Eine besonders schöne Radiosendung, die mit Sprache und Geräuschen eine ganze Welt entwickelt, ist diese: Eider Island by Falling Tree Productions. Es geht um Vögel und um Menschen auf einer Insel, und die Menschen, die dort leben.
Vorgestellt wurde diese Sendung im “How Sound Podcast”, einem englischsprachigen Podcast über das Radiomachen, in welcher Episode, weiß ich wieder: Folge 279. Empfehlenswert ist der Podcast für Radiomacher:innen überhaupt. Klar, auch für Podcaster:innen, obwohl es halt wirklich viel Arbeit ist, so mit Tönen zu gestalten.
Die Stimme ist ein Instrument. Bei täglichem Üben (10 min) sind erste Erfolge nach sechs Wochen unüberhörbar. Stimmbildung hat Auswirkungen auf die Kommunikation mit anderen Menschen. Es zahlt sich aus.
Was aus Entfernung einfach als „Stimme“ ankommt, besteht in Wirklichkeit aus dem Zusammenwirken mehrerer Aspekte. Jeder Aspekt ist separat trainierbar.
1. Zeitraum beanspruchen. Inhalt braucht Zeit. Pausen. Stille. Ausatmen. Einatmen. Pausen zwischen Sätzen, zwischen Aufzählungen: Langsamkeit und Ruhe. Zeitraum hat mit Selbstbewusstsein zu tun. Mit dem Ertragen einer Wirkung.
2. Die Aussprache. Die „gemäßigte Hochlautung“ ist die Aussprache geschulter Sprecher:innen. Es ist weniger das perfekt „r“ oder „s“ sondern die Richtige Länge und Geschlossenheit/Offenheit der Selbstlaute a-e-i-o-u. Das Training sollte hier nur mit Lehrer:in erfolgen. Übungen dazu täglich.
3. Agogische Aufbereitung der Sätze. Das kommt zusätzlich und schafft besser erkennbare Sinnzusammenhänge. “Sprich einmal laut und einmal leise, einmal langsam, einmal schnell, einmal hoch und einmal tief” – das ist ein Aspekt davon, Pausen innerhalb von Sätzen (und der Fluss der Sprache darin) ein anderer. Achtung: Nur wenige Kommas zeigen Sprechpausen an.
4. Die Resonanz. „Die Sonne „tööööönnnnn“. Das hat etwas mit Frequenz und Zeitraum zu tun, mit Energie.
5. Zu Beginn: Erst ausatmen, dann einatmen. Und dann: Pausen – kann man üben.
6. Das Gegenüber. Kann im Theater in der hintersten Ecke sitzen – dort will man seine Stimme hinschicken. Das kann man lernen und zahlt sich aus. Präsenz.
7. Der Stimmsitz. Mit welcher Frequenz spreche ich meine Gegenüber an. Eher tiefer wäre besser, gemeint ist aber: eher mehr Frequenzen. Öffnen. Meist nach unten hin. Das muss man herausfinden.
8. Inhalt und Klang. Wie bei Büchern oder Zeitungen, die (diskursive) gute Inhalte nicht mit unpassenden Schriftsätzen drucken, wird auch die Stimme mit den Inhalten in Verbindung gebracht. Wir werden üben, den Eindruck zu beschreiben.
9. Die Grenze. Profi-Sprecher:innen haben ihre Stimme zum Beruf gemacht. Professionelle Aufträge sollten auch von ihnen gemacht werden. Das zu erkennen, ist auch ein wichtiger Aspekt für Nicht-Profis.
10. Die Authentizität. Man ist, wie man spricht. Und in jedem Moment spricht man so, wie man ist. Die gebildete Stimme kann wie eine Fremdsprache eingesetzt werden. Im normalen Gespräch ist das meist nicht notwendig. Das zu erkennen ist ein Teil der Stimmbildung.
