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    004. Litauen

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    Von Baltischen Völkern zu sprechen, ist eigentlich nicht so ganz richtig. Balten, oder Deutschbalten wurden nur deutsche Einwohner Ostpreussens genannt, die auf den Gebieten der heutigen Ostseerepubliken Estland, Lettland und Litauen siedelten. Esten, Letten und Litauer haben eigentlich sehr wenig gemeinsam – unterschiedliche Mentalitäten, unterschiedliche Sprachen, und unterschiedliche Herkunft. Letten und Litauer sind von indogermanischer, Esten von finno-ugrischer Abstammung. Eines haben sie jedoch gemeinsam: nur etwa 20 Jahre nach dem ersten Weltkrieg bestand die „Baltische Entente“ aus unabhängigen drei Staaten, die jedoch sehr bald wieder durch die Interessen und Konflikte der Großmächte unterdrückt wurden. Das geheime Zusatzprotokoll im Hitler-Stalin-Pakt besiegelte ihre Zukunft. Die Gebiete wurden der Sowjetunion zugesprochen. Dem Papier nach freiwillig, es gibt dementsprechende Anschlußerklärungen der Parlamente. Aber diese Erklärungen wurden alle in jüngster Zeit widerrufen und für erzwungen erklärt. Ein kleiner Unterschied noch, Litauen, von dem im heutigen Journal-Panorama die Rede sein wird, teilte sich mit Polen ein Doppelreich, das sich von der Ostsee bis zum schwarzen Meer erstreckte. Doch davon ist heute nichts geblieben, außer ein gewisses pikantes Verhältnis zu Polen. Man besinnt sich, obwohl durch die wirtschaftlichen Umstände ernüchtert, der litauischen Identität, ermutigt durch die wiedererworbene Unabhängigkeit. Die Suche nach dem neuen Weg Litauens.


    Konzept: Aufbruch an den Ostgrenzen Europas
    Estland, Lettland und Litauen auf dem Weg in die Europäische Union

    Autor: Lothar Bodingbauer
    Aufnahmen: August 1999
    3 Sendungen: Oktober – November – Dezember 1999

    Am 31. Dezember 1991 wurde die sowjetische Flagge von der Spitze des Kremls eingezogen. Im Baltikum erklingen neue Hymnen. Litauen, Lettland und Estland sind als neue Staaten im Baltikum wiederentstanden. Ein Widerspruch? Ein langer Weg in die Freiheit.

    In den ersten Reihen der Bewerber für die nächste Erweiterungsrunde der Europäischen Union durf­ten Litauen und Lettland noch nicht Platz nehmen, die Esten haben in Brüssel den Vortritt erhalten. Neue Präsidenten führen die Länder, neue Rechtssysteme werden installiert, Aufbruch!

    Privatisierung, Auslandsinvestitionen, Streben nach EU-Niveu. Die Landwirtschaft gleicht einem Museumsbetrieb. Jedoch: An allen Ecken und Enden des Baltikums sind umfangreiche Restaurationsarbeiten im Gange, es wird gemalt, gemauert und gemörtelt. Sichere Gewinner sind Consultingfirmen.

    Die Balten lernen mit den russischen Minderheiten zu leben. Minderheiten, die in vielen Städten und Orten Estlands und Lettlands auch Mehrheiten sind. Von Baltischen Völkern zu sprechen, ist ei­gentlich nicht richtig. Balten oder Deutschbalten wurden nur deutsche Einwohner Ostpreussens genannt, die auf den Gebieten der heutigen Ostseerepubliken Estland, Lettland und Litauen siedelten. Esten, Letten und Litauer haben eigentlich sehr wenig gemeinsam – unterschiedli­che Mentalitäten,  unterschiedliche Sprachen, und unterschiedliche Herkunft. Letten und Litauer sind von indogermanischer, Esten von finno-ugrischer Abstammung. Ein Teil der Geschichte wird jedoch geteilt: Nach dem ersten Weltkrieg bestand für etwa 20 Jahre die „Baltische Entente“ aus unabhängigen drei Staaten, die jedoch sehr bald wieder durch die Interessen und Konflikte der Großmächte unterdrückt wurden. Das geheime Zusatzprotokoll im Hitler-Stalin-Pakt besiegelte ihre Zukunft. Die Gebiete wur­den der Sowjetunion zugesprochen. Dem Papier nach freiwillig, es gibt dementsprechende Anschlußerklärungen der Parlamente. Aber diese Erklärungen wurden alle in jüngster Zeit widerru­fen und für erzwungen erklärt. Schulbücher wurden neu aufgelegt, die Alten sterben.

    Alles kommt, wenn die neue Generation heranwächst. Von den jungen Leuten erwarten wir mehr, denn die alten Leute, die schon in dieser sowjetischen Zeit gewohnt haben, gelebt haben, die sind einfach nicht fähig dazu”, beschreibt eine Lehrerin aus Vilnius die Spannung zwischen Eltern und ihren Kindern.

    Das Journal-Panorama berichtet in einer dreiteiligen Serie über das Leben in den Ostseerepublik Litauen, Lettland und Estland, acht Jahre nach Wiederbeginn ihrer Unabhängigkeit.

    Leben – Initiativen – Minderheiten – Atomenergie – Landwirtschaft – Nationalismus – Intellektuelle als Politiker – Geschichte incl. Deportation – Altlasten – Joint Ventures – NATO & EU – Regionalentwicklung Ostseeraum – Neureiche – Persönlichkeiten – Vergleich: Personen vor vier Jahren, dieselben Personen heute – Die Suche nach dem neuen Weg im Baltikum


     

    TRAILER: LITAUEN

     

    ATMO: Sowjetische Hymnne

     

    TEXT: Am 31. Dezember 1991 wurde die sowjetische Flagge von der Spitze des Kremls eingezogen. 

     

    (Hymne verlangsamt sich und stoppt)

     

    ATMO: gesungene litauische Nationalhymne (5a, 376-3849)

     

    TEXT: In Litauen erklingt eine neue Hymne. Neben Lettland und Estland ist ein neuer, unabhängiger Staat im Baltikum entstanden. Ein langer Weg in die Freiheit.

     

    OT: Lehrerin (1b, 118)

    Alles kommt, wenn die neue Generation heranwächst. Von den jungen Leuten erwarten wir mehr, denn die alten Leute, die schon in dieser sowjetischen Zeit gewohnt haben, gelebt haben, die sind einfach nicht fähig dazu.

     

    TEXT: Wir berichten über das Leben in der Ostseerepublik Litauen, vier Jahre nach Wiederbeginn seiner Unabhängigkeit.

    Das neue Litauen. Hören Sie mehr heute Abend im Programm Österreich eins, um ca. 18.20 in einem

     

    JINGLE

     


     

    Manuskript JOURNAL-PANORAMA: LITAUEN

     

    MODERATION:

     

    Von Baltischen Völkern zu sprechen, ist eigentlich nicht so ganz richtig. Balten, oder Deutschbalten wurden nur deutsche Einwohner Ostpreussens genannt, die auf den Gebieten der heutigen Ostseerepubliken Estland, Lettland und Litauen siedelten. Esten, Letten und Litauer haben eigentlich sehr wenig gemeinsam – unterschiedliche Mentalitäten,  unterschiedliche Sprachen, und unterschiedliche Herkunft. Letten und Litauer sind von indogermanischer, Esten von finno-ugrischer Abstammung. Eines haben sie jedoch gemeinsam: nur etwa 20 Jahre nach dem ersten Weltkrieg bestand die „Baltische Entente“ aus unabhängigen drei Staaten, die jedoch sehr bald wieder durch die Interessen und Konflikte der Großmächte unterdrückt wurden. Das geheime Zusatzprotokoll im Hitler-Stalin-Pakt besiegelte ihre Zukunft. Die Gebiete wurden der Sowjetunion zugesprochen. Dem Papier nach freiwillig, es gibt dementsprechende Anschlußerklärungen der Parlamente. Aber diese Erklärungen wurden alle in jüngster Zeit widerrufen und für erzwungen erklärt. Ein kleiner Unterschied noch, Litauen, von dem im heutigen Journal-Panorama die Rede sein wird, teilte sich mit Polen ein Doppelreich, das sich von der Ostsee bis zum schwarzen Meer erstreckte. Doch davon ist heute nichts geblieben, außer ein gewisses pikantes Verhältnis zu Polen. Man besinnt sich, obwohl durch die wirtschaftlichen Umstände ernüchtert, der litauischen Identität, ermutigt durch die wiedererworbene Unabhängigkeit. Lothar Bodingbauer sucht den neuen Weg Litauens.

     

     

    A ATMO: Eisenbahn  bleibt kurz oben

     

    TEXT: Langsam tastet sich der Warschau-Schestokai-Express an den neu eröffneten polnisch-litauischen Grenzübergang.  Und doch ist es eine schnelle Art, nach Litauen zu kommen, 24 Stunden dauert die Fahrt von Wien nach Vilnius – mit dem Auto kann die Wartezeit bei der Einreise von Polen aus mehrere Tage dauern. Ein Hinweis aus dem Führer „Vilnius Today“: „Bestechen Sie nie einen Zöllner, er verdient es einfach nicht. Reisen Sie lieber mit dem Zug.“ Zwei Soldaten schließen das Gatter hinter dem letzten – Atmo wird ausgetauscht – Schlafwagen.

     

    B ATMO: Dorf  bleibt kurz oben

     

    A OT: Reportage (30´´)

    Schestokai, das ist der kleine litauische Grenzort zwischen Polen und Litauen. Hier führt die neuerrichtete Bahnstrecke durch, die Polen und Litauen direkt verbindet, ohne über weißrussisches Gebiet zu führen. Hier ist die absolute Ruhe am Morgen um halb Sieben. (542) Zwei Geleise gibt es hier: das eine, aus Polen kommend, im europäischen Normalmaß, das zweite führt in die Baltischen Staaten und ist russische Breitspur. + Bahnhofsstimme 1a, 590.

     

    TEXT: Die Trennung der baltischen Staaten vom restlichen Europa durch verschiedene Bahnsysteme ist mehr als nur symbolisch. Die Besitzer der Bar- und Verkaufscontainer freuen sich über die Verzögerungen im Reise- und Warenverkehr, die sich daraus ergeben. Bis vor einigen Monaten  noch war in Schestokai – wie man so schön sagt, „tote Hose“, die Bewohner der Bauernhäuser betrachten die neugierigen Ankömmlinge lieber noch hinter den Vorhängen der Fenster, die Arme in die Hüften gestützt. – Atmo wegziehen –

    Viele Störche in den weiten Feldern und Wäldern entlang des Weges in die Hauptstadt Vilnius.

