Radio, Science, Education

Wien

Lothar Bodingbauer

  • Matura und das Ende vom Anfang der Zusammenarbeit

    Matura und das Ende vom Anfang der Zusammenarbeit

    Die kommende Maturaform in Österreich ist wichtig, weil dadurch Lehrer notwendigerweise zusammenarbeiten. Auch Schüler arbeiten in ihrem Lernen im Rahmen ihrer Vorbereitung zusammen. Während der Prüfung aber werden alle Netze gekappt, und das hat Konsequenzen auch auf die Zeit davor. Ein Rückschritt ist abzusehen.

    Die neue Mathematikmatura erfordert auch den Einsatz von Technologie. Früher waren das “Taschenrechner”, heute muss dieser Rechner auch Gleichungen lösen können und grafische Darstellungen ermöglichen. Das Interessante ist, dass die iPhones / Smartphones / iPads / Tablets der Leute das alles können – mit Apps, Browser oder Programmen. Nur: diese Geräte wird man nicht bei der Matura einsetzen können, da sie Netzwerkverbindung haben.

    Jetzt wetzen die Hersteller der programmierbaren Taschenrechner schon in den Startlöchern – 80 Euro wenn es gut geht, müssen die Eltern zahlen, damit man die Matura bestehen wirklich auch das letzte Detail einiger weniger Beispiele rechnen kann, sollte die Schule nicht irgendeine andere Lösung finden. Die Schüler dürfen mit der “gewohnten Technologie” arbeiten – aber die ist eben heute grundsätzlich vernetzt.

    Das Hauptproblem ist also, dass man den Schülern in den Jahren vor der Prüfung lernt, vernetzt zu arbeiten, mit allen Mitteln, zum Beispiel: Geogebra, Wolfram Alpha, und dann schraubt man von diesem wunderbaren Fahrzeug bei der Matura die Räder ab, – schaltet das Netz aus – nur weil die Prüfungsform diese Arbeitsweise nicht zulässt.

    Daher verzichten Schulen (update: möglicherweise) schon im Unterricht vorher darauf und lassen irgendwelche Rechner kaufen, die außerhalb des Matheunterrichts und der Prüfung so gar keinen Nutzen haben. Das ist wäre jammerschade.

    Aber es gibt Alternativen. Geogebra Prüfungssticks zum Beispiel. Steckt man in den Laptop, dann ist das Netz weg, aber die gewohnte Anwendung noch da. Zwei Räder sind also noch am Fahrzeug – oder, ein anderes Bild, man fährt auf der Felge. Und selbst bei dieser Lösung müssen sich Schulen gut informieren, vielleicht sind nicht für alle Schüler Laptops vorhanden, und es könnte sein, dass Schulen überschnell aus Bequemlichkeit die programmierbaren Taschenrechner kaufen lassen.

    Bring your own device“. Jeder soll mit seinem Gerät arbeiten können, so wie es heute üblicherweise gemacht wird. Das wird derzeit vom Bildungssystem nicht reflektiert. Es wird sich die Maturaprüfung selbst ändern müssen – sie ist nicht mehr zeitgemäß, und an dieser Fragestellung sieht man das ganz deutlich.

    Update 14.03.2014: An der Lösung dieses Problems – der Interpretation der Gesetzeslage, die “gewohnte Technologie” gestattet, wird gearbeitet. Bis dahin werden wohl auch die Schulen ihre Interpretationen formulieren.

    Link: BIFIE – Standardisierte schriftliche Reifeprüfung Mathematik

  • Vom Zahnarzt und dem Werkdrachen

    Ich liebe meinen Zahnarzt. Er ist immer wieder für Überraschungen gut. Vor kurzem hat er mich zur Abwechslung mit Lachgas betäubt. Es ging um eine Füllung, die getauscht werden sollte, eigentlich eine harmlose Sache, und da war dieser neue Apparat im Behandlungszimmer. Sieht aus wie eine Eismaschine für das Eis in der Tüte zum Herunterlassen. Nichts Ungewöhnliches, etwas Neues bei meinem Zahnarzt zu finden, Neues interessiert ihn furchtbar, aber meist sind es kleine Dinge: eine sich drehende Spritze die die Zahnwurzel anbohrt für die gezielte Betäubung der schmerzleitenden Nerven, eine Minikamera, die ein Computerbild erstellt, in dem eine beginnende Karies markiert wird; selbst über seine Weltsicht hat er immer wieder neue und überraschende Erkenntnisse bereit.

