimasystem verschiedene Arten von Eis. Zum einen das Meereis in der Arktis, der Nordpol. Man muss aber aufpassen, dass das Meereis schon im Wasser schmilzt im Ozean. Das heißt, wenn das Meereis schmilzt, und das tut es, trägt es nicht zum Meeresspiegelanteil bei. Es schwimmt bereits im Wasser, ob es das in fester oder flüssiger Form tut, ist nicht so wichtig.

    Es gibt aber auch Eis in Form von Gletschern, besonders in den Alpen, es gibt aber auch wirklich sehr große Gletscher auch in Alaska, Kanada, Sibirien, im Himalaya und so weiter. Und dann gibt es die großen Eisschilde. Und der Unterschied ist, das sind kilometerdicke Eispanzer, die sich zum einen auf Grönland befinden, auf der Insel Grönland, und in der Antarktis, auf der antarktischen Insel.

    Wie viel Wasser ist jetzt in diesem Landeis gespeichert? Da haben wir zum einen die Gletscher. Wenn man alle Gletscher der Welt schmelzen würde, würde der Meeresspiegel um weniger als einen halben Meter steigen. Das ist jetzt nicht wenig. Die österreichischen Gletscher sind für die Alpen als Ökosystem sehr wichtig, für den Tourismus, zum Meeresspiegelanstieg tragen sie weniger als 1 mm bei. Für den Meeresspiegel sind sie völlig unwichtig, dafür sind sie einfach zu klein.

    Würde der grönländische Eisschild schmelzen, würde der Meeresspiegel 5-6 m steigen.

    Wenn man das ganze antarktische Eisschild schmelzen würde, würde der Meeresspiegel um 60 m steigen. Das ist unglaublich viel Eis, das auf den Eisschilden auf Grönland und auf Antarktis gespeichert ist, in den Gletschern relativ wenig.

    Im letzten Jahrhundert haben aber hauptsächlich die Gletscher zum Meeresspiegelanstieg beitragen. Man darf sie auf keinen Fall vernachlässigen, da sie kleiner sind können sie schneller auf Klimaveränderungen reagieren. Den gesamten grönländischen Eispanzer kann man jetzt nicht in 100, 200 und 300 Jahren schmelzen können, das dauert tausende von Jahren, auch in der Antarktis Trotzdem kann in den nächsten Jahrzehnten, Jahrhundert, kann der Verlust von Eis sehr stark zum Meeresspiegelanstieg beitragen.

    Das Spezielle daran, das Eis schmilzt, dass es die Massenverteilung ändert. Das heißt, zunächst haben wir, nehmen wir das Beispiel Grönland. Wir haben unglaublich viel Eis, damit haben wir Masse auf den grönländischen Inseln. Das ist ein Eispanzer, der mehrere Kilometer dick ist. Die Verteilung der Masse auf der Erde beeinflusst auch das Schwerefeld, das Gravitationsfeld der Erde. Dadurch dass Masse verloren geht von Grönland, ändert sich auch das Schwerefeld der Erde. Grönland hat eine große Masse, deshalb auch eine große Anziehungskraft auf alles drumherum, auch auf die Wasseroberfläche, die sich frei bewegen kann, das Land kann das nicht. Durch die größere Anziehungskraft von Grönland bewegt sich das Wasser leicht auf Grönland zu. Es wird durch Grönland angezogen. Dadurch, dass Grönland an Masse verliert, sinkt die Anziehungskraft. Es zieht weniger Wasser an, es bewegt sich in entferntere Gegenden von Grönland weg. Das heißt, es ist nicht intuitiv, wenn Grönland an Masse verliert, wenn Eis schmilzt in Grönland, sinkt auch der Meeresspiegel um Grönland herum, denn durch die verminderte Anziehungskraft bewegt sich das Wasser in andere Gegenden.

    Norwegen ist zum Beispiel nicht weit weg von Grönland. Nehmen wir an, das Eis in Grönland würde komplett schmelzen, was nicht so schnell passieren wird, aber nehmen wir an, der globale Meeresspiegel steigt um 5 m, weil Grönland schmilzt, würde man in Norwegen nichts mitbekommen, weil sich die Meeresoberfläche dem Schwerefeld anpasst, das bedeutet einfach, dass der Meeresspiegel in den Tropen, also weit weg von Grönland ansteigt, tropische Inseln wie zum Beispiel die Malediven würden mit einem Meeresspiegelanstieg von 5 m fertig werden müssen, und das geht einfach nicht, weil die Inseln nicht mehr als 1 Meter aus dem Meer hervor ragen.

