Deutsch als Pflicht? Das wäre so einfach, wenn Menschen ihre Sprachen wechseln könnten, wie die Politik verlangt. Verlangt aber eh nicht jeder. Ob es sinnvoll ist, Deutsch als Pflicht im Schulhof zu fordern, das wissen Linguisten. Kurze Antwort: Nein.
Dies ist die Zusammenfassung der Lobster und Tentakelbildungsgespräche mit den Bildungssprecher/innen und Linguist/innen, die als Radiokolleg im ORF Österreich 1 Radioprogramm gesendet wurde.
Im Gespräch erzählt sie über ihr Bild der Schule. Wertschätzung für Menschen ist ihr sehr wichtig. Auch für die Ressourcen, die sie mitbringen.
Dazu gehören auch die Sprachen.
Mehr Autonomie und der Wunsch nach einer “mittleren Reife”. Ihr Bild von dem, was im Schulwesen wichtig ist, ist auch geprägt von ihren Erfahrungen als Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien. Bei Reisen in alle Welt hat sie gesehen, welche Bildungsmodelle gut funktionieren, und welche Ressourcen dringend gebraucht werden.
Schwächen sollen verringert werden, und Stärken gestärkt.
Rubia Salgado spricht über die Arbeit mit Migrantinnen. Frauen.
Deutsch lernen bedeutet für sie, sich die Sprache kritisch anzueignen, nicht nur das Erlernen der Reproduktion.
Sprache lernen, um sich wehren zu können. Wer ist befugt, wie zu sprechen, wo und warum.
“Maiz ist ein unabhängiger Verein von und für Migrantinnen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitssituation von Migrantinnen in Österreich zu verbessern und ihre politische und kulturelle Partizipation zu fördern sowie eine Veränderung der bestehenden, ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse zu bewirken.” www.maiz.at
Radikal bedeutet für Rubia, zu den Wurzeln zu gehen. Es bedeutet nicht, kompromisslos zu sein. Der Dialog steht im Mittelpunkt. Auch mit den Mächten und den Forderungen des Staates.
Elisabeth Grossmann ist Bildungssprecherin der SPÖ.
Im Gespräch erzählt sie über Grundlagen der Bildungspolitik ihrer Partei.
Besonders die frühen Bildungsjahre im Kindergarten sind ihr ein Anliegen. Wenn jemand nicht freiwillig seine Kinder in den Kindergarten schickt, dann ist etwas Nachdruck schon in Ordnung. Positiv formuliert: Anreize sind wichtig.
Auch beim Sprachelernen. Es muss aber nicht unbedingt Deutsch sein. Englisch ginge auch – weil das versteht jeder. Es geht um die die Verständigung. Eine recht pragmatische Sicht.
Sprache ist für Elisabeth Grossmann Partizipation am Leben. Wichtig sind die Inhalte. Und wichtig ist der Wille, sie auszutauschen.
Walter Rosenkranz ist Bildungssprecher der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ).
Er ist Abgeordneter zum Nationalrat, Rechtsanwalt und Gitarrenlehrer.
Im Gespräch lernen wir ihn besser kennen, wir hören viel über den Hintergrund zu dem, was er – und seine Partei – inhaltlich über Bildung und Bildungspolitik sagt.
Homogenität wäre wünschenswert, und Sprachen sind wertvolle Ressourcen.
Ein klares Bekenntnis zur Schulsprache Deutsch beinhaltet für ihn auch die Sprache des Pausenhofs, denn alle sollen verstehen können, was gesprochen wird. Wenn aber alles funktioniert und Respekt die Begegnungen prägt, dann wäre das besser.
Jedes Kind soll gefördert werden, sobald es sich in Österreich befindet.
Prof. Ilan Knapp ist Mitglied im “Expertenrat Integration” des Außenministeriums, sein Fachgebiet ist “Sprache und Bildung”.
Er leitet in Wien das Jüdische berufliche Bildungszentrum JBBZ.
Wir sprechen im zweiten Teil der Bildungsgesprächs-Serie über Politik, Staat und Sprache über Möglichkeiten und Verpflichtungen des Sprachenlernens.
Vielfalt ist wichtig, Chancen, Muttersprachen und Begabungsförderung an allen Enden – und nur im Notfall soll vorgeschrieben werden, dass ein gewisses Sprachniveau erreicht werden soll.
Tarsdorf ist eine kleine Innviertler Gemeinde in der Nähe eines Moores.
