Portrait einer Einrichtung. Das Europäische Institut für Progressive Kulturpolitik ist ein transnationales Netzwerk von Kulturschaffenden und Wissenschaftler:innen. Es analysiert politische Rahmenbedingungen kultureller Praxis mit Fokus auf Europa. Link: https://www.eipcp.net Update: https://transversal.at
URL: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio253_mom_eipk.mp3
Manuskript
Was macht eigentlich …?
Das Europäische Institut für progressive Kulturpolitik (EIPK)
(Lothar Bodingbauer, 11. Mai 2017)
ATMO Schritte
Wien, Innere Stadt, Bäckerstraße/Postgasse. Im ausgedehnten Häuserblock der Akademie der Wissenschaften verbinden unzählige Gänge, Ecken und Treppen, viele Menschen, die an irgendetwas forschen oder arbeiten. Das Europäische Institut für progressive Kulturpolitik ist dann überraschenderweise kein Institut mit Klingelschild und Überschrift, sondern eine gemeinsame Idee der Beteiligten – die über viele verschiedene Einrichtungen verstreut sind. Ihre Vorsitzende finden wir hier.
OT 01 / 00:30
Ich heiße Monika Mokre, ich bin Politikwissenschaftlerin, und habe meinen Hauptjob an der Akademie der Wissenschaften am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte. Insgesamt sind wir vielleicht so 12 Leute. Wir treffen und regelmäßig aber nicht sehr häufig auch aufgrund von örtlicher Verstreuung über Europa. Es gibt ein Grundkonzept dessen, was wir tun wollen. Wie sich das konkret entwickelt hat sehr viel zu tun mit den Interessen des Kollektivs und auch der Individuen im Kollektiv.
Eine ungewohnte Wortwahl. Das Kollektiv – wir werden gleich darauf zurückkommen. Es geht aber um die Analyse des Zusammenlebens von Menschen. Wie wird es geregelt. Sichtbar besonders in der Kultur, dort wo es mehr Freiheit gibt, sich auszudrücken, mehr Möglichkeiten aber auch zur Beschränkung. Wer bestimmt die – sogenannten – Policies.
OT 02 / 00:21
Ich würde mal sagen, wir analysieren Policies. In dem Sinne wie es die Politikwissenschaftlerinnen gerne verwenden, das was der politische Output ist. Nicht der Prozess, das wäre Politics, nicht das System, das wäre Polity. Der Output, Kulturpolitik als Feld ist dann eine Policy. Gerade auch wie eine europäische Kulturpolitik funktioniert.
Progressiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Grenzen überschritten werden sollen, dass das Bestehend hinterfragt wird, die Idee einer sogenannten europäischen Leitkultur zum Beispiel, oder ob es ratsam ist, das „wir“ von den „anderen“ zu trennen. Die Sprachwahl von Monika Mokre ist bewusst und sorgfältig. Sprache steht im Mittelpunkt der Arbeit. Nicht in einer Sprache erscheinen die Inhalte der Homepage des Instituts, sondern sie wechseln ständig. Die Sterne im Wappen der Europäischen Union zischen herum, fliegen nach außen, fliegen nach Innen. Auf Bilder wird verzichtet, zu sehr würden sie bestehende Eindrücke festschreiben, und fortschreiben. Und – zurück zum Kollektiv, politisch befinden wir uns links der Mitte.
OT 03
Ja, das würde ich schon so sehen. Es geht um eine politische Haltung. Linkspolitisch, postkolonial, postmarxistisch. Und wir alle haben unsere politische und aktivistische Geschichte und das aber nicht festzuschreiben, sondern eher zu sehen als ein Fortschreiten. Das Fortschrittlich ist auch nicht so linear zu verstehen wie dieser Fortschrittgedanke lange verstanden wurde, dass es so eine Gerade nach oben ist, sondern das ständige Überschreiten auch von dem was wir selbst schon gedacht haben und weiterdenken und weiterhandeln.
Progressive Kulturpolitik. Was wäre eigentlich das Gegenteil?
OT 04 / 00:35
Das Gegenteil wäre eine Kulturpolitik, die das erhalten will, was wir haben, zugleich, und zugleich werden Konflikte kulturalisiert, wenn es einen politischen Konflikt gibt, wir das oft auf Ethnizität hinuntergebrochen, oder andere Werte. Die politische Situation, die ökonomische Situation, die enorme Ungleichheit in Einkommen und Vermögen, der Ausschluss von zahlreichen Bevölkerungsschichten, das erscheint uns und mir nicht als attraktives Gesellschaftsmodell.
