Storytelling

Wir erzählen einander Geschichten. Was passiert ist. Was vielleicht passieren wird.

Im Workshop “Storytelling” entwickeln wir Geschichten. Ausgehend von der Frage: “Worüber lohnt es sich zu reden?” finden wir Themen bei einem “doppelseitigen” Spaziergang, bei dem wir erst vor die Kulissen, und dann hinter die Kulissen schauen. Im gemeinsamen Gespräch werden wir jene Punkte identifizieren, die zu berichten spannend sind.

Obwohl es einige Leitlinien gibt, was eine gute Geschichte ist, und wie sie vermittelt wird, steht in meinem Workshop zum Storytelling der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung im Mittelpunkt.

Wirkungsvolle Strategien lernen wir im “reverse engineering” einer guten Radiogeschichte kennen. Und: Storytelling beinhaltet immer die/den Erzähler:in, es gibt keine fertigen Rezepte die einzigartig sind. Es gibt nichts zu kopieren.

Wer eine Geschichte vorschlägt, die es sich lohnen soll, zu machen, wird zum Vorstellen folgende drei Punkte vorbereiten:

  1. Ich mache eine Geschichte über …
  2. Es geht darin um …
  3. Und das Besondere daran ist …

185. Salzburger Glockenspiel

Täglich drei Mal erfreut das Salzburger Glockenspiel Einheimische wie Tourist/innen durch seine meist bekannten Melodien. Die Tonreihe der 35 Glocken umfasst drei Oktaven mit allen Halbtönen. Das technische Wunderwerk am Residenzplatz wurde 1703 an der Westseite des “palazzo nuovo” errichtet, der heutigen “Neuen Residenz”. Für Abwechslung sorgt seit vielen Jahren Musikmeister Erich Schmidt, der pünktlich zu Monatsende um 11 Uhr die Melodien “umsteckt”.

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Manuskript

„Das klingelt so herrlich…“

Melodiewechsel beim Salzburger Glockenspiel

10 min. / (Lothar Bodingbauer)

Salzburg, am Domplatz, ein schöner Herbsttag, ein Spätherbsttag. Es ist kurz vor 11. Vor der neuen Residenz versammelt sich erwartungsvoll eine kleine Gruppe von Menschen.

OT Chinese (kurz) – Spricht chinesisch

Der Herr aus China kommt wegen der Architektur und dem guten Ruf der Stadt hierher, und für die Salzburger selbst ist das zu erwartende Glockenspiel die Belohnung nach ein paar Wegen in der Stadt.

OT Salzburgerin

Wenn man so ungefähr um die Mittagszeit komm, dann erwartet man, dass das noch ein kleiner Zusatz ist für einen schönen Salzburgbesuch, dass man das Glockenspiel hört.

ATMO Glockenspiel 1 mal die Melodie, darüber dann…

Die Melodie wird einmal pro Monat gewechselt, und heute ist es wieder soweit. Ganz genau hört gerade einer zu: Erich Schmidt, er betreut das Glockenspiel gemeinsam mit seiner Frau Adelheid. Er runzelt die Stirn – zwei Glocken sind ausgefallen.

OT Schmidt Erich

Letzte Woche war es noch in Ordnung. Jetzt klingt es eher modern, das Ganze. – Ich bin der Glockenspielsetzer, mache monatlich die Melodien ins Glockenspiel, zusammen mit meiner Frau. Durch meine Heirat mit ihr habe ich sozusagen ins Glockenspiel hineingeheiratet, weil das ist in ihrer Familie Familientradition. Schon seit 1873 ist das in der Familie, dass immer die Nachfolger dann das Glockenspiel weiter betreuen.

OT Schmidt Adelheid

Mein Großvater war Uhrmacher und hat die Uhr gebaut, die drei mal am Tag oben das Glockenspiel auslöst. Und mein Vater hat von Jugend an von den 20-er Jahren bis zu seinem Tod das Glockenspiel betreut. Wir sind 4 Geschwister zuhause gewesen und mein Vater hat uns alle mit dem Glockenspiel aufwachsen lassen. Wir könnten alle vier das Glockenspiel setzen. Die meisten Stücke, so wie sie jetzt gespielt werden, hat er selber eingerichtet, dass es gut klingt, dass nicht zu viele Klänge zusammenkommen und doch die Melodie erkenntlich ist.

ATMO hinaufgehen

OT Schmidt Erich

Ja, jetzt werden wir hinaufgehen in den Turm und die alte Melodie raustun und die neue Melodie reintun und zuerst einmal schauen, warum bei der alten Melodie so viele Glocken nicht angeschlagen haben, denn letzte Woche war’s ja in Ordnung.

Der Turm ist zwischen 30 und 40 m hoch – wir werden das lieber etwas langsamer angehen – 190 Stufen sind es bis nach oben.