Die älteren Menschen des Dorfes können sich noch gut an das Torfstechen erinnern, bei dem durch harte Arbeit Brennmaterial für den Winter gewonnen wurde.
Mit dem Mundartdichter Hans Kumpfmüller, und Verwandten, die selbst noch im Moor gearbeitet haben, machten sich die Volksschüler auf die Suche nach den Worten, die beim Torfstechen verwendet wurden.
Es entstanden Geschichten, die durch den Komponisten Rupert Huber vertont wurden – ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem alle Beteiligten zusammenhalfen, die Kinder des Ortes mit dessen Geschichte in Verbindung zu bringen.
Im Anschluss an den Hauptbeitrag gibt es – im Director’s cut – das Gespräch mit dem Komponisten Rupert Huber, der darin mehr erklärt, als nur die kurze Stelle, die im Beitrag vorkommt. Er spricht über sein “dazugehören”, die Brauchtumsschiene am Land und die “Xenophobie des Geistes”.
Hinweis: Der Hauptbeitrag dieser Episode wurde am 18. August 2014 im ORF Radioprogramm Österreich 1 ausgestrahlt. Link zur Sprechkontakt-Produktion 201
Tarsdorf ist eine kleine Innviertler Gemeinde in der Nähe eines Moores. Die älteren Menschen des Dorfes können sich noch gut an das Torfstechen erinnern, bei dem durch harte Arbeit Brennmaterial für den Winter gewonnen wurde. Mit einem Mundartdichter und Verwandten, die selbst noch im Moor gearbeitet haben, machten sich die Volksschüler auf die Suche nach den Worten, die beim Torfstechen verwendet wurden. Es entstanden Geschichten, die durch den Komponisten des Ortes vertont wurden, und es entstand so ein Gemeinschaftsprojekt, in dem alle Beteiligten zusammenhalfen, die Kinder des Ortes mit seiner Geschichte in Verbindung zu bringen.
Worte des Torfstechens (Lothar Bodingbauer) Moment, 18. August 2014, 09:30 min
Pressetext:
Tarsdorf ist eine kleine Innviertler Gemeinde in der Nähe eines Moores. Die älteren Menschen des Dorfes können sich noch gut an das Torfstechen erinnern, bei dem durch harte Arbeit Brennmaterial für den Winter gewonnen wurde. Mit einem Mundartdichter und Verwandten, die selbst noch im Moor gearbeitet haben, machten sich die Volksschüler auf die Suche nach den Worten, die beim Torfstechen verwendet wurden. Es entstanden Geschichten, die durch den Komponisten des Ortes vertont wurden – ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem alle Beteiligten zusammenhalfen, die Kinder des Ortes mit dessen Geschichte in Verbindung zu bringen.
SIGNATION
OT 01 – Teaser 1
Man hat schon ein bisschen Angst, wenn man auf so einem unsicheren Boden steht. Dort blodert der Boden, dort sogizt beim Geh, dort wachst nix, dort bliat nix, dort g’rat nix.
Vom Leben und Arbeiten am Moor
OT 02 – Teaser 2
Also wenn man am Tag geht, dann ist es schon eher friedlich, aber wenn man in der Nacht geht, dann nicht gar so. – Wir sind da direkt im Alpenvorland, eigentlich im Innviertel.– Der Boden, wenn du so springst, der geht voll nieder, das ist wie ein Trampolin – Das Moorgebiet ist offiziell eingetragen, da ist es das Filzmoos, und bei den Leuten ist es „der Fiz“.
Die Eiszeit hat die Lanschaft in Tarsdorf bei Salzburg geformt, hat die Berge und Täler glattgeschliffen und die Hügel weich gemacht. Weich, wie die Worte des Dialekts der Gegend, der keine harten Konsonanten kennt. Ganz oben in Tarsdorf, in der Nähe von Fucking, gleich neben Hucking, da hat sich das Wasser in einer Grube gehalten. Und auch das Wasser ist weich, es ist Moorwasser, mit dem man gut Brot backen kann, versichern die Bauern. Im laufe des letzten Jahres haben sich die Menschen der Region getroffen, um die Worte des Moores den Kindern des Dorfes beizubringen. Ein Mundartdichter wurde herbeigezogen, der mit ihnen Geschichten geschrieben hat, ein Komponist, der sie vertont hat. Ein Blick zu den Wurzeln des Dorfes ist entstanden, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Wurzeln waren es, die den Torfstechern im Weg standen, wenn sie Brennmaterial gewinnen wollten. Fizgrampei heißen diese Wurzeln, Fiz von Filz, von Moor, und Grampei, weil es verflixte Wesen sind. Und Fizgrampei heißt auch das Dorf- und Schulprojekt, das um diese Wurzeln herum entstanden ist. Lothar Bodingbauer hat sich umgehört.