Nicht die großen kulturellen Flaggschiffe sollen vorgezeigt werden, sondern Räume geschaffen werden, in denen Diskurs möglich ist. Die Abkehr von der großen kulturellen Repräsentation, die, wie Monika Mokre sagt, unreflektiert eine Identität zementieren.
OT 05 / 00:12
Wir Österreicher/innen, wir Europäer/innen, definiert als etwas, das sich abgrenzt, von denen, die nicht dazugehören. – Wer ist befugt, wie zu sprechen, und warum.
Rubia Salgado ist eine der Autorinnen, die ihre Texte über das Institut für Progressive Kulturpolitik veröffentlicht. Sie ist in Brasilien geboren und hat den Hintergrund politisch erfahrender Frauen Lateinamerikas und ist eine der Gründerinnen des Vereins MAIZ, einem Beratungszentrum für Migrantinnen in Linz. In den Sprachkursen von MAIZ wird Sprache nicht einfach nur gelernt und übernommen. Das würde die Machtverhältnisse weiterführen und Selbstbestimmung unmöglich machen, sagt Rubia Salgado.
OT 06 / 00:42
Das heißt es geht nicht um die Reproduktion. Um den Erhalt dieser Sprache in ihrer Form. Es geht darum, diese Sprache zu sprechen, als unsere eigene Perspektive. Und hier geht es darum, sich diese Sprachen kritisch anzueignen, bestimmte Register auch zu erwerben, aber zu wissen, dass Norm zu hinterfragen ist. Und was hier machen, wir thematisieren diese Prozesse mit den Frauen, wir geben Beispiele. Wir zeigen, früher hat man so gesprochen, heute spricht man da. In dieser Region spricht man so, Arbeiterinnen vielleicht so, und Akademikerinnen sprechen so. Die sprach eist hier und wir versuchen uns diese Sprache in ihren Varietäten anzueignen. Das hat alles mit Macht mit gesellschaftlichen Positionen von Sprecherinnen zu tun.
Die Beiträge des „Kollektivs“ finden sich auf der Homepage des Instituts – zu finden sind sie durch Klick auf die Überschriften.
Zitat: „Monster Munizipalismen“
OT 07 / 09:00
Da geht es um die Städte und was in Städten entstehen kann, aufgrund von Immigration, aufgrund von sozialen Konflikten, die dort kulminieren.
Zitat: „Aufstand der Verlegten“
OT 08 / 00:11
Das kommt aus der Erfahrung, und das sind viele von uns, die wissenschaftlich arbeiten, und ständig beschränkt werden, was sie tun wollen, durch das Verlagswesen.
Zitat: „Das große Gefängnis“
OT 09 / 00:26
Das große Gefängnis ging hervor aus dem Engagement von einigen von uns in den Refugee Bewegung, die 2012, 2013 da rund um die Votivkirche entwickelt hat, Besetzung des Votivparks, Besetzung der Kirche. Was wir versucht haben in dem Buch war, Beiträge zu kombinieren, wie lebt man als Migrant- Migrantin in Europa, und wie geht es dir im Gefängnis und dann die Frage, warum überhaupt Gefängnisse.
Faraz Gondal: Ein Tag ist so lange wie ein Jahr; geschrieben von einem zwanzigjährigen Geflüchteten.
ZITAT Sprecher
Ich war acht Monate lang in Österreich in Untersuchungshaft. Die Zelle war wie ein Grab, wie wenn man tot ist. Dort, wo wir sitzen und essen, dort scheißen wir auch. In den großen Zellen sind vier Leute, ich war aber immer in einer Zelle für zwei Leute. Das war auch schlecht, 24 Stunden kannst du nicht immer mit einem reden, kannst du nicht immer das gleiche Gesicht sehen.
ATMO 10 (Monika Mokre liest auf Gehsteig)
Dort, wo wir sitzen und essen, dort scheißen wir auch. In den großen Zellen sind vier Leute, ich war aber immer in einer Zelle für zwei Leute. Das war auch schlecht, 24 Stunden kannst du nicht immer mit einem reden, kannst du nicht immer das gleiche Gesicht sehen.
Den Text von Faraz Gondal hat Monika Mokre im Rahmen der Wiener Festwochen vorgelesen. Auf einem Gehsteig.
OT 11 / 00:17
Es ist schon schön, dass es auch virtuelle Möglichkeiten der Veröffentlichung gibt. Aber ich glaube auch, dass die Besetzung des öffentlichen Raums eine wichtige Sache ist. Ich bin da gerne dabei, halte das für sinnvoll, und nebenbei finde ich es ziemlich lustvoll, mit anderen Gleichgesinnten den öffentlichen Raum zu besetzen.