     

    A OT: Reiseleiterin

    Hier an diesem Platz beginnt die ganze Geschichte Litauens. Schon vor viertausend Jahren wohnten die ersten Leute hier, die Archäologen behaupten, wir stehen hier auf einer 7 Meter hohen Kulturschicht …… – OT in den Hintergrund blenden. –

     

    TEXT: Polnisch, preussisch, russisch. Katholisch, lutheranisch, orthodox. Die Geschichte Litauens ist voll von konkurrierenden Mächten und Einflüssen. 1918 erklärt Litauen gemeinsam mit Lettland und Estland seine Unabhängigkeit. Die deutsche Armee fällt ein, verliert den Krieg, die sowjetische Armee fällt ein, wird von den Allierten vertrieben. Zwanzig Jahre dauert die Unabhängigeit. 1939 wird das Baltikum durch das geheime Zusatzprotokoll des Ribbentrop-Molotov-Paktes der sowjetischen Einflußsphäre zugeschrieben, die Deutschbalten kehren heim ins Reich. Litauen wird durch die Rote Armee besetzt. Tausende werden erschossen und deportiert. Dann kommen die Deutschen, an die 100.000 Juden werden in KZs vernichtet. Dann kommt wieder die Rote Armee, Anpassung oder Verbannung nach Sibirien. Die Akte jedes Deportierten enthält neben den persönlichen Daten auch die Rubrik „wegen…“, in der das Verbrechen des Betroffenen eingetragen wird. Im Falle der Esten, Letten und Litauer genügt der Vermerk „wegen Baltikum“, um sie auf Jahre im Gulag verschwinden zu lassen.

    Die Sowjetdiktatur unter Stalin ist die letzte Barbarei, unter der die Völker an der Ostsee zu leiden haben. Fast jeder hat Bekannte oder Verwandte, die nach Sibirien verbannt oder erschossen werden. 50 Jahre dauert die Sowjetische Fremdherrschaft.  – OT/ATMO weg

    Im Mai 1990 machen die Balten, ermutigt von Glasnost und Perestrojika von jenem Recht Gebrauch, das ihnen durch die sowjetische Verfassung zugesichert ist. – Die Nationalhymne kann wieder erklingen.

     

    B ATMO schon im letzten Satz: Litauische Nationalhymne  bleibt bis auf Zeichen (ca 10´´)

     

    A OT: Erklärung   danach Atmo hoch bis sie aus ist

     

    TEXT: Als Unionsrepubliken war es den Baltischen Staaten erlaubt, sich von der Sowjetunion loszusagen. Dieses Recht wurde keinesfalls allen Nationen der Sowjetunion zugestanden. Zu Unionsrepubliken wurden nur jene Nationen erklärt, die an einen ausländischen Staat grenzten. Abspaltungen hätten sonst Löcher im Staatsgebiet hinterlassen.

     

    Ein Berater des polnischen Präsidenten Lech Walesa meinte einmal:

     

    A OT (6´´)

    Es ist einfach, aus einem Aquarium kalte Fischsuppe zu machen. Es ist schwierig, aus kalter Fischsuppe ein Aquarium zu machen.

     

    B ATMO schon in die letzten Worte: Panzerrollen bleibt kurz oben

     

    TEXT: So einfach wollen der Oberste Sowjet und die sowjetischen Generäle dem Zerfall nicht zustimmen. Als im Jänner 1991 die Aufmerksamkeit aller Welt auf die Golfregion gerichtet ist, besetzen sowjetische Sondertruppen des Innenministeriums wichtige Gebäude in Vilnius: Das Parlament, Ministerien, den Fernsehturm. 100.000 Litauer halten Wache, vierzehn Menschen werden getötet.

     

    A OT: Chemiker/Reiseleiterin (2´20´´)

    Ich lebe in der Nähe des Televisionsturm und ich habe diese schreckliche Zeit selbständig gesehen, ich war nähe des TV-Turms und habe alles gesehen, – Atmo wegziehen – wo russische Soldaten und Panzer haben unsere Leute geschossen. Das war schrecklich, aber ich glaube, daß jetzt wiederholt nicht mehr, diese Situation.

    Wir wußten einfach nicht, wo es beginnt. Und wir haben darauf gewartet, daß sie zu uns kommen, diese Panzer, sie sind aber vorbeigefahren, und die Leute haben die Welle aller Radiogeräte gefangen von diesen Panzern, sie haben gesagt: “Am Parlament gibt es zuviel Fleisch”, es lohnte sich nicht diese Nacht. Also, wir waren zuviele diese Nacht am Parlament vielleicht. (419) Nein ich hatte keine Angst. Als die Leute auf den Dächern zu schreien begannen. daß die Panzer schon fahren, ich stand an einem Kiosk und hielt mich fest (Ton oben)- weiter nichts, keine Angst. (9 sek. Pause). Vielleicht haben wir auf sowas nicht gewartet, daß die Panzer auf die Leute fahren und sie zusammenschießen, vielleicht, aber keine Angst hatte ich, auch die Leute, mit denen ich gesprochen habe, sagen dasselbe. (4 s. Pause). Wir waren den ganzen Tag am Parlament, die Leute haben sich versammelt, haben gebetet, gesungen, am Abend gab es ein Feuer, Lagerfeuer. Und wir kamen mit meinem Mann nach Hause und mein Sohn blieb am Parlament und wir wußten nicht genau wo und als wir zu Hause ankamen, hörten wir die Schüsse, wir wohnen eam anderen Ende der Stadt, wir liefen wieder zurück zum Parlament. Wir verstanden nicht genau, wo es begonnen hat, wir suchten nach unserem Sohn, ich fand ihn nicht gleich, ich wußte nicht, wo er war, ob am Fernsehturm oder beim Parlament. Als wir schon müde waren, an der Bibliothek beim Parlament war ein großes weißes Laken mit dem roten Kreuz und wir gingen in die Bibliothek und wir fanden auf den breiten Stufen meinen Jungen schlafen. Er ist Meter 93 groß und er brauchte 123456 Stufen, ich weiß nicht wieviel.

     

    TEXT: Präsident zu dieser Zeit ist Vytautas Landsbergis, ein Musikprofessor und Führer der oppositionellen Volksbewegung Sajudis. Er wendet sich an die westlichen Regierungen, die Bestrebungen nach Unabhängigkeit doch zu unterstützen. Was geschehe, sei „derselbe Krieg wie am Golf, nur ist es diesmal in Europa“. Der Appell wurde in Island gehört. Vier Wochen später erkennt die isländische Regierung Litauen an – eine Straße in Vilnius heißt heute „Island-Straße“. Die anderen Staaten folgen nur spärlich diesem Beispiel, und im September 1991 erst wird die Mitgliedschaft Litauens, Lettlands und Estlands bei den Vereinten Nationen bewilligt.

     

    B OT: Reiseleiterin (18´´)

    Ich möchte niemanden beleidigen, wir verstanden daß sich niemand um uns kümmert. Vielleicht ist das interessant für Leute wie Reporteure, aber weiter nichts.

     

    TEXT:

    Michail Gorbatschow hat von den Vorgängen im Baltikum angeblich erst am nächsten Morgen erfahren. Als der Moskauer Putsch im August 1991 scheitert, kann die neue Unabhängigkeit als gesichert angesehen werden. Die baltischen Staaten werden Mitglied in der NATO-Partnerschaft für den Frieden, eine eigene UNO-Truppe wird aufgestellt und in Schweden ausgebildet werden. Die ersten freien Wahlen finden im Februar 1993 statt. Algirdas Brazauskas, ein Reformkommunist, wird erster gewählter Präsident Litauens, Vytautas Landsbergis Führer der Opposition.

    Ob es stimmt, daß die Zeit oppositioneller Intellektueller ein Ende hat, weil sie genau dann eingesprungen sind, als es keine professionellen demokratischen Politiker gab?

     

    A OT: Landsbergis (30´´)

    ÜBERSETZUNG: Die kritischen Situationen sind nicht vorbei! Wir haben heute keine professionellen demokratischen Politiker, und jene, die sich dafür halten, sind aus der lokalen Administration und Politik des Kommunismus hervorgegangen. Ihre Wurzeln stammen aus undemokratischen Systemen.

     

    TEXT: Vor dem Parlamentsgebäude stehen heute noch Barrikaden und eine Marienstatute. Für Prof. Landsbergis ist die Zeit der Bedrohung noch immer nicht vorbei.

     

    A OT: Landsbergis (20´´)

    ÜBERSETZUNG: Die Bedrohung besteht darin, daß die russische Seite die Bemühungen hat, die Ostseerepubliken wieder in ihre Dominanzssphäre zurückzubekommen. Es fehlt auch an Garantien der westlichen Staaten, unseren Staaten Hilfe zu leisten.

     

    TEXT: Ob diese Angst nicht abseits der Realität ist, wo doch in Litauen schon seit einem Jahr keine russischen Truppen mehr stationiert sind, und der Abzug von Lettland und Estland bis zum 31. August vertraglich gesichert ist?

     

    A OT: Landsbergis (47´´)

    ÜBERSETZUNG: Das ist nicht das erste Mal, daß ich wegen meiner Beziehung zur Realität kritisiert werde. Sie würden uns besser verstehen, wenn sie eine gemeinsame Grenze mit Rußland hätten und wenn sie auch selbt den Druck der russischen Seite spüren würden. Die litauische Souveränität verletzen auch russische Flugzeuge, sie fliegen über unser Territorium ohne Genehmigung. Auf Litauen wird Druck in jener Hinsicht ausgeübt, daß es den militärischen Transit zur Enklave Kaliningrad gestatte. Unsere Nachbarstaaten verstehen diesen Druck sehr gut, aber die Länder, die weiter weg von Rußland sind, die verstehen das nicht so ganz.

     

    TEXT: Erdgaslieferungen gegen Militärtransit, wirtschaftliche Zusammenarbeit gegen die Sicherung der Rechte der russischen Minderheit in Litauen. Vytautas Landsbergis wird als idealistischer Theoretiker beschrieben, der jetzige Präsident Algirdas Brazauskas als Praktiker, er gilt als guter Verhandler mit Rußland. Eine eigene Währung, der Litas, wurde eingeführt, die Industrieproduktion jedoch ist im Vorjahr auf die Hälfte zurückgegangen. Privatisiert wird, wo es nur irgendwie geht – und vor allem, wo es Investoren gibt, und die wissen genau, was sich lohnt.

