Film über das Leben mit Behinderung. Es spricht: Friedolin Schönwiese.
Österreich 1
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019. Mit Sack und Pack
Kulturgeschichte des Tragens.
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011. Trafik
Einblick in das Leben der Trafikanten und Trafiken. Geschützt durch ein staatliches Monopol ist es dennoch nicht immer lustig. (Beitrag in Zusammenarbeit mit Ute Hargassner)
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010. Arbeitslos
Arbeitslosigkeit in der Region Braunau im Jahr 1996, nach der Umstrukturierung des Aluminiumwerks Ranshofen (AMAG). Wie man die Zahlen dreht und wendet, egal ob absolut oder relativ gerechnet wird, die Zahl der Arbeitslosen steigt Risikogruppen sind ältere Menschen, Personen mit Lehr- oder Pflichtschulabschluß, Nicht-Österreicher, Beschäftigte in Industrie und Gewerbe. Aber was sind Zahlen, Raten und Vergleiche. Betroffene profitieren höchstens vom Verschwinden des Vorurteils, jeder könne arbeiten, wenn er nur wolle. Für den Einzelnen und die Familien bedeutet Arbeitslosigkeit Krisenphase mit offenem Ende.
Link: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio010_arbeitslos.mp3
Manuskript
Arbeitslos. Eine Region ist machtlos und beunruhigt.Im Vormonat waren in Österreich fast 240.000 Menschen arbeitslos. Wie man die Zahlen dreht und wendet, egal ob absolut oder relativ gerechnet wird, die Zahl der Arbeitslosen steigt. 12% sind es nun mehr als im Vorjahr. Risikogruppen sind ältere Menschen, Personen mit Lehr- oder Pflichtschulabschluß, Nicht-Österreicher, Beschäftigte in Industrie und Gewerbe. Aber was sind Zahlen, Raten und Vergleiche. Betroffene profitieren höchstens vom Verschwinden des Vorurteils, jeder könne arbeiten, wenn er nur wolle. Für den Einzelnen und die Familien bedeutet Arbeitslosigkeit Krisenphase mit offenem Ende. Lothar Bodingbauer hat sich in Oberösterreich umgesehen. Ort der folgenden Reportage ist die Region Braunau.
2 OT Arbeiter
Was uns so ärgert, es ist um die Hälfte fast reduziert worden, aber nur der ganze Führungsstab droben ist heute noch. Das paßt sicher nicht mehr, aber na ja.
OT Meditation
TEXT:
Die Adressaten dieser Meditation, 30 Männer und Frauen jeden Alters, waren vor einem Monat noch Härteres gewohnt. Schichtarbeit in der Aluschmide Ranshofen, an Walzgerüsten und Preßmaschinen. Fließbandarbeit in einem anderen Krisenbetrieb, der schließen mußte oder anderswo billiger produziert. Auch ein Käsereimeister ist dabei.
Einer hat vorhin erzählt, er würde jetzt gerne Staplerfahren. Diese Zeit ist nun vorbei. Sie alle haben ihre Arbeit verloren.
Alle wissen, sie sind da, um sich zu erholen, um fit zu werden, für die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.
4 OT Arbeiter
Vielleicht finden wir ja noch etwas (4)
3 (~2) OT Meditation
2 OT Arbeiter-Mix
- Man wird selbstbewußter da herinnen, weil man lernt, Eigeninitiative zu ergreifen…
- Na, mich hat das nicht geschreckt, weil ich schon immer gerechnet habe, daß ich einmal hinaufgeholt werde…
- Ich war Gruppenleiter in der Forschung und Entwicklung. Durch die Umstrukturierung in der Forschung der AMAG ist diese Stelle aufgelöst worden…
- Mir wäre eigentlich im Freien irgendwas noch, weil ich war jetzt 43 Jahre immer drinnen, in der Hüttengießerei, und in der Werkstätte…
- Ich war zuletzt im Magazin noch ein wenig, aufräumen…
- Was ich in Zukunft noch lernen kann oder nicht, ich weiß nicht, ob das noch was günstiges draus wird. Gesundheitich war ich auch schon so halbwegs geschädigt, ich habe schon ewig lang Astma…
- Durch das Sanierungskonzept in der AMAG hat man auch zu mir gesagt, ich hätte die Möglichkeit, auf einvernehmiche Art und Weise das Arbeitsverhältnis zu lösen…
- Früher war ich in der Elektroyse 20 Jahre…
- Ich bin ersetzt worden dort, das weiß ich…
- Entweder Landschaftspfleger oder Gärtner täte mich noch interessieren…
- Bevor ein jüngerer gehen muß, erklärt man sich eben bereit, Platz zu machen…(~3)
- Weil die Firma hat abgebaut, dann bin ich in die Stiftung gegeangen. Ich hoffe, daß ich noch irgendwas –
4 leise MUSIK Internationale – also Beruf habe ich keinen erlernt…
- Und ich hoffe, daß ich noch irgendwo unterkomme…
- In der freien Natur wird´s sicher noch was geben für mich. (2)
MUSIK
TEXT:
Hyper, hyper. Wir heben ab. Auf dem Weg in die Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft gibt es keinen Platz mehr für Aluschmelzer, Staplerfahrer, Löchergräber, Kabelroller. Die erkämpften Rechte der Arbeiter gelten nicht mehr für Arbeitslose, und das Recht auf Arbeit ist System- und Konjunkturabhängig.
Gerhard Skiba ist Bürgermeister der Bezirkshauptstadt Braunau.
Arbeitslosigkeit sei der Trend der Zeit.
2 OT Bürgermeister
Freie Marktwirtschaft heißt glasklar, Produktion dort wo die Arbeitskosten günstiger sind, wo man die Leute ausbeuten kann, wo man zu niedrigen Fertigungskosten und Stückkosten kommt. Ich kann nicht einer Firmenleitung den Schüssel wegnehmen und sagen, ihr dürfts nicht absiedeln. Wenns so einfach wäre, dann würde ich das tun.
OT Seelsorge
Wie es angefangen hat, größere Formen anzunehmen, hat es noch Proteste gegeben. Ich denke an die Schließung der Elektrolyse. Am Anfang ist noch protestiert worden, mitlerweile haben wir eine Arbeitslosigkeit in einem ungeahnt größeren Ausmaß, und es gibt eigentlich keinen Protest mehr. Wenn man weiß, daß das Lohnniveau ich glaube innerhalb von einem Jahr um 1000 Schiling gesunken ist, das muß man sich vorstellen, was das für eine Region heißt. (2)
(~4) TEXT:
Die Arbeitslosenrate im Bezirk Braunau liegt bei etwa 8 Prozent. Gleichverteilt. 4% Männer, und 4% Frauen. Arbeitsplätze fehlen vorwiegend in jenen Bereichen, wo es weniger ums Handeln und Delegieren, als ums Zupacken geht. Nun soll auch das Krankenhaus schließen.
Marianne Hagenhofer ist Leiterin des Arbeitsamtes Braunau.
2 OT Hagenhofer
Die offenen Stellen sind stärker denn je zurückgegangen, es ist derzeit so, daß grob 10 Personen auf 1 offene Stelle kommen. Sie können sich vorstellen, wie groß der Verdrängungswettbewerb unter den Arbeitslosen dann ist.
OT Wirtshaus
Die Frauen erwischts jetzt wieder, weil wieder ein Betrieb zusperrt, wo ziemich viele Frauen beschäftigt sind, und die AMAG will auch wieder heuer 500 Leute entlassen. (*2)
TEXT:
Braunau ist nach Linz und Steyr der von Arbeitsosigkeit am stärksten betroffene Bezirk Oberösterreichs. Die Strukturveränderung habe das bewirkt, erklärt Marianne Hagenhofer, andere Bezirke müßten diesen Prozeß erst vollziehen. Was heißen soll, daß im Bezirk Braunau die Betriebe schon zugesperrt haben, oder abgewandert sind, auf die Phillipinen, oder nach Ungarn.
Der Großbetrieb der Region, das Aluminiumwerk Ranshofen, die AMAG, wartet auf einen Käufer und schrumpft inzwischen gesund.
2 OT Arbeiter
Meistens ist ein ganzes System gesperrt worden, das sind immer zwei Ofenhäuser. Aber wie gesagt, die Nebenbetriebe, dies gerissen hat, das hat dann natürlich auf das ganze Werk übergegriffen. – Das Ofenhaus war ja der Teil, der die Defizite von Walzwerk und Preßwerk aufgefangen hat. Und das hat jeder begriffen, wann die das Ofenhaus sperren, daß es dann Feierabend wird. Es ist auch von Seiten des Betriebsrates ganz wenig Druck gemacht worden. Getan hat er auch nicht viel.
OT Bürgermeister
Das Probem ist, die AMAG ist im Grunde genommen als Aluminiumproduzent am Wetmarkt ein Klacks. Und Aluminium wird heute ganz wo anders in ganz anderen Dimensionen am Weltmarkt erzeugt und angeboten. Da hat Ranshofen ganz einfach nicht mehr mitkönnen.
OT Arbeiter
Wenn Dir da oben einer die Wahrheit sagt, wärs schön. Aber man spürt das eh ungefähr, weißt, ganz dumm sind ja wir auch nicht, daß wir nicht wissen, was wirklich im Werk oben lauft. Es wird ja ständig kleiner gemacht, und die Devise, wies immer heißt oben, mit 50 Jahren hast einen Kündigungsschutz, mein Gott na, haben ein paar von der Führungsetage gesagt, mag sein, aber wenn wir jemanden anbringen wollen, bringen wir jeden an.
OT Stiftling
Weil es immer geheißen hat, die älteren haben einen Kündigungsschutz, aber dann heißt es natürlich auch, wenn wir nicht gehen, müssen andere gehen, und für 50jährige oder noch jüngere ist es natürlich noch schwieriger, als für denjenigen, der ein paar Jahre vor der Pension steht. (2)
TEXT:
Die Firmenleitung der AMAG mußte einem Sozialplan zustimmen, der neben Abfertigungen auch die Gründung einer Arbeitsstiftung vorsah. Die nicht mehr benötigten Arbeitnehmer können weiter von 8 bis 16 Uhr ins Werk fahren – nicht mehr in die Produktionsbetriebe, sondern in den Schulungsraum der Alu-Stiftung.
Leiter der Stiftung ist Heinrich Simböck.
2 OT Chef
Begonnen hat die Arbeitsstiftung in Ranshofen im Zuge der Schließung der Elektrolyseanlage. Es wurden damals 711 direkt Betroffene in der AMAG betreut, und haben über die Arbeitsstiftung selber ein Licht am Horizont gesehen, sie waren nicht alleine. Da sind wir auch ganz besonders dankbar, daß das ganze so funktioniert.
OT Trainer
Unser Motto ist wirklich Hilfe zur Selbsthilfe, die Stiftung ist nicht da, einen Arbeitsplatz zu finden, das ist ein wirklich wichtiger Punkt von uns, wir suchen keine Arbeit nicht, wir helfen nur.
OT Stifting: Es geht so schnell
OT Stifting
Und es ist einfach erstaunlich, wenn man das so sieht. Heute sind wieder 3 weg zur Arbeitssuche, und heute habe ich gerade einen Kollegen getroffen, der hat mit mir zusammengearbeitet, der macht Masseur, der ist schon wieder in Deutschland draußen, den habe ich gerade kurz getroffen, der ist schon wieder weg. Und es ist interessant, wie schnell das geht, daß die Leute wieder eine Arbeit finden.
Stiftung Trainer
Arbeiten mit über 50jährigen ist das schönste, was es gibt, sie sind dankbarer wie jüngere, man arbeitet im Bereich Teamarbeit. Nicht gerade Arbeitsplatzsuche, sondern wir packen unser Zeug und gehen in die Natur spazieren, daß das auch nicht zu kurz kommt. (*2)
TEXT:
Die Teilnehmer, die zwar arbeitslos sind, aber nicht so heißen, weil sie Stiftlinge sind, sie lernen das, wofür sie nie Zeit hatten, weil sie arbeiten mußten.
Teamarbeit, Selbstdarstellung- und Bewerbungsstrategien. 4 Jahre sind Zeit, um sich beruflich neu zu orientieren, und an Weiterbildungsprogrammen teilzunehmen. Ältere Teilnehmer können so auch die Zeit zur Pension überbrücken. „Sich aus dem Arbeitsleben ausblenden” heißt das.
Für Jungunternehmer des Bezirkes sind die Stiftlinge begehrtes Personal. Für die Unternehmungsgründung bezahlt die Stiftung einzuschulende Mitarbeiter.
2 OT Jungunternehmer
Ist aber bei einem Unternehmen, das neu anfangt, teilweise die einzige Möglichkeiten. Denn mit dem Start ein großes Personal zu haben, ist für kleine Jungunternehmen fast nicht mehr möglich am Anfang. Und wenn das Unternehmen lauft, kann man die entsprechenden Stiftlinge ja auch einstellen. (*2)
TEXT:
Betriebsgründungen sind jedoch rar, Arbeitsplätze sind rar, und die Perspektive, unnötig zu sein, ist keine gute.