Die 6 Häuser der Stimme
Erzählen
Miteinander sprechen
Text lesen (Buch)
Text lesen (Manuskript, geschrieben für gesprochene Sprache)
Schauspiel, Drama
Komik / Cartoon
Möglichkeiten zur Reparatur …
Die eigene Einschätzung täuscht oft. Meistens hilft:
Tiefer / nach unten offener
Weniger auf und ab
Härter, sachlicher
Die Sprache in die Weite senden, wo jemand ist
Nicht so intim / freundlich / nah ran
Zeitraum beanspruchen
Pausen
12 Tipps / Übungen
Ausatmen vor dem Einatmen
Unhörbar nachatmen
Wasser dabei haben
Mikrofondisziplin
Nicht jeder Beistrich ist eine Pause
Wörter ohne Information nicht betonen (davon/daher werden nie betont)
R vorne: dedlängen-dedlängen-dedlängen-drängen
CH vorne: durich-durich-durich-durch
Klares kurzes Ei: land-land-land-leise (kurz)
Resonanzübung: die Sonne tönt, singen: Major Ascending/Minor Descending (YouTube Link dazu)
Beim Gehen erzählen, was man sieht. Ohne Äh’s aber gerne mit kleinen Pausen.
Stil (Gespräch, Kinderbuch, Reportage) Tradition/Epoche
Sendung mit der Maus – Faktor (lieb/einfach/persönlich/nette Schulmeisterei/an die Hand/Erinnerung)
Rolle, Haltung
Nachvollziehbarkeit
Verlautbarungsfaktor
Wärme-Kälte / Guter Wille / positiv gestimmt
Druck in der Stimme / „pressen“
Präsenz / Skala 1 2 3
Ähm-Faktor
Eng – weit / Skala 1 2 3
Mag-ich – Koeffizient
Aversionsfaktor
20 mal Troubleshooting
20 Highlights | Troubleshooting
Richtig große Probleme hört man selbst im allgemeinen nicht.
Komisches R bei Arbeit? Weglassen oder üben: Ale Ale Ale – Arbeit. So sitzt das r an der richtigen Stelle (vorne)
Komisches R bei drängen? Üben: de-dlängen, de-dlängen, de-dlängen – drängen. So sitzt das r an der richtigen Stelle (vorne). Ebenso bei drei (de-dlei).
Komisches Krachen bei durch? Üben: Dur-ich, Dur-ich, Dur-ich, und dann das i weg. Durch. So sitzt das ch an der richtigen Stelle (vorne).
Der – dem – den. Das sollte passen! Alle E’s sind lange und geschlossen.
Vokale: Lang oder kurz, offen oder geschlossen? Das kann man nicht immer vorhersagen und muss (einzeln) gelernt werden. Generelle Regeln sind kaum vorhanden. Das zahlt sich aus, denn sie machen 3/4 der Sprache.
Vierzehn und vierzig mit r und kurzem I.
Je emotioneller der Text, desto neutraler die Sprache.
Beistriche zeigen an erster Stelle üblicherweise keine Pause an. Viele Leute, die Pausen machen, haben den Sinn im Satz nicht verstanden.
Mikrofondisziplin heißt: Abstand und Winkel bleiben unverändert.
Zwielaute sind selten so, wie man glaubt. EI, AI ist A-E kurz ausgesprochen. Leise? Land-Land-Land-Laese. EU ist O-E. Europa? O-E-ropa. AU ist A-O. Australien? A-O-stralien.
Ein O wird zum U, wenn man den Unterkiefer sanft vorschiebt.
Resonanzprobleme? Ning neng nang neng nain.
Zuck fährt ab? Lange. Der Zug. Wir wünschen einen langen guten Tag.
Nächst-nächstens, höchst-höchstens
Kurze Wörter sind wichtig.
Die Vorsilbe un- ist immer betont. Unangenehm, unglaublich, unschön
Die Vorsilbe Er-, ver-, zer- sind nie betont. Erleben, erinnern, vernichten, zerstäuben. Zudem, zugute, zugrunde, zufrieden auch nicht
Davon will ich etwas haben. Davon sonst nie betonen: Davon sollen wir mehr haben. Ebenso nicht betont die erste Silbe bei: Dazu, damit, dafür, darunter, darauf, dahinter, daran, darüber, davon, dabei.
