Erfahrungen von Lothar Bodingbauer (Ö1 NAT, Ö1 MOM)

Interviews für Radio wurden bisher face:face oder in Studios durchgeführt, die über Rundfunkleitungen verbunden sind. Wenn beides nicht funktioniert, weil Homeoffice vorgeschrieben und Funkhäuser gesperrt sind, können Radioleute Technik verwenden, die in den letzten Jahren von Podcaster:innen der deutschsprachigen Podcastlandschaft entwickelt wurden: „Studio-Link“. Abhängig vom Mikrofon der Gegenseite sind hier Interviews in Studioqualität möglich.

Beispiel (Sendung mit 6 Leuten an unterschiedlichen Plätzen): https://freakshow.fm/fs248-public-static-final

So geht es:

1) Mein Gegenüber hat ein tolles Mikro und ein Interface. Lösung: Studio-Link Standalone. Die Gegenseite lädt das Programm herunter, startet es, sagt mir ihre/seine ID. Ich lade das Programm herunter, starte es, gebe die ID ein. Allenfalls: Auswahl des Interfaces. Beide Seiten haben einen Aufnahmeknopf, den sie betätigen. Sollte es durch das Internet zu Verbindungsstörungen kommen, kann die lokale Aufnahme verschickt werden. Das Gespräch kann auch gleichzeitig über ein beliebiges Videokonferenz-System geführt werden, um die Gegenseite zu sehen, es wird dann dort nur das Bild verwendet, und der Ton stummgeschaltet. / Häufiger Fehler: Echo – Gegenseite muss einen Kopfhörer aufsetzen. Es gibt auch einen „live“-Knopf, das einen Link zum Abhören der laufenden Aufnahme in bestmöglicher Qualität liefert.

Link: https://doku.studio-link.de/standalone/installation-standalone.html

Link: Anleitung (pdf, Englisch, für Gäste) | Anleitung für Gäste, gut zu klingen von Joram Schwartzmann (engl.)

2) Mein Gegenüber hat kein ordentliches Mikrofon, aber immerhin ein Smartphone. Lösung: Ich schicke ihm einen Link – angeklickt öffnet sich beim Ersten mal eine Download-Seite für eine App (Softphone), diese App wird installiert, und der Link noch einmal geklickt – es ist mit diesem Link alles vorkonfiguriert. Ich habe auf meiner Seite in „my Studiolink“ diesen Link vorbereitet und kann dann mit Studiolink-Standalone auf meiner Seite das Gespräch wie in Punkt 1) durchführen und aufzeichnen.

Link: https://doku.studio-link.de/mystudiolink/cloud-softphone.html

3) Mein Gegenüber hat „nur“ eine Telefonnummer. Einerseits kann ich aus Skype mit Guthaben herauswählen. Mit Skype Call Recorder (Apple) kann ich beide Spuren getrennt aufnehmen und dann verwenden. Oder ich sorge dafür, dass Studio-Link eine Nummer anrufen kann. Dazu muss ich eine sogenannte SIP-Nummer organisieren. Mit diesem SIP-Konto kann ich die/den gewünschten TeilnehmerIn anrufen, Aufzeichnung wie immer über den Studiolink-Standalone Aufnahmeknopf. Oder ich kann angerufen werden.

Link: https://sipcall.at/index-private.php

Funktioniert das? Es gibt zwei Fehlerquellen – eine auf meiner Seite – ich sollte meine Infrastruktur schon ausprobiert haben, weil sie eine etwas „neue“ Logik hat. Auf der Gegenseite kann es alles geben – von „funktioniert sofort“ und „wow“, zu „wir finden den Fehler nicht“. Die Chance ist aber immer mehr als fair. Nur in ungewöhnlichen Umständen (Betriebssysteme/Computer/Aktualisierungsgrad/Interfaces) gibt es Probleme. Die Mühe zahlt sich aus, das Ergebnis ist immer besser als ein Telefonmitschnitt oder Zoom-Mitschnitt oder auch Skype.

Weitere Tipps:

A) Größere Interviews (Vom Leben der Natur): Ich verschicke per Post ein kleines Paket mit einem Headset (Beyerdynamic DT297) und einem kleinen Interface (Focusrite Scarlet), das wird angesteckt, und mit Studiolink-Standalone mache ich das Gespräch in bester Qualität. Theoretisch können hier bis 6 Teilnehmer:innen kombiniert werden.

Link Headset: https://www.thomann.de/at/beyerdynamic_dt297pv80_mk_ii.htm

Link Interface: https://www.thomann.de/at/focusrite_scarlett_solo_3rd_gen.htm

B) Ein AKG-214 Großmembranmikrofon kostet bei Klangfarbe 298€, vielleicht gibt es sie auch in irgendwelchen Lagern zum Ausborgen. Das sorgt für Studioklang ohne Kleiderschrank und Bettdecke etc. Es klingt einfach nicht wie ein „normales Interviewmikrofon für Moderationen verwendet“. In einem normalen Zimmer verwendbar, das nicht kahl ist, braucht keine absolute Stille in der Wohnung.

Link: https://www.klangfarbe.com/artikel.php?a=akg-c-214-s30516

C) Auphonic rechnet mir die Aufnahmen „schön“, und zwar vor allem was die Lautstärken betrifft, Rundfunk ist -23 LUFS (Ö1: -20 LUFS). Diese Aufnahme kann ich dann via ftp in den ORF Pool übertragen. Bis 2 Stunden pro Monat gratis. (Keine Rauschunterdrückung einstellen, das mögen wir beim Radio nicht.)

Link: https://auphonic.com/

D) Soll ein Podcast bespielt werden, nimmt man sinnvollerweise mit Ultraschall.fm auf, Studiolink ist dort integriert. Man kann auch einfach live senden (bis 500 Hörer:innen, Link verschickbar). Ultraschall verwendet Reaper (derzeit kostenlos), und adaptiert das in die Podcastwelt.

Link: http://ultraschall.fm

E) Möchte man zuhause OTs/Radiosendungen schneiden, empfehle ich eher Hindenburg (Mac) als Software – dieses Programm ist angetreten, „um Protools aus dem Rundfunkbereich zurückzudrängen“. Es reicht, die einfach Version zu verwenden, „Journalist Pro“ ist nicht notwendig, weil Auphonic für die passenden Lautstärken sorgt.

Link: https://hindenburg.com

F) Für den Mitschnitt von Computerton verwende ich Audio Hijack.

Link: https://rogueamoeba.com/audiohijack/

G) Die deutschsprachige Podcast-Community heißt „Sendegate“. Dort gibt es Möglichkeiten, alle Fragen zu stellen, die sich ansammeln. Üblicherweise gibt es jährliche Treffen, bei denen man die Entwicklung vorantreibt:

Link: http://sendegate.de

H) Alle Podcast-Tipps habe ich auf meiner Seite zusammengestellt, ich stehe gerne auch für Fragen zur Verfügung: lothar@sprechkontakt.at , lothar.bodingbauer@orf.at

Link: https://www.sprechkontakt.at/category/podcasting/

I) Cleanfeed kann auch noch ausgezeichnete Audioverbindungen (Chrome Browser), kostet im monatlichen Abo etwas, ist easy für unerfahrene Gesprächspartner:innen, kann lokale Aufnahmen. Easy mit Smartphones. Man verschickt einfach ein Mail mit dm Link und der Gast wird zugeschalten. Hier muss nichts installiert werden.