2auf MONO stellen!
OT Frau
Mein Mann ist 28 Jahre in der AMAG gewesen, jetzt habens ihn freigestellt. Der weiß mit 47 Jahren nicht mehr wohin. Aber jetzt hat er schon dort oder da gefragt, ob sie ihn aufnehmen würden, zu arbeiten, er bekommt überall eine Absage, Grund: das Alter, jetzt gehts natürlich wieder an. Na, es war am Anfang sehr schlimm, dann haben wir ihm gut zugeredet, dann ist es wieder gegangen. Gemütsverstimmungen, seelisch, psychisch. Eigentlich, der ganze Mensch ist anders worden.
OT Hagenhofer
Jemand der noch nie arbeitslos war, weiß eigentlich nicht, was Arbeitslosigkeit bedeutet. Wenn man gerne arbeiten würde, aber trotz alledem keine Arbeit bekommt, ist das ja sofort ein psychisches Problem.
OT Arbeitsloser
Konkret sind meine Schwierigkeiten, sind das Finanzielle. Was ich jetzt verdiene, ca. 9000 Schilling, das reicht halt gerade, daß ich die Miete bezahlen kann, 3000 Schilling, 1000 Schilling Strom, ca 600 Schilling Versicherung, der Rest blebt zum Leben, dann habe ich Schulden, ca. 70000 Schilling, die muß ich auch noch zahlen, dann bleiben ca. 2000 Schilling zum Leben. Und dann wirds knapp. Das schlimme ist, daß die Leute so unfair sind, daß sie sagen,. schau da geht er, er ist schon sop lange daheim. Derjenige der Arbeitet, ist sich ja dessen nicht bewußt, was es heißt, arbeitslos zu sein. Nur, den kann es über Nacht auch treffen. Und dann wird er selbst sehen, was das heißt. Innerlich, was sich da abspielt, man hat Existenzangst, es treten viele Problem auf. Man kann sich nix mehr leisten. Man trinkt nun ium ein Bier zuviel, weil man sagt, der Schädel raucht mir, weil ich nicht weiß, was ich tun soll. Man wird ja dann irgendwie psychisch ein bißerl angeknackst, weil man nicht weiß, wie gehts morgen weiter, oder nächstes Monat. – Ich täte sagen, zum Fürchten fängt man an, wenns über 1 1/2, 2 jahre geht. Das geht an, ab einem jahr. Man fühlt sich, so Quasi, Dich kann eh keiner brauchen, dann sagt jeder, jetzt bist schon ein Jahr daheim, Dir muß man das Arbeiten wieder lernen. Wenn einem das gesagt wird, bricht schon innerlich was zusammen, weil man sich abwertet, und sagt, vielleicht hat er wirklich recht. Obwoh man aber im Hinterstüberl den Willen hat, ich möchte ja. Aber immer wieder, das reinsagen, Du bist eh schon so lang arbeitsos, du kannst nichts, du wirst nie was können, und das macht es aus, daß man ein bißerl aufgibt. (*2)
2 OT Lehrer
Also ich bin schon längst pragmatisiert, deswegen kann ich so locker drüber reden, weil das ganze berührt mich überhaupt nicht. (*2)
3 OT Stempel (3)
TEXT:
Und das ist das Geräusch zur Sendung. So klingt Arbeitslosigkeit.
„Stempeln gehen“, sagt der Volksmund.
Für einen Jungakademiker aus Wien war der Umzug in die Region schockierend.
2 OT Akademiker
Und der Kontrast war einfach so schlimm. Das, was ich bisher am Jungakademikerservice in Wien gesehen habe, wo man wirklich darauf spezialisiert ist, jungen Universitätsabsolventen adäquate Jobs zu vermitteln, und wo die Leute hingehen um ihre Karriere zu planen. Mit diesen Vorstellungen bin ich ungefähr auch ans Arbeitsamt in Braunau gegangen. Was ich dort gesehen habe, das war Not, war menschliches Elend, war menschliche Not, bei jedem anders gelagert, und das zu sehen, tut weh.
ATMO Kindergeschrei
TEXT:
Das Arbeitsamt Braunau heißt nun Arbeitsmarktservice. Das neuerbaute Gebäude am Rande der Stadt erinnert mehr an ein Großambulatorium. „Arbeitslosikgkeit ist keine Krankheit“, meinen die einen, „ist sehr wohl eine“, die anderen. Die Klobürste sei zu verwenden, und man habe sich niederzusetzen. Das Schild auf der Toilette ist aber schon das einzige, was anzeigt, daß man sich in einem Amt befindet.
4-(~2) OT/ATMO Arbeitsamt
Sie können auf 11 reingehen…
TEXT:
Felix Leininger ist seit 18 Jahren Arbeitslosenberater. Er stempelt aktiv. An ihn die Frage, wieviele Leute denn jetzt eigentlich sozialschmarotzen. Also gar nicht arbeiten wollen! (~2)
3 OT Berater
Ich habe jetzt ungefähr 450 Leute in der Vormerkung, 99% wollen wirklich, ein geringer Teil hat sich an das Einkommen gewöhnt, die man nicht vermitteln kann, weil so viel egute Arbeitslose da sind. Der Betrieb sucht sich die besseren aus.(*3)
TEXT:
Zahl und Größe der Probleme haben in den letzten Jahren enorm zugenommen, erzählt der Berater inmitten farbenfroher Leinwandgemälde, die er in seiner Freizeit malt und mit ins Amt bringt.
Alleinerziehende Frauen haben die größten Schwierigkeiten, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Halbtags oder Teilzeitstellen werden kaum angeboten und wenn, dann sind meist mit den angebotenen Kinderbetreuungszeiten unvereinbar.
2 OT Frau
Wei ich könnte es für mich nicht vorstellen, daß ich mir denke, ich ginge arbeiten, und in der Zeit schaut eine Betreuerin auf mein Kind. Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn das Kind reif ist für den Kindergarten, dann kann ich auch was arbeiten in der Zeit. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß ich arbeiten gehen muß, und eine andere, fremde Frau, schaut auf mein Kind in der Zeit, wo ich mir denke, das ist eigentlich meine Arbeit. Auf das stehe ich. –
Stehen kann man nur so lange, wie nichts angeboten wird. Das ist nämlich die Probematik. ich sitze auf der einen Seite herinnen, daß ich die Leute wieder in Arbeit bringe, auf der anderen Seite, muß ich das soziale abchecken, das ist die Schwierigkeit bei den Frauen. Darum sind viele Frauen im Notstandshilfebezug, aber das liegt nicht an den Frauen, sondern an den Betrieben, daß nichts angeboten wird, und an den betrieben, und an den Kinderbetreuungseinrichtungen. – Daß das Geld weiterlauft, Antrag ausfüllen und auf Zimmer 28 abgeben. – Super, das kann ich heute geich abgeben. – Ja, gleich nach vorn gehen. (*2)
TEXT:
Das Amt erhielt einen anonymen Hinweis, daß ein Klient jeden Tag von einem Auto abgeholt werde. Verdacht auf Pfuschen. Der Mann wird zu Felix Leininger ins Amt gebeten.
3 OT Berater
Man ist ja Psychologe auch, man kann ja umgehen auch mit den Leuten, gerade mit solchen. Der kommt herein, braust auf, und zwei Minuten später ist er wieder ruhig. –
(Action bis zum Türeschließen) (*3)
2 OT Angestellte
Und man muß reden können. Auch wenn einer mal hereinkommt und durchdreht und schimpft und plärrt, dann muß ich ruhig beiben und sagen, schrei Dich einmal aus, und dann reden wir normal weiter. Das ist aber nicht immer zu machen, das ist auch klar. Aber das finde ich, macht einen Berater aus. (2)
3 OT Beschuldigter
Überhaupt kein Problem nicht. Menschlich ist es. Wie du in den Wald schreist, kommts raus. Gibt überhaupt nichts. Kannst ganz normal reden mit ihm, ist ganz klar. Wir kennen uns schon lange, hatte schon öfters zu tun mit ihm. Wenns mit der Arbeit wieder pfeift, alles in Ordnung, habe ich damit eh nichts mehr zu tun, servus. (~3)
2 OT Psychologin
Menschen sind sehr verschieden. natürlich finden sich unter Arbeitslosen genauso wie unter Leuten die Arbeit haben, Anstrengungsvermeider, keine Frage. Im großen und ganzen ist es so, daß die Situation der Arbeitslosigkeit so deprimierend ist, daß man sich nicht wundern muß, daß die Menschen die Lust verlieren, die Hoffnung verlieren, resignieren. Das heißt ist mehr gelernte Hilflosigkeit, wie man es in der Psychologie sagt, also ein völlig anderes Phänomen.(2)
TEXT:
Die Psychologin Brigitte Rollet zum Thema Anstrengungsvermeidung. –
Ein Glück für die Region Braunau ist ihre Lage, in unmittelbare Nähe zur deutschen Grenze. Drüben im Chemiedreieck Burghausen arbeiten etwa 5000 Österreicher. Etwa im Wacker-Werk: jeder 5. Arbeitnehmer kommt aus Österreich. Gerd Keller ist der Arbeitsdirektor des Unternehmens.
2 OT Geschäftsführer
Dadurch daß wir mit unserem Produktionsstandort so nahe an der Salzach sind, haben wir diese Salzach nie als Grenze empfunden zu Österreich, was unseren Arbeitsmarkt anbelangt. Nehmen Sie einen Zirkel und ziehen Sie einen 50km Kreis um das Werk, dann ist das unser Beschaffungsmarkt für Arbeitskräfte. Wir werden in diesem Jahr etwa 260 Mitarbeiter hier in Burghausen einstellen können, das hängt damit zusammen, daß die Halbleiterindustrie sehr stark wächst, Wachstumsraten zwischen 15 und 20% in den nächsten zwei Jahren, das wirkt sich natürlich deutlich in unserer Einstellpolitik aus. (*2)
TEXT: Aus Österreich hat sich für die Beschäftigung der Österreicher noch niemand bedankt.
2 OT Geschäftsführer
Sagen wir, das wäre vieleicht ganz nett, aber wir kommen auch so ganz gut zurecht. (*2)
TEXT:
Nehmen Firmen staatliche finanzielle Anreize wahr, neue Mitarbeiter mit Handicaps einzustellen, ältere Arbeitslose etwa?
2 OT Geschäftsführer
Eigentich weniger. Wir müssen eigentlich sehen, primär, funktionierende Abteilungen zu haben, und wir haben nur sehr wenige Bereiche, wo es in Frage kommt, Mitarbeiter, die mit welchen Handicaps auch immer versehen sind, vernünftig und adäquat einzusetzen. Diese Anreize haben wir bisher gar nicht in Anspruch nehmen können. (*2)
TEXT:
Was tun? Wer oder was auch immer Arbeitslosigkeit verursacht. Tatsache ist, daß Menschen, die arbeiten könnten, keine Arbeitsplätze finden, weil es sie nicht gibt. In Zukunft werden sich mehr Leute weniger Arbeit teilen müssen. Zu geringeren Löhnen. Das System der Lohnarbeit den heutigen Gegebenheiten anzupassen, ist ein politisches Problem. Und auch, was mit den immer mehr werdenden Arbeitslosen anzufangen ist.
2 OT Hagenhofer
Wir haben zur Problemlösung angesetzt, wir setzen auf aktive AM Politik. Das heißt, die Personen, nicht nur Arbeitslosengeld beziehen zu lassen, und die Existenz abzusichern, sondern mit ihnen aktiv etwas zu unternehmen, um sie wieder in den Arbeitsmarkt integrieren zu können.
OT Sepp
Ich zerlege jetzt den Betteinsatz. Solche haben wir mehr, und das geht leicht.
TEXT:
Im Recyclinghof Braunau organisieren Langzeitarbeitslose die Sperrmüllsammlung. Müll wird getrennt, wiederverwertet und verkauft.
OT Sepp
Der Rahmen kommt nachher zum Brennholz, das Brennholz wird nachher zusammengeschnitten…
TEXT:
Herbert Ranftl leitet den Recycingof Braunau.
3 OT Ranftl
Wir sind ein Projekt, das für 10 vorher arbeitslose Personen konzipiert ist, dazu steht uns ein Betreuungspersonal von 2 1/2 Personen zur Verfügung. (3)
OT Arbeiter
Ja, mein Fachgebiet sind Elektrosachen zu zerlegen. Die einen könnnen recht gut Matratzen zeregen, er macht zum Beispiel die gröberen Sachen, er zerlegt sämtliche Möbelstücke eigentlich, im großen und ganzen.
3 OT Ranftl
Der Kursteilnehmer ist maximal ein Jahr bei uns beschäftigt, und in der Zeit soll er wieder einen Arbeitsplatz finden.
OT Hagenhofer
Wir belassen die Leute im Zeitrhythmus mit Qualifizierungsmaßnamen. Die Leute müssen in der Früh in die Maßnahme gehen, sie dauert 8 Stunden, und somit ist das Gefühl, arbeitslos zu sein, nicht so stark vorhanden.