    Aber vorige Woche war es dieser Apparat. Lachgas. In Amerika schon gang und gäbe, da lässt sich schon jeder betäuben damit, völlig ungefährlich, es verkürzt die Zeitwahrnehmung und nimmt die Angst. Ob ich es probieren will, hat er gefragt, er möchte Erfahrungen sammeln im praktischen Einsatz. Na klar, warum nicht. Schnorchel aufsetzen, erst Sauerstoff, dann Lachgas. Nahm die Angst bis auf eine kleine Panik, die aufzog, als der Behandlungsstuhl nach hinten gelegt wurde. Die war aber schnell weg, die Füllung wurde gewechselt, und dort, wo man sonst den Zahn spürt, an dem herumgerüttelt wird, war während der Behandlung so ein großes Nichts, einfach nichts da. Die Zeitwahrnehmung war auch wirklich verkürzt, und als das Lachgas den Körper verließ, war alles so wie vorher und der Trip war vorbei.

    Mein Zahnarzt ist immer für Überraschungen gut, das mit der Panik, die aufzog, als ich nach hinten gelegt wurde, das hatte er auch, sagte er, als er es ausprobiert hat, und die Assistentin, sagte, bei ihr war das auch – und wir lachten über unsere Panik, die wir hatten, beim Einsatz von Lachgas beim ersten Mal, die wir einander erst nachher erzählt haben. Wenn ich mich erst daran gewöhnt habe, ist das weg, dann kostet so ein Lachgaseinsatz allerdings auch 90 Euro.

    Für Menschen, die echte und tiefe Angst vor Zahnbehandlungen haben, ist das sicher das Geld wert, aber ehrlich, ich habe es lieber, wenn mir mein Zahnarzt eine vernünftige Betäubung mit seiner drehenden Bohrspritze verpasst, und mir dann, während sie wirkt, von seinen Pferden erzählt, vom neuen Fahrrad, von seiner Sicht der Welt. Das habe ich gerne, das nimmt mir die Angst, weil er da ist, weil ich da bin, und nicht weg, per Lachgas in der Wahrnehmung tiefer gelegt. Angst kann ich durch Kontakt viel besser überwinden, und so ein Kontakt, der kostet nichts.

    Angst hat auch mein Sohn oft am Freitag, da gibt es Werkunterricht in der Schule, und der “Werkdrache” macht Stress, der Werklehrer, weil immer soll alles schon fertig sein, genauer, sauberer, und überhaupt. Lachgas ist jetzt keine Option für meinen Sohn, er hat eine andere Methode, er hat mich eingebucht als Papa-der-in-die Schule-kommt-und-einen-Workshop-leitet. Ich soll an einem Vormittag den Kindern Origami beibringen. – Eine schöne Idee. Allein, Origami konnte ich bis dahin so gut wie Ikebana, die Kunst des Blumenbindens – nämlich gar nicht. Das heißt: einlesen, üben, und ab zu einer Besprechung mit dem Werkdrachen, mit dem ich diesen Workshop halten sollte. Freitag Früh beim Frühstück aber die fatale Frage von meinem Sohn: “Was ist, wenn der Werkdrache dich fragt, was du schon falten kannst?”

    Wir gingen also beide mit mulmigem Gefühl zur Schule. Und tatsächlich, der Werklehrer fragte mich, was ich schon falten kann. „Kraniche”, war meine Antwort, denn ich war vorbereitet, ich hatte geübt am Wochenende zuvor. 10 Stück. Er lachte, freute sich über diesen Papa-Beitrag, und bekam damit auch gleich ein freundliches Gesicht.

    Wer 1000 Kraniche in seinem Leben gefaltet hat, darf sich etwas wünschen, sagt eine japanische Legende. Ich wünsche mir, dass die Angst klein bleibt, beim Zahnarzt und in der Schule, und dass es immer Menschen gibt, mit denen man sie teilen kann.

