Der Evolutionsbiologe Franz Wuketits erzählt über eine facettenreiche Beziehung.
Es war für die Menschen der Steinzeit offenbar einfacher, ein gezähmtes Schwein durchzufüttern, als sich von wilden Schweinen die Ernte rauben zu lassen. Das ist die Theorie für die Domestizierung von Wildschweinen, die an unterschiedlichen Gegenden der Erde unabhängig voneinander durchgeführt wurde.
Das Hausschwein ist ein äußerst fruchtbares, in unseren Breiten rosarotes Nutztier, das, artgerecht gehalten, so gar nicht den Vorurteilen entspricht, die Menschen ihm gemeinhin nachsagen. Weder schwitzen Schweine stark – sie haben keine Schweißdrüsen – noch sind sie schmutzig. Körperpflege betreiben sie ausgiebig und oft in Gruppen. Sie sind weder dumm, noch sind sie gefräßiger als andere Tiere.
Schweine sind den Menschen so ähnlich, dass die Borstentiere sogar als Studienobjekte für medizinische Zwecke dienen können. Auch in Ortsnamen, Sprichworten und Redewendungen haben sie Einzug gehalten.
Franz Wuketits: Schwein und Mensch – Die Geschichte einer Beziehung.
Verlag Westarp Wissenschaften.
Interviewpartner
Prof. Dr. Franz Wuketits
Konrad Lorenz Institute for Evolution and Cognition Research
Adolf-Lorenz-Gasse 2
A-3422 Altenberg
Prof. Dr. Franz Wuketits
Teil 1: Vom Wildschwein zum Nutztier
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Automatisches Transkript (Whisper): Den einen gelten sie als unreine Tiere, für den anderen sind sie wertvolle Nahrungslieferanten. Zu kaum einem anderen Tier hat der Mensch eine so ambivalente, eine so vieldeutige Beziehung. Die in freier Natur lebenden Wildschweine sind begehrtes Jagdwild. Darüber hinaus hat der Mensch seit der Jungsteinzeit Schweine gezüchtet. Das Hausschwein ist heute auf allen Kontinenten der Erde verbreitet. Man nimmt heute an, dass Schweine, aber auch Rinder den Menschen, der in der Jungsteinzeit sesshaft wurde und Ackerbau zu betreiben begonnen hatte, als sogenannte Ernteräuber in die Quere kamen. Es wäre sehr aufwendig gewesen, immer wieder auf die Ernte aufpassen zu müssen, Schweine und auch Rinder als Wildschweine und Wildrinder zu vertreiben. Es war offenbar ökonomischer und einfacher, die Tiere ins Haus zu holen und zu züchten zu beginnen. Und sehr früh muss der Mensch bemerkt haben, dass die Tiere ihm im Hause verschiedenen Nutzen bringen. Schweine eben vor allem als Nahrungslieferanten. Und was der Schwein dabei besonders attraktiv gemacht hat, ist der Umstand, dass er relativ alt wird, bis zu 30 Jahre, und dass es relativ hohe Fortpflanzungsraten erzielt. So galoppiert der Schwein in unserer Geschichte dahin. Wir projizieren in Schweinen verschiedene Eigenschaften, die wir an uns selber und vor allem an unseren lieben Mitmenschen als untugenden empfinden. Was sind nun Schweine zoologisch gesehen? Schweine bilden eine Familie der Säugetierordnung Parhufer. Die Nachbarfamilien sind Flusspferde und Peccaris oder Nabelschweine. Die Schweine, die sogenannten echten Schweine, sind heute mit etwa 12 bis 13 Arten vertreten. Das vertrauteste ist uns natürlich das europäische Wildschwein. Daneben gibt es beispielsweise das afrikanische Riesenwaldschwein mit einer Körperlänge von etwa zwei Metern und einer Schulterhöhe von knapp einem Meter. Ein wahrer Gigant. Oder das ebenfalls in Afrika beheimatete, etwas bizarr anmutende Warzenschwein. Das kleinste Schwein, also das sogenannte Zwergwildschwein, lebt an den Abhängen des Himalaya-Gebirges. Das Hausschwein ist keine eigene Art, sondern die domestizierte Form des Wildschweins. Schweine sind überaus anpassungsfähig, Schweine sind überaus gesellig und intelligent. Jemandem zu sagen, er sei eine dumme Sau, ist daher grundverkehrt. Und vor allem sind Schweine entgegen einer landläufigen Meinung nicht dreckig. Sie sind sogar sehr reindliche Tiere. Sie wälzen sich gern im Schlamm. Sie suhlen sich. Eine Suhle ist vorzugsweise ein größeres Schlammloch oder ein feuchtes Gebiet in der Nähe von Gewässern. Und diese Suhlen dient den Schweinen zur Abkühlung. Sie besitzen keine Schweißdrüsen und können daher nicht schwitzen. Auch die Redewendung “Jemand schwitzt wie eine Sau” ist daher grundverkehrt. Nach dem Suhlen reiben sich Schweine gern an einem nahen Baum, dem sogenannten Mahlbaum, um sich damit von lästigen Parasiten, vor allem Zecken und Flöhen zu befreien. Schweine sind, wie gesagt, sehr gesellig. Sie rotten sich buchstäblich zusammen, bilden also größere Gruppen, die aus einigen Familien bestehen können. Die Führung der Gruppe, sowohl der Rotte als auch der Familie übernimmt, stets eine Bache. Eine Bache ist ein weibliches Schwein oder auch Sau. Man kann sagen, dass Schweine eine materialische Gesellschaft bilden, von Frauen geführt.
