16. Dec 1999 | Tagebuch
Kinderchor inmitten der Cavendishmall, einem Einkaufszentrum etwas ausserhalb der Stadt. Mit dressiertem Gesicht stehen sie da gruppiert herum, bewegungslos. Sie singen freudlos, wenn auch im Chor, ihre einstudierten Weihnachtslieder. “The little Drummer Boy” zum Beispiel. Dann und wann setzten sie ihre Floeten an und pusten hinein. Dirgiert werden sie von einer weisshaarigen Dame, begleitet von ihrem Duplikat am Elektro-Piano. Dreissig Menschen sehen den Kindern – schon etwas froehlicher – zu. Ein alter Mann geht vorbei, bleib stehen, ist unschluessig, ob er laecheln soll, oder nicht, probiert es, laechelt doch nicht und geht weiter. Recht hat er. Aber was sollte man tun, 8 Tage vor Weihnachten.
15. Dec 1999 | Tagebuch
Renata traegt vermutlich eine Peruecke. Graumeliert, oben glatt, links und rechts die Haare nach aussen gedreht. Sie ist eine sonnige Frau und gelb war ihre Lieblingsfarbe. Als Voluntaerin hilft sie im Holocaust Museum mit, waehrend des Krieges war sie Zwangsarbeiterin in einer deutschen Waschmittelfabrik. Ihren unmittelbaren Vorgesetzten vertraute sie, wie sie sagt, denn sie waren in Ordnung. Aber der Abteilungsleiter war ein Nazi, kurz vor Kriegsende hat er sich abgesetzt. Er ist einfach verschwunden. Viele Menschen in der Fabrik seien durch “freundliches Feuer” der Briten und Amerikaner ums Leben gekommen, als das Gelaende bombardiert wurde. Renata hat, wie alle aelteren Damen Montreals rot bemalte Lippen, am Nachmittag allerdings schon etwas ausgebleicht. Sie treagt gruene Kleider und einen pelzbesetzten Schal und sagt: “Life is beautiful, Lothar, isn’t it?“
14. Dec 1999 | Tagebuch
Henry versteckte seinen Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger. So wie es Kinder gerne machen, wenn sie angestrengt nachdenken. Den Fragebogen auszufuellen, mit der genauen Angabe, in welchen Konzentrationslagern Henry eingesperrt war, das bedurfte angestrengten Nachdenkens.
Gewiss waren die Namen, die Daten und die Reihenfolge der verschiedenen Lager unveraendert in seienem Gedaechtnis, aber sie waren etwas verschuettet, und um die Angaben freizuraeumen, dazu musste Henry den Daumen zwischen die Finger stecken. Sein Atem roch nach scharfen feinen Pfefferminzdrops, er klapperte mit seinen falschen Zaehnen und meinte, ja gewiss, es waeren viele Lager gewesen in denen er gewesen sei. Ob er denn vielleicht die groessten nennen sollte, am Fragebogen fuer die Entschaedigung zur Zwangsarbeit. Genaugenommen am Fragebogen zur Registgrierung fuer die Entschaedigung zur Zwangsarbeit waehrend des 2. Weltkrieges. Die United Restitution Organisation hatte ihn an die juedischen Bewohner Montreals ausgeschickt, um die Ansprueche zu registrieren.
Henrys letzten grossen Stationen waren Auschwitz und Birkenau. Und er hat bei IG Farben gearbeitet. Viel Geld scheint er heute nicht zu besitzen, und es ist ihm voellig klar, dass der Fragebogen nur zur Registrierung gilt und noch keine Entschaedigung bedeutet. Mit den Zaehnen klappernd geht er davon. Ein sich zurueckziehender freundlicher Mann.
12. Dec 1999 | Tagebuch
Das Cumming House ist nur der Verwaltungsapparat der juedischen Gemeinde Montreals und auch der ganz Kanadas. Dahinter ist durch Verbindungsgaenge das Tageszentrum fuer Senioren erreichbar und das YHA, die Young Hebrew Association, mit Sportmoeglichkeiten und Volkshochschulartigen Kursen.
Um $ 30 Millionen wurde das Cummings House renoviert und es ist nun definitiv nobel eingerichtet. Viel Stein und Marmor, Teppichboeden in den oberen Stockwerken. Die Raeume haben Namen nach Familien erhalten, die sie gesponsert haben. 400 Menschen arbeiten hier, was man kaum glauben moechte. In der Eingangslobby wacht ein Security-Mann ueber jeden Ein- und Austretenden, links davon ist nun das Montreal Holocaust Museum im Erdgeschoss zu finden: Dessen Buero und die Ausstellung “Kinder im Holcoaust”.
