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Wien

Moment – Leben heute

  • 047. Schulbuch

    047. Schulbuch

    Umsonst sollen Schulbücher nicht sein, aber wenn’s halt noch gratis wären, das wär’ schon recht. Eine Aussage des Innviertler Schriftstellers Hans Kumpfmüller. Seit 1972 gibt es in Österreich kostenlos Schulbücher für alle. 10% Selbstbehalt ausgenommen. Jedes Jahr kommen so etwa 8 Millionen Schulbücher an Kinder, Kegel und Familien. Zum 30-jährigen Geburtstag der Schulbuchaktion hätten wir eigentlich nur zwei Fragen an das österreichische Schulbuch: Woher kommst Du, wohin gehst Du?


    Am Foto: Friederike Desch, Oberschulrätin, Altheim, OÖ

  • 046. Österreichs Wetter-Kleinräume

    Auf einem Österreichrundflug erklärt uns ein Mitarbeiter der Austro-Control den Salzburger Schnürlregen von oben — Dem Fuß- und Bergvolk prognostiziert ein Tiroler Bergwetterfachmann das, was er durch Erfahrung von Morgen schon weiß – und: Ein 81-jähriger Textilarbeiter aus Oberösterreich, er kennt das Wetter im Mühlviertel besser als jeder andere und gibt es mit 70-prozentigen Trefferquote den Oberösterreichern im Radio bekannt.

    Gestaltung: Ingrid Rachbauer und Lothar Bodingbauer

  • 038. Was Kinder gerne essen

    Moment Kulinarium: Als in Österreich die Vielseitigkeit der Nahrungsmittel fehlte: Vor, während und nach den Weltkriegen, da hatten die Menschen mit Mangelerscheinungen zu kämpfen. Heute leben wir im Überfluß und doch, der Mangel bleibt: Wie die Erwachsenen essen auch Kinder gedankenlos: es fehlt an Vielfalt, was bleibt ist zu viel Süßes, und zu viel Fettes. Was an fertigem Essen speziell für Kinder zu kaufen ist, täuscht nur schlecht über die Einseitigkeit des Angebotes hinweg. Ist alles was gut schmeckt, ungesund? Gesundes, gutes für den Kindermund braucht Zeit und Aufmerksamkeit.

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  • 037. Anstrengungsvermeider

    “Es gibt zwei Formen von Anstrengungsvermeidung. Das haben wir bei Kindern und Erwachsenen festgestellt. Die apathischen haben die Methode gefunden, ich mache alles einfach furchtbar langsam. Da muß man natürlich in einer Stunde weniger tun. Wer langsamer arbeitet, der tut weniger, und das ist gemütlicher. Die zweite Form ist, extrem schnell, aber so schlecht und schlampig, daß alle sagen, geh, lass es, ich machs für Dich.” – Britta Rollett, Uni Wien (Moment / ORF Radio Österreich 1)

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    Gehören Sie zu den Menschen, die rechtzeitig putzen, laufen, vorauswissend planen, schwer tragen, frühzeitig lernen, und gut organisieren? Gehören Sie zum Kreis derer, die sich mit aller Macht bemühen, ihre Aufgaben zu erledigen? Und sind Sie schrecklich traurig, wenn sie Ihre Arbeiten nicht erfolgreich abschließen?


    Oder sind Sie sind ein Anstrengungsvermeider? Und sind der Meinung, daß die Dinge des Alltags andere besser erledigen können.
    Das kann sehr vernünftig sein. Dass wenn man irgendeine unangenehme Aufgabe zugeteilt bekommt, dann ist es ja eigentlich eine sehr gute Strategie, wenn man sagt “kann ich nicht” stat “mag ich nicht”, das wird Iieber gehört.

    Brigitte Rollet ist Entwicklungspsychologin an der Universität Wien. Seien Sie beruhigt, Anstrengungen zu vermeiden hat durchaus mit Intelligenz zu tun.

    Es ist extrem gescheit, eine Arbeit mit einem Minimum an Aufwand zu machen. Derjenige, der als erster das Rad erfunden hat, der war natürlich auch ein Anstrengungsvermeider, weil er sich gesagt hat, jetzt muß ich die Dinge nicht mehr schleppen oder ziehen, sondern die rollen schön dahin und ich spare mir eine Menge Arbeit. Viele große Erfindungen sind, wenn sie dem Menschen erspart haben, eigentlich von den intelligenten Anstrengungsvermeidem erzeugt worden.