Teil 2: Tabu und begehrte Speise
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Automatisches Transkript (Whisper): Die Zahl der heute weltweit gehaltenen Hausschweine dürfte etwa eine Milliarde betragen, mit steigender Tendenz. Auf allen Kontinenten praktisch gilt das Hausschwein als ein wichtiger Nahrungslieferant. Dass es in manchen Kulturen ein Schweinefleisch-Tabu gibt, bestätigt als Ausnahme eher die Regel. Wahrscheinlich war es nicht primär religiös motiviert, sondern hatte ökologische und ökonomische Gründe. In den kargen biblischen Kernlanden war die Schweinehaltung und Schweinezüchtung letzten Endes unwirtschaftlich. Schweine grasen nicht einfach wie Rinder in der Gegend herum, sondern wollen durchgefüttert werden. Während man vor allem Rinder auch als Zugtiere verwenden kann und sie auch Milch liefern, kommt das für Schweine nicht infrage. Daher war es wahrscheinlich mittelfristig unrentabel, in jenen Regionen Schweine zu züchten. Das religiös motivierte Schweinefleisch-Tabu wird wahrscheinlich erst sekundär, nach einer den Religionen eigenen Logik, entstanden und gefestigt worden sein. In manchen Ländern der Welt ist Schweinefleisch besonders begehrt und von den Speisezetteln verschiedenster Völker überhaupt nicht mehr wegzudenken. Hauschweine entstanden vor ca. 9.000 bis 10.000 Jahren, also schon in der Jungsteinzeit, wobei man annehmen kann, dass das heutige Hauschwein zurückzuführen ist auf zwei verschiedene Rassen des Wildschweins, die sich ihrerseits stammesgeschichtlich vor ca. 500.000 Jahren bereits voneinander getrennt haben. Der Prozess der Verhausschweinung, wenn man so will, wird allerdings in unterschiedlichen Regionen der Welt auch zu verschiedenen Zeiten stattgefunden haben. Heute gibt es eine ungeheure Zahl von Schweinerassen, vor allem in China. China ist eines der traditionellen Länder, wo Schweine gezüchtet und nach wie vor verspeist werden. Im Laufe der Zeit sind Hausschweine, wie gesagt, in unterschiedlichsten Rassen aufgetreten. Natürlich war das Ziel des Menschen, Schweine möglichst als effektive Nahrungslieferanten zu züchten, was natürlich in der Tendenz dann dazu geführt hat, dass Schweine fett wurden. Es entstand das Mastschwein, dem der Mensch immer mehr Fett angezüchtet hat. Und obwohl das Hausschwein keine eigene Schweineart darstellt, sondern wie gesagt die verhausschweinte Form des Wildschweins, ist es im Habitus der Stammform gegenüber doch ziemlich unterschiedlich. Es hat einen kastenförmigen Körper, einen etwas plumpen, relativ kurzen Kopf und kürzere Beine. Als Haustiere eigneten sich Schweine insbesondere deswegen, weil sie nicht nur sehr anpassungsfähig sind, sondern auch alles fressen. Schweine gelten vielfach als sehr gefräßig. Auch das ist ein Missverständnis. Sie sind nicht gefresslicher als viele andere Tiere. Dass sie Altersfresser sind, lässt sie für den Menschen besonders attraktiv erscheinen. Und man kann annehmen, dass sie von vornherein mit unterschiedlichsten Nahrungsmitteln gefüttert worden sind. Wobei die ursprünglichen Hausschweine auch nicht so fett und so rosa waren wie die heutigen Hausschweine. Durchschnittlich wirft eine Sau beim Hausschwein acht bis zehn Junge, und das nach einer Tragzeit von nur vier Monaten. Also Schweine sind insoweit sehr reproduktionsfreudig. Kein Wunder, dass sie auch als Symbole für Fruchtbarkeit gelten. Bei den alten Griechen und bei den alten Römern war Schweinefleisch bereits sehr begehrt. Man hat Schweine übrigens auch gelegentlich als Jagdhelfer eingesetzt. Oder auch bei der Trüffelsuche. Schweine haben einen sehr ausgeprägten Geruchssinn und nachdem Trüffeln riechen wie bestimmte Sexualhormone, sind sie auch für Schweine sehr attraktiv und daher erfüllen Schweine nach wie vor in einigen Ländern bei der Trüffelsuche eine wertvolle Funktion.