OT Schmidt Erich

Das ist die neue Residenz, nennt sich das im Volksmund. Offiziell heißt es Neugebeude, hat der Wolf Dietrich bauen lassen, Erzbischhof Wolf Dietrich. Ist später aufgestockt worden der Turm, um das Glockenspiel hineinzubauen. (Atmo sperrt auf)

In der Turmstube angekommen, ist jeder ein wenig außer Atem. Ein Wunderwerk an Technik tut sich auf. Zähne, Räder, Seile, Stäbe, Rollen, Walzen. Alles hier ist analog, es riecht nach warmem Lerchenholz und, tatsächlich ja, nach vielen, vielen Schrauben.

OT Schmidt Erich, Atmo läuft ständig passend

Jetzt muss ich die sogenannte Klaviatur wegtun, weil sonst spielt es jedesmal wenn ich die Walze weiterdrehe, hört man es unten in ganz Salzburg.

Schnell wird sichtbar, warum zwei Glocken vorhin fehlten, ein Kettenglied hat sich gelöst, mechanische Beanspruchung, ganz normal, sagen Herr und Frau Schmidt.  – So – Zentrales Stück der Anlage ist eine große Walze, wie ein Hamsterrad, zweieinhalb Meter im Durchmesser aus Bronze, mit 7970 Löchern. Da werden die Schrauben hineingedreht. 

OT Schmidt Adelheid

Jede Schraube ist ein Ton, die Glocken haben zwei Hämmer, und jede Linie auf der Walze ist eine Achtelnote. Und so kann man sich das dann umsetzen von der Partitur, dass man genau die Stifte in die richtige Reihe steckt, die Pausen einhält, und die Notenlänge und den Notenwert.

OT Schmidt Erich

Jetzt muss ich die Walze vorlaufen lassen auf meine Arbeitsposition, damit ich auch bei Takt 1 anfangen kann.

Das Quietschen und Sirren das man dann und wann hört, kommt übrigens vom Elektromotor, der die Walze weiterdreht.

OT Schmidt Adelheid

Das alte Stück muss jetzt herausgenommen werden, das heißt jeder Stift ist von hinten mit einer Mutter angeschraubt, die wird gelockert, dann muss man von vorne den Stift rausnehmen und die neugesetzten muss man dann wieder anschrauben.

OT Schmidt Erich

Es sind 35 Glocken, und teilweise haben die Glocken zwei Hämmer. Es sind genau drei Oktaven mit allen Fis-Cis und so weiter dabei, alle Halbtöne dabei.

OT Schmidt Adelheid

Ich habe in meiner Kindheit auch sehr viel noch das Gewicht heraufgehoben. Da muss man kurbeln und kurbeln, dass das Gewicht raufkommt. Und das Faszinierendste für mich als Kind war die Geschwindigkeitsregelung mit den zwei Flügeln, dass du nur ein bisschen raustust und die ganze riesen Walze wird langsamer oder schneller.

OT Schmidt Erich

Die große Walze dreht sich jetzt natürlich auch mit einem Elektromotor. Sie könnte aber auch mit dem alten Werkl betrieben werden, die jetzt in Betrieb ist, und für besondere Anlässe als Demonstrationszweck benützt wird.

ATMO Erich Schmidt summt die Melodie …

OT Schmidt Erich

… haben wir gerade geesetzt, und jetzt – genau da sind wir.

Nach einer halben Stunde konzentrierten Schraubens folgt der erste Test der neuen Melodie, in der Turmstube selbst. 

OT Schmidt Erich

Beim ersten mal Abhorchen muss man die Geschwindigkeit einstellen, weil jedes Musikstück, was vom Vormonat zum Nachmonat, hat eine andere Geschwindigkeit. So, dann schauen wir mal.

ATMO Klackern, leise Glocken

Lange Holzleisten übertragen den Impuls der gesetzten Schrauben nach oben hin weiter zu den Glocken.

Atmo hinaufgehen

OT Schmidt Erich

Jetzt muss ich schauen, mir ist vorgekommen, es hat zweimal ein D nicht angeschlagen, das wäre da (DING). Aha, genau. (DING). Aha. Da ist (DING) der Hammer zu weit von der Glocke weg und dadurch schlagt es nicht an, weil die Bremse vorher in Kraft tritt, bevor der Hammer an die Glocke schlägt. Na. (DING). Brauche ich ein anderes Werkzeug, muss ich wieder runtergehen.

Zwei Jahre nach der Restaurierung „feigelt“ es immer wieder noch ein bisschen, sagt Erich Schmidt bis alles reibungslos läuft, was sich über die Jahrhunderte schön eingestellt hat. Die Glocken stammen übrigens aus Holland und wurden über wundersame Wege auf Karren mit Stroh nach Salzburg gebracht. Damals 1695. Erzbischof Johann Ernst Graf Thun hatte mit der Ostindischen Handelsgesellschaft Gewinne gemacht, der Hofuhrmeister Jeremias Sauter wurde beauftragt, das Werkl dann zusammenzubauen, was natürlich komplizierter ist, als es jetzt klingt.