     

    B ATMO ins letzte Wort: Café.  kurz oben lassen

     

    TEXT: In einer Seitengasse von Vilnius gibt es ein kleines Kellercafé:

     

    A OT: Chemiker (2´25´´)

    Mein Name ist Rimydas Valinis, mein Beruf ist Chemiker. Aber jetzt arbeite ich hier in meinem eigenen Café im Haus, das früher meinem Großvater gehörte. Ich mußte etwas machen, um Geld zu verdienen, deshalb arbeite ich hier in meinem Keller, er heißt Café Arsenales. 631 Früher im Winter, wenn in anderen Café war es kalt, in meinem Café war geheizt und es war warm. Im Winter war Geschäft besser als jetzt. Jetzt unsere Leute haben fast kein Geld und weil mein Café ist nicht sehr billig, deshalb geht das Geschäft schlecht, wie in ganz Litauen.  652 Nein, wir müssen alles selbständig machen. Ich glaube, wenn neue Regierung kommt, ich warte, wann kommt neue Regierung, nicht postkommunisische aber Opposition, ich glaube, die ganze Situation muß sich in Litauen verbessern. 660 Landsbergis hat für mich diesen Keller zurückgegeben, und er sagte, daß ich mein eigenes Elternahus bekomme nach 10 Jahren, aber die jetzige Regierung sagte, daß diese Keller und dieses Haus gehört mir nicht. Es beginnt neue Nationalisaition, und deshablb verstehe ich nicht, was das muß heißen. 700 Ich bin Chemiker, ich bin Doktor der Wissenschaften, aber Sie sehen, was ich mache jetzt, ich muß hier arbeiten und nicht meine Spezialität und meine- Möglichkeiten vernutzen. 712 Ja, ich freue mich, daß unser Staat ist jetzt wie früher, seit 50 Jahren ist unabhängig, ich will arbeiten, ich will hier in meinem Heimatland wohnen und warten, vielleicht unsere Situation verbessert sich, danke.

    ATMO weg am Anfang des nächsten Textes

     

    TEXT:

    Wie hat sich die Situation für die Menschen hier seit der Unabhängigkeit geändert?

     

    B Reiseleiterin (2´´)

    Ja, also wir haben viel mehr erwartet.

     

    TEXT: Akvile Lapenaite lebt in Vilnius. Sie ist Lehrerin von Beruf. Nebenbei arbeitet sie als Fremdenführerin

     

    B OT: Reiseleiterin (50´´)

    Nicht daß wir mehr im materiellen Sinne erwartet hätten, wir verstanden, daß unsere Wirtschaft schon so ruiniert ist, daß wir keinen goldenen Berg oder sowas erwartet haben, aber einfach was uns jetzt fehlt ist das Gefühl der Einigkeit, dieses Gefühl, daß wir Litauer sind und alle einig in unseren Plänen, unserem Verständnis für die Zukunft.

    Und wer könnte diese Einigkeit herbeiführen?

    Alles kommt, wenn die neue Generation heranwächst. Von den jungen Leuten erwarten wir mehr, denn die alten Leute, die schon in dieser sowjetischen Zeit gewohnt haben, gelebt haben, die sind einfach nicht fähig dazu. 128 Unsere Generation? Was hat sie gemacht, sie hat es erhalten, diesen Wunsch, frei zu werden.

     

    A ATMO schon ab Zeichen im letzten Satz“ Straßenmusik Vilnius , auf Zeichen Atmo leiser, OT rein

     

    B OT  Giedre-1 (28´´)

    ÜBERSETZUNG: Jeder interessiert sich heute nur mehr für Wirtschaft und nicht mehr für Kultur. 1990 hatten wir kulturelle Ideen und Moral, heute haben wir mehr wirtschaftliche Probleme, und die Lage ist sehr schlecht. Ich könnte nicht sagen, durch wen. Wir denken aber, daß alles besser wird.

     

    Atmo hoch bis auf Zeichen

     

    B OT: Giedre-2 (43´´)

    ÜBERSETZUNG: Als erstes möchte ich einmal die Litauische Sprache richtig sprechen. Das ist glaube ich ein wichtiger Schritt. Und was sonst? Ich werde meine Ideen vielleicht meinen Studenten in 20 Jahren als Professor weitergeben. Ich glaube, daß der Beitrag der Studenten für die Zukunft unseres Landes darin liegt, zu studieren, so gut sie können. Es ist die Kraft der Wissenschaft, und das ist auch schon ganz viel!

     

    Atmo hoch bis auf Zeichen

     

    B OT: Chemiker (41´´)

    Wir haben ein wenig Angst, aber wir glauben, daß Weststaaten ein wenig müssen uns helfen und sie bleiben uns nicht alleine, wie im Jahre 1940, wenn SU okkupiert unsere Baltishcen Staaten, Länder, und damals wir waren allein, keine Westregierung hat uns damals nicht helfen. Schade. Ich glaube, wenn andere Staaten damals zerstöreten diese russische Okkupation, vielleicht wir sehen wir auch so aus, wie vielleicht Finnland und Österreich. Danke.

     

    Atmo hoch bis auf Zeichen

     

    B OT: Schüler (19´´)

    ÜBERSETZUNG: Ich habe viele Hobbies, besuche Managementkurse und ich habe eine Menge Freunde. Und so ist es sehr interessant, in Vilnius zu leben, wenn Du jung bist und wenn Du viel Zeit mit Deinen Freunden verbringen kannst.

     

    TEXT: Die Vergangenheit ist vergangen. Es ist geschehen, und man will nicht mehr darüber reden – zumindest die jungen Leute nicht.

    Sie wird vielleicht dann überwunden worden sein, wenn wieder alle Häuser übermalt und die Schatten der alten cyrillisch geschriebenen Straßenschilder verschwunden sind. Die ausgedehnte Altstadt von Vilnius, hügelig und wunderschön gelegen, ist in einem unsagbar schlechten Zustand, sie gehörte zum Großteil den vernichteten und vertriebenen Juden. In sowjetischer Zeit wurde die Altstadt stark vernachläsigt, weil sie als bourgoise Relikte angesehen wurden. Nicht-Litauer können die Häuser jetzt nur mieten, mit der Auflage, sie zu renovieren.

    Die Stadt selbst ist stark zersiedelt. Überall wurden Wohnhausanlagen gebaut, überall sind durch die Umstellung ruhende Baustellen zu sehen. In der Nacht werden sie beleuchtet, um Diebstahl von Baumaterialien zu verhindern. Über einer riesigen Halle zeigt eine Werbeschrift westliche Unterstützung: „Mercedes – Star of Lithuania“. Dazwischen sorgen Gaskraftwerke für schlechte Luft in den Wohngebieten – Atmo gegen die nächste austauschen – und Felder zeigen die Durchmischung mit dem ländlichen Raum.

     

    B ATMO: Landwirtschaft  bleibt kurz oben

     

    TEXT: Jetzt wird auch die Landwirtschaft neu organisiert, die Kollektivierung rückgängig gemacht und Land den ehemaligen Besitzern zurückgegeben.

     

    A OT:  Bauer (48´´)

    ÜBERSETZUNG: Jeder von uns darf jetzt drei Hektar Land besitzen. Das ist aber zu wenig, um davon leben zu können. Wir müssen uns vielleicht wieder zu Genossenschaften zusammenschließen, damit wir auch das nötige Geld aufstellen können, um Geräte und Maschinen zu kaufen. Als die Kolchosen aufgelöst wurden, ist viel beschädigt worden,  und viele haben sich einfach genommen, was da war, alle Maschinen. Früher mußten wir uns nicht um die Zukunft kümmern, wir wußten, daß wir leben konnten. Gab es einmal nichts zu verkaufen, hat uns der Staat trotzdem Geld gegeben. Wir hatten ein geregeltes Einkommen, aber jetzt wird es hoffentlich besser, weil wir die Freiheit haben.

     

    TEXT: Haupthandelspartner für landwirtschaftliche Produkte sind noch immer die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion – aber, auch Österreich scheint in der Exportstatistik auf. 20 Tonnen Butter wurden im Vorjahr nach Österreich exportiert.

    Die ländliche Infrastruktur ist in einem sehr schlechten Zustand. Serviceeinrichtungen, Kultur- und Tourismusobjekte sind unrentabel geworden, das Dorfhandelsnetz verfällt. Viele Gebiete, so heißt es, sind ohne Funktionen. Jetzt sollen die Kommunalverwaltungen mehr Rechte bekommen, der Neuaufbau eines Territorial­ver­waltungssystems ist in Diskussion. – Atmo weg –

     

    A ATMO, beginnt mit Worten: Bienenzüchter  kurz oben lassen

     

    TEXT: Im Ignalina-Nationalpark hat Bronius Kazlas gemeinsam mit seiner Frau ein Bienenmuseum aufgebaut. Atmo mit der nächsten austauschen, die schon vorher zart eingezogen werden kann, bevor die alte veschwindet. Er möchte den Menschen den Wert der Natur näherbringen.

     

    B ATMO: Wasserrauschen  kurz oben lassen

     

    A OT: Bienenzüchter (3b, 077)

    ÜBERSETZUNG: Wir konnten dieses Museum sogar noch in der sowjetischen Zeit aufbauen. Als wir jedoch begannen, Gedichte über Litauische Themen und Traditionen zu verfassen, mußten wir in den Ruhestand treten. Jetzt werden wir vom Litauischen Staatsbudget gesponsert.

     

    TEXT: Inmitten des Nationalparkes steht auch das Ignalina-Atomkraftwerk. Dieses Kraftwerk erzeugt soviel Strom, daß Litauen sogar noch exportieren kann. Die Reaktoren allerdings sind vom Typ jener, die in Tschernobyl verwendet werden, und Techniker haben dem System unzählige Haarrisse in den Schweißnähten attestiert. Ob Bronius Kazlas denn keine Angst habe, hier zu wohnen? Er antwortet von einem philosophischen Standpunkt aus.