OT 03 – Alter Mann, Lied, Kind
Na ja Moor, dass man versinkt. Ausspruch war oft, „dich holts Filzgrampei“. Wenn man zu den Kindern so was gesagt hat, dann hat es oft geheißen, „dich holts Filzgrampei“. Das sind so alte Wurzeln, die mit den Latschen versunken sind. Und wenn sie Filz gestochen haben, dann sind sie rausgekommen, und das war ein Hindernis. – Musik – I geh an Fiz. Auf amoi geht’s dahin. Ich wird allweil kleiner. Grad der Kopf schaut no aussa. Jetzt geht’s wirklich dahin. Das Fizgrampei ziagt mi einei. Hiaz bin ia a Fizgrampei. – Musik.
Jabadabada Moosberln, jabadabada Mooswohl. – Und dann kommt noch der Sonnentau. – Genau, in drei verschiedenen Ausdrücken. Der Hergotslöffel, Fliegenfallen, und Wiedertot.
Josef Esterbauer ist der Kapellmeister von Tarsdorf. Er bespricht mit dem Mundartdichter Hans Kumpfmüller aus Obernberg am Inn die Vertonung der Kindergedichte, die um die Worte des Moores herum entstanden sind.
OT 04 Kumpfmüller
Ich habe insgesamt 24 Ausdrücke nur für den Sonnentau gefunden.
Der Sonnentau, eine Pflanze im Moor, die mit ihren klebrigen Tropfen auf den Stängeln Insekten fängt. Jeder, der hier wohnt kennt diese Pflanze, und es ist mit ihren Bezeichnungen fast ein bisschen so, wie bei den angeblich 20 verschiedenen Worten der Inuits für „Schnee“.
0T 05 Kumpfmüller
Es geht einmal mit der Feststellung an, dass da nichts ist, dass da nichts wächst, dass da nichts gerät.
… weil der Himmelvater die Drainagerohre im Moor, im Fiz, vergessen hat. Die Entwässerung, und so ist das Gebiet zu nichts nutze, könnte man glauben.
OT 06 Kumpfmüller, Esterbauer
Drum wachsen grad diese Mundartkräutlein da. – Der Fiz ist früher schon eine gewisse Wertschöpfung gewsen, vom Brennmaterial, vom Heizmaterial – Und plötzlich kommt wer und sagt, da wachsenja die tollen Pflanzen – Musik – dann hat das Pflanzl einen lateinischen Namen – Musik – und dann ist es was wert. – Und dann kimmt man drauf, da hat der Himmelvater gottseidank gottseidank auf die Drainageröhrl vergessen. – Da hat der Himmelvater (singt) – und dann singen die Kinder ganz alleine – gottseidank – hat der Himmelvagter auf’d Drainageröhrl vergessen. – Musik.
Sobald es ein ordentliches Wort für etwas gibt, ist es was wert, sagt man. Und wenn es so gar ganze Geschichten sind, die entstehen, dann erst recht. Die Kinder besuchten im letzten Jahr immer wieder das Moor und schauten den alten Menschen beim Torfstechen zu, die darüber redeteten, mit Worten, die fast schon vergessen waren.
OT 07 Kind
I bin a wenig spazieren gegangen, auf einmal bin ich über eine Wurzel gestolpert. Da habe ich eine Schatzkarte gesehen, da habe ich zum Suchen angefangen, und a Schatzkisten gefunden. Und, woast was drin war: a Vasen.
Wasen sind hier nicht die Blumenvasen, sind auch nicht die Woosn, die Grasnaben, die über die Fahrbahn wachsen, Wasn sind die Torfziegel, die mit dem Stecheisen aus dem Boden gestochen werden, und die dann aufghäuselt werden, aufgehäuselt, luftig aufgebaut, zum Trocknen.
Das schauen wir uns jetzt an, direkt im Fiz – also im Filz, also im Moor.