    Anstrengungsvermeidung ist recht gescheit, sagt Prof. Rollett, wenn sie bewußt eingesetzt wird..

    Es kann aber diese Eigenschaft, Dinge abzuwehren zur Gewohnheit werden. Dann wird es unter Umständen bedrohlich, besonders wenn es in einem Bereich ist, der fur einen sehr wichtig ist. Wenn Kinder in der Schule gewohnheitsmäßig sich freuen, wenn sie etwas nicht können, weil sies dann nicht mehr machen müssen, und traurig sind, wenn sie einmal etwas gut machen, weil dann die Lehrer und Eltern wieder von ihnen etwas erwarten, dann kann das sehr schlecht werden. Und dasselbe kann natürlich auch im Beruf passieren, daß sich jemand absichtlich ungeschickt anstellt, weil er sagt “ahh”, da machen alle anderen die Arbeit, weil er sagt, wunderbar, dann muß ich sie nicht machen.

    Das geht auch eine Zeitlang gut.

    Irgendwann kommt aber die Rechnung, das heißt, dann ist man der erste, der entlassen wird, im Beruf, oder dann wird man, obwohl man gescheit ist als Schüler, in die schlechtere Schulstufe geschickt, usw.

    Ich bin auch ein Anstrengungsvermeider. Was unterscheidet mich von jenem, der das professionell betreibt?

    Wenn man seine Arbeit rationell einteilt, ist man natürlich ein Anstrengungsvermeider, aber ein intelligenter Anstrengungsvermeider. Es kommt also darauf an, daß man die nicht unintelligente Form, die Justamentform, die immer Form verwendet, sondern daß man genau überprüfen kann, ist das ein Fall, wo sich Anstrengung lohnt, oder ist es ein Fall, wo es sehr vie besser ist darüber nachzudenken, wie man die Sache auf einfachere und bessere Weise machen kann.

    Prinzipien haben ihren Grund. Dem Grundprinzip, nichts zu tun, ¡st Brigitte Rollet auf den Grund gegangen. Es beginnt schon sehr, sehr früh.

    Wenn man schon kleinen Kindern so viele Übungsblätter für die Schule gibt, so daß die Kinder das nur mehr mit Unlust machen, dann überwiegt die Unlust so, daß sie in der Schule nicht mehr ordentlich arbeiten wollen, wie wir in Untersuchungen feststellen konnten. Wenn die Kinder eine Stunde pro Tag, das ist für kleine Kinder sehr gut, dann entwickelten sie sich zu großen Faulpelzen und Anstrengungsvermeidem. Wenn sie nur 10 min oder so lange wie sie Spaß dran hatten, es gibt durchaus Kinder, die durchaus eine Stunde auch gerne etwas mnachen, üben mußten, dann waren sie fleißig und leistungsmotiviert.

    Anstrengend wird die Anstrengungsvermeidung dann, wenn man mehr Energie zur Einsparung aufwendet, als man sich erspart. Es gibt zwei Grundformen von Anstrengungsvermeidem.

    Das haben wir bei Kindem und Erwachsenen festgestellt. Die apahthischen haben die Methode gefunden, ich mache alles einfach furchtbar langsam. Da muß man natürlich in einer Stunde weniger tun. Wer langsamer arbeitet, der tut weniger, und das ist gemütlicher. Die zweite Form ist, extrem schnell, aber so schlecht und schlampig, daß alle sagen, geh, lass es, ich machs für Dich.

    Ein kleiner Tip zur Früherkennung.

    Ob es sich um einen Anstrengungsvermeider in dieser Position handelt, erkennt man daran, ob die Leute in Situationen, die sie interessieren, durchaus schnell und genau sind, es bezieht sich dieses Verhalten immer nur auf unangenehme oder lästige Situationen, die die Leute in Wirklichkeit nicht mögen.

    Wenn Sie es nicht mehr aushalten, weil Sie von einer Horde Anstrengungsvermeidem umgeben sind, und alle Arbeit bei Ihnen hängen bleibt, dann gibt es Alternativen zum Auszucken. Es lebe die Psychologie!

