Wort der Woche
URL: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio141_wow_konservativ.mp3
Automatisches Transkript (Whisper)
Speaker 1
Am Wochenende haben die Griechen mit knapper Mehrheit “Konservativ” gewählt. Die Mitte-Rechtspartei Näher Demokratia und Parteichef Antonis Samaras ist mit knapp 30% nun stärkste politische Kraft. Konservativ ist daher unser “Wort der Woche”.
Speaker 2
Konservativ kommt von Lateinisch “conservare”, “bewahren”, ebenso wie die Konserve, deren Inhalt luftdicht verpackt und vor jeglichem äußeren Einfluss geschützt, Jahrzehnte unverändert überdauert. Das soll nicht heißen, dass politisch-konservative starr und unbeweglich sind und sich immer wie Fische in der Dose jeder Veränderung entziehen. Jeder wird verstehen, dass ein Wald nicht alle paar Jahre umgegraben werden soll. Man wird daher auch verstehen, dass Waldbesitzer eher dem konservativen Lager zuzurechnen sind, während jene, die zum Beispiel die neuen Einflüsse von Zuwanderern schätzen, genau an den Veränderungen interessiert sind, die diese mit sich bringen. Ein Wechselspiel ist das und die verschiedenen Lager sind in einer Demokratie am besten aufgehoben, sagt der Politikwissenschaftler Heinz Gärtner von der Universität Wien.
Speaker 3
In jeder Demokratie gibt es zwei oder mehr Parteien, die mehr das eine oder das andere betonen. Totalitäre Systeme, autoritäre Systeme schütten das zu. Totalitäre Systeme sind daher nicht wirklich menschengerecht. Sie können eine Zeit lang wahrscheinlich die Biologie versuchen zu manipulieren, aber nicht auszuschalten.
Speaker 2
Nicht nur in einer Gesellschaft ist das Spannungsfeld zwischen Bewahrern und Veränderern vorhanden, sondern sogar in jedem Menschen selbst.
Speaker 3
Es gibt eine Reihe neuer Studien über die evolutionsgeschichtliche Entwicklung von konservativ, fortschrittlich, von individuellem Denken und von Gruppendenken. Und diese Forschungen kommen zum Ergebnis, dass in Menschen immer beides vorhanden ist, sowohl in der gesellschaftlichen Entwicklung, aber auch in der biologischen Entwicklung.
Speaker 2
Konservativ ist nicht gleichzusetzen mit rückschrittlich. Demagogen können aber das Traditionalistische, das Irrationale im Konservativen fördern und zutage heben. Durch die Angstmache, die Grundwerte der Bürger werden bedroht. Familie, Ehe, Eigentum. Bedroht von Gruppen, gegen die ohnehin schon eine emotionelle Voreingenommenheit besteht. Entstanden ist der Konservatismus aus den bürgerlichen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Bürger waren zwar auch gegen die absolute Monarchie und den Absolutismus.
Speaker 3
Allerdings, Konservative wehren sich gegen radikale Veränderungen, gegen revolutionäre Veränderungen, auch gegen einschneidende Veränderungen. Deswegen gibt es ja auch in der Medizin der Begriff Konservativ, wird hier verwendet für nichtchirurgische Eingriffe, also keine einschneidenden Eingriffe. Deswegen ist die bürgerlich-konservative Bewegung ja auch im Wesentlichen aus der Ablehnung der französischen Revolution hervorgegangen. Und gleichzeitig war damit verbunden eine Ablehnung der Aufklärung, weil Rationalität bedeutet Veränderung. Und Rationalität kann natürlich auch unvorhergesehene Veränderungen mit sich bringen.
Speaker 2
Was die Rolle des Staates betrifft, so sind sich Konservative oft uneins. In der angelsächsischen Tradition soll er sich zurückhalten, in der kontinentaleuropäischen soll er stark sein und die bürgerlichen Werte garantieren. Fiskalpolitisch bedeutet Konservativ den Gedanken an ein ausgeglichenes Budget, tendenziell weniger Steuern, aber auch weniger Ausgaben. Wie in allen politischen Richtungen gibt es auch bei den Konservativen Widersprüche, sagt Heinz Gärtner, Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Sicherheitspolitik.
Speaker 3
Auf der internationalen Ebene ist Konservativ vor allem ein Ordnungstrinzip. International wollen Konservative die eigene Machtposition verteidigen, die eigenen Ressourcen verteidigen. Deswegen sind Konservative auch für eine Stärkung des Militärs, für eine starke Verteidigung und sehen auch nicht ein Problem darin, dass es möglicherweise zu Auffristungsprozessen führen kann, weil die Verteidigung der eigenen Werte Vorrang hat.
Speaker 1
“Konservativ” – das Wort der Woche. Gestaltet von Lothar Bodingbauer.