TEXT:
Augenkontakt mit der Kundschaft sei wichtig, lehrt ein Plakat an der Wand, das schaffe Vertrauen. Das Projekt besteht nicht nur aus Arbeit. Auch hier sollen Fertigkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung vermittelt werden.
2-(~3) OT Sepp
Na ja so, arbeitsmäßig gefällts mir ganz gut, aber ich bin von Schneegattern, ich hab da eine Wohnung, das ist was, was mir nicht so gut gefällt. Der Kurs baut einen schon ein wenig auf, daß man wieder zu sich selben kommt. Wenn man weg ist, dann findet man selber nicht mehr so recht rein. Die helfen einen, daß man wieder dazu zurückfindet. Wie gesagt das ist ein Problem ,in Schneegattern habe ich eine Wohnung, und ich habe mich schon eingelebt, jetzt müßte ich wieder neu anfangen, des streßt mich, ich fahre schon das Wochenende heim, das geht ales ins Geld, ich muß ins Gasthaus essen gehen. Das geht ins Geld. Das bringt mich durcheinander.
TEXT:
Flexibel, dynamisch, mobil und kommunikativ. Das sind die neuen Kriterien. Fehlt nur eines davon, reicht es aus, um in der großen Konkurrenz unterzugehen.
OT Arbeiter
Ich habe, wie gesagt, Sehnsucht nach Zuhause.
OT Arbeiter
Ich bin ein recht fexibler Mensch, ich habe da 0 Probeme gehabt, ich habe zuvor einen ganz anderen Beruf gehabt, wie jetzt. Ich komme bei den Leuten gut an, glaube ich, aber wie gesagt, unser System ist, daß wir zusammenhelfen, weil sonst gehts fast nicht – Heh! –
Ich muß aber jetzt ein Interview geben, jetzt gehts nicht.
3-(~2) OTAction
2 OT Hagenhofer
Ich sage, bei uns wird niemand gezwungen. Jeder soll in die Ausbildung oder in das Projekt freiwillig. Wenn man jemanden zwingt bringt das nix. Allerdings, wenn eine Person, für die wir glauben, das ist für die Person sinnvoll, selbstverständlich das Arbeitslosengeld nicht so ohne weiters weitergezahlt wird, es wird für 4 Wochen ausgesetzt. Man sollte die eine oder andere gemeinnützige Organisation unterstützen, wenn sie Leute braucht, daß man sie aus dem Reservoir der arbeitslosen Personen bestücken kann. Aber mit Gewalt gehts nicht, das sind alles Menschen, man kann den ja nicht anbinden.
TEXT:
Teilnehmer an Projekten der aktiven Arbeitsmarktpolitik erhielten bis vor kurzem für die Arbeit während der Arbeitslosigkeit 2000 Schilling pro Monat zusätzlich zur Arbeitslosenunterstützung. DLU heißt das, Deckung des Lebensunterhaltes.
2(~3) OT Arbeiterin
Also, was ich gerade erfahren habe, ich bekomme die normale Arbeitslosen, mehr nicht, weil ja die DLU jetzt gestrichen worden ist. – Warum ? – Sparpaket. Habe ich jetzt gerade erfahren. Man wird eingestuft, was man vorher gemacht habe, früher hat man noch 2000 dazubekommen. Das ist gestrichen worden. Aber trotz allem, besser wie nichts. –
Aber es ist alles zu bewältigen mit der richtigen Einstellung.
OT Nachrichten
Die Wirtschafts- und Arbeitsminister der 7 führenden Industrienationen haben sich in Lille für einen flexibleren Arbeitsmarkt ausgesprochen, um neue Arbeitspätze zu schaffen. In einer gemeinsamen Abschlußerklärung fordern sie eine größere Mobiität der Beschäftigten und geringere Sozialabgaben für Arbeitspätze, die nur eine niedrigere Qualifikation erfordern. Österreichs Soziaminister Hums meinte zu den Beratungen, es habe keinen Sinn, Arbeitsplätze zu schaffen, die nicht geeignet seien, Existenzen zu sichern.
OT Arbeiterin
Ich täte es für gut halten, wenn es mehr solche Projekte gäbe, dann hätten die Leute vielleicht wie in meinem Fall größere Chancen, irgendwo unterzukommen. gar nicht so schecht. Pfft.
3 OT Hagenhofer
Das Ganze ist eine finanzielle Frage. Der Arbeitsmarkttopf für aktive Beschäftigungspolitik ist nicht endlos, daß man nur daraus schöpfen kann. Man hat ein bestimmtes Budget, mit dem wir haushalten müssen. Man muß auch aufpassen, daß man den Markt mit derartigen Projekten nicht überfordert.(3)
TEXT:
Die Qualifikationsspirale dreht sich. Handelsakademiker ersetzen Handelsschüler, Maturanten Menschen mit Hauptschulabschluß. Im Zusammenhang damit sinken die Gehaltsforderungen der Arbeitssuchenden.
Gerhard Rauscher leitet das Renoveriungsprojekt im nahegelegenen Altheim. Langzeitarbeitslose haben dort ein altes Bauernhaus renoviert, das nun als Kulturzentrum und Museum dient. Für die Gemeinde war diese Renovierung billig, Material wurde von den heimischen Betrieben gekauft. Endlich profitieren auch die Arbeitslosen, ihre Fähigkeiten können erweitert werden. Zu Beginn der Schulung steht Grundsätzliches am Programm. Die Arbeitskultur.
2 OT Rauscher
Das ist wichtig, Thomas. Ich brauche heute, es geht nicht mehr so verstärkt um die Situation, daß Du als Hilfsarbeiter der fachlich fertige Mann sein für die Firma. Was den Hilfsarbeiter betrifft, übernimmt die Firma die Schulung selbst. Aber das was jeder mitbringen muß ist Verläßlichkeit, Pünktlichkeit, ist eine Situation, daß ich sagen kann, beim Thomas ist um 7 Arbeitsbeginn, dann ist er um 7 da. Das sind die Wertmaßstäbe, die man bei euch anlegt. Wo es nicht darum geht, daß ich hohe fachliche Qualifizierung habe, sondern wo ich sagen kann, er ist da, wenn man ihn braucht. Das zählt, alles andere macht Dich kaputt.
(2)
TEXT:
Während in den Stiftungen und Projekten Organisatoren und Teilnehmer an der Überlebenssicherung und Zukunfstplanung arbeiten, diskutieren drei Künstler im Braunauer Cafe Graf.
2 OT Künstler
Ich glaube, daß die Arbeitslosigkeit ein totaler Streß ist. Man muß sich rechtfertigen, daß man doch exisitiert, man hat als Künstler schon schwer, und wenn man als Arbeitsloser Soziahife bekommt, ist es noch schwerer, vor Freunden, die vielleicht einen Job haben, zu rechtfertigen, wieso man was bekommt und trotzdem lebt. –
Man hat ja seine Aufgabe, man muß funktionieren. Das ist einfach Pflicht. Ich muß auch funktionieren, wenn ich sowieso am Arsch bin. –
Sie können vielleicht ihre Phantasie wieder mehr beleben, weil sie mehr Zeit haben, ich stelle mir vor, daß sie sich mit ihrem Leben wieder mehr befassen, ich glaube es, ich wünsche es diesen Menschen. Wenn man mehr Freiraum hat und nicht im Streß ist, dann kann man ja mehr über sich nachdenken und die Welt –
Schwachsinn –
Bist du gerade arbeitslos? Sag ihm hinein, was du dir denkst! –
Was soll ich da sagen, sicher gehts mir schlecht. sieht man eh, psychischer Zustand, der Druck, Winterdepressionen. Schwere Depressionen. Ich kann jetzt gar nichts sagen, wei ich so schlecht beinand bin. –
Finde ich auch, wenn du eine Depression hast, dann redest du nicht gerne darüber. –
Ich habe immer gearbeitet, mein ganzes Leben lang. Meine Freundin, mir war alles was wert, immer noch, wenn ich was mache, dann anständig. Jetzt bin ich ein Jahr dahein, gesundheitshalber, dann schauen dich die Leute schon an wie einen Verbrecher.
OT Hagenhofer
Es ist ein Phänomen, daß Personen, die von Arbeitslosigkeit nicht betroffen sind, überhaut nicht daran denken, daß er morgen oder übermorgen er selbst schon betroffen ist, und was es heißt. Das ist das schlimmst aus meiner Erfahrung, was ich aus meiner beruflichen Laufbahn erfahren konnte, wie sie noch in Arbeit waren, war die Welt noch eine ander, als sie noch gearbeitet haben. Es ist so bezeichnend, daß es noch Leute gibt, die sagen, wenn er wirklich will, dann kriegt er schon eine Arbeit, weil es einfach nicht so ist. Das ist das Prekäre an der Situation in unserer Gesellschaft, daß jeder, der noch am Sessel sitzt, und glaubt er hat Arbeit, daß ihm das nicht passieren kann. Und leider kann es sehr rasch gehen.
OT Frau
Na ja, ich arbeite 4 Stunden, ich finde, man muß einfach zusammenhalten, ich kann nicht einfach sagen, mein Mann arbeitet nicht mehr. Er hat ja nicht aufgehört, weils ihm nicht mehr gefreut hat, sondern weil er gehen hat müssen. Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen, er hat ein super Zeugnis bekommen, aber was fangt er damit an, das bringt uns nichts. Na ja, es wird wieder weitergehen. Hoffmas.
MUSIK bis
ENDE (2)
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006. Braunau am Inn
Foto: Lothar Bodingbauer, Braunau 2016
Programmtext
Eine Kleinstadt auf der Suche nach der Normalität: Adolf Hitler wurde in Braunau am Inn geboren. Wie es die Braunauer selbst heute mit diesem sensiblen Thema halten, darum geht es in dieser Sendung. Für die einen ist es unerwünschtes Erbe, sie wollen nicht mehr darüber reden. Für die anderen ist Braunau der ideale Ort für eine historische Psychotherapie. Braunau am Inn. Eine Kleinstadt auf der Suche nach der Normalität.
URL: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio006_braunau.mp3
Trailer
MITTAGSJOURNAL – Programmankündigung Journal-Panorama Braunau
Die fünfzig-Jahre Jubiläen häufen sich dieser Tage in Österreich und Deutschland.
Kommenden Sonntag vor fünfzig Jahren, am 30. April 1945, hat Adolf Hitler im Führerbunker in Berlin sein Leben beendet.
Dieses Leben mußte auch irgendwo beginnen, Adolf Hitler wurde in Braunau am Inn geboren.
Wie es die Braunauer selbst heute mit diesem sensiblen Thema halten, darum geht es im heutigen Journal-Panorama.
Für die einen ist es unerwünschtes Erbe, sie wollen nicht mehr darüber reden. Für die anderen ist Braunau der ideale Ort für eine historische Psychotherapie.
Braunau am Inn. Eine Kleinstadt auf der Suche nach der Normalität. Heute Abend im Journal-Panorama, um ca. 18.20 im Programm Österreich 1.
Manuskript
BRAUNAU – Eine Kleinstadt auf der Suche nach der Normalität
April 95, ORF Radio Österreich 1: Journal-Panorama, 30 Minuten
Lothar Bodingbauer / Manuskript ohne letzte Korrekturen
C ATMO Radfahrer + Reportagetext
Viele Besucher erreichen Braunau auf dem Innradweg. Natur und Kultur an der Grenze zwischen Hüben und Drüben. Den verschwitzten Radlfahrer erwartet hier unter der Innbrücke eine Informationstafel. Sie erzählt vom Flair urbanen Lebens, vom Fluidum einer in Jahrhunderten gewachsenen Handelsstadt. Dem Innviertler an sich wird Arbeitsfleiß zugesprochen, und eine starke Heimatbindung, die durch eine geradezu barocke Lebensfreude ergänzt werde. Vom unglücklichen Buchhändler Johann Philipp Palm ist die Rede, der 1806 von den Franzosen erschossen worden ist, vom 100m hohen Stefansturm, von den Stadtmauern, von der freiwilligen Feuerwehr, von der Glockengießerei. Aber ist hier nicht auch… Wird hier nicht etwas verschwiegen?
A SPRECHERTEXT SPRECHER A
Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies, liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint.
B TEXT
Adolf Hitler – mein Kampf
A OT Bahnhof
Bahnhof Braunau am Inn, Bahnhof Braunau am Inn. Nächster Anschluß: Triebwagenregionalzug nach Wels, Planabfahrt 15.31 vom Bahnsteig 2
Braunau – oder kenn´ ich das Wort nur, weil dort der Hitler geboren ist? Wahrscheinlich von dem.
C ATMO Innplätschern (in den letzten Satz)
B TEXT
Der Zufall wollte es, daß 17.000 Braunauer Bürger heute mit einem historischen Erbe leben, das nur wenige, aber doch einige erfreut. Am 20. April des Jahres 1889 wurde in ihrer Stadt Adolf Hitler geboren, und dafür ist der Name Braunau in aller Welt bekannt.