    Die wichtigste Gegenstrategie ist, daß man den Anstrengungsvermeider nicht durchkommen lassen kann. Normalerweise sagen die Leute, geh ich machs für Dich, Du machst das so schlampig, so langsam, ich übemehm das. Damit hat er ja eine Bekräftigung, wie die Psychologen sagen. Das heißt, das darf man auf keinen Fall machen. Man muß aufjeden fall den Anstrengungsvermeider, wenn es geht, etwas kleinere Aufgabeneinheiten geben, dafür aber sorgen, daß die auch wirklich gemacht werden. Damit man selber nicht nervös wird, ist es sehr sehr wichtig, daß es Dinge sind, weo es auf die pünlktliche Ablieferung nicht ganz so ankommt, denn selbstverständlich wenn Feuer auf dem Dach ist, dann muß die Sache schnell und ordentlich gemacht werden. Das heißt, Anstrengungsvermeider lemen es dadurch wieder mehr Arbeitseinsatz zu zeigen, daß sie einerseits eine möglichst angenehme Situation vorfinden, daß sie andererseits dafür sorgt, daß sie die Sache auch zu Ende bringen, was immer sie auch für Ausreden und Taktiken anwenden. Das ist im Einzelfall gar nicht so einfach.

    Es ist sinnvoll, mit anstrengungsvermeidenden Schulkindern einen Arbeitsvertrag zu entwerfen. Taschengelderhöhung bei 2 Stunden täglicher Lemzeit. Ist schon vorher alles fertig, muß anderes bearbeitet werden. Das verhindert Strategie 1, alles ganz schnell und schlampig zu machen. Wird länger gebraucht, darf diese Zeit nicht für den nächsten Tag gutgeschrieben werden. Das verhindert Gegensjtrategie 2, alles ganz langsam zu machen. Alles klar? 2 Jahre dauert die Wende zum leistungsmotivierten Mitmenschen. Bei Schulkindern. Erwachsene schaffen es schneller.

    Im Industrie und Arbeitsbereich ist es so, da man mit der Vernunft arbeiten kann, daß man mit solchen Trainingsmöglichkeiten schon nach einigen Wochen Erfolg haben kann. Da kann sich der Erwachsene bewußt werden, daß er unbewußte Strategien der Arbeitsvmeidung verwendet, da kann er sich entschließen, es entweder anders zu machen, oder sich eine Arbeitsstelle zu suchen, die mehr seinen Vorlieben entspricht, und wo es dan leichter ist, wieder Arbeitseinsatz zu zeigen.

    Meine persönliche Strategie im Kampf, wer den Abwasch macht: Ich warte noch länger wie mein anzuspomendes Gegenüber.
    Es ist tatsächlich so, daß man manchmal jemanden zum Nachdenken bringen kann, indem man noch langsamer arbeitet wie er, genauso Zeit vertut, oder genau so wie er die Sache schlampig macht oder sie einfach liegen läßt, das kann sogar ohne daß man ein Wort sagt, ein bißchen zum Nachdenken bringen. Oder indem man es anspricht, und sagt ist das richtig so, oder sollen wir nicht gemeinsam schauen, daß die Sache schnell und ordentlich erledigt ist.

    Vorsicht! Loben Sie nicht zu früh, wenn jemand vor Ihnen jemand zum Besen gegriffen hat, oder wenn Ihr Kind die erste Hausübung alleine macht, denn eine besondere Eigenheit von Anstrengungsvermeidem ist, daß sie ihnen die entsprechende Tätigkeit so unangenehm ist, daß sie in dem Moment, wo man sie lobt, die Arbeit einstellen. Der Lorbeereffekt. No, der hat mich jetzt gelobt, um Gottes Willen, jetzt wird er noch verlangen, daß ich noch mehr tue, jetzt muß ich ihm gleich zueigen, daß ich es überhaupt nicht machen will und kann.Man muß daher Anstrengungsvermeider auf eine bestimmte Weise loben. Man sagt daher: das haben Sie gut memacht, jetzt bin ich aber neugierig, ob das auch das nächste mal so sein wird. Da signalisiert man, daß man keine Hoffnung hat, daß das immer so sein wird. Davor haben nämlich Anstrengungsvermeider Angst. Auf diese Weise ist es möglich, ihnen den angenehmen Gefühlszustand des Lobs zu vermitteln, ohne daß sie sofort automatisch: um Gottes willen, ich wurde gelobt, das heißt ich muß das immer tun.

    Sind Sie ein Mann?

    In allen Untersuchungen sind immer die Männer wesentlich Anstrengungsvermeidender als die Frauen. Also das Vorurteil von der weiblichen fleißigen Art stimmt wirklich. Woher das kommt, können wir nicht sagen.