Teil 3: Symbole der Wildheit
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Automatisches Transkript (Whisper): Schweine haben in der Kulturgeschichte, in Mythen, in Legenden, in Fabeln und Märchen eine ungeheure Bedeutung, eine wahrscheinlich größere Bedeutung als verschiedene andere Tiere. In der griechischen Mythologie kennt man Faya, eine gewaltige Wildschau, die die Gegend um Korinth tyrannisiert haben soll. Ihre Abkömmlinge waren der Erymantische und der Kalydonische Keiler. Die Jagd auf den aromantischen und kaledonischen Keiler ist eines der abenteuerlichsten Kapitel der griechischen Mythologie. Berühmte Helden aus den griechischen Mythen wurden zusammengerufen, um diese beiden Untiere zur Strecke zu bringen. Hier haben wir ein auch später in der Kulturgeschichte wie immer wieder auftretendes Muster, nämlich Das Schwein als Symbol für Wildheit, das Schwein als Symbol des Bösen, das Schwein als ein dämonisches Tier gewissermaßen, das den Menschen auch sehr gefährlich werden kann. Das sind Wildschweine, die er wohl auch gejagt hat. Allerdings muss man sich vergegenwärtigen, dass die Jagd auf Wildschweine in prähistorischer Zeit ohne Schusswaffen ein äußerst gefährliches Unterfangen war. Die männlichen Wildschweine, erwachsene Keiler, sind echte Einzelgänger. Ein erwachsener Keiler ist ein ziemlich mächtiges und beeindruckendes Tier, das sich naturgemäß auch nicht gern fangen lassen möchte und schon gar nicht getötet werden will. Also muss eine Wildschweinjagd unter den Umständen der Steinzeit ein äußerst riskantes Unternehmen gewesen sein. Ein insoweit lohnendes, weil ein erwachsenes, kräftiges Wildschwein eine gewaltige Mahlzeit für eine ganze Gruppe von Menschen bereitsteht. Das Wildschwein wurde auch in späteren Phasen unserer Geschichte, unserer Kulturgeschichte gejagt bis heutzutage. Wildschweintrophäen sind bei Jägern nach wie vor sehr begehrt, während das Hausschwein in dieser Zeit seit Jahrtausenden mehr oder weniger ein friedliches Dasein in den Stallungen des Menschen geführt hat bzw. führt. Die ursprünglichen Mythen bezogen sich in der Hauptsache natürlich auf das Wildschwein. Auch spätere Mythen, zum Beispiel in der Schweiz, kennen das Wildschwein als ein geradezu dämonisches Tier. Beispielsweise trieb im Berner Oberland die Vorstellung von dämonischen Schweinen besonders skurrile Blüten. Unter dem Ausdruck “Rochelmore” war eine gespenstische Muttersau gemeint, die angeblich unter fürchterlichen Grunzlauten durch die Luft flog und Menschen spürbar um die Füße und die Beine streifte. Nicht in allen Mythen sind Schweine so negativ besetzt. Man denke an die nordische Mythologie und dort an den Gott der Fruchtbarkeit, Friar, der ständig vom Keiler Gullinborsti umgeben wird. Und zwar ist das der mit den goldenen Borsten, der in der Dunkelheit Funken sprüht. Die Schwester des Gottes, Freia, trug bezeichneterweise den Beinamen Sau und galt als Symbol für Liebe und Fruchtbarkeit. Auch in anderer Hinsicht haben Schweine große Bedeutung erlangt, man denke an die Glücksschweine. Silvester und Neujahr in unseren Breiten sind ja ohne Schweine praktisch kaum denkbar. Auf einer Postkarte steht “Ein wenig Glück, ein bisschen Schwein, mehr braucht man nicht zum fröhlich sein.” Schweine haben also nicht nur in verschiedenen Kulturen negative Akzente gesetzt bekommen, sondern eben auch positive. Man denke auch an das Sparschwein. Alles das sind kulturgeschichtlich übermalte Merkmale, die das Schwein hatte, beziehungsweise die man ihm eingedichtet hat. einer Seite wild, bösartig, dämonisch, auf der anderen Seite sparsam, friedlich, freundlich, rosa, schweinemäßig, also sehr positiv besetzt. Es zeigt die ambivalente Haltung des Menschen zur Natur überhaupt, wobei aber das Schwein als ein für den Menschen ganz besonders interessanter Repräsentant der Natur herangezogen werden kann.
