Zeichen im Gesicht: Gesten und Mimik – die Sprache ohne Worte. Während Gesten mit der Hand gemacht werden, oder mit den Armen, spielt sich die Sprache der Mimik ausschließlich im Gesicht ab. Menschen können im allgemeinen hervorragend die Muskelregungen im Gesicht des Gegenübers erkennen – und die damit verbundenen Gefühle. Kann Mimik auch zur Täuschung eingesetzt werden? Wann wirkt ein Lächeln aufgesetzt? Eine akustische Rundreise in der Landschaft des Gesichts.
Tags: Aggression, Anthropologie, Autismus, Clownarbeit, Emotionen, Eva Lindquist, Gesichtsausdruck, Körpersprache, Kriminalistik, Kurt Unger, Lächeln, Leben, Mimik, Personalberatung, Psychologie, Robotik, Schauspiel, Täuschung, Verhaltensanalyse, Vernehmung, Veronika Wondrak
Transkript (automatisiert, Whisper)
Signation
Speaker 1
Moment. Leben heute.
Teaser: Was mir immer wieder passiert ist, ich gehe auf der Straße, weil ich im Kopf eine lustige Geschichte habe, und die Leute kommen mir entgegen, schauen mich an und lächeln. Und ich weiß nicht, wieso.
Speaker 2
“Das menschliche Gesicht ist wohl der interessanteste Teil der Erdoberfläche”, sagte einmal der deutsche Physiker Georg Christoph Lichtenberg. 26 Gesichtsmuskeln gibt es und ihr Zusammenspiel ist für die Mimik verantwortlich. Unter ihnen der Augenbrauenheber, der Mundwinkelherabzieher, der Schmollmuskel, das ist der, der die Haut am Kinn runzelt.
Speaker 3
Also was ich wahrnehme, sind immer zuerst die Augen, wie der Blick ist, und alles rund um Augenspiel. Und dann, der nächste Schritt, wenn ich jetzt versuche, das zu analysieren, ist dann das Zusammenspiel zwischen Augen und Mund.
Speaker 2
Menschen können im Allgemeinen hervorragend die Muskelregungen im Gesicht des Gegenübers erkennen und die damit verbundenen Gefühle deuten. Probleme mit dem Erkennen oder dem Produzieren von Mimik haben daher oft auch soziale Auswirkungen. Bei Autisten zum Beispiel oder bei Patienten nach einem Schlaganfall, deren Mimik begrenzt sein kann. Kann Mimik auch zur Täuschung eingesetzt werden? Wann wirkt ein Lächeln aufgesetzt? Ein Beitrag über die Feinheiten des Gesichts des Gegenübers. Eine akustische Rundreise in der Landschaft des Gesichts. Von Lothar Budingbauer.
Speaker 3
Die Mimik spielt für mich persönlich eine sehr wichtige Rolle, wenn ich im Auftrag eines Kunden auslesen muss, welche Personen ich für eine offene Position im Wirtschaftsleben empfehlen möchte.
Speaker 4
Eva Lindquist. Sie ist Personalberaterin, Headhunterin. Sie sucht die grossen Fische.
Speaker 3
Und da gehe ich natürlich auch so vor, wenn ich das Gefühl habe, die Person, mit der ich gerade das Interviewgespräch führe, mit mir den Blickkontakt hält Und kombiniert mit einem leisen Lächeln in den Augen zum Beispiel, kombiniert mit einer offenen Körperhaltung, dann kommt dieser Mensch mir offen und ehrlich und sympathisch rüber.
Speaker 4
Nicht alles kann dabei selbstbestimmt und dadurch kontrolliert werden, zumindest nicht für lange Zeit. Setzen Sie im Gespräch Ihre Mimik ganz gezielt ein, vielleicht sogar als Provokation?
Speaker 3
Ja, das tue ich. Wenn ich mir jetzt unsicher bin und ich merke, die Person hat ein bisschen Angst, den Augenkontakt länger zu halten, dann möchte ich evaluieren, ist das reine Nervosität aus der Situation heraus oder schummelt der am Ende. Dann schaue ich besonders lang in die Augen, suche den Blickkontakt und möchte sehen, wie er darauf reagiert zum Beispiel.
Speaker 4
Jetzt werden Sie wahrscheinlich nicht alles verraten.
Speaker 3
Nein.
Speaker 4
Gibt es Mimik, die Ihnen Angst macht?