    Haben die Frauen die Männer verwöhnt? Oder handelt es sich um eine natürliche, vielleicht intelligente Anstrengungsvermeidung von Männern, die gefunden haben, daß Frauen bereit sind, ihnen alles abnehmen, wenn sie es nur dringlich genug machen? WeIche Erfahrungen haben Sie mit Anstrengunsvermeidern, welche Strategien haben Sie im Kampf mit ihnen? Was machen Sie, um … zu machen? Rufen Sie uns an, wir sind auf Ihre Ticks gespannt. Eine Zusammenfassung hören Sie morgen.

  • 036. Mosaikwerkstatt

    Besuch bei der Familie Storch in Zirl: Arbeiten an Mosaiken.

    Filename: radio036_mosaikwerkstatt

  • 035. Versöhnungsmechanismen

    Collage: Wenn Regierungen versagen, gehen die Menschen aufeinander los. Versöhnungsmechanismen arbeiten kaum so effizient und sind vor allem stiller. Es gibt jedoch die Versuche, für das friedliche Miteinanderleben von Kosovo-Albanern und Serben versöhnliche Hebeln zu finden, entwickelt von jenen, die nicht mehr leiden wollen. Eine Sendung anlässlich der Braunauer Zeitgeschichtetage.

    Filename: radio035_mom_versoehnungsmechanismen Beitrag

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  • 033. Legalisator

    Portrait eines Ehrenamts in Tirol.

    Link: Legalisator (WP)

  • 031. Frauennotruf Pinzgau Pongau

    Gewalt gegen Frauen ist auch im ländlichen bereich ein weitverbreitetes Problem. Die Hemmschwelle, Hilfe anzunehmen, ist im überschau- und einsehbaren Bereich eines kleinen Ortes weit größer als in Städten. Zu groß ist die Scham, zu drückend die Selbstvorwürfe und zu massiv die Befürchtungen, die Verwandten oder Freunde könnten von der misslichen Situation erfahren. Aber auch der Mangel an vertraulich arbeitenden Beratungsstellen verschärft die Situation der betroffenen Frauen. 1997 ist in Saalfelden eine spezielle Beratungsstelle geschaffen worden, die Opfer von Gewalt in ihrer Beziehung wurden. Über 40 Frauen haben seither das Angebot in Anspruch genommen, über ihre Probleme und Ängste zu sprechen, oder mitsamt den Kindern für eine Übergangszeit ins Frauenhaus zu ziehen.