     

    A OT: Bienenzüchter (20´´)

    ÜBERSETZUNG: Alles gehört uns gemeinsam und alles hat einen gemeinsamen Ursprung. Wenn wir die schlechten Dinge in uns überwinden, werden wir auch das Schlechte außerhalb bewältigen.

     

    Band weiterlaufen lassen, geht sich mit Gelbfilm aus bis nächsten OT

     

    TEXT: Nützt diese Einstellung auch im Notfall?

     

    A OT: Bienenzüchter (8´´)

    ÜBERSETZUNG: Dieses Problem wird gelöst werden durch die Kooperation mit ausländischen Wissenschaftlern.

     

    – Atmo weg

     

    TEXT: Ein gesunder Optimismus für einen Anrainer.

    Die litauische Landschaft ist kleinräumig, das Umweltbewußtsein ist daher stärker entwickelt als in Ländern mit riesigen ungenützten Landgebieten. Fest steht jedoch, daß veraltete Technik und die nichtvorhandene Infrastruktur zur Abwässer- und Abluftreinigung Schäden im großen Stil verursachen.

     

    B ATMO Meeresrauschen Kurz oben lassen

     

    TEXT: Die Städte und Orte an der Ostseeküste sind von der Wasserverschmutzung nicht verschont. Ein Ölterminal in Kleipeda  und die Abwässer der Stadt verschmutzen Küste, die Ostsee und das Haff. Und doch ist das Gebiet der Kurischen Nehrung das Erholungs- und Tourismusgebiet Litauens. Bis zum zweiten Weltkrieg gehörte es zu Ostpreußen. Von dieser Zeit erzählen noch die verblichenen Aufschriften an den Speichern Kleipedas – oder Memels: „Ernst Merker, Raiffeisen. Mehl und Futtermittel“. Die Kurische Nehrung ist eine langgestreckte Sandhalbinsel. Sie reicht bis zum Königsberger Gebiet und ist zwischen 400m und 4km breit. In den Sanddünen der Nehrung konnten auch die Wochenschauberichte der Afrikafront gedreht werden. 2700 Menschen leben hier in mehreren Fischerdörfern.

     

    A OT: Urbis (25´´)

    ÜBERSETZUNG: Es ist schwer, in Niden zu leben, weil das Leben hier teuer ist, die Waren müssen erst herangebracht werden. Aber diese Prozesse sind ganz normal für das ganze Europa, für die Atmo Meer weg, zurückkurbeln an Anfang! Orte, an denen sich die Menschen nur erholen wollen.

     

    C ATMO ins letzte Wort: Hochzeit.  lassen bis auf Zeichen (eher kurz)

     

    A OT: Dame (4b, 694)

    Was passiert hier? Bei uns ist Hochzeit, das war gestern, am nächsten Morgen Musikanten müssen gehen bei Gästen und erwachen. aber in diesem Morgen die Musikanten sind nicht nur Musikanten, sie sind Diebe. Sie müssen nehemnen Pantoffel, andere Sachen, und dann sie verkauft. Das wird alles lustig. Hochzeit unsere Mädchen, Junger Mann ist von Deutschland. Verstehen? Das ist ganz interessant. Bitte setzen in mein Auto, fahren wir! – Atmo hoch, bis sie aus ist, beim letzten tiefen Tubaton.

     

    TEXT: Auf der Nehrung wurde auch Kurisch gesprochen, mit dem Sterben der alten Menschen, wird auch diese Sprache aussterben. Kristel Sakuth ist Mesnerin in der ökumenischen Kirche Nidens.

     

    (23) OT: Mesnerin (5a, 226)

    Ich kann noch einen Spruch sagen, in Kurisch: Mein Großvater, wenn er von der Fischerei kam, hat immer gefragt, „….“ da sagte der Opa imer: „Morgens Fisch Kartoffel, abends Kartoffel Fisch, immer Kartoffel Fisch, und Fisch Kartoffel, jeden Tag gab es immer bei uns. Gänse etc hatten wur alles, aber Fisch und Kartoffel war jeden Tag auf dem Tisch.

     

    B Atmo in den letzten Satz, kurz hoch. dann sehr zart darunter.

     

    TEXT: Die Bewohner der Nehrung leben vom Fischfang – und vom Tourismus, dessen Infrastrukturen jetzt auf westliches Niveau gebracht werden. Das Gebiet wurde zum Nationalpark erklärt. Sanfter Tourismus soll es werden, beschreibt Vizebürgermeister Urbis das Konzept.

     

    A OT: Urbis (48´´)

    ÜEBRSETZUNG: Man hat vor, auf der Kurischen Nehrung eine ökologische Schule zu eröffnen. Wir machen hier sogannnte offene Ausstellungsgebiete, wo man in der Natur, in der natürlichen Umgebung, auch zum Beispiel einen Elch sehen kann. Wir haben Programme laufen, die sich mit der Lenkung der Touristenströme in verschiedene Zonen beschäftigen, Programme für die Müllvermeidung und Abwasserentsorgung. Ein Flughafen stand zur Diskussion, aber den können wir hier nicht brauchen. Niden muß ein ruhiger, stiller und angenehmer Ort bleiben, wo sich die Leute erholen, und wo keine Jeeps durch die Dünen fahren.

     

    TEXT: Die Regierung unterstützt Gruppenreisen für einheimische Litauer finanziell.

     

    A OT: Urbis (18´´)

    ÜBERSETZUNG: Man versucht jetzt, jüngere Leute auf die Nehrung zu bringen, die hier ein Lernporgramm machen können. Die Kurische Nehrung soll als Beispiel dienen, für seminarartige Projekte.

     

    TEXT: Für die Bewohner stellen sich mit der Ankunft der Erholungssuchenden neue Probleme.

     

    A OT: Urbis (43´´)

    ÜBERSETZUNG: Die Frage nach der Jugend ist ein Unglück. Im Sommer verdienen die jungen Leute ziemlich viel Geld. Im Winter haben sie nichts zu tun, es gibt nicht viele Veranstaltungen, nur ein paar Bars funktionieren. Und dort gehen sie eben trinken hin. Man will das ändern, im Rekreationszentrum wird versucht, irgendeine Beschäftigung für die jungen Leute zu finden, aber das ist noch nicht genug. Wir bräuchten ja Facharbeiter, Leute, die den Strand sauberhalten, aber diese jungen Leute sind so hochmütig, daß sie keine solche Arbeit machen wollen.

     

    TEXT: Und so werden Festlandbewohner eingeladen, hier zu arbeiten. In der Fischerei lohnt es sich, und es gibt genügend Fische. Ein Problem ist, daß jene, die im öffentlichen Dienst arbeiten, extrem wenig verdienen.

     

    A OT: Urbis (28´´)

    ÜBERSETZUNG: Die Putzfrau in einem Erholungsheim bekommt einen höheren Lohn als der Vizebürgermeister. Ich bin ein selbständiger Mann, vor wenigen Jahren habe ich das Studium abgeschlossen, aber ich brauche trotzdem noch die Hilfe meiner Eltern, um etwas zu kaufen und etwas normaler leben zu können.

     

    (28) TEXT: Ein Mittagessen kann sich Vizebürgermeister Urbis in seinem Ort auf der Nehrung nicht leisten. Eines stört ihn:

     

    Meeresatmo kann weg

     

    A OT: Urbis

    ÜBERSETZUNG: Ein Beispiel: die Leute, die auf der Straße Bernsteinschmuck verkaufen, zeigen dem Staat, daß sie 1 Litas Gewinn haben. Und genau diese Leute fahren Mercedes und trinken ein halbes Jahr, arbeiten nichts, und haben 1 Litas Gewinn.

     

    B ATMO schon in den letzten Satz: Wind (Archiv) kurz

     

    TEXT: Ganz oben auf der Düne wird eine riesige Sonnenuhr gebaut. Wie ein Kultplatz sieht es hier aus. Rechts die Ostsee, links das Haff, und vor uns liegt die Enklave Kaliningrad. Auf sanftem Gras gelangt man durch Pinienwälder, die die Düne befestigen, wieder nach Niden. – Atmo weg – Ein Pferdefuhrwerk bringt auf einem Schulausflug johlende Kinder durch den Ort. Malerische Holzhäuser gibt es hier, jedes hat an die acht Antennen der verschiedenesten Formen auf dem Dach. Auch Thomas Mann hatte hier einst sein Ferienhaus – zu Zwecken der Muse.

     

    A ATMO: Bus

     

    TEXT: Zurück auf dem Festland fährt man mit dem Bus durch die Vororte von Kleipeda. Die Ziegelkasernen der weggezogenen Sowjetarmee werden nun zur neuen Universität Kleipeda umgebaut. Am Stadtrand entstehen überall die neuerrichteten Häuser der Reichen. Entfernt man sich von der Stadt und taucht man wieder ins Land, führt die Straße durch weite, schnurgerade Alleen, links und rechts sind kleine Holzhäuser, mit Obst- und Gemüsegärten rundherum. Viele verfallene oder ausgebrannte Kolchosengebäude. Rösser, die ackern, Traktoren mit breiten Eggen. Atmo hoch, dann gegen nächste austauschen

     

    B ATMO: Spieluhr (6a, 106-154) lassen bis auf Zeichen

     

    TEXT:

    Die Spieluhr im Bernsteinmuseum hat schon alle erfreut. Kinder und Erwachsene. Gleich welcher NAtion, gleich welcher Zeit.

     

     

    A OT: Landsbergis (48´´)

    ÜBERSETZUNG: Die Menschen müßten mehr eine bürgerliche Verantwortung entwickeln, für die Ziele des ganzen Landes. Ich wünsche mir auch mehr Solidarität füreinander, zwischen den Menschen.  – Atmo Spieluhr weg – Von Anfang an bemühten wir uns, einen solchen Staat wiederaufzubauen. Aber das soll nicht die Prioriät eines Volkes sein, das soll die Priorität aller Völker sein.

    Es sollte unser Ziel sein, daß die Menschen, die in mehreren Generationen, in mehreren Jahrhunderten in unserem Staat leben, sich in der litauischen Kultur und Geschichte wohlfühlen, und sie wie ihre eigene schätzen. Das sollte auch für jene gelten, die erst vor kurzem in unser Land gekommen sind.

     

    TEXT: Jetzt wird man lernen, mit den Minderheiten zu leben. Das ist im Falle Litauens nicht so schwierig wie in den anderen baltischen Staaten. 80% Litauer leben heute in Litauen. Russen, Polen, Ukrainer sind die größten Minderheiten, auch Weißrussen, Juden, Tartaren und Deutsche leben hier.