Das Buero des Museums bekommt noch keine Frischluft, und ist quasi auf der Strasse, nur durch grosse Fensterscheiben von ihr getrennt. Das bedeutet, zu jeder Zeit die Wetterlage zu kennen, zu mancher Zeit den Mond, und gegebenenfalls die Sonne. Die Angestellten moegen das Buero nicht, und obendrein soll es in ein paar Monaten in den Keller, was gar nicht schoen ist. Alles oben wird dann zum Hauptmuseum. Und dabei meinen sie, wuerde der Holocaust durchaus besser zum Keller passen. “Ausstellungsstuecke zaehlen mehr als die Menschen”.
“Ruhe” schreit Bill, der Chef, dazwischen im Buero, “wir sind hier ein Museum!”. Jeder kann am Bueroleben teilnehmen und ist dorch durch Trennwaende von den anderen getrennt. Die beiden Gedenkdiener haben einen Schreibtisch mit Besucherstuhl in den Gaengen dazwischen erhalten, und koennen so, Laufburschen aehnlich, jederzeit einspringen, wo sie gebraucht werden.
12. Dec 1999 | Tagebuch
Schlechte Seiten der Montrealianer, oder vielleicht der Nordamerikaner im allgemeinen:
1. Eine inflationaere Menge an Plastiksackerln: Im Supermarkt, in jedem Markt, fuer Werbezetteln. Wer als Firma kein Plastiksackerl mit seinem Namen bedruckt hat, ist ein Niemand, ein Nichts. Das Montreal Holocaust Memorial Centre ist zwar noch nicht ins neue Gebaeude umgezogen, es gibt aber schon bedruckte Plastiksackerln mit der neuen Adresse.
2. Die klassischen Musiker geben sich zwar in ihren gedruckten Programmen grosse Muehe, aber gegen Europas Orchester haben sie keine Chance. Ganz Wien ist Musik im Vergleich, da muss man auf die Programme nichts mehr hinschreiben, das ist zu spueren. Es gibt den Geist der Stadt!
3. Irgendwelche polierten Aepfeln gleicher Groesse. Ist doch nicht notwendig, oder? Nicht zu fassen, das meiste Obst und Gemuese ist genetisch veraendert. Die Tomaten halten endlos.
4. Kinderaufbewahrung in Einkaufszentren. Discomusik, alles bunt, bunte Lichter, bunte Musik und die Kinder zappeln herum. Negativ!
11. Dec 1999 | Tagebuch
Gute Seiten der Montrealianer, oder vielleicht der Nordamerikaner im allgemeinen:
1. Der Gasofen zuendet sich von selber an, man drueckt und dreht auf, zwei Sekunden spaeter brennt die Platte. Bravo!
2. Im Supermarkt packt an der Kasse ein Helfer die Einkaeufe in – schlechte Seite – Plastiktaschen und verstaut sie auf eventuell mitgebrachten Schubkarren. Er denkt dabei mit und verwendet zwei Sackerl fuer einen Kartoffelsack, gibt, wenn es ein schweres Ding war, nichts mehr hinein, und zerdrueckbare Sachen immer obendrauf. Auch die Kassierin legt es ihm schon passend hin.
3. Vier verschiedene Wochenzeitungen fuer Stadt-Programm und Stadt-Kultur sind gratis: Zwei in franzoesischer und zwei in englischer Sprache.
4. Werbung wird im Haus unten beim Postfach in Plastiksackerl – schlechte Seite – bereitseitgehaengt und nicht zur Tuer heraufgetragen. Schlechte Seite: Auch der Postmann macht sich die Muehe des Heraufgehens nicht, er hinterlaesst unten im Postfach eine Karte, zum Packerl-selber-holen.
5. Die franzoesische Kueche in der Provinz Quebec mit Baguette und Wein, und Kaese und Kaffee. Welch ein Genuss!
6. Die Kommentatoren beim Schirennen fahren auf die Oesterreicher voll ab: Vor der Werbung wird noch ein Bild Hermann Meiers gezeigt, mit Untertitel: “The Hermann-nator, after the break. A whole lot of Austrians more to come”. Und wie sie sich freuen. Nebenbei: Die Oesterreicher sind auch gut, die ersten vier Plaetzte gehen an Oesterreich, dann ein Italiener, dann wieder ein Oesterreicher.
7. Die vielen bunten Menschen. Es geht auch anders, Mr. Haider. Angeblich nimmt Quebec jeden Einwanderer, Hauptsache, er spricht franzoesisch, gleich mit welchem Akzent.
8. An manchen Fussgaengeruebergaengen sind an den Ampeln gegenueber Zaehler aufgehaengt. Diese zeigen dem Ueberquerungswilligen im Count Down Stil an, wieviele Sekunden ihm zur Ueberquerung noch bleiben. Der Count Down beginnt bei 25.