  • 030. Stimmen einer Orgel

    Gute Stimmung bei der Königin der Instrumente Das Stimmen einer Orgel ist eine wahre Sisyphusarbeit. Ständig ändert sich die Temperatur im Kirchenraum und damit auch die Tonhöhen der Pfeifen. Kein Zweifel: Die Orgel lebt. Für den Orgelbaumeister Adolf Donnabaum ist das ein Traum. Einen Tag vor der Aufführung des „Messias“ schütteln sich am frühen Morgen der Cembalostimmer, der Mikrofonierer und der Orgelstimmer die Hände. Die Klangherren haben jene Helfer aus dem Saal vertrieben, die polternd an den Sesseln herummräumten, und jeder der drei bekommt nun die angemessene Zeit für seine Aufgabe. Zwei Stunden hat sich Adolf Donnabaum herausgehandelt. Er ist Orgelbaumeister. 500 Pfeifen erwarten ihn im Gehäuse der „Franz Schmitt Orgel“, der Hausorgel eines früheren Leiters der Wiener Philharmoniker. Still ist es im Raum geworden. Nur der elektrische Blasebalg wird unhörbar zur Arbeit fauchen. 24 Orgeln hat Adolf Donnabaum im Laufe der letzten dreißig Jahre selbst gebaut: „Mit diesem Instrument kann man alles ausdrücken, was der Mensch sagen will. “ Genau das wird Händels Oratorium mit gemessenen 443, 3 Hertz für den Grundton „a“ machen. Dieser Kammerton wird sich noch erhöhen, wenn Menschen kommen, und mit der mitgebrachten Temperatur die Tonhöhe der Orgelpfeifen steigen lassen. „Wenn man eine Metallpfeife auch nur in die Hand nimmt, ändert sich der Ton. Das macht das Stimmen ziemlich schwer“. Zuerst wird der Grundton gestimmt, und dann geht es mit Oktaven, Quinten und Quarten auf- und abwärts. Das Principal ist das erste Register, das so gestimmt wird, alle anderen ordnen sich ihm unter. „Wohltemperiert“ heißt die Stimmung, und das bedeutet, daß der unvermeidliche mathematische Stimmfehler, das sogenannte „pythagoräische Komma“, gleichmäßig auf alle Intervalle aufgeteilt wird. Der Orgelbaumeister arbeitet schnell und konzentriert. Legt Bleigewichte auf die Tasten, ohne Assistent könnte er sonst nicht den Ton anschlagen und gleichzeitig die Pfeifen aus ihrem vorgsehenen Platz nehmen. Störungen beim Gang der Arbeit quittiert er mit zwei steilen Falten auf der Stirn. Das Funktelefon ist abgeschaltet. Abgelenkt will er während der Zeit des Stimmens nicht werden, „die Konzentration wäre dahin, nach einer Stimmung bin ich ohnehin geistig ziemlich ausgebrannt“. Unterstützung kommt von einem elektronischen Meßgerät, das mit wandernden Strichen anzeigt, ob der vorgeschlagene Ton zu hoch ist, oder zu tief. Das geht aber nicht mehr bei Mixturen, bei denen mehrere Pfeifen gleichzeitig durch einen einzigen Tastendruck aktiviert werden. Das Meßgerät kann zwar mit den Vorlieben des Stimmers programmiert werden, es kann jedoch nicht mehr zwischen mehreren Tonhöhen unterscheiden, und auch nicht zwischen Klang und Geräusch. „Ob der Fehler in den Obertönen liegt, oder nicht, kann nur das geschulte Ohr auseinanderhalten. Aber das Meßgerät ist schon eine Erleichterung. 80% der Arbeit kann ich damit sehr schnell machen, für den Rest brauche ich meine Ohren, und vor allem, mein Gefühl“. Das Stimmhorn ist das wichtigste Werkzeug für die Stimmung der Metallpfeifen. Auf der einen Seite eines Stabes sitzt ein Kupferkegel, mit dem die Öffnungen der Pfeifen aufgeweitet werden, die Töne werden damit tiefer. Mit der andere Seite des Stimmhornes, einem Trichter, werden die Pfeifen am oberen Ende wieder zusammengebogen, die Töne werden höher. Ein Korkgriff verhindert, daß sich das Stimmhorn erwärmt, was wiederum die Tonhöhe beeinflussen würde. Die Arbeit schreitet gut voran. Nur einzelne Intervalle machen Probleme. Und so tanzen mit den verstreichenden Minuten die Töne durch das Orgelgehäuse. Mit Katzenjammer hat das nichts zu tun, mehr vielleicht mit dem Quietschen einer Eisenbahn in Kurven. Im Inneren der Orgel vollzieht sich der Lauf der Töne einer Oktave gleichmäßig von einer Seite zur anderen. Nur die sichtbaren Pfeifen im Prospekt an der Front der Orgel sind nicht nach Tonhöhen, sondern nach ästhetischen Kriterien geordnet. Hören kann das Ohr den Mißklang zweier Töne durch die Schwebung: Ein regelmäßiges Lauter- und Leiserwerden des Zusammenklanges, ein paar mal pro Sekunde, oder auch nur einmal alle paar Sekunden. Und irgendwo dazwischen liegt der Kompromiß, das Ideal. Wo genau, wird durch Stil und Sicherheit des Stimmers festgelegt, und über diese Fragen wird unter Fachleuten gerne diskutiert. Das war schon immer so. „Es ist besonders tragisch, wenn bei der Orgel etwas nicht stimmt, denn die Töne der Orgel sind tragend. Die Leute hören jeden Fehler“. Violinspieler können falsche Tonhöhen unmittelbar ändern, der Cembaloklang