—ATMO weg im letzten Satz
A OT Mix
Adolf was born there – haha
Das mußten wir gut genug lernen in der Schule
Braunau – das liegt doch irgendwo an der Grenze, oder?
Ja, weil wir haben das früher oft genug gehört, wo er geboren ist, und das hat man sich gemerkt, und früher war unser Gedächtnis noch in Ordnung, darum weiß ich´s. Es zieht mich nichts dahin.
Naja, das ist immer so a eigene Sache, die was man heute, sagen wir, irgendwie schon, ich meine, nicht unbedingt vergessen, aber net das ganze wieder aufzeichnen.
+++ATMO Innplätschern hoch
B TEXT
Von der Sorge um die Vergangenheit abgesehen, gibt es in Braunau ganz andere Probleme. Die wirtschaftliche Situation ist mit der Krise der Aluschmiede AMAG nicht gerade gut, und dem Bau einer Sondermüllverbrennungsanlage kann die Bevölkerung absolut nichts abgewinnen.
Kultur- und Tagespolitik haben anscheinend nichts miteinander zu tun, für Wolfgang Simböck jedoch ist der einschlägige Ruf Braunaus mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden. Das hat der mittlerweile verstorbene Politiker in einem Interview kurz vor seinem Tod so formuliert.
—ATMO endgültig weg
A OT Simböck
Denn Konzerne, in zunehmenden Maß internationale Konzerne, auch amerikanisch dominierte Konzerne werden, wenn sie sich ansiedeln, das Image betrachten. Sie müssen ihre Ware auch verkaufen, am Briefpapier steht der Standort Braunau, und deswegen müssen wir darauf achten, daß das ein guter Name ist, ein klangvoller Name. Und das ist unsere einzige Chance, diesem Namen einen guten Klang zu geben, wenn wir uns der Vergangenheit stellen, und was Positives daraus machen.
C ATMO Straße/Glocken
B TEXT
Begeben wir uns nun auf einen Braunauer Stadtspaziergang. Stadtbewohner und Gäste promenieren gemeinsam des Sonntags zwischen Straßencafés und geparkten Automobilen. Bunt sind die Fassaden der Bürgerhäuser – eine richtige Innstadt.
A SPRECHERTEXT SPRECHER B
Die Straßen sind so sauber, als hätte man sie mit einem Shampoo gewaschen. Die Sonne scheint warm, die Kinder sprechen munter durcheinander, und die Erwachsenen lächeln. Es ist ein rührendes Bild.
B OT Besucher —ATMO leise
Ja, wir machen hier nur eine ganz kurze Stippvisite, wir sind in Bad Füssing, zur Kur, und machen dort einen Ausflug hier rum. Wir wollen erstmal hier kucken, wo das Geburtshaus ist, verstehen Sie, das wollen Sie gerne hören, das wollen Sie wissen, ne?
A SPRECHERTEXT SPRECHER B +++ATMO lauter
Und plötzlich schießt ein Gedanke durch den Kopf. Kann es denn wirklich sein, daß in diesem Paradies, wo Ruhe und Wohlstand herrschen, daß in dieser Stadt Hitler geboren wurde? Ist er wirklich diese Straßen entlang gegangen? Und hat hier die besorgte Mutter den kleinen Adolf hier an die Hand genommen? Ging er in diese Schule? Saß er wirklich auf dieser Parkbank? Großer Gott, was das Leben doch für Absurditäten bringt!
B TEXT
So schreibt Ilja Levitas über seinen Besuch in Braunau, er ist Vorsitzender des Zentralrates der Juden in der Ukraine.
Wir durchschreiten das Salzburger Tor und gelangen in die sogenannte Salzburger Vorstadt, wo es auf der linken Seite ein unscheinbares gelbes Haus mit der Aufschrift “Volksbücherei Braunau gibt”.
A OT Besucher —ATMO leise
Ist der da geboren, in dem Haus, ich denke, ich hätte mal ein kleines Haus gesehen in der Zeitung, aber das ist ein großes Haus!
Wir haben gefragt, prompte Antwort, ein jeder hat uns gesagt, da ist es. Da haben wir gefragt … warum nicht abgerissen? Na ja, es fällt ja so zusammen, habe ich gesehen.
B TEXT +++ATMO lauter
Die Braunauer selbst sind mit den Gegebenheiten vertraut. Oft wird man gefragt, wo das ominöse Haus zu finden sei.
A OT Mix —ATMO leiser
Äh, weil ma heut a Eis holn gehen, und da weiß ich genau, ein paar Schritte weiter, da ist das Hitlerhaus, und da steht der Stein davor. Da ist a Schrift drauf – Was steht da drauf? – Des weiß ich net.
I bin schon gefragt worden auch – ich sags ihnen halt, wos ist, und halte mich möglichst draus, weg wieder.
bin jetzt 36 Jahre da, und bin des öfteren gefragt worden, wo das Hitlerhaus ist, ich sags den Leuten, wer sichs gerne anschauen will, der soll sichs anschauen.
B OT Kotanko +++ATMO lauter
Als eingesessener Braunauer kenne ich seit vielen Jahren die mehr oder weniger versteckte Frage von Gästen, wo ist das haus. Nun, diese Frage kann eindeutig beantwortet dahingehend beantwortet werden: Das Haus steht hinter dem Mahnstein.
A MUSIK Avo Pärt
B TEXT +++ATMO lauter
“Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen”. Das ist die Aufschrift auf dem Stein, Granit aus Mauthausen. Will jemand das Haus fotografieren, ist das Mahnmal mit dabei. Das ist durchaus beabsichtigt, gesteht Bürgermeister Gerhard Skiba.
A OT Bürgermeister
Es gibt zig Leute, die das Haus anschauen, die sollen in dieser Verbindung mit dem Anschauen mit dem Mahnstein und der eingearbeiteten Aussage konfrontiert werden.
B SPRECHERTEXT SPRECHER B
Hier hat der kleine Schicklgruber wohl über seinen Büchern gesessen? Nichts in dieser Stadt erinnert daran, daß hier dieser Unmensch, der den Menschen so viel Leid und Schmerz zugefügt hat, zur Welt gekommen ist. Man spricht hier nicht gerne über ihn Und nichts erinnert daran.
A OT Mix —ATMO leiser
I tät sagen, ein Andenken brauchens ihm nicht gerade machen.
Die sollen a Museum einimachen und a Ruh ist. Das kann man doch eh nicht leugnen, die Zeit war. Unten sollens a Restaurant einimachn, oben die Ausstellungen, und dann hat Braunau eine enorme Einnahmequelle. Dann brauchen die Leiter nicht mehr lange zu fragen, dann wissens, dort ist es.
— ATMO im nachfolgenden Text verplätschern lassen
B TEXT
Der Politologe Andreas Maislinger, als Einheimischer mit den Besonderheiten der Stadt und seiner Bürger vertraut, sieht eine andere Zukunft: Das Hitlerhaus soll weggerissen und etwas Neues gebaut werden.
A OT Maislinger
Obwohl dieser Vorschlag aus Israel gekommen ist, sehe ich schon die Schlagzeilen in der ganzen Welt: Braunau entledigt sich der Geschichte. Braunau will das Hitlererbe weghaben, will etwas leugnen. Das heißt, Braunau kommt von diesem Image nicht weg. Aber trotzdem. Wenn man das international absichert und breit diskutiert, das Haus ist Baufällig, es muß renoviert werden. Aber warum soll man gerade dieses Haus renovieren, also weg damit.
B TEXT
Fragen wir eine Amerikanerin, die die Altstadt interessiert, und die sie genau unter die Lupe nimmt. Wünscht sie sich mehr Informationen über Adolf Hitler hier in Braunau?
A OT Amerikanerin
ÜBERSETZUNG
Nein, nicht unbedingt. Ich glaube, daß sich die Leute hier irgendwie dafür Schämen, unglücklicherweise hat Hitler dieser Stadt einen schlechten Ruf gebracht. Er ist einfach hier geboren, das ist alles. Es gibt genug Informationen überall auf der Welt, über das, was mit Hitler war, und was er getan hat.
B TEXT
Es gibt in Braunau eine Handvoll Leute, die sich bemühen, dem rechtslastigen Ruf der Stadt und seiner Bürger entgegenzuwirken. Aber nicht allen Braunauern ist das ein Anliegen. Das zeigt sich an einem anderen Haus der Altstadt, nur ein paar Schritte vom Hitlerhaus entfernt. Anläßlich einer Fassadenrenovierung erschien dort ein Spruch, in dreißig Zentimeter hohen braunen Lettern, der heute zweifelhafte Assoziationen weckt und die Gemüter erhitzt.
A OT Besucher + Simböck
Am deutschen Wesen soll die Welt genesen – wo steht denn das? Was hat das für einen Sinn und Bedeutung? Was hat das mit Österreich zu tun? Ihr seid Österreicher und wir sind Deutsche, das ist der Unterschied.
B TEXT
Die Besucher aus Deutschland sind irritiert. Der verstorbene Kulturstadtrat Wolfgang Simböck fand die Aufschrift provozierend.
A OT Simböck ACHTUNG Pegel zu hoch
Diese Provokation, die meiner Meinung nach eine sehr arge ist, wenn man nämlich bedenkt, wo die Aufschrift herkommt, daß es Leute gibt, die ihre Angehörigen verloren haben, die von dieser Art des deutschen Wesens höchst beleidigt sein müßten, das ist ganz schlimm.
B TEXT
Auf der Suche nach der Bedeutung dieses Spruches, erzählt uns Hausbesitzer Ludwig Seidl, daß der Spruch nicht mißzuverstehen wäre, weil es ja kein politischer sei:
A OT Hausbesitzer + Simböck
Es trifft ja eigentlich … in dem Sinn soll es ja ein Genesenswunsch sein, und nicht eine politische Bestimmung, so wie das jetzt von den Medien in Verbindung gebracht wird. Es heißt ja, am Deutschen Wesen soll die Welt genesen, man erinnert sich an die Aufbauzeit nach dem Weltkrieg, und nachdem die Deutschen wirklich etwas hervorragendes geleistet haben, sollte das als Genesungswunsch ursprünglich auch verstanden worden sein, aber weil man heute schon Schwierigkeit hat, wenn man das Wort Deutsch oder Deutschtum in den Mund nimmt, verurteilen das halt viele.
– Dieser Hausbesitzer ist also eindeutig deutschnationalen Kreisen zuzuordnen, das bestreitet er zwar, aber ich weiß, daß er beim Österreichischen Turnerbund engagiert ist, also für mich ist die Sache ziemlich eindeutig.
B TEXT
Der sinnige Spruch wurde schon 1920 an der Fassade angebracht. Er ist im Laufe der Zeit bis zur Unkenntlichkeit verwittert. Glaubte man ursprünglich den Verfasser als Theodor Körner zu identifizieren, ist sich nun das Bundesdenkmalamt sicher, den Urheber in Emanuel Geibel zu finden. In seinem 1861 verfaßten Gedicht “Deutschlands Beruf” lautet die letzte Strophe:
A SPRECHERTEXT SPRECHER A
Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb,
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb.
Und es mag am deutschen Wesen
einmal noch die Welt genesen.
B TEXT
Emanuel Geibel schrieb im Vorfeld des deutsch-französischen Krieges von 18640 eine Reihe patriotischer Gedichte und begegnete der aufkommenden Kriegsbegeisterung mit antifranzösischen Untertönen. Rechtliche Möglichkeiten, den Hausbesitzer zum “Überweisseln” anzuhalten, gibt es nicht, das mußte auch Bürgermeister Gerhard Skiba erfahren. Wolfgang Simböck fand auch, daß im Stadtamt selbst Fehler gemacht wurden.
A OT Simböck
Noch dazu kommt, daß ein äußerst unglücklicher, um nicht zu sagen verbrecherisch blöder Beamter der Stadtgemeinde nichts daran gefunden hat, als ihm der Spruch vorgelegt wurde, und gefunden hat, das sei in Ordnung, diesen Spruch so anzubringen, der sich irgendwie nur darum gekümmert hat, ob die Schrift auch ordentlich Frakturschrift sei, und Altstadtgerecht, und inhaltlich nichts daran gefunden hat. Meiner Meinung war das wirklich kriminell dumm.
B TEXT
Die Braunauer selbst sind geteilter Meinung, Gesetz den Fall, man macht sich darüber Gedanken.
A OT Mix
I was net, ob des draufghört oder net, sollen andere entscheiden, das ist meine Meinung.
Ja des is in Hausbesitzer sei Sach, und sunst geht des überhaupt neamt nix an.
Meiner Meinung nach, hinpassen tuts auf keinen Fall, weil in der Zeit samma nimma, wo des war.
Die Welt genesen, die hätts notwendig, daß die Welt genest, weil die ganze Welt eine Kloake ist – Durchs Deutsche Wesen? – Das einzige Wesen, das ich auf der Welt betrachte, ist der Mensch.