Speaker 3
Ja, es gibt eine Mimik, die ist aber schwer zu beschreiben. Ich kann es zeigen, also wenn jemand so lächelt und das Lächeln bleibt nicht konstant, sondern willentlich werden die Mundwinkeln nach oben gezogen zu einem Lächeln. Das hält eine Zehntelsekunde, dann geht es wieder runter und wieder rauf, runter. Das habe ich öfters gesehen. Damit ist es für mich sehr schwierig umzugehen, weil es kann ein Persönlichkeitsmerkmal sein. Es kann aber auch sein, dass die Person sehr freundlich sein will, ist es aber innerlich gar nicht. Irgendwas ist da sehr merkwürdig für mich. Wer geht schon gern zur Polizei, wer geht schon gern zu Gericht? Ansonsten Angst machen nein.
Speaker 5
Ja Mimik hat natürlich auch damit zu tun, mit wem habe ich es zu tun.
Speaker 4
Sagt Kurt Unger, der Leiter des Ermittlungsbereichs Leibleben im Wiener Kriminalamt, der Mordkommission, wie man umgangssprachlich sagt.
Speaker 5
Wenn ich da einen Spitzensputtler sitzen habe, der gewohnt ist Interviews zu geben und eine Vernehmung ist ja ein Interview im eigensten Sinn. Oder ein hochgebildeten, oder einen durchschnittlich gebildeten, oder einen unterdurchschnittlich gebildeten. So wird auch die Mimik möglicherweise gesteuert eingesetzt, bewusst eingesetzt.
Speaker 4
Kann sein, muss nicht sein. Ziel der Vernehmung ist, die Wahrheit herauszufinden. Welchen Anteil hat die Mimik am Gesamteindruck?
Speaker 5
Ich würde sagen, es ist ein wesentlicher Bestandteil beim Einstieg. Ich mache mir ein Bild von der Person und ich werde, wenn ich erfahren bin, darauf reagieren darauf abstimmen. Wesentlich ist, wir erkennen, ob der das bewusst einsetzt, wie er das bewusst einsetzt, wie heftig und wie genau. Worauf schauen Sie da ganz genau? Die aus der Psychologie stammenden Punkte, links nach oben schauen, rechts nach oben schauen, ob er in der konstruktiven Phase ist oder in der Realitätsphase ist. Also er versucht konstruktiv durch das Schauen in einen gewissen Blinkwinkel, Wahrheit für sich zu konstruieren, also Wahrheit unter Anführungszeichen, oder er denkt nach, was war wirklich, ich will die Wahrheit sagen. Also wir sind in einer konstruktiven Phase, da sind wir eher im Bereich der Lügen oder der Halblüge oder bei der Wahrheitsphase und dann sind wir dort, wo er schaut, wo habe ich das gesehen, was habe ich gesehen. Sicherlich eine schwierige Situation, wenn jemand gut vorbereitet ist, sich mit Psychologie, mit Körpersprache und Gestik auskennt, da sind wir natürlich genau dort, dass ich das bewusst einsetzen kann und ob ich das dann immer herausfiltern kann oder nicht, das ist das große Fragezeichen.
Speaker 4
Durch die Dauer einer Vernehmung aber wendet sich das Bild oft zugunsten des Ermittlers.
Speaker 5
Eine Vernehmung kann ja stundenlang dauern, wenn man nicht mehr daran denkt, was er sich alles vorgenommen hat. Das ist ja das Problem des Phenomenon. Sollte er in der konstruktiven Phase mit der Mimik sein, dann wird sich das durch stundenlange Vernehmungen natürlich abschwächen oder überhaupt auf Null reduzieren. Weil das hält man nicht durch und man merkt sich auch nicht, was wollte ich alles machen.
Speaker 4
Good Cop, Bad Cop – das gibt es, man kann sich als Vermittler freundlich zeigen oder böse, auch das durch Mimik. Und es gibt Tricks, aber die will auch Kurt Unger nicht erzählen.
Speaker 5
Ich glaube, jeder hat wie beim Kartenspieler ein gewisses Blatt in der Hand und das will man natürlich nicht aus der Hand geben. Werden Sie oft überrascht dabei? Nur mit Sicherheit, ja.
Speaker 1
Den Preis habe ich jetzt nicht im Kopf. Aber das ist eingeblendet immer.
Speaker 6
Jetzt kommt die Sache, dass du das loswerdest. Den Sack.
Speaker 4
Die Meister der Verstellung sind wohl die Clowns. Wir sind nun zu Gast im Wiener Clown-Theater Olle. Probe für das Stück am Donnerstag. Ein Sportgerät und eine Tasche sind die einzigen Requisiten. Und der Körper. Und das Gesicht.
Speaker 1
Also ich gehe schon auch von meinem Gefühl aus, was ich da jetzt empfinde. Und dann habe ich eine entsprechende Mimik dazu.
Speaker 4
Michaela Zirk erarbeitet gerade ihre Rolle als Clown.