verfliegt im Kirchenraum, aber der Orgelton krallt sich in den Winkeln und Nischen fest. Wenn alle Pfeifen halbwegs gleichmäßig verstimmt sind, dann kann ein guter Orgelspieler transponieren, das Stück einen Halbton höher oder tiefer spielen als im Notenblatt notiert. Nach einer halben Stunde ist das Principal fertig. Ein Ton des angestimmten Akkordes reißt noch aus und wird vom Stimmhorn gezähmt. Adolf Donnabaum gibt etwas verschämt zu, nicht so gut zu spielen, wie er stimmt, indes beenden einige wohlgestimmte Akkorde jene Monotonie, die durch die regelmäßig angeschlagenen Intervalle beim Stimmen eingetreten ist. Der Meister kratzt sich ein wenig an seinem kurzen weißen kurzen Bart und erinnert sich daran, den „Subbaß 8 Fuß“ nicht zu vergessen, eine Gruppe großer Pfeifen, die mit dem Pedal zum Toben gebracht werden. „In Wien“, zwinkert Orgelbaumeister Donnabaum dann zwischendurch, „kommen zuerst die Lipizzaner, dann die Sängerknaben und dann die Philharmoniker. Die Orgel wird oft so lange gespielt, bis es gar nicht mehr geht, solange sie noch irgendwie pfeift, wird sie benützt. “ Dann seien von 20 Registern vielleicht noch vier spielbar und der Organist schließt ständig Kompromisse. „Es gibt aber auch Orgelbesitzer, die ihr Instrument regelmäßig pflegen und stimmen“, und das müsse auch sein, denn die ständigen Temperaturwechsel der Jahreszeiten schlagen sich in veränderten Tonhöhen nieder. Früher, als die Kirchen noch nicht geheizt waren, war es noch besser – für die Orgeln. Und früher haben die Lederriemen in der Traktur der Orgel noch 50 Jahre gehalten, heute sind es durch die schnelle Art der Gerbung nur mehr 30 Jahre. „Da muß dann halt viel gemacht werden“, freut sich der Orgelbaumeister und leidet zugleich. Bei älteren Orgeln muß sich der Mensch dann an das Instrument anpassen, wenn etwa die Übertragung des Tastendruckes an die Windlade unter den Pfeifen nicht mehr unmittelbar sondern nur noch zäh funktioniert. Das gehört dann zur Persönlichkeit der Orgel. Aber das genau ist es, was Adolf Donnerbaum begeistert. Für ihn ist durch den Beruf des Orgelbauers ein Traum in Erfüllung gegangen. „Es hat alles gepaßt! Meine Eltern waren mit der Kirchenmusik sehr vertraut, ich habe Violine gelernt, und als ein Orgelbauer einen Lehrling suchte, war ich dabei. “ Gelernt hat er in Linz, und in den fünfziger Jahren ist er nach Holland gegangen, dort wo die große Tradition zu Hause ist. „Das kommt durch den Reichtum und das Konkurrenzverhalten der verschiedenen Konfessionen dort. Jeder wollte die schönste und wohlklingendste Orgel bauen lassen, und Geld war auch genügend da. “ Die Lehre zum Beruf des Orgelbauers dauert in Österreich dreieinhalb Jahre. Jedes Jahr beenden fünf bis zehn Lehrlinge diese Ausbildung. Die meisten Orgelbauer sind in Vorarlberg zu Hause, der Konkurrenzdruck im In- und Ausland ist groß. Dennoch sind die inländischen Betriebe gut ausgelastet. Es gab eine Zeit, da beschäftigte Adolf Donnabaum 8 Angestellten und wurde damit zum Manager. Heute arbeitet er – wenn nicht gerade Stimmzeit ist – allein in seiner Werkstatt im 3. Wiener Bezirk, an der Werkbank mit Holz- und Metallpfeifen, an Trakturen. Am Schreibtisch entwirft er Angebote und Konstruktionsplänen für neue Orgeln. „Wenn man in einen Raum kommt, der leer ist, und man bekommt den Auftrag, eine Orgel zu bauen, dann verbindet man architektonische und ästhetische Kriterien mit der musikalischen Kunst und dem Handwerk. Da wird alles konstruiert, angefertigt, zusammengebaut, gestimmt, das ist eine wunderbare Arbeit, man muß alles können, und daß aus Bäumen und Erzen so etwas entstehen kann, ist eine Faszination. Wenn es klingt, ist es vollendet. “ Richtig zufrieden ist Adolf Donnabaum eigentlich nie. „Orgelstimmen ist ja eine Sisyphusarbeit. Wenn man eine Zeitlang arbeitet, erwärmt sich die Luft hier durch den Orgelmotor, jede Luftbewegung wirkt sich aus, dann muß man irgendwann sagen: Schluß, jetzt paßt es“. Die Erwartungen an ihn sind hoch, und wenn die Königin trotz Huldigung verstimmt ist, halten sich die Veranstalter an ihn, auch wenn physikalische Gesetze an den Dissonanzen die Physik schuld sind. Oder die Bewegung. „Das Leben der Orgel ist eben immer vorhanden. “ Nach zweieinhalb Stunden sind die vielen Pfeifen und Register der Orgel in der Südstadtkirche in Maria Enzersdorf wieder befreundet. Die Ausgangssituation war gut. Nun ist der Cembalostimmer an der Reihe, und tags darauf wird die Orgel mit dem Cembalo den Gesang von Chor und Solisten lächelnd oder traurig unterstützen. Kunst und Kirche werden zum Leben erweckt, und Adolf Donnabaum wird dabeisein und hören.