B TEXT
Sehen die einen eine Diskussion zu diesem Thema als unumgänglich an, glauben die anderen eher an eine Verschwörung.
A OT Mix
Ja von den Sozialisten gibts Probleme. Aber der Spruch ist schon weit älter, als es die Sozialisten überhaupt gibt. Sollen die Sozialisten erst einmal Geschichte lernen, dann wissens, was gemeint ist.
Und des is mei Meinung, daß die, die künstlich a böses Blut machen, die das künstlich aufputschen, böses Blut machen, oder von zur Zeit bestehenden Problemen ablenken.
B TEXT
Und überhaupt:
A OT Mann
Des is schon lang vorher gewesen, und warum sollen wir unsere Geschichte ändern, die schon lange vor Hitler gewesen ist. Mir san mir und des is immer scho gewesen, wurscht wer da auf die Welt gekommen ist oder nicht.
LIED: Oberösterreich – bist so sche – bist so rein – liabs schens Oberösterreich, dir bleib i treu.
B TEXT
Inzwischen ist es in Braunau wieder ruhig geworden.
A OT Mann
Na ja, es gäbe viel zu erzählen, gäbe viel zu erzählen.
C ATMO Stadt
B TEXT
Die Fassade des renovierten Altstadthauses hält die Spuren der Kontroverse fest: Neben dem in brauner Farbe gehaltenen Spruch selbst, zieren große, schwarze Farbklexe, Hammer und Sichel die Fassade. Haus- und Spruchbesitzer Ludwig Seidl:
A OT Hausbesitzer
Jetzt ist es eigentlich relativ ruhig, es ist immer noch ein kleiner Teil, der möchte, daß des runter kommt, was genau passiert, kann man noch nicht sagen. Also wenn wirklich die breite Bevölkerung der Meinung wäre, es sollte der Spruch herunter, dann würde ich ihn wieder herunter geben.
B TEXT
Das normale Leben in Braunau unterscheidet sich wahrscheinlich nur unwesentlich von dem anderer Kleinstädte in sensiblen wirtschaftlichen Regionen. Nur, Adolf Hitler wurde eben in Braunau geboren. Wie man mit diesem Erbe umgehen soll, ob es vielleicht gescheiter wäre, das Ganze als einen Fauxpas des lieben Gottes zu sehen, und nicht mehr darüber zu reden, darüber besteht keine Einigung. —ATMO weg
Ein Versuch, die Vergangenheit in den Griff zu bekommen, sind die Braunauer Zeitgeschichte Tage, die seit drei Jahren immer im September über die Bühne gehen. In Diskussionsforen und Vorträgen werden Fragen nach dem richtigen Umgang mit dem sensiblen Erbe behandelt. Der Politologe Andreas Maislinger ist der wissenschaftliche Leiter der Braunauer Zeitgeschichte Tage.
A OT Maislinger
Das Thema der 4. Zeitgeschichte Tage vom 22. – 24. September 1995 ist der Fall Jägerstätter. Titel der Tagung ist “Notwendiger Verrat”. Für viele, die Mehrheit, ist Franz Jägerstätter ein Vaterlandsverräter, wie es auf den Kriegerdenkmälern steht. Hat seine Familie verraten.
Zum ersten Mal wird auf einer Breiten Basis über Jägerstätter diskutiert, es hat noch keine Debatte über Jägerstätter gegeben. Mit breiter Basis meine ich auch die Braunauer Bevölkerung, Bauern, aus St. Radegund und Wissenschaftler aus Israel, Deutschland und den USA. Das ist ja das reizvolle an den Braunauer Zeitgeschichtetagen, daß einfache Wissenschaftler mit normalen Leuten reden.
B TEXT
Fritz Muliar soll kommen, der Salzburger Weihbischof Andreas Laun, Fundis und Realos, Total-Verweigerer und Bundesheeroffiziere.
Franz Mittermaier, Lehrer an der Handelsakademie und Freiheitlicher Vizebürgermeister sieht die Aktivitäten der deklarierten Verdrängungsgegner anders:
A OT Mittermayer
Ein Großteil der Bevölkerung ist diesen Sachen von Anfang etwas distanziert gegenübergestanden, weil man den Eindruck gehabt hat, daß mit diesen Zeitgeschichtetagen die linke Szene, die sehr aktiv ist, Politik machen will, sozusagen Politik der Umerziehung der Braunauer durch verordnete Vergangenheitsbewältigung, und dafür gibt es in Braunau wenig Verständnis, vor allem deswegen, weil wir die Erfahrung gemacht haben, nicht nur in Braunau, daß solche Aktionen der Vergangenheitsbewältigung ja doch immer wieder gerade dann, wenn sie von der linken Seit inszeniert werden, in irgendwelchen Schuldzuweisungen enden, und diese Sache lehnen wir eigentlich ab, weil wie ich schon gesagt habe, wir in Braunau nicht der Meinung sind, daß uns oder unserer Stadt eine besondere Schuld an den Ereignissen vor 50 Jahren treffen würde.
B TEXT
Die einen legen die Wunden der Vergangenheit offen, andere wollen sie endlich schließen. Es ist im Grunde die gleiche Problematik wie beim Tauziehen. Man zieht am selben Strang, aber nicht in die gleiche Richtung. Noch einmal Franz Mittermayer:
A OT Mittermayer
Und wenn der Bürgermeister sagt, und da komme ich auf das, ja das ganze ist eine Werbung für Braunau, da sind wir auch anderer Meinungen wir glauben, daß man mit diesen schrecklichen Ereignissen von damals keine Werbung betreiben sollte. Und wenn Sie fragen, was haben wir dem entgegenzusetzen, nun wir glauben, daß es vielleicht wichtiger ist, sich hier in Braunau mit der Gegenwart zu beschäftigen, mit den Problemen der Wirtschaft, der jungen Leute usw, damit ist es, glaube ich leichter möglich, die jetzige Demokratie zu festigen, und damit können wir besser sicherstellen, daß es zu so unheilvollen Entwicklungen wie das vor 50 60 70 Jahren geschehen ist, nicht mehr kommt. Und ich glaube, die Leute in unserer Stadt möchten lieber in die Zukunft schauen, weil dort die Probleme liegen. Na, wir haben uns bis jetzt zurückgehalten, wir haben uns distanziert von diesen Aktivitäten und das werden wir von den Freiheitlichen auch weiterhin tun.
B TEXT
Dem Evangelischen Pfarrer Peter Unterrainer sind die Vorwürfe der Freiheitlichen vertraut. Er ist Mitglied des Personenkomitees für Jägerstätter.
A OT Unterrainer
Es ist von seiten der Freiheitlichen Partei der Vorwurf gekommen, wir wollen mit Jägerstätter eine Konfrontation aufbauen mit der Kriegsgeneration hin, dieser Vorwurf war schon eine Bösartigkeit an sich und war natürlich taktisch auf die Kriegsgeneration ausgerichtet, die ja alles auf Verdrängung ansetzt, und hat schon eine breite Wirkung gezeigt hier in Braunau, sodaß zu den Veranstaltungen nur vereinzelt Menschen aus dieser Generation gekommen sind. Aber was wir wollen ist die Versöhnung mit der Kriegsgeneration, und die Versöhnung der Kriegsgeneration mit sich selbst.
B TEXT
Warum kann den dieser Jägerstätter die Menschen so polarisieren?
A OT Unterrainer
Dieser Jägerstätter hat nichts anderes gemacht, als…
B TEXT
In Braunau begegnen wir dem Phänomen, daß die politische Rechte schon weit auf der linken Seite beginnen kann. Als im Stadtparlament über den Vorschlag abgestimmt wurde, zu Ehren Franz Jägerstätters einen Brunnen zu errichten und eine Straße zu benennen, stellte sich auch die sozialdemokratische Partei gegen des eigenen Bürgermeisters Vorschlag. Punschkrapferlsozialismus nennt Pfarrer Unterrainer diesen Vorgang. Außen rosa, innen braun. Zuwenig Information, meint Bürgermeister Gerhard Skiba.
A OT Skiba
Es ist meiner Meinung nach, und das muß ich auch eingestehen, sicherlich zu wenig Aufklärungsarbeit betrieben worden. Einfach nur zu sagen, das ist eine gute Absicht, und wir möchten das machen, und wir können damit einen guten Dienst für Braunau zustande bringen, das ist offensichtlich zu wenig.
B OT Mix
Ich finde, daß dieser Jägerstätter durchaus eine umstrittene Person ist, er hat mit dem System, das damals geherrscht hat, eine Konsequenz an den Tag gelegt, ich finde das gehört gewürdigt.
Braunau hat mit Jägerstätter nichts zu tun. Der Jägerstätter hat eh alles genau kennt, der weiß eh, was mit ihm los war. Alles schad ums Geld. Der hat ja nichts gut gemacht, der hat sich nur aus Dummheit um Kopf und Kragen gebracht, mehr ist dazu nicht zu sagen, haha.
C ATMO Schule
A TEXT
Für Florian Kotanko, liegt die Problematik noch nicht bei den Akten. Er ist Lehrer am Gymnasium und Mitglied des Personenkomitees für Jägerstätter.
B OT Kotanko
Das Personenkomitee wird nicht lockerlassen, sondern wir werden versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten, daß die Erinnerung an Franz Jägerstätter nicht ein Denkmal gegen jemanden ist, sondern ein Denkmal für jemanden ist. Es werden dadurch, daß man ein Denkmal für jemanden baut, ja nicht alle anderen abqualifiziert.
—ATMO weg im nächsten Satz
A TEXT
Und was macht die Braunauer Jugend. Gibt es eine linke Szene, gibt es rechte Umtriebe?
B OT Mix
Warn amoi a paar Hooligans da, aber das hat sich schnell verlaufen.
Ja die han überall
Da gibts eher a linksradikale Szene, habe ich das Gefühl.
(Jugendlicher) Geht mi nix an, i bin ka rechter und a ka linker. Pfft. geht mi nix an der ganze Schaas. Solln tun was meng.
A TEXT
Tatsächlich gibt es in Braunau keine eindeutig politisch zuordenbare Jugendszene. Abgesehen von Herumgröhlern, die im Rausch Parolen brüllen. Die eigentliche, intellektuelle rechte Szene befindet sich in der Nachbarstadt Ried, meinen einige Braunauer. Gelegentliche rechte Auftritte gibt es trotzdem. Auch Haus- und Spruchbesitzer Ludwig Seidl hat Beobachtungen gamacht.
B OT Seidl
Habe ich eigentlich noch nicht mitbekommen, auch wenn sich die rechten Jugendliche, wobei das eine gewisse Randerscheinung ist, in Braunau vor dem Hitlerhaus treffen; vor meinem Haus habe ich das gottseidank noch nicht bemerkt, und ich möchte es auch nicht.
A TEXT
Es tut sich für Jugendliche eigentlich nichts besonderes in Braunau.
B OT Jugendlicher
Schau es fangt schon beim Fortgehen an, die Möglichkeiten sind sehr begrenzt, Du mußt 30 bis 60 km fahren, damit du was machen kannst. Freizeitmöglichkeitn, das Jugendzentrum war nicht schlecht, gehen aber immer dieselben rein. So ist Braunau eher Scheißdreck, echt. Haha, stimma tuts.
C ATMO Gedenkdienstaktion
A TEXT
Es dauerte eine Weile, bis die Beschäftigung mit der belastenden Vergangenheit in Braunau normal wurde. Das Repertoire der Freudschen Abwehrmechanismen funktioniert auch im Innviertel ganz gut. Mittlerweile sehen die meisten der Braunauer die Aktionen der “Erinnerer” nicht mehr als einen Angriff auf die eigene Psyche. Immer wieder finden Aktionen statt, die sich mit der Aufarbeitung der Geschichte befassen. Wie beispielsweise vom Projekt Gedenkdienst, einer Einrichtung, der es österreichischen Zivildienstleistenden ermöglicht, sich mit der nationalsozialistischen Zeit und dem Holocaust auseinanderzusetzen.
B OT Passantin
Mindestens drei Millionen Juden gehen zu Lasten der an den Verbrechen beteiligten Österreicher. Simon Wiesenthal – ist der Jude? (Heiterer Ausruf:) Möchts Euch jetzt in die österreichische Politik einmischen, ja ihr gehörts jetzt auch zu uns, die EGler. Jetzt haben die Österreicher nichts mehr zu sagen, Hahaha, jetzt gehts euch dran.
A TEXT
Jene Personengruppe, die die unrühmliche Vergangenheit dokumentieren will, ist sich aber noch nicht einig was genau dokumentiert werden soll. Den österreichischen Widerstand oder die österreichische Mittätersschaft. Der Politologe Dr. Andreas Maislinger bringt jedenfalls seine Aktionen gerne nach Braunau.
—ATMO weg
B OT Maislinger
Ich gehe davon aus, daß es genau der richtige Ort ist, um auf eine Tatsache hinzuweisen, daß Österreicher an einem besonderen Ausmaß an der Vernichtung der Europäischen Juden beteiligt waren. Daß man genau diese Tatsache dokumentiert. Und sonst nichts. Keinen österreichischen Widerstand, der wurde schon zu Genüge, ich meine immer mehr übertrieben dokumentiert, durch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Ich möchte, daß in Braunau diese Seite aufgezeigt wird.