Teil 4: Allesfresser als Studienobjekte
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Automatisches Transkript (Whisper): Die physiologische Ähnlichkeit zwischen dem Schwein und ihm selbst muss der Mensch sehr früh bemerkt haben. Der Mensch ist genauso wie der Schwein ein Allesfresser. Diese fundamentale Ansicht hat dem Schwein allerdings nicht immer gut getan. Zunächst einmal begann es ziemlich harmlos. Der griechisch-römische Arzt Claudius Galenus, einer der Pioniere der Heilkunde, hat selten menschliche Leichen seziert, vielmehr tierische, vor allem auch Schweine, um über Analogieschlüsse aus dem Körperbau von Schweinen etwas über die Anatomie des Menschen zu erfahren. Und in den Zeiten, vor allem im Mittelalter, als es aus religiösen Gründen verböhnt war, menschliche Leichen zu sezieren, haben unter anderem Schweine dafür herhalten müssen, um den Studierenden der Medizin die Grundlagen des Körperbaus anhand von Schweinen in Analogie zu Menschen darzustellen. In späteren Zeiten kam dann ein trauriges Kapitel auf die Schweine zu. Sie wurden zu verschiedenen, teils grausamen Tierversuchen missbraucht. Aus den 1970er und 1980er Jahren sind hierbei insbesondere Experimente im militärischen Bereich bekannt. Man hat beispielsweise, um die Effektivität von Schusswaffen zu studieren, auf hängende Schweine geschossen. Man hat wiederum im Interesse der militärischen Industrie Schweine radioaktiv bestrahlt. Aber natürlich sind diese Experimente als solche völlig sinnlos. Nicht nur aus ethischen, moralischen Gründen sinnlos, sondern auch wissenschaftlich praktisch wertlos. Genauso wie der in jüngerer Zeit gestartete und abgebrochene Versuch in den Tiroler Alpen, wo man Schweine in den Schnee vergraben hat und herausfinden wollte, wie lang ein Lawinenopfer es im Schnee aushalten würde. Schweine wurden auch narkotisiert und es wurde auf sie geschossen, um dann nach ihrem Aufwachen, sofern sie die Schüsse überlebt haben, ihr Leiden und Sterben zu beobachten. Ein weiteres trauriges Kapitel ist allerdings auch die moderne Schweinehaltung. Während die längste Zeit Schweine in relativ großzügigen Stallungen, teilweise auch im Freien, gehalten worden sind, sind sie heute zu Tausenden zusammengepfercht in modernen Schweinefabriken. Diese modernen Schweinefabriken werden den Schweinen als Art natürlich nicht mehr gerecht. Es sind gigantische Bauten aus Stahl und Beton und führen dazu, dass Schweine ihre arttypischen Verhaltensweisen nicht mehr ausleben können. Das Hauchschwein hat natürlich vom Wildschwein die Eigenschaft übernommen, sich zu suhlen. Es wälzt sich gern im Schlamm auf feuchter Unterlage, wobei Schweine auch gegenseitig Körperpflege betreiben. vor allem Bachen pflegen sich gegenseitig. Und das wird dem armen Hausschwein in so einer Tierfabrik natürlich verwehrt. Und da kann man nur sagen, dass es dem Schwein besser getan hätte, wenn es dem Menschen nie begegnet wäre. Oder wie der italienische Journalist Franco Bonera einmal gesagt hat, “Das Schwein hat kein Schwein.” Man hat ein Schwein im buchstäblichen und im übertragenen Sinne des Wortes. Nur ist die Mehrzahl der heute gezüchteten Schweine wahrscheinlich nicht in dieser glücklichen Lage, auf einem Bauernhof oder irgendwo im Gebirge in größeren Gehegen fröhlich herumgrunzen zu dürfen. Man diskutiert seit langem, ob Schweine als Organspender für den Menschen infrage kommen. Die Physiologie zwischen Schwein und Mensch zeigt viele Ähnlichkeiten auf und grundsätzlich sollten sich verschiedene Organe wie Nieren, Leber und so von Schweinen als Organe für den Menschen eignen, wenn es da nicht verschiedene Komplikationen gäbe, technische Komplikationen, beziehungsweise Komplikationen in der Immunreaktion. Aber Schweine wären grundsätzlich neben unseren nächsten Verwandten den Menschenaffen als Organspender für den Menschen möglich.