    Auf Staatsbürgerschaft haben automatisch jene Personen Anspruch, die vor 1949 Bürger der Republik gewesen sind, oder deren Eltern oder Großeltern Litauer sind. Jene Personen, die vor dem 3. November 1989 nach Litauen gekommen sind, müssen erst einen Eid ablegen, in dem sie sich verpflichten, Verfassung und Gesetze der Republik zu achten. Und jene, die nach dem 3. November 1989 in Litauen eingetroffen sind, müssen sich erst 10 Jahr im Land aufhalten und Kenntnisse der Litauischen Verfassung aufweisen.

    Wahlberechtigt sind alle Bürger Litauens. Das Wahlrecht berücksichtigt darüberhinaus die Minderheitenvertretung: Für wahlwerbende Gruppen, die eine bestimmte ethnische Minderheit vertreten, wurde die vier-Prozent-Grundmandatshürde außer Kraft gesetzt.

     

    Was müssen die Litauer können, um ihr Leben und die Entwicklung ihres Landes in den Griff zu bekommen?

     

    A OT: Reiseleiterin (52´´)

    Sie müssen zuerst eine gute Regierung wählen, die sich mehr um die Leute kümmert, als um sich selbt, zweitens, also sie müssen vernünftige Wahlen haben. Zweitens sie müssen lernen, schwer zu arbeiten, und weiter vielleicht müssen sie auch mehr an der Kirche teilnehmen, damit alles was uns diese sowjtische Zeit verdorben hat, diese  Vertrauen, dieses Helfen und Liebe, das ist alles krank, ich würde nicht sagen, daß überhaupt fehlt, aber nicht in solchem Maße wie wir es für ganz normales Leben brauchen.

     

    TEXT: Der Führer der Opposition, Vytautas Landsbergis ist überarbeitet, im dritten Stock des Seimas, des litauischen Parlamentes ist es heiß, auf dem Klavier in seinem Büro schichtet sich der Staub.

     

    A OT: Landsbergis (29´´)

    ÜBERSETZUNG: Ja es stimmt, ich habe fast keine Zeit. Ich hoffe, daß ich dieses Monat ein paar Tage frei habe, und diese Tage werde ich in Österreich verbringen. Der Landeshauptmann von Salzburg hat meine Gattin und mich zu den Salzburger Festspielen eingeladen.  Das ist für mich eine Möglichkeit, ein paar Tage aus der Politik zu verschwinden und diese Tage für mein persönliches Leben zur Verfügung zu haben.

     

    A Atmo Spieluhr bis auf Zeichen

     

    TEXT: Litauen ist wieder unabhängig – Giedre Zaromskyte hat einen Vorschlag: Laßt uns jetzt Litauisch sprechen!

    ….

    B OT: Giedre

    xxx Let´s speak Lithuanian now.

     

    Atmo bis Schluß.        **** ENDE

     

     

    [/et_pb_text][/et_pb_column][/et_pb_row][et_pb_row _builder_version=”4.18.0″ _module_preset=”default” global_colors_info=”{}”][et_pb_column type=”4_4″ _builder_version=”4.18.0″ _module_preset=”default” global_colors_info=”{}”][/et_pb_column][/et_pb_row][/et_pb_section]

  • 002. Kaliningrad

    Königsberg auf dem Weg in den Westen: Zwischen Litauen und Polen liegt an der Ostsee die Exklave Kaliningrad, russisches Gebiet ohne direkten Kontakt zum Mutterland. Kaliningrad ist die westlichste Stadt Rußlands. Als östlichste Stadt Preußens war ihr Name Königsberg. Jene Besucher, die heute nach Kaliningrad kommen, um Königsberg zu finden, haben es schwer, die Stadt ihrer Kindheit wiederzuerkennen. Im August 1944 und im April 1945 wurde die Stadt von britischen Bombern fast völlig zerstört, den Rest besorgte die Politik der Sowjetisierung. Königsberg ist tot, es lebe Kaliningrad.

    URL Trailer: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio002_kaliningrad_trailer.mp3

    URL Sendung: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio002_kaliningrad.mp3


    Trailer

    Und dann fand ich auch noch unseren Brunnen, das Loch, das war ganz schlimm für mich.“

    TEXT:

    Zwischen Litauen und Polen liegt an der Ostsee die Exklave Kaliningrad, russisches Gebiet ohne direkten Kontakt zum Mutterland. Jene Besucher, die nach Kaliningrad kommen, um Königsberg zu finden, haben es schwer, die Stadt ihrer Kindheit wiederzuerkennen. Neunzehn­hundertvierundvierzig wurde das ostpreußische Königs­berg von britischen Bombern fast völlig zerstört, den Rest besorgte die Politik der Sowjetisierung.

    Königsberg ist tot – es lebe Kaliningrad.

    „Ja das muß ich ganz ehrlich sagen, diese Ruinen, die übriggeblieben sind, sind viel schmerzlicher, als wenn Du etwas nicht findest.“

    Kaliningrad ist heute die westlichste Stadt Rußlands. Zugänglich für westliche besucher wurde sie erst 1991. Als Freihandelszone Bernstein erhielt die Region Ende vorigen Jahres einen wirtschaftlichen Sonderstatus innerhalb der Russischen Föderation, und somit auch politisches Eigengewicht.

    TEXT:

    Mehr über das Leben in Kaliningrad, mehr über die Geburtsstadt Immanuel Kants,  hören Sie heute Abend um ca. 18.20 in Österreich 1 – in unserem Journal-Panorama


    Manuskript

    MODERATION:

    Kaliningrad ist die westlichste Stadt Rußlands. Als östlichste Stadt Preußens war ihr Name Königsberg. Britische Bomber haben sie 1944 weitgehend zerstört, die Politik der Sowjetisierung entfernte die meisten Relikte der deutschen Geschichte, Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion wurden angesiedelt.

    Die Kaliningrader Region ist heute russisches Terretorium, besitzt aber keine Grenze mit Rußland. Die Enklave, etwa so groß wie die Steiermark, ist von der Ostsee, von Polen und Litauen umgeben. Das Gebiet ist zwar ein weißer Fleck auf unserer geistigen Landkarte – entfernungsmäßig ist Kaliningrad ebenso weit von Wien entfernt, wie etwa Genf.

    Die Region erhielt Ende vorigen Jahres einen wirtschaftlichen Sonderstatus innerhalb Rußlands, und damit auch politisches Eigengewicht. Als strengstes Militärgebiet wurde Kaliningrad vor drei Jahren erst westlichen Besuchern zugänglich gemacht und zur Freihandelszone Bernstein erklärt. Lothar Bodingbauer hat sich in Kaliningrad umgesehen.

    OT 1

    Ja, Kaliningrad gefällt mir nicht, da bin ich ganz ehrlich, das ist nicht wiederzuerkennen, da fehlt einfach das Deutsche, aber da leben ja jetzt andere Leute drin, andere Sitten, ich wünsch´ den Kaliningradern nur, daß sie schnell vorankommen, daß es etwas besser wird. Die Leute, die hier geboren sind, sollen das als ihre Heimat betrachten. Sollen sie pflegen, und sollen sie lieben.

    TEXT:

    In Kaliningrad Königsberg zu suchen, das ist zwar möglich, aber zumindest für die Teil­nehmer des “nostalgischen Tourismus”, oft mit Traurigkeit verbunden.

    OT 2

    Unser Haus steht nicht mehr, aber ich habe, da steht eine Kirchenruine, da bin ich meinen Schulweg nachgegangen, durch hohes Gestrüpp, und kurz stand ich da. Erinnerungen, das lag an einem Dorfteich, der ist jetzt vertocknet, dürr, da wächst Schilf. Das war für mich der Wegweiser. Eine kleine Anhöhe, das war früher unser Gemüsegarten, den fand ich auch noch. Und dann fand ich noch unseren Brunnen, das Loch, das war ganz schlimm für mich, und trotzdem bin ich in meinem tiefsten Herzen glücklich, daß ich diese Fahrt gemacht habe, die brauchte ich, um auch in Westfahlen zu wissen, daß da meine Heimat ist.

    ATMO 1: Verkehr.

    TEXT:

    Königsberg, das ist Geschichte, wir sind hier in Kaliningrad. “Wellcome”, hat ein Sprayer enthusiastisch mit zwei “l” an einen Eisenbahnbrückenpfeiler gemalt, Reisende sollen freundlich empfangen werden. Kaliningrad ist – abgesehen von alt­sowjetischen Betonklötzen – eine grüne Stadt. Viele Straßen sind Wohnalleen, die Baumkronen schließen sich über den Fahrbahnen. Ratternde Straßen­bahnen, Autos mit dichten blauen Rauchwolken hinten dran, und auch ein alter rotweißer Bus der Wiener Verkehrsbetriebe ist mittendrin im Verkehr. “afnerlos” steht noch drauf, das “sch” ist wohl irgendwann verschwunden. (ATMO 2: Preßlufthammer) Schlag­löcher machen den Straßenverkehr zur Slalomfahrt, oft so groß daß ein kleinerer Hund darin verschwinden könnte. Hier flickt gerade eine Frauengruppe die Löcher. Den Preßlufthammer bedient die stämmigste unter ihnen, der einzige Mann sitzt auf der Straßenwalze. Die Dolmetscherin der Gebietsverwaltung meint:

    OT 3:

    SPRECHERTEXT 1:

    Es ist sonderbar, daß gerade in Rußland viele Frauen harte Arbeit bevorzugen. Ich weiß nicht warum, es ist sehr sonderbar. Es gibt die Weisheit, daß wenn der Mann im Haus mehr Geld als die Frau verdient, die Frau wenig arbeitet. Wenn nun eine Frau hart arbeitet, verdient sie mehr Geld und fühlt sich unabhängig, das ist eine Frage des Lebensstils. Es scheint für mich, daß bei Ihnen in Österreich das ähnlich ist.

    TEXT:

    Raisa Minakowa ist Leiterin des Pressezentrums, sie antwortet auf die Frage, ob es denn normal sei, daß Frauen hier im Straßenbau arbeiten: Es ist eine Schande!

    Im übrigen haben sich auch die klassischen Bezeichnungen und Ideale geändert. Der Taxifahrer meint auf die Frage, ob er denn jetzt Kapitalist wäre, nein. Auch Kommunist wäre er nicht, er sei Arbeiter. Nur bei denen in der Gebietsverwaltung wäre es unerhört:

    SPRECHERTEXT 2:

    “Die sind jetzt Kapitalisten und Kommunisten zugleich.”

