Wort der Woche: Es rumpelt wieder in Österreichs Gesundheitswesen. Die Ärzte stellen gerade “der Politik die Rute ins Fenster”, sie wollen die Patienten über die ihrer Meinung nach drohenden Einsparungen und Leistungskürzungen informieren. Auch am Krampustag, vieltausendmal landauf landab die Rute. Die Großen werden sich freuen, die Kleinen sich fürchten.
URL: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio151_wow_rute.mp3
Manuskript:
Moderation: Österreichs Ärzte protestieren gegen die Gesundheitsreform. Am Krampustag stellen sie, Zitat: “der Politik die Rute ins Fenster”. Rute ist das “Wort der Woche”.
Wer das Wort Rute hört, kann nur hoffen, dass es sich um die Autoroute handelt, die nächste Abzweigung links, hinter der Brücke dann hinauf, den Serpentinenweg zu einer sonnigen Alm. Das wäre schön, es ist aber dieser Tage mit Krampus und Nicolo die andere Rute gemeint, die mit U. und diese Rute ist ein trauriges Stück Holz. Ein langer, dünner, biegsamer Zweig. Die abgeschnittene Rute einzeln oder im Bündel. Verwendet wird sie zum Schlagen, zum Züchtigen. Sonnig ist das ganz und gar nicht und so hat die Rute mit U allgemein auch eine ganz, ganz schlechte Presse. Der “Nikolaus mit Sack und Rute” delegiert das Stück gerne an den Krampus. Eine schöne Bescherung wird das, wenn die Kleinen nicht brav sind. Schon das Geräusch ist unangenehm. Dieses Zischen, dieses “sssssp”. Wer damit geschlagen wurde, dem muss man nur noch die Rute zeigen, sie ins Fenster stellen und dann spielt die emotionelle Landkarte alles, was man auf der Achterbahn der Autorität verspüren muss, wenn man nicht vorne sitzt, wenn man der Kleinere ist, wenn man auf der falschen Seite steht. Wer mit eiserner Rute hingegen regiert, ist hart und rücksichtslos. Ob er dabei Lust empfindet oder nicht, ist für den Geschlagenen nun wirklich unbedeutend.
Etwas sanfter: die Rute in den Le Normand-Karten. Das sind Wahrsagekarten. Wer die Karte mit der Rute zieht, zieht Streit, Kommunikation, Diskussion. Sie bedeutet Auseinandersetzung oder auch nur ein Gespräch.
Einzig, wer mit der Angelrute aber zum Fischen geht, der kann sich freuen. Wer die Wünschelrute beherrscht, wird möglicherweise auch reich. Jäger verwenden den Ausdruck Rute, um den Schwanz bei Raubwild, bei Hunden und Eichhörnchen anzusprechen. Die Rute auch beim Schwanz vom Mann, aber pst, nur in einigen Sprachen, nur in einigen Milieus. Selbst in einem Online-Spiel trifft man auf Ruten, virtuell, zum Beispiel bei der World of Warcraft. So schreibt ein Spieler in einem Online-Forum:
“Die Rute liegt auf der obersten Plattform, links, von den Elite-Mobs, in einem Extra-Pavillon. Von hinten anfliegen, runter vom Greif, Truhe öffnen, Rute rausholen und dann nichts wie weg. Habe einen Schuss auf den Hintern bekommen.”
Gerte, Rohrstock oder Rute. Starke Striemen ziehen der Schmerz. Dabei gilt, je stärker der Durchmesser, desto heftiger strahlt der Schmerz aus. Schon in der Bibel steht geschrieben im Bereich “Sprüche, Kapitel 23”, unter dem Titel “Ratschläge erfahrener Männer”: “Erspare dem Knaben die Züchtigung nicht. Wenn du ihn mit der Rute schlägst, stirbt er nicht.”
Indem du ihn mit der Rute schlägst, rettest du seine Seele vom Tode. Die Rute im Fenster kommt übrigens, wie es scheint, aus jener Zeit, in der Singvögel im Käfigen gehalten wurden. Man konnte sie an Markttagen kaufen und sie wurden meist von Vogelfängern angeboten. Ein Vogel in einem solchen Käfig wurde vom Käufer dann zu Hause ans Fenster gestellt und in dieses Fenster wurde eine mit Leim bestrichene Rute getan. Wenn ein Artgenosse durch den Gesang des gefangenen Vogels angezogen wurde und sich auf diese Rute setzte, wurde er betrogen. Und so war auch die ursprüngliche Bedeutung der Redensart der “Rute im Fenster” eigentlich, jemanden zu betrügen. Bei uns aber ist die Rute im Fenster eine unverhohlene Drohung. Knecht Ruprecht verteilt meistens nur die Rute für unartige Kinder, während der Krampus auch wirklich damit zuschlägt. Am sinnvollsten kommen einem übrigens bei der Recherche zur Rute die Ratschläge aus der Sadomaso-Szene vor, die beschreiben, mit der Rute umzugehen, wie man sie wohlüberlegt anwendet, damit man dies oder das erreicht, aber immer mit dieser Freiwilligkeit den Schmerz zu verspüren. “Ssssp”! Dann, wenn man das aus welchem Grund auch immer wirklich will. Es tut mir leid, dass es sonst also nicht viel Gutes zur Rute zu sagen gibt, Es bleibt also vorerst mal bei der schlechten Presse für dieses eigentlich doch schöne Wort.
Abmoderation: Das Wort der Woche von Lothar Bodingbauer.