9. Ortsgespraeche sind kostenlos, und daran koennte man sich gewoehnen.
10. So viele Leute haben einen tollen Haarschnitt!
11. Die fehlende kollektive Hysterie der Kanadier, wie wir es von den Amerikanern so gar nicht gewoehnt sind.
10. Dec 1999 | Tagebuch
Die Rue Dennis ist ueber und ueber mit Christbaumlaempchen geschmueckt. In allen Farben. Im Lateinischen Quartier der Innenstadt befinden sich, in viktorianischen Hauesern an beiden Seiten der Strasse aufgereiht, die kulinarisch bunten Restaurants der Stadt; und viele Menschen nuetzen am Freitag Abend die Gelegenheit zum “dining out”. Unglaublich viele Menschen, die Restauran sind voll. Meist dunkel, und mit etwas Kerzenlicht sitzen sie wohlgeordnet an den Tischen und sie sind jeden Alters. Was sie essen weiss man nicht, doch es wird schmecken. Sie sehen gluecklich aus.
9. Dec 1999 | Tagebuch
Busfahren auf der Linie 161. Leicht wird einem schlecht. Grund dafuer sind die staendigen Stops an jeder Strassenkreuzung. Stop-Schilder fuer jede Strasse, oder auch “Arret” fuer alle. Und dann geht’s wieder weiter, nach einem leichten “touch-down”, einem angedeuteten Stehenbleiben der Beteiligten.
An der Haltestell reihen sich die Mitfahrwilligen in eine Reihe ein, im Einstieg wird dem Chaffeur die Karte gezeigt oder wahlweise eine zwei Dollar Muenze ins Auqarium geworfen, das ist ein Glasbehaelter der die Fahrkarten oder den Fahrpreis kurz dem Fahrer zeigt, bevor er sie an den Blechbehaelter darunter weitergibt. Wer nachher wieder aussteigen will, zieht die gelbe Reissleine entlang der Fensterscheiben. Nicht fest, mit der ganzen Faust nach unten, sonder meist nur zwei Finger werden verwendet: Mit einem elganten kurzen Ruck, zackig leicht, so wird gezogen, und damit ist die Sache noch nicht getan. Man muss beim Ausstieg hinten ganz zur Tuere gehen, also eine Treppe hinuntersteigen, dann erst wird sie sich oeffnen. In Wien soll man gerade dort nicht stehen, und so konditioniert traut man sich in Montreal nicht mitzumachen. Zweite Moeglichkeit, die hintere Tuer aufzukriegen bei anderen Bussen: Die ganze Hand an den mittleren Tuerrahmen auf die gelbe Linie legen, das funktioniert auch.
Die Sitze sind enger angeordnet, als im vertrauten Mitteleuropa, und von draussen sieht der Bus sehr futuristisch aus. Wie ein Panther im Sprung nach vorne, mit breitem Hintern. Innen auffallend viele Omis mit rotgeschminkten Lippen. Der Rest der Mannschaft sitzt regungs- und bewegungslos.
PS: Die Reißleinen sind in manchen Bussen auch rot.
8. Dec 1999 | Tagebuch
In Montreal wird gerne und gut franzoesisch gegessen. Das bedeutet gerade im Supermarkt eine nette und gute Auswahl an Kaese, Brot, suessem Gebaeck und Wein. Exemplarisch das Etikette du Baguette:
Baguette Francaise 280g / French Bread Stick 280 g
Ingredients: Farine enrichie (Farine de ble enrichie, amylase, peroxyde de benzolyle, fer reduit, azodicarbonate mononitrate de thianine, ribovlavine), eau, levure fraich sel, esters tartrique des mono et glyceride acetyle, acideascorbique.
Pack date 08-DE-99, best before 10-De-99, **total** $0.79, net 1 pcs. Supermarche Ornawka Inc., 4885 Van Horne, Montreal H3W 1J2. Special.
Und ich dachte: Mehl, Wasser, Salz, Germ.
7. Dec 1999 | Tagebuch
Es ist lang, schmal und aufrecht. Es wird mit der Steckdose verbunden und hat vorne zwei Wasserhaehne. Es steht in nahezu jedem Buero und ist wiederbefuellbar: Mit grossen Plastikbehaeltern voll Wasser.
Der Buerowasserspender ist aus der Naehe nordeamerikanischer Arbeitsplaetze nicht wegzudenken. Wer Durst hat, der trinkt. Er trinkt jenes Wasser, das der Areitsgeber fuer ihn kauft. Kostet ja ausserdem nicht viel. Gekuehlt fliesst es aus dem rechten Hahn, ungekuehlt aus dem linken.
Wenn sie es nur schaffen wuerden, die Plastik-Schaumstoffbecher zu ersetzen, zeitweise sieht man auch schon kleine Kartontueten, die so klein sind, dass auch ein Kind sie ein paarmal befuellen muss, um einen mittleren Durst zu loeschen.