    Ö1 Moment Leben Heute, Randnotizen, 10. März 2014, Lothar Bodingbauer

  • 191. Beobachtungen

    Über Lachgas, Angst und die Sache mit dem Werkdrachen. (Moment / ORF Radio Österreich 1)

  • Podcast Entwicklung

    Lob und Tadel und die Physikalische Soiree laufen in die richtige Richtung, Atmos der Welt ist komisch, weil Geräusche nur mit Emotionen interessant sind, und die fehlen dort. Sprechkontakt (vormals Apostrophe) ist gut, wenn es mal längere Gespräche für Radiobeiträge gibt, die zu schade sind, im Archiv zu verstecken.

    Vom Reden her – die Gespräche, gibt es gerade noch drei problematische Punkte:

    1. Einige konkrete Fragen klingen immer noch vom Tonfall her naiv – das ist irgendwas psychologisch-therapeutisches, was man sich anschauen müsste.
    2. Lachen nach eigenen Witzen geht – nach wie vor – gar nicht. Das ist was theatralisches, sollte kein Problem sein.
    3. Wortendungen sind wichtig. Hochdeutsch idealerweise auch. Das ist was grundsätzliches – wie spricht man mit Menschen, mit denen man sich privat und sonst im Dialekt unterhält.

    Vier gute Punkte:

    1. Speed ist OK. Rote Linie wird immer besser, Anerkennung auch.
    2. Anzahl an eigenes “Ahhs” ist gering, immer wieder gute eigene Erzählstrecken, die neue Inhalte sind, und nicht nur alte Probleme dem aktuellen Gesprächspartner hingeworfen. Mund halten nach einer Frage, und nicht weiterfaseln, geht auch oft sehr gut.
    3. Inhalt ist OK, dichte und entspannte Phasen sind Teil des Konzepts.
    4. Auswahl der Gesprächspartner passt gut.
  • Zaun

    Letztes Jahr sind viele Meter Zaun im Wiener Benyapark dazugekommen. Wer weiß, wofür sie gut sind. Es ist nicht einmal klar, ob jemand draußen, oder drinnen gehalten werden soll.

  • Hörtipp: Modellansatz

    Was ist Migräne und was weiß die Mathematik darüber, das erzählt im Detail die neueste Ausagebe dieses Podcasts von Gudrun Thäter und Sebastian Ritterbusch. So viel ist verraten: Es geht um Diffusion.

    Andere empfehlenswerte Episoden: Wie man die Bewegung aus Bildern des Computertomographen herausrechnet, wie man den Betrieb von Pumpspeicherkraftwerken versteht und optimiert.

    Mathematik, Arbeitsweisen, was man weiß und wie neue Ansätze entstehen, das wird in diesem Podcast aus erster Hand erzählt, von jenen, die es tun. Für alle am jeweiligen Thema Interessierten echt spannend, und gerade für  Physiklehrerinnen eine Quelle für Wissen, das sich gut weiter erzählen lässt. Die Physikalische Soiree empfiehlt.

    Link: Modellansatz, Karsruher Institut für Technologie, Fakultät für Mathematik

  • 190. Flugrouten von Wildgänsen

    Die Ornithologen Harald Grabenhofer und Johannes Laber spricht über Gänse aus dem Norden, die in der Gegend des Neusiedlersees überwintern und von Mitarbeitern des Nationalparks Neusiedlersee – Seewinkel einmal pro Monat gezählt werden. Die Daten werden in ein internationales Netzwerk eingespeist, um die länderübergreifenden internationalen Wanderungsrouten von Wildgänsen zu dokumentieren. (Vom Leben der Natur / ORF Radio Österreich 1)

  • 189. Brüder Schwadron

    In der Zeit von 1899 bis 1938 hat die jüdische Firma Brüder Schwadron in Wien viele Zinshäuser und auch öffentliche Bäder mit baukeramischen Arbeiten ausgestattet. Wer heute durch die Stadt geht, findet als erste sichtbare Spur der Brüder Schwadron Kanaldeckel, die mit ihrem Namen gekennzeichnet sind. Das Unternehmen wurde von zwei aus Galizien stammenden Brüdern gegründet. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang Victor und Walter Schwadron 1938 dazu, den Betrieb aufzugeben. Das Unternehmen wurde arisiert. Ein Ausstellungsprojekt versucht die Spuren der Geschichte aufzugreifen und mit den bestehenden auch für Touristen leicht sichtbaren Kanaldeckeln und Keramiken in Verbindung zu bringen. (Sonntagsspaziergang / Deutschlandfunk)