Speaker 1
Ich denke, wenn ich authentisch bin, dann stimmt auch die Mimik. Ja, es sind die Augen. Es ist über die Augenbrauen dann auch alle möglichen Empfindungen wie Entsetzen. Augen sind schon wesentlich. Ich kann sie verkleinern, vergrößern. Ich kann ein Glitzern hineinbringen. Ich kann meine Traurigkeit ausdrücken. Ich stelle mir das Gefühl vor. Und dann geht das ins Gesicht. Wir haben ein Stück mit anderen Clowns, da sind wir die Meisterklasse und da gibt es eine Szene. Da warten wir. Wir haben Sanitäter bestellt und die kommen dann. Und bei diesem Warten tun wir nichts. Mein Kollege und ich, wir sind verliebt und er gibt dann seine Arme hinter mich und dann mache ich mit meinem Gefühl “Hah, der hat die Hand hinter mir!” Und auf einmal fängt das Publikum zu lachen an, weil ich dieses Erstaunen ausdrücken kann mit den Augen und mit vielleicht auch ein bisschen Lächeln. Oder was spielt sich jetzt noch ab? Und das Publikum lacht. Und das ist nur mit ganz kleinen Bewegungen.
Speaker 7
Man geht heute tatsächlich vor allem von der Emotion aus und die Mimik folgt dann. Hubertus Zorell, er ist Schauspieler und Clownlehrer. Allerdings, was wir in der Clownarbeit machen können, wir können es verstärken, weil im Laufe des Lebens, im Zuge des Erwachsenwerdens, verlieren wir im Allgemeinen einen Teil unserer Mimik. Die Kindergesichter sind regelmäßig ausdrucksstärker als Erwachsenengesichter. Als Erwachsene verbergen wir ja auch oft unsere Emotionen und erlangen darin immer eine gewisse Kunstfertigkeit im Verbergen. Und in der Clownarbeit ist es durchaus eine Anstrengung, wieder Zugang zu haben zu den ganz offenen Emotionen und deren Ausdrücken in der Mimik.
Speaker 8
Das ist eben die Nähe, die man dann auch schafft.
Speaker 4
Sagt Verena Wondrak zu ihrer Rolle als Clown. Sie ist auch künstlerische Leiterin der Klinik Clowns. Diese Clowns besuchen kranke Kinder und zeigen nicht nur Mimik als Teil ihrer Sprache, sondern sie lesen aus den Gesichtern der Kinder Mimik auch ab, um zu erfahren, wie es ihnen geht.
Speaker 8
Wenn wir quasi Clown-Sein unterrichten, da gehen wir immer davon aus, dass man sich orientiert an Kindern, dass man sagt, man entweder an seinem eigenen Kind oder überhaupt Kinder so mit drei, vier Jahren, die noch sehr frisch und lebendig sind mit den Emotionen und da gehört natürlich das mimische Spiel auch dazu. Und das macht dann die Verbindung zu den Kindern, dass man sich dann sehr verbunden fühlt auch, weil man da auf der emotionellen Ebene sehr ähnlich funktionieren, der naive Clown und das Kind auch.
Speaker 4
Wer im Alltag eine starke Mimik zeigt, kann unter Umständen auch naiv wirken. Dementsprechend groß ist die Zurückhaltung, zum Beispiel in einem Universitätskurs, den Verena Wondrak geleitet hat.
Speaker 8
Aber was ich bemerkt habe, dass es einfach junge Menschen gibt, die sehr gehemmt sind, einfach ein bisschen mehr zu zeigen, auch eben nur gesagt, sie sollen sich begrüßen und dem Sinn, zum Beispiel sie sollen ihren Namen sagen und sie stellen sich vor, sie haben etwas ganz Scharfes im Mund. Das heißt, ich muss dann auch etwas Scharfes im Mund haben, muss ich ganz anders sprechen. Und das war eigentlich für die meisten eine Wahnsinnsüberwindung.
Speaker 7
Was für Clowns sehr schön ist und gleichzeitig aber auch schwer wiederzulernen, das ist das Erstaunen, die Überraschung, die Ratlosigkeit, sich in einer Situation zu finden, wo man nicht weiß, was tun. Und das im Gesicht auszudrücken, dieses Nichtwissen, ist eine sehr köstliche Sache.
Speaker 9
Warum? Bist du wütend oder bist du einfach böse oder bist du aggressiv?
Speaker 4
Ich bin zornig. Gefühle drücken sich im Gesicht aus. Sie zu lesen und die Gefühle auch in Worte zu fassen, braucht einiges an Übungen, die wie hier zum Beispiel in einem Rhetorikkurs am Abendgymnasium Wien stattfinden.
Speaker 9
Er reißt die Augen auf. Die Augen geht weg.