A OT Frau
Na, dieses Braunau, kommt ganz unschuldig dazu?! Hmhm. (Nachdenklich) Wir können ja nichts dafür. Ich bin trotzdem hier noch gerne.
B OT Bürgermeister
Für mich ist wichtig, daß soviel wie möglich Leute Einkommen, Lebensbedingungen haben, die dazu führen daß sie zufrieden leben können. Unzufriedenheit, Neid, Ärger und Zorn und was immer daraus entsteht, wenn man mit der eigenen Lebenssituation nicht zufrieden sein kann, das ist der Nährboden für viele solcher Entwicklungen.
A OT Simböck
Ganz wichtig ist es, daß die Leute die Möglichkeit haben, Kultur selbst zu machen.
C ATMO Clubhaus
B TEXT
Wir beenden unseren Stadtspaziergang in Bahnhofsnähe und hören durch die offenen Fenster eines kleinen Clubhauses die Verwirklichung des Wunsches, Kultur selbst zumachen.
—ATMO weg
A OT Liederkranz Probe
Wir sind die Chorgemeinschaft Liederkranz Braunau. Wir bestehen aus ungefähr 40 Mitgliedern und kommen jede Woche zusammen, um zu proben. Unser Programm ist eigentlich sehr vielfältig. Wir pflegen unter anderem das österreichische Volkslied als Teil unseres Repertoires, und das ist nicht als Patriotismus oder Nationalismus gedacht, sondern rein als Teil unseres Liedgutes. Wir sind politisch nicht aktiv. Wir sind eine Chorvereinigung, wir singen aus Freud am Singen, und das ist alles.
B Musik “Hörst Du das Lied der Berge?”
ENDE
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005. Estland und Lettland
Die russische Armee wurde Ende August 1994 aus Estland und Lettland abgezogen. Anders als zur gleichen Zeit in Berlin war der Truppenrückzug aus dem Baltikum von keinem großen Zeremoniell und Lebewohl begleitet. “Das traurigste Kapitel der Geschichte des Baltikums ist beendet”, so drückte es der estnische Präsident Lennart Meri aus. Ein Gedenkgottesdienst im Dom der lettischen Hauptstadt Riga wurde veranstaltet, ein Rockkonzert in Tallinn. Von offizieller Seite war das genug der Freude. Drei Jahre nach der „singenden Revolution“, nach dem Wiederentstehen der neuen Ostseerepubliken, hat Nüchternheit die Euphorie verdrängt. Das sowjetische Geschichtsbuch konnte geschlossen werden; und doch nicht ganz, denn anders als im benachbarten Litauen sind in Estland und Lettland Menschen mit russischer Nationalität auch in der Mehrheit. Minderheitengeseze also für eine Mehrheit? Eine Sendung zum politischen Umbruch in Lettland und Estland.
URL: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio005_estland_lettland.mp3
Trailer
ESTLAND/LETTLAND – Ostseerepubliken im Umbruch
SPRECHER:
Das traurigste Kapitel unserer Geschichte ist beendet.
TEXT:
Das erklärte der Estnische Präsident Lennart Meri vor drei Wochen. Zwei Tage vor dem vereinbarten Termin, dem 31. August dieses Jahres, verließen in Zügen nach Moskau die letzten russischen Soldaten Estland und Lettland. Ohne großes Zeremoniell und Lebewohl. Der Weg ist frei – für die Zukunft des Baltikums ohne fremde Herrschaft.
OT: Fotograf (9a, 388)
Aber es gibt keine Arbeit, ich bin Lehrer der russischen Sprache, russische Sprache ist nicht mehr popular, vorher hatten wir einen fantastischen Druck. Jeder mußte studieren Russisch. Jetzt kann man wählen, und nach dem schweren Druck, alle Schüler wählen Englisch oder Deutsch.
TEXT:
Jetzt wird man lernen, mit den Minderheiten zu leben. Minderheiten, die in vielen Städten und Orten Estlands und Lettlands auch Mehrheiten sind. In Riga, der Hauptstadt Lettlands etwa, sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung Russen – die meisten ohne lettische Staatsbürgerschaft und Wahlrecht. In Narva, der zweitgrößten Estnischen Stadt, leben sogar 96% Nichtesten.
Hören Sie mehr aus dem Baltikum: Estland und Lettland, drei Jahre nach Wiederbeginn ihrer Unabhängigkeit. Heute Abend im Programm Österreich 1, um ca. 18.20 in einem:
Hinweis: Der Schwerpunkt dieser Sendung liegt nicht auf der sowjetischen Geschichte und dem Truppenabzug, sondern auf dem Leben und den Schwierigkeiten der Gegenwart.
Manuskript
JOURNAL-PANORAMA “ESTLAND-LETTLAND”
MUSIK Teil 1 (Marschieren)
OT Fotograf
Weil ich bin einziger verrückter Fotograf in ganz Estland – diese Foto habe ich gemacht von diesem hohen Schornstein, 108 m hoch, Leiter geht draußen. – Aber es gibt keine Arbeit, ich bin Lehrer der Russischen Sprache, Russische Sprache ist nicht mehr popular, vorher haben wir einen fantastischen Druck. Jeder müßte studieren Russisch. Jetzt kann man wählen, und nach dem schweren Druck, alle Schüler, sie wählen Englisch oder Deutsch. – Oh those Russians.
MUSIK 2. Teil (Rasputin)
OT Russe
No, Russen einfach Leute. Keine Feind. Keine. Nu, dieses Territorium, Deutschland, Schweden, Polen, dann Russen, 300 Jahre hier. Bei uns alle Russen gegen Jelzin. Es ist nicht so einfach, aber nur jetzt ist schlecht.
MUSIK hoch
OT Konsul
Die Verhandlungen mit den Russen haben an sich nie Erfolg, weil die Russen immer mit neuen Wünschen kommen. Aber daran hat man sich in Estland schon gewöhnt. Was mir eher Sorgen macht, sind ungefähr 100.000, die zum harten Russischen Kern gehören, die einerseits unbelehrbar sind, d.h. keine Staatsangehörigkeit wollen, aber auf der anderen Seite meckern. Und mit denen wird man leben müssen, mit denen wird man aber auch leben können.
MUSIK hoch
TEXT
Der russische Bär hat keine Krallen mehr. Radio Lettland spielt oft und gerne dieses Lied, eine Persiflage auf den russischen Mönch und Abenteuerer _________________ Rasputin.
Früher war alles noch einfach. Da gab es die Sowjetunion, die Sowjetbürger, da gab es Moskau – das Zentrum., da gab es die baltischen Unionsrepubliken deren Hauptstädte unwichtig waren – wie gesagt, Moskau war das Zentrum.
Und jetzt? Neue Republiken, neue Städte, die auf einen Schlag wieder Bedeutung bekommen haben, neue Namen, neue Landkarten.
Am bekanntesten wird ein fremdes Land durch ein Unglück. Spätestens seit dem Untergang der “Estonia” wissen wir: Estland liegt an der Ostsee, Hauptstadt Tallinn. Mit Fährverbindungen nach Helsinki und Stockholm. Lettlands Hauptstadt Riga liegt ebenfalls an der Ostsee, wie Tallinn eine alte Hansestadt, reich geworden durch den Ostseehandel. Und Litauen, das ist Vilnius. Verzeihen Sie bitte, wenn das eben etwas schulmeisterlich geklungen hat, aber von uns aus gesehen, sind die baltischen Staaten so ziemlich das selbe, vor Ort jedoch sind Estland, Lettland und Litauen grundverschieden. Verwechslungen hätten Verwirrungen zufolge.
Das Engagement Österreichs in den wiederentstandenen Ostseerepubliken hält sich jedenfalls zurück. Warum das so ist? Geograf und Regionalforscher Dr. Michael Sauberer ist Baltikum-Experte:OT Sauberer
Das hat wahrscheinlich viele Gründe, erstens ist der kulturelle Radius in diese Richtung von Österreich nicht sehr ausgedehnt, das kann man schon zurückverfolgen, Jahrhunderte zurück, zweitens glaube ich, war ja Österreich unter die Fittiche der Sowjetunion genommen, beim Staatsvertrag, sehr sehr vorsichtig, nur nicht irgendwie ein Wort über die Baltischen Staaten verlieren, um möglicherweise anzudeuten, daß die verlorene Unabhängigkeit völkerrechtlich nicht in Ordnung sei. Man hat hier in Österreich ein bißchen auch Angst gehabt, sich dieser Materie mit der Sowjetunion mit der SU anzulegen, und hat das weggelegt. Es war auch sehr enttäuschend, die ersten Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum war, und wie die Reaktion war. In den Massenmedien wurden die Litauer, oder Esten als Sezessionisten hingestellt, als nationalisten stärksten Grade, also Gefühle, von denen man hier in diesen Ländern sehr wenig spürt, die Länder gerade in der Zwischenkriegszeit positive Traditionen hier entwickelt haben.
In allen drei Ländern lebten schon immer Menschen mehrerer Nationen miteinander. Litauen bewegte sich dabei in polnischer, die Letten und Esten in deutsch-russischer Umgebung. Daß heute in Estland und Lettland gerade die Einwanderer der ehemaligen Sowjetunion das Gleichgewicht der Nationen durcheinanderbringen hat eine Ursache:
OT Fotograf
Vor 2. Weltkrieg, haben 2 Freunde, sie heißen Josif und Adolf. Sie haben Europa geteilt. Lsterreich für Deutschland, Estland für Rußland. Dsa heißt Molotov-Ribbentropp-Pakt. Zwei gute Freunde. So war das, unsere Geschichte.
Deutschland und Rußland haben sich beide hemmungslos an den Bewohnern der baltischen Staaten bedient. Beide rekrutierten, deportierten, exekutierten. In der sowjetischen Zeit waren dann Estland und Lettland Zielgebiete der sowjetischen Einwanderung: mit den Fabriken kamen die Arbeiter, mit der Armee die Familien der Truppen. Es war schick, im Ruhestand an die Ostsee zu gehen, zumindest für Offiziere.
OT Rota
Leider, Lettland, oder man kann sagen zum Glück, Lettland ist kein einnationaler Staat. Einwohnerzahl Letten, die einheimische Nationalität ist nach 1989 52%. Andere Nationalitäten, zB Russen 33% ungefähr, Weißrussen, Ukrainer, Polen, Litauer und Juden. Zum Beispiel in Riga, Letten ist eine Minderheit.
ATMO Daugava + ATMO Möven
TEXT
Riga, Stadt an der Daugava – oder Düna. Eine Stadt mit 800 Jugendstilhäusern, geplant von deutschen, lettischen, aber auch russischen Architekten. Bei den Kommunalwahlen im Mai dieses Jahres durften ein Drittel der Bürger wählen – Letten. Mehr als die Hälfte der Bewohner Rigas sind Russen. Hier treffen wir auf die paradoxe Situation, daß Minderheiten eine Mehrheit bilden. Für die Perspektiven Lettlands ist das eine äußerst ungünstige Situation, sofern die Frage der Staatsbürgerschaft nicht durch ein Gesetz geklärt íst.OT Rota Schnuka
Das ist ganz wichtig für Lettland, das macht die Lage für Russen, Ukrainer und Weißrussen Lage ganz unstabil. Mindestens sie könnten wissen, was ist mit ihnen.
Rigas Jugendstilhäuser werden von ponischen Restaurationsfirmen renoviert, die Vorschläge für das Staatsbürgerschaftsgesetz von der KSZE. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hat ein waches Auge auf die Verabschiedung eines Staatsbürgerschaftsgesetzes geworfen, das den Menschenrechten nicht widerspricht.
ATMO Radio Lettland
TEXT
Das alte Staatsbürgerschaft Lettlands hätte 500.000 Nicht-Letten zu Staatenlosen gemacht, Präsident Guntis Ulmanis verweigerte die Unterschrift. Nach Regierungskrisen, Mahnungen durch den Europarat und KSZE, und Drohungen durch Russlands Präsident Jelzin ist nun alles geregelt: Vom Jahre 2003 an gibt es keine zahlenmäßige Beschränkungen mehr für die Einbürgerung – Lettisch zu sprechen, und dem Staat Lloyalität zu schwören, wird auch Bedingung für die Staatsbürgerschaft. Lettland zeigte in dieser Frage größere Härte wie Estland. Die Bereitschaft in den Verhandlungen nachgiebiger zu sein, wurde in Estlands Medien oft kritisiert, doch für den Estnischen Honorarkonsul in Salzburg, Porf. Henn-Jueri Uibopuu war das der richtige Weg:OT Konsul
Ich halte es politisch für einen guten Schachzug, auf der anderen Seite Großzügigkeit zu zeigen, daß man auf der anderen Seite auch Forderungen stellen kann. Und ein Teil der Pensionisten, der echten Pensionisten ist ja schon 60, 65 Jahre alt, und außerdem bekommen alle Pensionisten die vor 1930 geboren sind, die bekommen automatisch die Aufenthaltsberechtigung, bei denen ist es kein Problem..