Bei den Endungen -en und -el fällt das e gänzlich weg, außer davor steht ein n oder ein m: Flaschen = flaschn; Säbel = Säbl.
Tiefer sagen sie immer, wäre besser. Gemeint ist aber: mehr Resonanz, alle Frequenzen aktivieren, auch die Tiefen dazu.
Auf Punkt lesen
5-Minuten-Beitrag über Insektenökologie, hier das Ende:
… aber es gibt auch eine gute Nachricht. Wenn sich die Bedingungen verbessern, dann erholen sich gerade bei Insekten die Bestände sehr schnell. Und wer Honigbienen schützt, fördert in ihrem Windschatten auch alle anderen Insekten, die von den verbesserten Bedingungen profitieren.
Die Vorsilbe un- (immer betont) und um- (manchmal betont)
Aus Ungunst unachtsam und unlieb mit den Eroberern verhandeln.
Untreue Leute vereinen sich bei Unwettern und verunreinigen ihre Seele. Die Verhandlungen wurden zerredet und endeten unentschieden.
Das unliebenswürdige Ungeheuer zerfranst uns die Kleidung.
Der Erfolgreiche benahm sich unlieb, unanständig und unfreundlich. Ungebildet und zerknirscht verlassen diese verblödeten Schüler die Schule. Unzertrennliche Seelen erleben unendlich schöne Stunden. Untragbarer Unverstand blüht gern im Verborgenen. Unachtsamkeit verdient Erregung und Ergreifung.
Vor dem Umbau des Hauses müssen wir noch das Erdreich umgraben. Ich umbaue das umstrittene Haus mit unüberwindbarem Zaungeflecht. Wir umgehen beim Umgang unsere Sorgen und Verluste. Unter Umständen umstehen wir aus Protest das umkämpfte Lager. Du mußt diesen Beitrag umschreiben, weil du die Sache zu sehr umschrieben hast.
Sigi Tatschl ist Spezialist für seltene Obstsorten in Zusammenhang mit Permakultur. Er ist auch Sozialarbeiter und Psychotherapeut, und entwickelt gemeinsam mit Gemeinden “essbare Landschaften”. Mit Obstsorten, die oft unbekannt sind. Im Gespräch stellt er uns die Themenlandschaft vor. Wir sprechen bei einem Hofrundgang bei ihm zuhause auch im Detail über Schisandra, Granatapfel, Ölweide, Chinesische Dattel, Kaki. Sein Buch heißt “555 Obstsorten für den Permakulturgarten und -balkon”.
Links: https://sigi-tatschl.at und zum Buch 555 Obstsorten für den Permakulturgarten und -balkon (Löwenzahn Verlag, Falter Buchversand)
Im Korrespondententeil erzählt Marco Ringel aus Trier über den eben erfolgten ersten Teil der Honigernte. Er stellt uns auch eine Stockkarte vor, die er mit einem Freund entwickelt hat. Wir sprechen über Pläne und Hörtipps – er selbst ist auch in der Lehrer:innenausbildung tätig und hat einen Podcast “Schule aktuell”.
Kein Phänomen wird so misshandelt wie die Wahrheit. Sie wird ans Licht gezerrt, veröffentlicht, gebeutelt, sie wird geknetet. Jede:r sucht sie. Viele glauben sie zu haben. Journalismus allerdings ist die Suche “nach dem anderen Standpunkt”. Und Wissenschaft die “Annäherung an das Beweisbare”. Von blanker Wahrheit ist da keine Spur. Das schauen wir uns an. An vielen Beispielen und an eigenen Ideen.
Gute Texte. Man soll sie lesen können. Wenn man müde ist, und schlapp schon vor dem letzten Bild noch im Museum steht.