Speaker 10
Sie schaut in die Ferne, es ist ein weiter Blick. Vielleicht bereut sie etwas, vielleicht denkt sie über etwas nach. Und was ist es?
Speaker 11
Trauer.
Speaker 12
Die Stirn runzelt sich, die Augenbrauen erhöhen sich. Mundwinkel sind neutral. Ich würde sagen, schockiert. Überrascht.
Speaker 13
Er schaut von unten rauf und seine Augenbrauen sind ein bisschen zusammengezogen und sein Mund ist zu. Ein bisschen böse. Ja, böse.
Speaker 4
Eine Szene aus “I, Robots”. Ein Film, in dem ein intelligenter Roboter plötzlich auch Gefühle zeigt. Sunny, so heißt der menschenähnliche Roboter, bemerkt, wie sich die Ermittler zuzwinkern.
Speaker 11
Als Sie eintraten und den anderen Menschen ansahen, was bedeutet das? Ein Zeichen von Vertrauen ist was Menschliches, würdest du nicht verstehen. Mein Vater versuchte mich menschliche Emotionen zu lehren. Sie sind… schwierig. Du meinst deinen Konstrukteur? Ja. Warum hast du ihn ermordet? Ich habe ihn nicht ermordet.
Speaker 14
Ja, aber simulierte Emotionen eignen sich möglicherweise nicht so gut für Robots. Ich habe ihn nicht ermordet. Scheiße, ich will doch auch nicht, dass mein Toaster oder Staubsauger irgendwelche Emotionen hat.
Speaker 11
Ich habe ihn nicht ermordet!
Speaker 15
Die Emotionen sind vor allem auch deswegen wichtig, weil sie uns ein bisschen einen Aufschluss darüber geben können, was wird der andere als Nächstes tun.
Speaker 4
Sagt Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensanthropologin an der Universität Wien.
Speaker 15
Hat er eher einen freundlichen Gesichtsausdruck, kann ich mich annähern, kann er warten, dass der sich mir gegenüber positiv verhalten wird. Und dementsprechend ist das natürlich besonders wichtig. Den Vorteil, den wir daraus ziehen, einerseits unsere Emotionen anderen mitzuteilen und andererseits aber auch die Emotionen anderer zu lesen, der ist evolutionsbiologisch sehr groß. Einerseits können wir durch das Mitteilen unserer Emotionen erwünschte Handlungen von anderen hervorrufen. Und wenn ich vorhersagen kann, was der andere als nächstes wahrscheinlich tun wird, ist oder eben dazu geneigt, etwas Aggressives zu tun? Ist derjenige traurig, zurückgezogen, oder ist derjenige freudig, offen und hilfsbereit? Dann kann ich einschätzen, was kann ich von dem anderen erwarten, und kann dann auch meine eigenen Aktionen darauf abstimmen. Und das war natürlich für unsere Vorfahren von großem Vorteil, wenn die nicht überrascht wurden von dem, was die anderen gemacht haben.
Speaker 4
Und am Anfang des Lebens, sagt die Anthropologin, steht das Kennenlernen der positiven Emotionen, auch durch die Mimik. Das bestätigt auch die Personalberaterin Eva Lindquist aus eigener Erfahrung.
Speaker 3
Also meine Oma zum Beispiel, die mir Struwelpeter vorgelesen hat. Also wenn man im Gesicht die ganze Liebe sehen kann, das ist für mich persönlich unwiderstehlich.
Speaker 15
Was das Ausdrucksverhalten betrifft, gibt es Geschlechterunterschiede. sind Frauen Männern ein bisschen überlegen dahingehend, dass sie expressiver sind, also in ihrem Ausdrucksverhalten ausgeprägter sind einerseits und andererseits auch besser darin sind, die Ausdrucksverhaltensweisen anderer Menschen zu lesen und richtig zu interpretieren. Warum? Das geht eigentlich in einer Reihe mit ausgeprägteren sozialen Fähigkeiten auf der weiblichen Seite im Allgemeinen. Und das erklären wir dadurch, dass wir wahrscheinlich in unserer Evolutionsgeschichte Verheiratungssysteme hatten, wo die Frauen ihre Geburtsgruppe verlassen haben und sich der Gruppe des Mannes angeschlossen haben. Und deswegen für Frauen es sehr wichtig war, in dieser neuen Gruppe neue soziale Netzwerke aufzubauen, verlässliche Unterstützungsnetzwerke auch zu haben. Und dafür waren eben diese sozialen Fähigkeiten so wahnsinnig wichtig. Nicht unwichtig für die Männer, aber viel wichtiger für die Frauen.
Speaker 11
Mimik – die Zeichen im Gesicht. Das war eine Sendung von Lothar Budingbauer. Redaktion Marie-Claire Messinger.