TEXT
Estland ist durch den schmalen Bottischen Meerbusen von Finnland getrennt. Das schuf die günstige Position, auch schon in Sowjetischer Zeit vom Finnischen Fernsehen naschen zu dürfen, die Isolierung vom Westen war dünn. In Estland dürfen auch Ausländer wählen, sie dürfen nur nicht gewählt werden.OT Konsul
Da sind die Esten schon relativ großzügig. Ich kenne die Wahlrechte fast aller europäischen Staaten, und Ausländerwahlrecht, aktives und passives, haben die Schweden, aktives haben die Norweger, Dänen, Esten und Holländer. Aus, schluß. Anderswo gibt es kein aktives Wahlrecht, da sind die Esten an sich großzügig.
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In Narva etwa, der zweitgrößten estnischen Stadt leben 96% Nichtesten, ihre Bereitschaft, sich anzupassen, setzt Henn-Jueri Uibopuu voraus:OT Konsul
Weil die Russen sehen, daß in Estland ihr wirtschaftliches Fortkommen einen wesentlich größeren Erfolg verspricht als in Rußland, und aus dem Grund werden sie sich umstellen müssen.
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Ob es zu einem gespannten oder normalen Miteinander kommen wird, oder vielleicht sogar zu einer Integration der nichtestnischen- und nichtlettischen Mitbürger, das zu vermuten ist noch zu früh. Zu genau sind noch die Erinnerungen an die Okkupation. Die Russen gelten im Baltikum gerne als unkultiviert, und wenn etwas nicht gut funktioniert, deutet man an, es sei “russisch”. Prof. Joannis vom geografischen Institut der Universität Riga:OT Strauchi
Nach meiner Meinung, eine richtige Integration das ist nicht möglich, das ist nicht so leicht, und dazu glaube ich, daß kommt Mischung, Lettland vor 2. Krieg Lettland war praktisch nicht nur lettische Sprache. Jeder Lette, und jeder Russe spricht Lettische, Russisch, Deutsch, und jedes Geschäft auch. Das war so, und deshalb, diese verbindung mit Deutschland war ungefähr 7 Jahrhundert. Aber mit Integration das ist sehr schwer, sehr schwer natürlich. Diese Sowjetische Zeit war besonders tote Zeit in diese Richtung, daß nur russisch, russisch, russisch in allen Republiken.
OT Konsul
Schauen Sie, eine Kulturautonomie funktioniert einerseits, wenn die rechtlichen Rahmenbedinugngen da sind, aber wenn auch das Bestreben bei der Bevölkerung besteht, zwar Staatsbürger zu sein, aber auf der anderen Seite die kulturelle Identität zu wahren, und das besteht bei den Russen sicherlich. Die russische Identität beinhaltet so viel, das wäre schade, wenn es verloren ginge. Meiner Meinung nach ist es aber möglich, staatsbürgerliche Lloyalität mit kultureller Identität zu verbinden, und das wäre ansich die Lösung für Estland .
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Die kommunistische Zeit ist zu Ende. An der Rigaer Universität sorgt ein Stapel der Zeitschrift “Der Kommunist” für Frischluft. Der Stapel wurde auf zwei Meter Höhe verbannt – in der Toilette hält er das Fenster offen. Rudite Kalpina geht in ihrem Buch “Lettische Grammatik” der Frage nach, ob man sich der Vergangenheit so schnell entledigen kann.MUSIK schon in letzten Absatz
SPRECHERTEXT
Kommunisten wenden ihr Mäntelchen, um die Mittel zu legalisieren oder um den sozialen Status zu halten. Das hat sich in einem sehr kurzen Zeitraum vollzogen, durch die Vermittlung „unseres“ Fernsehens, des Rundfunks oder der Presse. An Stelle der ewig schlechten Laune und des Überdrusses in der Beziehung zum Volk steht jetzt der nationale Schluckauf, den sowohl sie als auch das Volk haben, auch von zu reichlichen Mahlzeiten. Sie sind überall – fast wie vorher. Und wir sind machtlos – wie vorher. Wir sind sie.
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Und doch. Die Umstellung und Erneuerung der Strukturen wird ohne größere Skandale vorangetrieben, nur selten verschwindet ein Minister vom Amtssessel, durch nachgewiesene Verstrickung mit der alten Zeit.OT Konsul
Der damalige Außenminister, jetzige Staatspräsident meri hat praktisch seinen anzen Stab vom Außenministerium rausgeschmissen, und hta einige von ihenn wieder eingestellt und sehr viele Junge eingestellt, die jetzt mittlerweile wieder einige Jahre drin sind. Deshalbt kann man sagen, das Außeenministerium istwohl eines der am besten funktionierenden Ministerien. Und Sie werden feststellen können, daß die besten Diplomaten, zB die in Wien, und auch in Bonn, alle relativ jung sind. Teilweise sogar von der kommunisten Zeit politisch unbelastet.
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In Riga treffen wir in einer öffentlichen Speisehalle Zarins Vilnis. Er ist Philosoph an der Lettischen Akademie der Wissenschaften. Er zeichnet ein anderes Bild der neuen Zeit.OT Philosoph
Und dafür auf nackter Erde muß man den Staat bauen. Und in erster Linie kamen nicht die besten, sondern die Leute, die egoistische Interessen haben, und auch von voriger Okkupationszeit Erfahrung hatten, als treue Diener der Okkupanten. Und für uns bildet sich nicht die europäische, aber lateinamerikanische Gesellschaft mit einigen Millionären, und andere sehr arme Leute. Oder die zweite Möglichkeit, afrikanische. Mit Verwaltungsburgeoisie.
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Wie sieht er die Stimmung in dieser Zeit der Änderungen?OT Philosoph
Muß man sagen, daß diese Schichte der Gesellschaft, die die meisten moralischen Kräfte tragen, besonders die Bauernschaft, Intelligenz und auch Rentner, sind in eine sehr miserable Situation getrieben – Selbstverständlich sind sie etwas, fühlen sich gedrückt, besteht eine Demoralisierung, aber nicht für das ganze Volk. Gibt es auch andere Schichten des Volkes und ich hoffe, daß das Volk lernt ziemlich schnell, aber auch ein Schuster muß man 5 Jahre lernen – aber wir haben keine 5 Jahre für unsere Politik noch zu lernen.
MUSIK schon in letzten Satz
SPRECHERTEXT
Tränen der Rührung und ein Wust aus sonstigen Gefühlen steigen in mir hoch, wenn ich alte Männer zusammenstehen sehe, die, ungeachtet des Durchlebten, eine sanfte Kraft und die Illusion von Selbstvertrauen und Standhaftigkeit ausstrahlen. Aber es sind so wenige! Wenn sie gehen, dann wird man den besten Teil unserer Vergangenheit begraben, und wir werden eigenhändig mit der Schaufel nachhelfen.TEXT
Die Royalistische Partei Estlands hat in einem kuriosen Wunsch, Prinz Edward aus Großbritannien gebeten, für Estland die Krone zu tragen. Er wäre das rechte moralische Vorbild und geeignetster Souverän für Estland.OT Konsul
Wie weit die Royalisten eigentlich ernst zu nehmen sind, das ist eine andere Frage. Sie erhellen vielleicht das etwas trieste Bild des Parlamentes. Ich würde sie nicht für ernst nehmen, obwohl einige Vorschläge gar nicht schlecht sind.
ATMO Kommunistenbüro
Früher bestimmte die politische Führung auch die Richtung der Kunst. Heute sind diese Beschränkungen weggefallen, die Künstler zeigen neue Performances und Installationen Doch dem grenzenlosen Kunstgenuß sind nun andere Grenzen gesetzt.
OT Tiiu Takistu
Ich möchte sagen, daß jetzt für Kunst allgemein keine gute Zeit ist. Die Menschen sind mit den alltäglichen Problemen beschäftigt. Sie beginnen aber, die neuen Trends zu verstehen, wir zeigen ihnen viel von den neuen Richtungen. Gerade haben wir in unserem Museum eine Sonderausstellung über Elmar Kites, einen estnischen Künstler, und hier sehen wir vergleichsweise viele Leute.
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Tiiu Takistu verwaltet das Aktiv des Kunstmuseums in Tartu – oder Dorpat – der Universitätsstadt Estlands. Ob sie fürchtet, daß sich die estnischen Künstler nun dem westlichen Mainstream unterwerfen werden?OT Tiiu Takistu
Das ist jetzt schwer zu sagen. Es ist gut, daß unser Land offen ist, aber ich kenne nicht einmal die Probleme der anderen kleinen Länder in Europa. Diese Probleme werden auch zu uns kommen. Auch die anderen westeuropäischen Länder fürchten zum Beispiel den Einfluß der USA auf ihre Kultur, und so werden auch wir vor diesen Einflüssen nicht geschützt sein.
OT Philosoph
Ja, die Begenung mit weslticher Welt ist ziemlich hart und unangenehm. Denn wir sind nicht als gleichwertige Partner, aber als Ausbeutungsobejkte angesehen. Und von Seitens vieler ausländischer Stätten wir merken nur diese Berebungen: liqueidieren unserer Wirtschaft, besonders Landwirtschaft, um, denn Lettland war sehr lange Zeit Exporteur von landwirtschaftlichen Produkte. Und jetzt mit Dumping wird die alndwirtschaftliche Produktionunserer Bauern erwürgt. Und auch unsere Wirtschaft ist kompiziert. Denn unter Okkupationszeiten gab es viele rückständige Industriebetriebe. Aber meiistens ausändischer Politik auch mit Hilfe einiger lok aler Politiker erwürgen nicht die rückständigen aber die modernsten Teile dieser Wirtschaft. Und das erbittert uns.
ATMO Bratsche schon in die letzten Zeilen
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Am Domplatz in Riga sitzt ein Musiker. Malerisch. Ein kleines Mädchen hockt mit ihrer Katze an einem Bretterzaun. Zwei Kinder mit einer Schubkarre verkaufen die Rechte an ihrem Bild an die Touristen. Der leise Niselregen verbreitet eine triste Stimmung, sogar die bunten Werbung haben etwas an Farbe verloren. Ob man als schneller Besucher nur durch die bekannten Schriftzüge das Gefühl bekommt, daß ein nun Land sei frei?ATMO Hotel de Rome
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Die Lobby im besten Hotel der Stadt, dem “De Rome” wird von Sicherheitsbeamten überwacht. Gesichtskontrolle. Leute, deren Art verrät, daß sie ins Hotel passen könnten, passieren unbehelligt den Eingang.
“Es ist einfach traurig zu sehen, wie Ihr lachen könnt”, meint Dr. Raita Karníte, Direktorin des Institut für Wirtschaft der lettischen Akademie der Wissenschaften, als das Mikrofon ausgeschaltet wird.OT Wirtschaft
150 Angestellte haben hier gearbeitet. Nun sind wir 32. Wegen Geldprobleme haben wir alle guten Wissenschaftler verloren. Das Gehalt war so niedrig, daß es für sie einfach unmöglich war, damit auch zu leben. Dieses Jahr ist die Situation ein wenig besser, wir verstehen die Bedingungen, und wir ersuchen das Ausland um Hilfe. Wir versuchen, in internationale Projekte zu kommen, verstehen dabei aber auch, daß wir nur eine Rolle als Informant haben. Wir machen nicht die Forschungsarbeit, sondern sammeln nur Informationen über die Baltischen Staaten – es bleibt uns keine andere Möglichkeit.
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Die Gewinner sind die Büro-Consulting-Firmen, nicht unwesentliche Teile der Geldmittel einer Osteuropahilfe gehen in den Gehältern der Consulter auf. Dr. Raite Karníte beschäftigt sich in ihren Studien auch mit der Einstellung der Frauen zur Familie, Arbeit und Bildung in Lettland. Und das ist neu in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.ATMO Tallinn
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Das dringendste Problem wird wohl sein, die Wirtschaft in den Griff zu bekommen. Unzählige Klein- und Kleinstunternehmen entstehen. Fast jeder geht neben seiner regulrären Tätigkeit Nebenbeschäftigungen nach. Am Burgberg in Tallinn verkauft Georg Halling Fotos aus Estland.OT Fotograf
No, was kann ich sagen, ich bin ein Kapitalist. Meine Fotofirma besteht aus zwei Personen. Ich und mein Pudel. Mein Pudel frißt Fleisch und ich arbeite, und ist meine Buchhalterin. Mittel des Monatslohn ist jetzt 900 Kronen, das ist 120 Mark, in diesem Jahr habe ich Rente bekommen, jetzt darf ich nicht mehr arbeiten, 300 Kronen, das ist etwa 35 Mark für eine Monat. Und Sie fragen wie geht es Ihnen. Ich bin zufrieden. Wir sind frei, jetzt kann man reisen. Das ist so schön. Vorher wohnten wir in Sowjetunion wie in einem Lager, natürlich eine große Lager.