    Teil 3

    Man hört nun oft, das Klima hat sich schon verändert, der Meeresspiegel hat sich oft verändert. Die Erde kann sich relativ zum Ozean anheben oder absinken. Das ist eine Sache, die hat aber nichts mit Klimaveränderung zu tun. Dann gibt es auch Vulkanausbrüche. Ein starker Vulkanausbruch kann feine Teilchen bis in die höhere Atmosphäre ausstoßen und dort agieren diese Teilchen für ein paar Jahre wie ein Sonnenschirm. Sonnenstrahlung wird reflektiert und kommt nicht auf der Erde an.

    Es kann auch sein, und das ist wahrscheinlich auch so, dass durch diese kühleren Temperaturen auch Gletscher weniger stark abschmelzen und anwachsen.

    Dann gibt es Klimaphänomene wie El Niño, die lokal, gerade im Pazifik, den Meeresspiegel beeinflussen können, aber global eine relativ geringe Auswirkung haben. Und dann gibt es den menschgemachten Meeresspiegelanstieg. Dadurch, dass wir immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre emittieren, steigt die globale Mitteltemperatur. Treibhausgase sind zum Beispiel CO2, Kohlendioxid, Methan oder auch Wasserdampf. Bei CO2 kann man wirklich eindeutig feststellen, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre durch den Menschen durch Treibhausgasemissionen, durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen ansteigt.

    Das Wasser wird wärmer, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Dieser Prozess läuft langsam ab, aber stetig. Es addieren sich diese Beiträge auf. Auf kurzen Zeiträumen merkt man das nicht besonders, wenn man aber länger wartet, 50, 60 Jahre, dann merkt man schon, dass das Meer ansteigt. Das Sturmfluten stärker ausfallen, dass auch schwächere Stürme Sturmfluten hervorrufen können. Gerade schwächere Stürme treten häufiger auf, es gibt öfter größere Schäden durch den langfristigen Prozess des Meeresspiegelanstiegs.

    Wie kann man den natürlichen Einfluss vom menschgemachten Einfluss unterscheiden. Unser Labor, das sind Klimamodelle, Computermodelle, die auf physikalischen Gesetzen basieren. In diesen Computermodellen können wir uns verschiedene Welten erschaffen. Was haben wir gemacht, wir haben uns Modellsimulationen angeschaut, in denen wir die vergangenen 150 Jahre reproduziert haben, wir wissen ungefähr, wie viele Treibhausgase haben wir ausgestoßen, wie viel Vulkanausbrüche gab es. Wir konnten damit den Meeresspiegelanstieg sehr gut rekonstruieren. Dann haben wir uns eine Welt angeschaut, in denen es den Menschen nicht gibt, wir haben simuliert, wie würde der Meeresspiegel sich verändern in dieser Welt. Und wir haben gesehen, dass dieser Meeresspiegel nicht mit dem beobachteten Meeresspiegel übereinstimmt.

    Das heißt, wir brauchen wirklich den menschgemachten Treibhausgasausstoß und die Aerosole, um den beobachteten Anstieg zu erklären. Den ersten Teil des 20. Jahrhunderts können wir den Meeresspiegelanstieg noch relativ mit natürlichen Ursachen erklären, allerdings die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, speziell ab 1970 haben wir gezeigt, dass 2/3 des Meeresspiegelanstiegs menschgemacht ist.

    Wir können also wirklich sagen, dass wir in den letzten 30, 40 Jahren für einen großen Teil des Meeresspiegelanteils verantwortlich sind. Wenn man noch einen weiteren Schritt weitergehen würden, könnten wir noch die direkten Verursacher identifizieren. Das wäre ein Schritt in Richtung sozialer Gerechtigkeit. Denn die Verursacher, die Industrienationen, haben Mittel und Wege sich anzupassen, sie sind auch nicht jene, die von den Auswirkungen betroffen sind. Das sind hauptsächlich kleinere Inselstaaten und auch Anrainer in den Tropen und gerade diesen Ländern haben oft nicht Mittel und Wege, sich an die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs anzupassen, an Überflutung, an Kontaminierung des Süßwasservorrats kleinerer Inseln und an heftigere Sturmfluten, und so weiter.

    Teil 4

  • 255. Gletscher und Klima

    Die österreichischen Gletscher gehören weltweit zu den am besten untersuchten. Sie werden seit mehr als 100 Jahren systematisch vermessen, um Gletschertagebücher zu erstellen. Das Klima im Hochgebirge bestimmt die Ausdehnung der Gletscher. Interviewpartnerin: Andrea Fischer, Leiterin des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenvereins.

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  • 251. Wetterfrosch und Satellitenbild

    251. Wetterfrosch und Satellitenbild

    Der Meteorologe Alexander Ohms über Grenzen und Möglichkeiten der Wettervorhersage für die kommenden Tage.

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  • 244. Der Staub der Kometen