Es ist keine Kunst, in der Ruhezone der Eisenbahn etwas zum Aufregen zu finden. Steigt einer ein. Setzt sich fast hin und fragt: “ist da frei?”. “Grüß Gott, bitte gerne.” Lektion erteilt. Man grüßt. Kontaktaufnahme. Anfänger. Sein Telefon läutet nach 2 Minuten. Maximal laut, und der Klingelton das Scheppern eines Weckers. Kurzes Gespräch. Nach weiteren zwei Minuten noch ein Anruf. “Könnten Sie das auf lautlos stellen, das geht einen ja in den Bauch”. “Ja”. Konziliantes Gegenüber. Er sucht keinen Streit. Und verabschiedet sich nach einer halben Stunde in St. Pölten mit einem freundlichen “Auf Wiedersehen”.
Beobachtung
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Nachtzug
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in TagebuchAber mal ehrlich. Ich finde Schlafzüge auch super, aber zeig mir einen, in dem man nicht in Zellen reist, die einem Gefängnis gleichen. Oder einem Aquarium. Ich weiß nicht. Besser ist, und das ist mir lieber, am Tage zu reisen, Mittags in einem Städtchen auszusteigen und in einem guten Restaurant zu Mittag zu essen, am Nachmittag nach einem Spaziergang am fremden Orte wieder einen Zug zu ersteigern, um am Abend dort auszusteigen, wo eine Kleinstadt ist, um dort gepflegt zu nächtigen. Das Frühstück am gedecktem Tisch, bevor es wieder weiter geht. So dauert die Fahrt nach Paris vielleicht drei Tage, aber menschliche drei Tage, und man kommt ausgeruht und erholt am Zielort an.
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Lebenskäse
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in TagebuchAlltagsbeobachtung: Ein Vater kommt Samstag Mittag mit seinen zwei kleinen Kindern am Laufrad aus dem Spar. Packt eine Leberkässemmerl aus, atmet durch, beißt zuerst hinein (wie im Flugzeug: Sauerstoffmasken zuerst die Erwachsenen selbst aufsetzen), dann beißen die beiden Kinder hinein. Der Vater sagt zu allen Beteiligten und zum Beobachter: “Ahh, deswegen leben wir.”
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Abgefahren
Der Verkäufer verlässt den Würstelstand an der Straßenbahnstation durch die Hintertüre, die er versperrt. Er geht eilig um den Stand herum und schiebt vorne von außen das große Glasfenster zu. Dann läuft er zur Straßenbahn, die in diesem Moment einfährt. Er springt hinein und fährt davon. Im Würstelstand geht das Leben weiter, als wäre er noch da. Es brennt das Licht. Fünf Bratwürste liegen nach wie vor am Grill. Eine spanischsprechende Touristin klopft an die Scheibe.
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55 Lings and counting
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in TagebuchNützling, Schädling, Lästling. Wildling, Fegling, Flugling, Saugling, Flüchtling, Reindling, Weidling. Fingerling, Widerling, Finersling, Engerling. Schmetterling, Halbling. Prüfling, Günstling. Jüngling, Lüstling, Wüstling, Fiesling, Emporkömmling. Feigling. Lehrling, Liebling, Mischling, Häuptling, Frühling, Zwilling Neuling. Frischling, Rötling, Schönling, Jährling, Primitivling. Meidling! Sprössling, Däumling, Engerling, Hundling, Mandling, Setzling, Winzling, Schilling, Schelling. Fiesling, Miesling. Schmächtling. Sennerling. Frühling! Suling, Siling. Fäustling, Erstling. (Danke H.C. Luschützky, @HerrRau, @Xoph_vienna, @DerExplikator, Monika Reichart, Emmanuel Dammerer, Alena Baich, Jörg Reitmaier, Ladislav Vorich, Stella Damm, Karin Zanyath, Rex Marten Gaidies, Zoe Valerie Georgi, Gerlinde Meyer-Schmitzberger, Judith Purkarthofer)
Chuck Berry – My Ding-A-Ling
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Missverständnis
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in TagebuchEine österreichische Partei setzt ein “unmissverständliches und klares Zeichen”, in dem sie einen Mitarbeiter aus Partei und Parlamentsclub ausschließt. Liebe Freunde der subtilen Kommunikation: Ihr könnt ein Zeichen setzen. Ob es missverständlich oder unklar ist, klar oder unmissverständlich, das beurteilen ich oder mein Kater, der schläft aber gerade.