    ATMO 3: Markthalle

    TEXT:

    In der vergangenen Saison wurde die Hälfte des Ackerlandes nicht besät, das Nahrungs­mitteldefizit mußte durch teure Importe ausgeglichen werden. Seit kurzem gibt es in den Geschäften immer mehr westliche Waren zu kaufen. Nur: die sind teuer.

    Hier am Markt findet man alles: Vom spärlichen Hausrat, den manch einer vollständig verkauft, weil er kein Geld mehr hat, bis zu den Lebensmitteln des täglichen Bedarfes. Wie auch eine Stange mit aufgereihten Plastiksackerln: Die sind mir bekannt: Hier werden die bunten Tragtaschen jener österreichischen Handelskette verkauft, die “Der Platz der Phantasie” sein soll. Die Librosackerl sind jetzt der große Renner in Kaliningrad – wie auch überall im Baltikum.

    Am Markt ist die Grenze eng – zwischen schnellverdientem Geld und letztem Rubel. Das durch­schnittliche Monatsverdienst liegt derzeit bei 100.000 Rubel, um­ge­rechnet etwa 600 Schilling. Mitarbeiter bei Banken und Ver­sicherungen verdienen das Doppelte. Angestellte in Wissenschaft, Kultur und Kunst erhalten die Hälfte des durchschnittlichen Monatsverdienst. So auch die Pensionisten.

    Ein Kilo Brot kostet 500 Rubel, ein Passant erzählt mir, daß sich der Preis alle paar Tage um den zehnten Teil erhöhe. Das Einkommen hält diese Inflation nicht mit. Die Gewinner sind die neuen Businesmen.

    OT 4:

    Jetzt erscheinen die Leute, die Geld haben. Jetzt ist der Unterschied zwischen Armen und Reichen zu bemerken. Man konnte schon bemerken, er ist arm, er ist reich. Reiche Leute begannen Häuser zu bauen, Privathäuser, haben private Autos, arme Menschen haben manchmal kein Geld. Das sind Rentner, Studenten, ja. Alle Revolutionen sind für das Volk schwierig. Für uns auch, diese Reformen sind für das einfache Volk bestimmt sehr kompliziert. Es ist kompliziert, hier zu leben, aber wir hoffen, es wird besser, bestimmt. Ich meine, daß wir imstande sind, das selbst zu machen, denn das russische Volk ist ein Volk des Selbermachens, das selber alles machen kann.

    TEXT:

    Die Kalingrader Region wurde 1991 zur Freihandelszone “Bernstein” erklärt. Export- und Importzölle sind gefallen, Joint Ventures sollen ins Leben gerufen werden.

    Die instabile politische Situation schrecke noch viele Investoren ab, meint Dmitrij Fimushkin, der Leiter des Entwicklungs­komitees der Freihandelszone.

    OT 5:

    SPRECHERTEXT 3:

    Die Situation hat sich erst seit Beginn dieses Jahres geändert, seit unser Präsident Boris Jelzin in einem Dekret unserem Gebiet Wirtschaftsvorteile eingeräumt hat. Die unsichere Gesetzgebung fordert, daß wir viele neue Gesetze für die Region ausarbeiten müssen, das dürfen wir nun eigenständig tun. Diese Gesetze wurden bereits von den meisten Ministerien in Moskau abgesegnet und werden noch im Juni der Duma zur Diskussion präsentiert. Unser Hauptanliegen ist jetzt, die erhaltenen Vorteile durch Gesetze zu fixieren. Es ist also notwendig, die Entscheidungsgewalten vom Föderationsniveau an die Region selbst zu übertragen, damit die Wirtschaft von hier geleitet wird, in der lokalen Regierung.

    TEXT:

    Heißt das, die Kaliningrader Region arbeitet von nun an in die eigene Tasche?

    OT 6:

    SPRECHERTEXT 4:

    Ich spreche nicht über das Gesetz der Kaliningrader Region, ich spreche über die Gesetze der Russischen Föderation, über die Entwicklung der Region Kaliningrad. Das Terretorium ist russisch, wir sehen es nur als russisches Terretorium. Die Sache ist die: wir haben eine geographisch günstige Lage, die sollten wir zum Vorteil Rußlands und seiner Entwicklung nützen. Wir sind bereit, neue internationale Verbindungen zu knüpfen, weil wir einen Enklavencharakter haben und Europa sehr nahe sind. Auch die Kontakte zur Europäischen Union können nur in jener Hinsicht diskutiert weden, daß die Kaliningrader Region ein Teil Rußlands ist.

    TEXT:

    Das meint auch der russische Außenminister Andreij Kozyrew:

    SPRECHERTEXT 5:

    “Die Region Kaliningrad ist ein zentraler Punkt unserer strategischen, politischen und ökonomischen Interessen in der baltischen Region. Sie formt einen unveräußerbaren und unumstößlichen Bestandteil der russischen Föderation.”

    Kaliningrad ist von seinen Nachbarn abhängig, 80% der Energieversorgung stammt aus Litauen. Transit und Transport mit dem Mutterland erfolgen zu hohen Kosten über Litauen und Weißrußland. Gerade aber die hohe Militärpräsenz in der Region sorgt für kühle Beziehungen mit den Nachbarstaaten. Rechnet man die Familien­angehörigen des Militär­personals ein, sind etwa die Hälfte der 400.000 Bewohner der Region Kaliningrad mit der Armee verbunden. Paradoxerweise hat sich die Zahl der Armeeangehörigen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erhöht. Viele der Truppen, die aus Ostdeutschland und dem östlichen Mitteleuropa abgezogen wurden, sind hier, zumindest zeitlich begrenzt, stationiert.

    Für Aufregung sorgte heuer auch eine Meldung von Verteidigungminister Pawel Gratschow, der die Region zum “besonderen Militärbezirk” erklärte und ankündigte, daß Spezialeinheiten aus Soldaten aller Waffen­gattungen aufgebaut werden sollen. In Baltisk, zu deutsch Pillau, ist die Baltische Flotte stationiert, wie auch das Frühwarn- und Verteidigungssystem der Luftstreitkräfte.

    Das Problem für die Region liegt nun darin, daß sie eben so stark auf militärische Belange ausgerichtet ist und bis auf den Fischfang die zivile Wirtschaft und Infra­struktur stark vernach­lässigt wurde. Diese Wirtschaftszweige müssen nun erst aufgebaut werden. So auch mit Mitteln der Europäischen Union.

    Deutschland jedenfalls hält sich mit direkter Hilfe zurück – die guten Beziehungen zu Moskau seien wichtiger als der Verdacht, das Gebiet zu regermanisieren.

    Einer der wichtigsten Punkte in der Entwicklung der Region ist der Verkehr. Wieweit die eisfreien Häfen von militärischen Aufgaben auf die zivile Verwendung umgestellt werden sollen, das ist noch nicht klar. Durch ein Joint Venture mit der deutschen Firma Rossbahn wird die Autobahn Berlin-Königsberg gebaut, und Flugverbindungen mit Paris, Berlin und Kopenhagen wurden gerade erst erföffnet. Frankfurt soll folgen, aber zuvor muß der Flughafen auf internationales Niveau gebracht werden. Die Normalspur-Bahnverbindung mit Berlin ist schon fertig – der Königsberger Express bringt nun in regelmäßigen Abständen Touristen in die Region. Die tägliche Verbindung ins polnische Danzig ist auch eine beliebte Schmuggel­strecke.

    ATMO 4 + ATMO 4A:  Schmuggler/Eisenbahn.

    TEXT:

    Hier werden gerade 50 Stangen deutscher Zigaretten unter dem Dach der ersten Klasse verstaut. Sie sollen aus Kaliningrad wieder verbilligt nach Deutschland kommen. Einer der Helfer ist gerade von der Toilette aus in die Zwischendecke geklettert, sein Kollege reicht ihm durch die geöffnete Schalterverblendung des Abteils die Ware. Der Schaffner steht Schmiere. Als ein Grenzbeamter durchgeht, schiebt der Schmuggler die Tasche mit den noch nicht versteckten Zigaretten, ungerührt zwischen die Beine der im 1.Klasse-Coupé reisenden deutschen Studenten. An der Grenze dann müssen alle aussteigen, und wenig später kommen dann die Grenzbeamten mit Armen voller Zigaretten, Wodkaflaschen und anderen Schmuggelwaren aus dem Zug. die sie aus allen möglichen Verstecken hervorgezogen haben. Das Dachboden­versteck haben sie nicht entdeckt.  ––

    Ob die Umstellung von der Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft für die Bevölkerung Kaliningrads schwierig ist?

    OT 7:

    SPRECHERTEXT 6:

    Ich beziehe mich auf statistische Unter­suchungen: Die meisten Menschen sehen es emotionslos, aber optimistisch. Sie sehen es als eine Realität, die man nicht vermeiden kann. Sie müssen sich an die Änderungen einfach anpassen. Junge und Leute mittleren Alters sehen diese Situation als normal an, die Alten jedoch und die Pensionisten haben ein sehr geringes Einkommen, für sie ist besonders schwierig.

    TEXT:

    Die Freihandelszone ist für Rußland ein Testplatz. Hier sollen Neuerungen ausprobiert werden, die im Erfolgsfalle auf einer größeren Skala in ganz Rußland angewendet werden. Geographisch und größenmäßig jedenfalls wären die Bedingungen für eine stärkere europäische Integration ideal. Die Spannung bleibt jedoch, zwischen einer wirtschaftlich-politischen Brückenposition einer­seits, und Kaliningrads Rolle als militärischer Vorposten Rußlands gegen eine vermeintlich feindliche Umgebung anderer­seits.

    Zusätzlich bewegt sich das Gebiet im Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen einer offenen Freihandelszone und den Vorstellungen der Nationalpatrioten. Die LDPR, die ultranationale liberal­demokratische Partei Wladimir Schirinowskis erreichte bei den Wahlen der Gebietsverwaltung im Dezember 1993 die Mehrheit. Bei einem Besuch in der Enklave vor drei Wochen übte Schirinowski scharfe Kritik am Status des Gebietes. Es solle den anderen Gebieten Rußlands gleichgestellt sein und keine ausländischen Unternehmen auf seinem Boden dulden. Unter der segnenden Hand Lenins hielt Schirinowski seine Rede an die Bevölkerung. Sonst treffen sich unter dieser Statue die Bürger, um die Probleme der Zeit zu diskutieren, ein russischer Hyde-Park.