ATMO 08 Hund, dann Traktor
Der Hofhund freut sich, der fährt auch mit auf der Ladefläche hinten, gemeinsam mit den Bauern, die das Torfstechen von früher her noch kennen und noch können.
Sie ist meine Nachbarin, Friedl Hedwig, ich heiße Mathilde, ich gehöre zu dem Mann mit dem Hut, Esterbauer ist der Schreibname und Heiss ist der Hausnahme. Und er ist der Schmied, und bei ihr ist es beim Staudinger, mir sind da hübsch beinander.
(über Atmo)
Beinander in einer Streusiedlung am Moor. Getrennte Bauernhäuser, aber doch mit ihrem Leben und mit ihrer Arbeit gemeinsam. Bis in die 70-er Jahre wurde hier noch Torf gestochen.
OT 09 Alte Leute über das Torfstechen
Torfstechen war aber immer auch eine starke körperliche Arbeit, immer noch leichter allerdings, als mit den alten Sägen Brennholz zu schneiden. Mit der Wasntragn, einer Karre, wurden dann die Wasn, die Dorfziegel gesammelt, und das hat der Komponist Ruprecht Huber für das Moor-und Torfstech-Mundartdorfprojekt vertont.
OT 10 Wasntragen Musik
Beim Wasentragen muss man die Wasn zu der Wasntragen tragen. Aber die mit am Hirn, die werden die Tragn zu den Wasen hinführen.
Die Musikstücke wurden vom Kirchenchor und den Kindern vertont. Und jedes der Kinder durfte eine Seite in einem Buch schreiben, erzählt Christina Eberharter, die Volksschuldirektorin.
OT 11 Christine Eberharter
Ich glaube, dass das ganze Projekt zu einem guten Selbstwertgefühl unserer Schüler beigetragen hat. – Gedicht – Es gibt für die Mundart keine Rechtschreibregeln.
Weil man die Mundart so schreiben darf, wie man will, sagt der Mundartdichter Hans Kumpfmüller.
OT Kumpfmüller / Eberharter
Man hat beim Schreiben hat völlige Narrenfreiheit, beim Inhalt net, der soll schon passen. – Gedicht – Das tollste für mich war das, dass sie mit der Freiheit was anfangen haben können.
Bei einem Dorffest im Juli wurden die Ergebnisse des Tarsdorfer Torfstech-Wort-und Musik-Dorfprojektes vorgestellt. Und alle machten mit. Die Alten, die Jungen, und der Komponist Rupert Huber, der die Texte vertont hat, er freut sich, denn für ihn waren die Geschichten rund ums Torfstechen eine Möglichkeit, nach Jahren im Ausland wieder mit seiner Heimat in Verbindung zu treten.
OT 12 Komponist (darunter beginntend Musik)
Auch mit den Leuten. Da singen dann im Kirchenchor singt eine alte Dirn mit vom Bauernhof von meinem Großvater, der Zimmermann, der meinem Vater einen Dachstuhl gemacht hat, singt mit eine Hörgerät mit. Man trifft Leute in einem anderen Kontext. Dann geht man ins Wirthaus und trifft wieder Leute von früher. Das ist wahnsinnig gut aufgegangen, man hat es nicht zu hoffen gewagt. – Musik – Wegbeschreibung.
Deutsch als Zweitsprache legt eine Reihenfolge fest. Oft ist damit eine Wertung verbunden.
İnci Dirim ist Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien. Sie spricht Deutsch und Türkisch – ohne Reihenfolge.
Sie würde sich selbst als Migrationspädagogin beschreiben. Das Gebiet, in dem sie arbeitet, ist so spannend und vielfältig, wie die Sprache jener Menschen, mit denen sie sich beschäftigt.
Im Gespräch stellt İnci Dirim das Thema “Deutsch als Zweitsprache” vor. Sprachliche Bildung und Sprachförderung stehen im Mittelpunkt. Das braucht zuerst die Diagnose.
Muttersprachlicher Unterricht, Zweitsprachenförderung und interkulturelle Bildung – das sind die drei Säulen der Migrationspädagogik. Ziel ist, Ungleichstellungen zu verringern.
Im Gespräch entsteht ein Einblick in die Sprachlandschaft rund um das “Deutsch an Schulen”. Diese Landschaft ist immer auch eine politische Landschaft.
Wissen, aber auch Nichtwissen. Ein Recht auf Nichtverstandenwerden. Und “Kultur” ist auch nicht Erklärung für alles.