Gute Texte braucht es auch bei schriftlichen Arbeiten. Bei Angaben. Abgaben. Es sind die Klein- und Gebrauchstexte, mit denen wir das Publikum gewinnen können. In welcher Form steht wo das Verb? Beschäftigen wir uns mit einem Zustand, mit dem Prozess?
Im Workshop lernen wir unsere Texte einfach mal “besser” zu machen. Eine “Wahrnehmung der Bedeutung” ändern wir möglicherweise zu “ich nehme wahr, was es bedeutet”.
Wir werden genau diese Wahrnehmungsfähigkeiten auch trainieren: Worauf schauen wir beim Lesen? Und dann: worauf schauen wir beim Schreiben.
Jede:r kann reden. Beim Podcasten ist alles frei. Beim Radio gibt es aber je nach Sender/Sendung/Format besondere Anforderungen. “So!” soll die Stimme, “so!” die Erzählung klingen. Obwohl es oft auch anders geht: Gelesene Manuskripte könnten vielleicht im Vorfeld eher für’s Erzählen geschrieben worden sein, als im Sprechtraining so gelesen, dass es “nicht gelesen” klingt.
Aber auch beim Podcasten möchte man gut verstanden werden. Da gibt es schon ein paar Punkte, die einem selbst nicht auffallen, besonders wenn sie wichtig sind. Unhörbar nachatmen? Hetzen? Eigenheiten die uns ablenken? Das muss nicht sein.
Im Sprechtraining-Workshop geht es um das Finden der eigenen Stimme im Gewusel der anderen. Im Gewusel der Anforderungen.
Die Aussprache ist wichtig. Wir trainieren erst die Vokale, dann den Rest. Die Pausen sind genau so wichtig. Wir trainieren die Pausen, und überlesen erstmals Beistriche, die überlesen werden müssen, um den Sinn des Satzes zu verstehen. Dann der Zeitraum, der zu beanspruchen wäre. Und die Resonanz, die man findet.
Nach sechs Wochen sind die ersten Änderungen – positiv – zu merken. Dann hat das Gelernte nämlich auch den Körper erreicht.
Wir erzählen einander Geschichten. Was passiert ist. Was vielleicht passieren wird.
Im Workshop “Storytelling” entwickeln wir Geschichten. Ausgehend von der Frage: “Worüber lohnt es sich zu reden?” finden wir Themen bei einem “doppelseitigen” Spaziergang, bei dem wir erst vor die Kulissen, und dann hinter die Kulissen schauen. Im gemeinsamen Gespräch werden wir jene Punkte identifizieren, die zu berichten spannend sind.
Obwohl es einige Leitlinien gibt, was eine gute Geschichte ist, und wie sie vermittelt wird, steht in meinem Workshop zum Storytelling der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung im Mittelpunkt.
Wirkungsvolle Strategien lernen wir im “reverse engineering” einer guten Radiogeschichte kennen. Und: Storytelling beinhaltet immer die/den Erzähler:in, es gibt keine fertigen Rezepte die einzigartig sind. Es gibt nichts zu kopieren.
Wer eine Geschichte vorschlägt, die es sich lohnen soll, zu machen, wird zum Vorstellen folgende drei Punkte vorbereiten:
Es ist keine Kunst, in der Ruhezone der Eisenbahn etwas zum Aufregen zu finden. Steigt einer ein. Setzt sich fast hin und fragt: “ist da frei?”. “Grüß Gott, bitte gerne.” Lektion erteilt. Man grüßt. Kontaktaufnahme. Anfänger. Sein Telefon läutet nach 2 Minuten. Maximal laut, und der Klingelton das Scheppern eines Weckers. Kurzes Gespräch. Nach weiteren zwei Minuten noch ein Anruf. “Könnten Sie das auf lautlos stellen, das geht einen ja in den Bauch”. “Ja”. Konziliantes Gegenüber. Er sucht keinen Streit. Und verabschiedet sich nach einer halben Stunde in St. Pölten mit einem freundlichen “Auf Wiedersehen”.
Lothar Bodingbauer ist österreichischer Radiojournalist, Abendschullehrer und freier Podcaster.