Teil 5: Namen und Redewendungen
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Automatisches Transkript (Whisper): Praktisch kein anderes Tier hat unsere Altlagssprache dermaßen bereichert wie der Schwein. Auch das zeigt natürlich die menschliche Projektion, Projektionen in der Schwein, unterschiedliche Gefühle, die der Mensch Schweinen gegenüber hegt. Auf der einen Seite gibt es dabei positive Ausdrücke, auf der anderen Seite eine ganze Reihe von negativen. Die Sau rauslassen bedeutet letzten Endes, sich zu entspannen, Wohlbefinden zu gewinnen, sich sauwohl fühlen. Wenn etwas als saugut klassifiziert wird, dann ist es wirklich gut, eine saugute Speise, ein saugutes Essen kann praktisch nicht mehr in seiner Vortrefflichkeit übertroffen werden. Aber man kann etwas auch gründlich versauen. Ein Handwerker kann eine Arbeit liefern, die unter jeder Sau ist. Und dafür zahlt man damit unter auch noch ein Schweinegeld, das wiederum keine Sau interessiert. Traurig für einen Vortragenden, einen Musiker oder sonst irgendeinen Künstler, wenn kein Schwein zu seiner Präsentation erscheint. Auf der anderen Seite wiederum gibt es unterschiedlichste Wendungen, die Schweine in ganz spezifischen Situationen charakterisieren, beziehungsweise umgekehrt, wo Schweine für bestimmte Situationen herhalten müssen, bis hin in die politische Sprache. Denken Sie an Ausdrücke wie “Chauvinistenschwein” oder “Rassistenschwein”, “Kameradenschwein”, “rechtes oder linkes Schwein” bzw. “rechte oder linke Sau”. Interessanterweise sind alle diese Ausdrücke auf weibliche Schweine bezogen. Man wird kaum als Schimpfwort sagen “ein Chauvinisten Eber” oder man sagt beispielsweise jetzt außerhalb vom politischen Kontext “eine Pistensau”. Das ist ein Skifahrer, der gedankenlos und ziemlich brutal die Piste hinunterfährt. Man würde kaum sagen “ein Pisten Eber”. Für Beschimpfungen stehen uns unzählige. Schweinische Ausdrücke zur Verfügung. Die allerdings in der Hauptsache auf Merkmale zurückzuführen sind, die der Mensch dem Schwein angedichtet hat, wofür der Schwein eigentlich gar nichts kann. Man denke abermals an die Drecksau, man denke aberferner auch beispielsweise an Ausdrücke wie “faule Sau”, “feige Sau”, “dumme Sau” und vieles andere mehr oder auch dumme Schwein und ähnliches. Gieriges Schwein, korruptes Schwein, das geht dann wieder in die Politik hinein, lauter Eigenschaften, die Schweine ganz bestimmt nicht haben. George Orwell in seiner berühmten Animal Farm, Farm der Tiere, hat Schweinen eigentlich zu einer praktisch die Zeiten, die Epochen übergreifenden Bedeutung verholfen, Bedeutung im politischen Sinn. Auf dem Bauernhof übernehmen die Schweine die Führung und Und am Ende kommt es heraus, und das macht das Ganze dann besonders bekannt, satirisch bekannt, es kommt heraus, dass Schweine sich dann letztlich so wie Menschen verhalten und am Ende kann der Leser diese Geschichte zwischen Menschen und Schweinen nicht mehr unterscheiden. Und da Schweine die Führung auf dem Bauernhof übernommen haben, hat aber, und das hat offensichtlich George Orwell das sehr gut beobachtet, hat wohl den Hintergrund, dass die Schweine sehr gut als Führungsfiguren eignen, beziehungsweise sehr intelligent sind und mit den Menschen gut umgehen können. Winston Churchill hat einmal gesagt, Hunde schauen zu uns herauf, Katzen auf uns herab, das Schwein hingegen begegnet uns in Augenhöhe.