    Nach soviel Kalingrad aber, begeben wir uns doch auf die Suche nach der alten Stadt, suchen wir also jetzt Königsberg.

    ATMO 5: Verkehr

    TEXT:

    Wir befinden uns hier auf dem zentralen Platz, an dem früher die alte Pruzzenfestung stand. Die Burg der Ordensritter wurde nach der Landnahme vor 740 Jahren errichtet. Bei Bombenangriffen im August 1944 und im April 1945 war sie beinahe völlig zerstört worden, und in den Jahren danach wurde die Ruine  völlig weggeräumt, als ein “fauler Zahn deutscher Geschichte”, wie Leonid Breshnew angeblich bei einem Stadtrundgang erkannte.

    Jetzt ist der Platz eine riesige Betonwüste. In seiner Mitte, am Ort wo das Schloß stand, das unvollendete, zwanzigstöckige Rätehaus der Sowjets. Hier ist das Leben nicht. Mit tunnelartigen, vermauerten Fortsätzen an allen vier Seiten, und zerbrochenen Fensterscheiben kragt diese riesige verwirrende Ruine kafkaesk in den Himmel und bestimmt das deprimierende Bild des Platzes. Rundherum in weiter Entfernung sind auch heute noch die riesigen, roten Buchstaben mit sozialistischen Parolen auf den Dächern der Wohn-Hochhäuser zu sehen.

    ATMO 6: Musik

    TEXT:

    Lebendig hingegen sind die Gebiete um die Teiche. Die Dominsel ist bei schönem Wetter die Donauinsel Kaliningrads. Dort stehen Plastiken russischer Künstler und selbst bei Nieselregen treffen sich unter den vielen jungen Bäumen viele Pärchen für Stunden der Nähe.

    Der Dom soll jetzt wiederaufgebaut werden. Heute stehen nur noch die Außenmauern, von den zwei Türmen fehlt das meiste, und das Dach ist ebenfalls nicht vorhanden. Bis zur völligen Renovierung wird es noch Jahre dauern. Einstweilen sind im Kirchenraum Open-Air Konzerte geplant.

    Die Stadtverwaltung beginnt, sich der deutschen Gebäude wiederzuerinnern. Im offiziellen Fremden­verkehrsprospekt sind es dann auch meist ostpreußische Gebäude, die dem Besucher als Kulturgüter gezeigt werden. Viele preußische Denkmäler werden wiedererrichtet – von ihnen war bisher nur eines akzeptiert – das von Immanuel Kant. Wenn er auch ein deutscher Philosoph war, er wurde von den sowjetischen Ideologen als Quelle und Vorläufer des Marxismus gesehen. Kant hat seine Heimatstadt nie verlassen, der Philosoph wußte auch, warum:

    SPRECHERTEXT 7:

    “Eine solche Stadt, wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis, als auch der Weltkenntnisse genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann”.

    Der Historiker Nikolai Karamsin besuchte Kant einmal in Königsberg und schrieb danach:

    SPRECHERTEXT 8:

    “Er bewohnt ein kleines, unansehliches Haus. Überhaupt ist alles bei ihm alltäglich, ausgenommen seine Metaphysik.”

    Auf deutsche Initiative wurde vor zwei Jahren eine Plastik des Philosophen wieder an seiner Gedenkstätte aufgestellt.

    Tiergarten, der Botanische Garten und all die Gärten um die Teiche werden jetzt revitalisiert. Es gibt auch schon einen offiziellen Stadtplan, auf dem alle Straßen- und Ortsnamen in ihrer deutschen Version verzeichnet sind.

    ATMO 6: Meer

    TEXT:

    An der Samlandküste wird bei Palmnicken Bernstein im Tagbau gefördert. Die markante Steilküste steigt an manchen Stellen bis zu 60 Meter hinauf. An der Wertschätzung dieser Region hat sich bis heute nichts geändert. Nach Swetlogorsk oder Selenogradsk zu fahren -so werden Rauschen und Cranz heute genannt-  ist auch für die Russen eine Angelegenheit von Prestige und Genuß. Aber auch für andere Besucher sind nun diese Orte wieder geöffnet. Auf der schmalen Kuhrischen Nehrung kann man im Dünensand das litauische Niden erreichen.  Nur Baltisk – oder Pillau – ist auch heute noch als Marinestützpunkt strenges Sperrgebiet, aber auch hier gehen die Grenzbäume jetzt einmal im Jahr hoch, um ehemaligen Bewohnern ermöglichen, ihre Heimat zu sehen.

    Lew Kopelew schrieb einmal, Kaliningrad sei eine Stadt ohne Überlieferung und ohne Seele. Diese Stadt hat jedoch eine Geschichte, die überall mit Händen zu greifen ist – nur keine sowjetische. Auf den Briefschlitzen der alten Häuser ist auch heute noch meist “Briefe und Zeitungen” eingraviert.

    Der nostalgische Tourismus wird wohl früher oder später sein biologisches Ende nehmen, bis dahin sollten die Tourismusi­nfrastrukturen auch für andere Besucher aufgebaut sein.

    OT 8:

    Mein Name ist Soja. Ich bin Lehrerin von Beruf. Ich lebe in Kalingrad. Ich bin an der Wolga geboren, im Jahre 1941. Es gibt hier 6000 Rußlanddeutsche, sie leben in verschiedenen Städten unseres Gebietes, am meisten im Labyer-Bezirk, in der Siedlung Gilge, russisch Matrosowa.

    TEXT:

    Vor allem aus Mittelasien sind die Rußlanddeutschen hergezogen, gleich nach dem Krieg und wieder verstärkt in den letzten Jahren. Sie machten im Februar von sich reden, als sie in einem Appell an die vereinten Nationen die Errichtung einer “Deutschen Baltischen Republik” forderten. Dieser Wunsch wurde nicht erfüllt. Im deutsch-russischen Kulturhaus finden Begegnungen statt, zwischen Deutschen, Russlanddeutschen und Russen aus anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Und manchmal wird dabei auch ein Angehöriger der rechten Szene als Beobachter entdeckt. Die Beziehungen des offiziellen Deutschlands mit dem Gebiet Königsberg sind aber sehr vorsichtig, denn die Förderung der russlanddeutschen Neusiedler in Kaliningrad durch die Deutschen, ist naturgemäß heikel.

    Ein Versuch, den Brückenschlag mit Deutschland zu ermöglichen, ist der “Königsberger Express”, die deutschsprachige Zeitung der Stadt. Sie erscheint monatlich in einer Auflage von 10.000 Expemplaren. Der Leserkreis besteht aus Abonnenten in Deutschland und Kaliningrad, Touristen, sowie aus russischen und deutschen Firmen, deren Reklamever­öffentlichungen die Zeitung haupt­sächlich finanzieren. Elene Lebedewa ist die Chefredakteurin, vor einem Jahr hat sie gemeinsam mt ihrem Mann die Zeitung aufgebaut:

    OT 9:

    SPRECHERTEXT 9:

    In unserer Zeitung arbeiten Russen, keine mit russlanddeutscher Wurzel, sie machen einfach eine deutsche Zeitung. Unsere momentane Hauptanstrengung bestehen darin, wie es heißt, in der Bundesliga zu bleiben, überhaupt erst einmal weiterzuexistieren. Natürlich ist es schwierig, aufgrund von Werbeeinahmen zu existieren, aber andererseits können wir auch nicht sagen, daß man uns von offizieller Seite Schwierigkeiten in den Weg legt. Die Informationen nehmen wir aus der hiesigen Presse, vor allem aus der Kaliningrader Prawda. Aber wir machen auch exklusive Themen, die von der Presse sonst nicht beleuchtet werden. Kulturelles, Geschichte, das bringen wir auch heraus. Wir würden aber auch gerne schöpferische Sachen einbringen, aber dafür ist noch nicht die Zeit.

    ATMO 9: Jingle Radio Bas

    TEXT:

    Das ist Radio Bas, das erste und einzige Kaliningrader Privatradio. Internationale Musik rund um die Uhr, und die amerikanische Hitparade, das ist das Erfolgsrezept.

    OT 10:

    SPRECHERTEXT 10:

    Ich liebe Radio Bas. Warum? Die bringen einfach gute Musik! –

    TEXT:

    Wir besuchen Radio Bas in seinem Sendezentrum: eine Zweizimmer-Wohnung im 16. Stock eines Hochhauses in den Ausläufern der Stadt. Fünf Angestellte arbeiten hier.

    ATMO 10: Feier

    TEXT:

    In dem einen Zimmer feiert die Mannschaft gerade den Abschluß eines Werbevertrages – der Produzent hat eine Stange Wurst, Brot und Sekt mitgenommen. Valeri Petrowski begibt sich zwischenzeitlich in den Nebenraum, drei Zeitungen unter dem Arm, er wird daraus die Nachrichten lesen, als ehemaliger Schauspieler im Tifliser Stadttheater ist er der richtige Mann dafür. Ein Problem nur für die 11-Uhr Nachrichten ist der Bagger vor dem Haus, der mit Preßluft Stahlplatten in den Boden rammt. Das geht dann eben mit auf Sendung.

    ATMO 11: Nachrichten.

    TEXT:

    Der Radiosender erhält sich selbst aus Werbeeinnahmen. Wo immer man als Besucher in Kaliningrad hinkommt: spielt ein Radio – der Sender ist meist Radio Bas. Dabei hat der Programmdirektor mit seinem Kollegen vom staatlichen Radio Jantar gute Beziehungen. Die beiden sitzen gemeinsam bei Kaffee und Kuchen und probieren den neuesten Kopfhörer aus, einer mit Radioempfang, mit dem sie auch gleichzeitg telefonieren können.

    ATMO 12: Jingle Radio Bas.

    TEXT:

    Was bleibt – ist die Frage nach der Zukunft. Wird die wirtschaftliche Öffnung auch ein politisches Miteinander der baltischen – und damit europäischen Länder mit sich führen, oder wird der militärische Schrecken der Region ihre Umgebung unterkühlen. Kaliningrads Bewohner jedoch sind Besuchern gegenüber ausgesprochen gastfreundlich, wenn auch im Alltag die meisten Mundwinkel tendenziell nach unten zeigen, aber das kennen wir ja auch aus Österreich. Spricht man mit jemanden darüber, erhält man meist die lakonische Antwort: “Ihr habt leicht lachen”.