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Herr Halling wurde 1936 geboren, sein Großvater war Norweger. Warum er so gut Deutsch spricht?OT Fotograf
Das habe ich selbst studiert. Ich habe ein wunderschönes Buch, das heißt Deutsch bei Schallplatte für ausländische Dumme, extra, und so jeden Tag vor dem Schlafengehen eine halbe Stunde, ich lese Text und höre Hochdeutsch. Ich mache viele Fehler, ich weiß das, in Estnischer Sprache gibt es keinen Artikel, und in Deutsch gibt es keine Regel, alles ohne Logik. Der Mann, die Frau, das Mädchen. Mädchen ist doch keine Dinge. Ich habe ein Hilfe, sie ist steinalte baltische Deutscherin, von Zeit zur Zeit ich kaufe Kuchen, wir sitzen beim Kaffeetisch oder Teetisch und sprechen Hochdeutsch, Baltisches Hochdeutsch. Einmal frage ich sie, Frau Stadler, wenn ich bin fleißig und studiere weiter in diesem Tempo, wann kann ich endlich so perfekt Deutsche Sprache wissen, wie ein perfekter Hochdeutscher. Ich habe ein nettes Kompliment bekommen: Herr Halling, keine Sorge, ich glaueb es nimmt nicht mnehr Zeit wie in halbes Jahrhundert. Wie kann man studieren? Aber Sie haben fast alles verstanden, ja?
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Mit den neuen Touristen wird das Geschäft mit den Ansichten Tallinns nicht unbedingt besser. Georg Halling weiß genau warum.OT Fotograf
Sie haben Ihren Lebensstandard überentwickelt. Jeder hat eine gute Kamera mit, die besten Touristen kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, sie haben immer eine Kamera mit, sie funktioniert nicht immer, oder es gibt keinen Film, oder keine Batterie, sehr nette Touristen, aber Geld haben sie auch nicht. Na schön, ich wünsche Ihnen alles Gute und das nächste mal bitte keine Batterie mit.
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Am Fuße der orthodoxen Kathedrale wartet eine Reihe von Menschen auf die Besucher. Für die Tallinner ist es Brauch, jeden von ihnen eine kleine Münze in die Hand zu drücken, die ausländischen Besucher drücken sich an der Schlange vorbei. “Alltägliche Gottesdienste” steht auf einem Schild auch in deutscher Sprache angeschrieben.Die wirtschaftliche Eigendynamik schafft Schwierigkeiten, der Markt wird von importierten Produkten überflutet. Dr. Raia Karníte aus Riga:
OT Wirtschaft
Unser Zoll arbeitet sehr schlecht. Importierte Güter sind mit keinen Steuern oder Importzöllen belegt. Mit dieser Konkurrenz sieht es für die lettischen Produkte schlecht aus. Die Produktionskosten sind hoch, es ist billiger, zu importieren. Und es wird immer mehr importiert. In dieser Konkurrenz müssen die lettischen Produkte einfach gewinnen!
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Wunsch und Wirklichkeit liegen jedoch in vielen Bereichen weit auseinander. Es ist eine Sache, zu wissen, wie etwas funktionieren könnte, eine andere, diese Vorstellungen zu verwirklichen.OT Wirtschaft
Nehmen wir zum Beispiel das Staatsmonopol auf Alkohol. Es ist schwierig, dieses Monpol auf dem Markt auch zu sichern. Das Monopol existiert in Wirklichkeit nur, wenn sich Polizisten am Markt aufhalten. Und die sind nicht so oft dort, nur eine Stunde pro Woche. verstehen Sie mich richtig, das ist der Schutz unseres Marktes. Wir wollen das machen, können aber nicht. Wir haben geschriebene Normen für alles, in der Theori wissen wir, wie alles zu machen ist!
AMTO Markthalle
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In der Rigaer Markthalle ist reger Betrieb. Jene, die etwas zu verkaufen haben, flitzen an ihren Ständen emsig umher. Wo es günstigen Angebote gibt, warten in einer Reihe die Käufer. Vor der Halle wird aus Lastwagen heraus Brot, Milch und Zucker verkauft, unzählige Händler verkaufen nützliches und wertloses, und auch die obligaten Plastiksackerl aus Österreich. Ist es hier teuer, einzukaufen?OT Markt
Nein, das würde ich nicht sagen. Wenn man die Preise am Markt mit denen in den Geschäften vergleicht, ist es hier billiger. Geschäfte sind teurer. Das war normalerweise umgekehrt. Grundsätzlich gibt es hier mehr Auswahl. Ich gehe lieber zum Markt.
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Es sei jedenfalls billiger als in Moksau oder London, meint der Begleiter.ATMO Glücksspielautomaten
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Die Halle mit den einarmigen Banditen ist erfüllt von Rauchschwaden. Die Gewinner sind wie üblich die Betreiber, und die bestimmen mit BMW, VOLVO und Mercedes auch die Straßenverkehrsordnung. Die Größe des Geldbeutels bestimmt den Grad des Vorangs, erzählt ein Passant. Ein Veteran der sowjetischen Armee, behängt mit unzähligen Abzeichen und Ordnen, verkauft russische Zeitungen, auch er macht sein Geschäft.TEXT
Die Zahl der Besucher steigt ständig, die Tourismusbranche verzeichnet hohe Zuwachsraten. Viele Exilletten und Exilesten besuchen nun erstmals ihre Heimat wieder .OT Australier
Ich besuche meine Verwandten in Riga. Es gibt Australier, die sich hier ansiedeln, aber ich selbst werde das nicht tun. Ich kann mich an alles erinnern, ich bin hier zur Schule gegangen, habe an der Universität studiert. Es gibt natürlich viele Veränderungen, vor allem in den Vororten, diese monströsen Wohnhausanlagen, die sind hässlich. Aber hier im Zentrum ist praktisch alles beim gleichen geblieben.
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Wirtschaften ist die eine Seite – Die soziale Infrastruktur zu sichern, die andere, das ist die Aufgabe des Staates. Derzeit werden die Kompetenzen des Staates und der lokalen Regierungen neu verteilt. Oft werden Einrichtungen privatisiert und damit teuer, die früher kostenlos waren. Die kostenintensive Infrastrutur zu unterhalten – zum Beispiel der öffentliche Transport – das bleibt den Gemeinden.OT Wirtschaft
Früher wurde die ganze Infrastruktur von den Produktionsgenossenschaften betrieben. Jetzt ist das alles in den Händen der Gemeindeverwaltungen. Die Gemeinden haben aber größte Probleme mit der Finanzierung dieser Einrichtungen.
Die Gemeinden sind sehr unterschiedlich, haben verschiedene Einwohnerzahlen, sind arm oder nicht arm, sie haben unterschiedlich viel Geld zur Verfügung.
Unser Staat hat jetzt das zweite Jahr ein Budegetdefizit, die Verteilung der Einnahmen an Staat und Gemeinden ist sehr umstritten. Das Hauptproblem für die Enwicklung der ländlichen Gebiete ist, daß es nicht genügend Geld für eine Entwicklung gibt.TEXT
Ausländische Investoren werden eingeladen, Joint Ventures zu gründen, in Estland oder Lettland zu investieren. Die Klärung der Besitzverhältnisse von Boden und Gebäuden ist noch immer nicht abgeschlossen. Rota Schnuka beschäftigt sich mit Raumplanung:OT
Aber was machen Sie, wenn Fabrik dort steht. Viele einheimische Investoren und einheimische Investoren warten was kommt, vielleicht kommt Eigentümer: “Guten Morgen”, sammeln Sie ihre Fabrik und verschwinden Sie, ich wollte Erholungsort. Das ist ganz typisch.TEXT
Von österreichischer Seite her ist es vergleichsweise ruhig im Baltikum. Dabei hätten diese Staaten viel Ähnlichkeit mit unserem Land.OT Konsul
Für ein Land wie Estland sind die Investoren aus Österreich wahrscheinlich wichtiger als Investoren aus großen Industrienationen, weil die Verhältnisse eher vergleichbar sind – Was Estland braucht, sind mittelständische Industrie und da könnten die Österreicher den Esten viel Rat geben und Hilfe leisten.
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Auf universitärer Ebene werden bereits erste Kontakte geknüpft. Für Jurastudenten gibt es Austauschprogramme mit der juridischen Fakultät der Universität Tartu. Und in Riga treffen wir am geographischen Institut eine Studentengruppe, die sich ebenfalls auf baltische Spurensuche begeben hat.ATMO Begrüßung
OT Sauberer
Ich muß dazu sagen, daß ich mich seit meiner Studienzeit intensiv mit Osteuropa auseinandergesetzt habe, und daß ich mich jetzt gerade mit jenen Bereichen, die von den Österreichern aus gesehen, ein weißer Fleck auf der Landkarte sind, sehr intensiv befasse. Daazu gehören die baltischen Staaten, die mit Österreich sehr viel Ähnlichkeit haben. Umso bedauerlicher ist es, daß von österreichischer Seite kaum irgendwelche Initiativen vorangetrieben werden, um mit diesen Kleinstaaten – wie Österreich auch, eine bessere wirtschaftlich und kulturelle Zusammenarbeit einzuzleiten.
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Die Deutschen gingen im Baltikum bereits ein und aus, in Österreich fehle es aber von universitärer Seite an Informations- und Organisationskanälen. Und: Fehler im Verständnis für das richtige Benehmen als Gast gäbe es viele.OT
Ja ich finde, daß es unfair ist, mit einem Billigkflug in ein Land zu kommen, und den großen Experten zu spielen. Eine echte Kritik an einer Region kann man nur dann machen, wenn man die Region sehr intensiv kennt, wenn man Teil der Region ist, dh in der Lebenwelt in der Region auch gewohnt hat usw, und ich glaube, daß es die Aufgabe ist, solche Kritik inden Heimatregionen anzuwenden, aus denen man kommt. In den anderen Regionen, die man nicht so genau kennt, eher zu versuchen, konstruktiv den Vergleich zur Heimat darzustellen und eben mögliche positive Ansatzpunkte darzusellen, aber in keinem Fall voreilig zu kritisieren, und auch die Wortwahl genauestens zu kopntrollieren, denn eine falsche Wortwahl in einer Diskussion mit den Fachleuten dieser Region kann schon sehr viel Mißstimmung bringen kann, und das passiert ja bei den Geschäftskontakten und anderen Kontakten immer wieder.TEXT
Rudite Kalpina schreibt in ihrer “Lettischen Grammatik”SPRECHERTEXT
Sogar die Ausländer fallen einem schon auf die Nerven, wenn sie in belehrendem Ton von den Demokratien des Westens erzählen und einwerfen: ach, ihr mit Eurem osteuropäischen Nationalismus – und nach einer Stunde sagen sie, könnte nicht jemand mitkommen, wir wollen nicht im Hotel essen, aber mit Russisch kommen wir nicht zurecht!TEXT
Wie sieht nun die Zusammenarbeit der baltischen Staaten untereinander aus? Trotz der Pläne für eine gemeinsame Freihandelszone seien Estland, Lettland und Litauen doch zu unterschiedlich, um eine gemeinsame Sprache zu finden, meint Prof. Henn-Jueri Uibopuu.OT Konsul
Jedesmal wenn Gefahr im Verzug ist, treffen sich die Präsidenten, treffen sich die Generalstabschefs, treffen sich die Premierminister. Und in dem Moment in dem die Gefahr gebannt ist, geht jeder den eigenen Weg.
OT Konsul
Man könnte jedenfalls wesentlich mehr machen, aber hier sind die drei batlischen Staaten zu viel Individualisten, und komischerweise verstehen sich die Esten und Litauer sehr gut, weil sie keine gemeinsame Grenze haben, ach, man versteht sich auch mit den Letten gut, ich bin selbst in Walk groß geworden, an der lettischen Grenze, wir haben auch lettische Freunde gehabt. Nur wirft man es auf höchster politischer Ebene den Letten vor, daß sie mit der Verteilung von Zuneigung etwas übereilig sind.
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Andererseits wirft man es den Esten vor, daß sie es mit der Verteilung von Zuneigung nicht so eilig haben.OT Konsul
Ja, bitte, die Esten sind sehr stur, und die Esten und Finnen sind halt nordische Völker. Und die Letten und Litauer sind Indogermanen, die Esten nicht.
ATMO Rockmusik
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High-Noon auf dem Burgberg zu Tallinn.
Sind Estland, Lettland und auch Litauen in ihren Eigenheiten grundverschieden, so wurden diese Staaten spätestens seit der neuen Unabhängigkeit wieder zum Teil Europas. In ihrer Entwicklung kennen sie die selben Probleme. Auch der große Nachbar Rußland wird einen ähnlichen Weg gehen. Eine gewagte Perspektive: vielleicht wird St. Petersburg wieder ein Zentrum des osteuropäischen Raumes werden – mit den baltischen Staaten. Auf dem Weg dorthin wird man dann auch vor allem eines brauchen: Sensibilität.