    Für Dmitrij Fimushkin, dem Leiter des Entwicklungs­komitees der Freihandelszone steht jedenfalls eines fest:

    OT 11:

    SPRECHERTEXT 11:

    Ich sehe die Zukunft der Region Kaliningrad als eine sehr glückliche Zukunft russischen Terretoriums. Vielleicht wird dieses Terre­torium ein bißchen vor dem russischen Hauptland sich zum Guten entwickelt haben, ich sehe jedenfalls die kommende Zeit als eine glückliche Zeit russischen Terretoriums.

    TEXT:

    Ob Dmitrij Fimushkin recht behält? (ATMO 13: Musik) Die Zukunft wird es zeigen. Es bleibt zu hoffen, daß die Schwierigkeiten dieser sensiblen Region leichter zu lösen sind, als das berühmte Königsberger Brückenproblem. Dieses stellt nämlich die Frage, ob es möglich ist, bei einem Spaziergang durch das alte Königsberg jede der sieben Pregel-Brücken nur einmal zu überschreiten. Und dessen Antwort lautet: nein.

  • 001. Uusi-Valamo, Kloster in Finnland

    001. Uusi-Valamo, Kloster in Finnland

    Orthodoxes Kloster in Finnland: Das orthodoxe Kloster Neu-Valamo ist ein spirituelles Zentrum in der Mitte Finnlands. Gäste können hier arbeitend ihre Ferien verbringen. Sie leben und arbeiten mit den Mönchen – und am Abend gibt’s gemeinsam Sauna. Sprecher: Klaus Höring, Moderation: Toni Böhm, Redaktion: Ursula Burkert.

    Links: Uusi Valamo (WP) | Uusi Valamo (Website) | Filename: radio001_valamo Beitrag

    Filename: radio001_valamo

    Das Kloster befindet sich am Ufer des Juojärvi Sees
    Lothar Bodingbauer als Tellerwäscher im finnischen Kloster Uusi Valamo
    Tellerwäscher im finnischen Kloster Uusi Valamo

    Manuskript

    ATMO Eisenbahn

    TEXT

    Unser Ziel ist Ostfinnland, ein kleines orthodoxes Kloster, in dem wir arbeiten wollen, für Kost und Quartier. Genug des irren Umherreisens. Entlang der Bahnstrecke quer durch die Mitte Finnlands weite Getreidefelder und Wälder. Unzählige Föhren und Birken, deren weiße Stämme während der Fahrt scheinbar in alle Richtungen durch­einander­tanzen. In den Feldern sind verwitterte Felsen, der Wind hat das Ge­trei­de auf weite Flächen zu Boden gedrückt. Immer öfter be­glei­ten wir das Ufer eines Sees. Unermüdliche Alleszähler haben sie gezählt, genau einhundert­siebenundachtzigtausend-achthundertachtundachtzig Seen gibt es hier in Finnland. – Drei Kinder auf einem Feldweg entlang der Bahn, sie winken nicht, sondern ahmen mit ihrem Zucken das Schießen von Maschinengewehren nach – aber das finden wir wohl in allen Ländern dieser Welt.

    ATMO Waldrauschen

    TEXT

    Uusi-Valamo, das orthodoxe Zentrum Finnlands ist nur auf gut Glück in der Einöde zu finden; wohlversteckt im weiten Wald am Ufer des Juojärvi-Sees. Dreißig Kilometer sind es bis zum nächsten Ort, und die Landstraße führt im sicheren Abstand von fünf Kilometern vorbei. Von der langen Fahrt noch ermüdet, schrecken wir früh­morgens um dreiviertel sechs durch Kläge hoch, die an manchen Tagen melancholisch, zumeist jedoch verspielt klingen.

    ATMO Glocken

    TEXT

    Abwechselnd mit den andern zehn Mönchen erklettert Bruder Johannes jeden Tag dreimal den Glockenturm.

    OT

    Die Glocken werden von Hand geläutet, das ist der Ptoloma, der Sakristan, der das machen muß, und jeder Sakristan hat seine eigene Melodie, weil es einen Sakristan des Tages gibt, und der hat dann die eigene Melodie, die er gerne spielen möchte. Und das braucht eine Weile, bevor man die Glocken wirklich spielen kann, denn man braucht ja beide Hände, und die Füße und den Kopf, damit die Melodie gut läuft. Aber nach einigen Monaten Übung und nach viel Gelächter durch die anderen Mönche, dann geht das.

    TEXT

    Das Kloster selbst ist weder alt noch dunkel und mystisch, wie es das Klischee vorschreiben würde. Die weiße Kirche mit goldener Kuppel wurde erst neunzehnhundertsechsundsieb­zig erbaut. Einhundertfünf­zig Brüder wurden zu Vertriebenen, als Stalin 1940 ihre alte Heimat bombardieren ließ, eine Insel im heute russischen Ladogasee. Drei Tage hatten sie Zeit, um Alt-Valamo zu verlassen und unzählige Ikonen mußten zurückgelassen werden. Die Bruderschaft schuf sich hier in Ostfinnland auf dem Gelände eines alten Bauern­hofes eine neue Bleibe.

    ATMO Klostershop

    Heute mischen sich im Klostershop sakrale Klänge und profanes Kassengeklingel, Computer und Telefax haben Einzug gehalten. Ein japanischer Kunstmaler malt moderne Ikonen, eine Volkshochschule gibt es hier, ein Hotel für Gäste. Bruder Tichon fährt dann auch zuweilen zur Stockholmer Touristikmesse, um Besucher zu gewinnen, denn die bringen Geld, für die notwendigen Neubauten und die Restaurierung der alten Ikonen. Es arbeiten freiwillige Helfer, finnische Zivildienstleistende und die meisten der Brüder gemein­sam, um die Sommergäste zu versorgen.

    OT

    Es ist eine Möglichkeit, auch in einer modernen Zeit, seine Aufgabe als Kloster zu erfüllen. Diese große Volksmenge im Sommer wird kompensiert durch die mehr oder weniger große Stille im Winter, und dann ist das Kloster wieder richtiges Kloster, wenn es weniger Leute gibt, und mehr Ruhe, mehr Zeit zum Beten, Studieren und die normale Arbeit statt Touristen und Gäste sozusagen.

    TEXT

    Es wird wieder ruhig in Neu-Valamo, wenn die Besucher weniger, und die Nächte länger und kälter werden. Das orthodoxe Leben kehrt aus seinem Sommerversteck zurück.

    OT

    Was man dann im Winter am meisten macht, das ist wohl beten, eigentlich,  die Kloster­gottesdienste, um 6 Uhr morgens das Morgengebet, um Viertel vor 7 die Liturgie, um 11 Uhr eine Gebetsstunde, um 5 Uhr nachmitags die Vesper, das Abendgebet, dann um 8 Uhr abends das Bravelo, Nachtgebet, das läuft dann sehr gut. Und im Winter wird sehr viel repariert, da wird neu angestrichen, und was dann auch im Haus gemacht werden kann, wird gemacht. Um Weihnachten herum da wird es morgens um 9 Uhr hell und um 3 wieder dunkel, das ist dann der Tiefpunkt sozusagen. Aber es ist nicht richtig dunkel, denn der Himmel wird dunkelblau und die Sterne, wenn der Schnee da ist und das Mondlicht, dann ist es doch ziemlich hell. Die schlimmste Zeit ist eigentlich Oktober, bevor der Schnee kommt, wenn es grau ist und es wird dann dunkel, und es gibt noch keinen Schnee. Und das ist auch deprimierend  für einige von uns. Ja, man kann kein Kloster im Winter auf den Kanarieninseln haben, man muß immer hier sein, auch im Winter. Und immer sind die meisten froh, wenn es dann Mai wird, und das Eis ist weg am See vor unserem Kloster, und die Sonne ist da, und man hört, wie alles wächst, wirklich hört, denn das geht dann so schnell, wenn die Wärme mal kommt, und der Frost ist weg, ungeheuer schnell.

    TEXT

    Wohnt man länger hier im Kloster, erahnt man etwas von jener Art zu leben, wie es die Mönche gerne haben. Stille, Einkehr, Nachdenken. Dann treiben die Besucher vorbei, wie die bunten Blätter im Herbst. Wenn wir nicht gerade Beeren pflücken oder Karotten ernten, bleibt viel Zeit, zu lesen, im Wald oder im Klostergelände umherzustreifen.

    OT (mit Atmo)

    Und da unten am See wohnen wir, zur Zeit, in den kleinen blauen Häusern, und hinter jeder Tür steckt dann eine Mönchszelle, eine kleine Einzimmerwohnung. Das große Gebäude da hinten, das achteckige, ist die Bibliothek und die Ikonenkonservierungswerkstatt, die das Kloster auch hat, und die Bibliothek könnte durch das Buch “Der Name der Rose” inspiriert sein, weil sie auch achteckig ist, allerdings nicht so hoch, wie das Riesending, das Umberto Eco da ausgemalt hat.

    TEXT

    Am Abend dann, wenn es kühl wird und sich die Herbstnebel über dem See zeigen, ist die beste Zeit für eine der schönsten Gewohnheiten des Nordens – für die finnische Sauna. Unterhalb des Klosters am Ufer des Sees liegt die Hütte, dort treffen wir den Bibliothekar und auch Mönche.

    OT

    In die Sauna?  Ja sicher! Es ist Tradition, daß das Kloster eine Sauna hat, und die Mönche gehen zweimal in der Woche in die Sauna, im alten Finnland war es die einzige Möglichkeit, sich sauber zu halten, und warum sollte man eine gute Tradition ändern?

    TEXT

    Nach einer viertel Stunde bei hundert Grad folgt der Sprung in den See. Ein unglaubliches Gefühl der Entspannung stellt sich ein, die Gedanken hören auf zu kreisen und nirgendwo könnte es schöner sein als hier an diesem Punkt der Welt.

    ATMO Finnische Amsel

    TEXT

    Der See liegt schwarz, glatt und ruhig. An seinen Ufern ziehen sich dunkel die Silhouetten der Bäume. Und das Schönste: darüber im dunkelblauen Nachthimmel streicht ein Nordlicht hinweg und verändert fließend seine Farbe und Gestalt

    MUSIK