ATMO (DING DING DING)

OT Schmidt Adelheid

Das Glockenspiel hat ja auch die Funktion gehabt zu den Essenszeiten zu rufen, deswegen Früh, Mittags, Abends, die Arbeitspausen 7, 11 und 6 Uhr. Es war also nicht nur zur Muße sondern zur Information.

So. Alle Glocken klingen, und jetzt kommt die Generalprobe für die Menschen, die schon unten drauf warten.

ATMO neue Melodie

Es passt. Und mit dem Schlusston ist für Erich Schmidt nur noch eines zu tun.

OT Schmidt Erich

Jetzt schreibe ich ins Turmbuch, dass ich die Melodie Lobet den Herren von Joachim Neander ins Glockenspiel gesetzt habe.

So hat alles seine Ordnung, Herr und Frau Schmidt packen ihr Werkzeug zusammen – und unten – da lächeln die Leute.

OT Salzburgerin

Man hört das einfach gerne, man freut sich, es ist aus einer alten Zeit und kommt in die Gegenwart gut herüber.


(Deutschlandfunk/Sonntagsspaziergang, 24. November 2013)

Reisesendung

Meine erste Radiosendung war ein Beitrag für die Reisesendung Ambiente im ORF Programm Österreich 1. Mittlerweile sind schon viele Jahre vergangen und ich frage mich nach wie vor, was eigentlich genau in einer Reisesendung sein soll, und was nicht. Regeln habe ich keine, aber Gedanken schon.

1) Kein Beitrag über eine Stadt fängt mit einer Verkehrs-Atmo an. Es kracht genug. Verbrennungsmotoren haben als kennzeichnendes Geräusch nichts verloren.

2) Was ist ihr schönster Platz in dieser Gegend? Das ist keine gute Frage an einen Bewohner. Besser: Welche Stellen haben Sie in dieser Gegend gerne? Der Hörer soll entscheiden, ob das die schönsten Plätze sind. Oft ist wenig Zeit für Recherchen, mit der Frage nach dem Besten/Schnellsten/Großartigsten kommt nichts Gescheites raus. Das hört man nicht, aber man spürt es beim Hören.

3) Nicht einen Reiseleiter aufnehmen. Bei einem Rundgang mit anderen Touristen. Nicht. Nie.

4) In einem Museum kann man ruhig mit Mitarbeitern sprechen, über ihre Arbeit, ihren Zugang. Man erfährt dann oft etwas über den Inhalt des Museums. Es ist aber nicht so nett, den Inhalt des Museums vom Mitarbeiter zu erfahren. Das kann man als Tourist nach dem Hören der Sendung aus Lust am Reisen selber tun.

5) Es hilft schon, nicht beim ersten Mal an einem Ort eine Sendung darüber zu machen, sondern erst einmal ohne Mikrofon einfach nur Augen und Ohren offen zu halten, um zu “spüren”, was die Gegend ausmacht.

6) Kein “wir” oder “ich”. Warum sollte sich der Hörer für “uns” oder “mich” interessieren?

Link: WRINT – Holger Klein spricht mit Frau Diener von der FAZ über Reisejournalismus

012. Wiener Riesenrad

Über 100 Jahre ist das Wiener Riesenrad alt. Eigentlich hätte es schon längst wieder abgerissen werden sollen. Aber noch heute ist es ein Pflichtausflug für jeden Wiener Firmling: Nach der Messe in den Prater und natürlich auch ins Riesenrad. Die Geschwindigkeiten der Reise nehmen im Prater üblicherweise zu: Sky Coaster schießen die Menschen mit 100 km/h in die Luft. Das Riesenrad jedoch dreht sich seit eh und jeh im Kreis: Mit etwas mehr als einem km/h. Eine Aussichtsfahrt in Kreisbewegung. Mit dabei sind neben den Verliebten jene Menschen, die das Rad im Kreise halten: Der technische Inspektor und eine Mitbesitzerin des Rades – das nebenbei bemerkt kein Rad ist – „Wiener Dreißigeck“ müßte es genaugenommen heißen. Im Beitrag zu erfahren sind auch Geschichten rund ums Rad und um den Prater.

Gestaltung: Ingrid Rachbauer, Lothar Bodingbauer

Filename: radio012_riesenrad_ausschnitt Ausschnitt

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001. Uusi-Valamo, Kloster in Finnland

001. Uusi-Valamo, Kloster in Finnland

Orthodoxes Kloster in Finnland: Das orthodoxe Kloster Neu-Valamo ist ein spirituelles Zentrum in der Mitte Finnlands. Gäste können hier arbeitend ihre Ferien verbringen. Sie leben und arbeiten mit den Mönchen – und am Abend gibt’s gemeinsam Sauna. Sprecher: Klaus Höring, Moderation: Toni Böhm, Redaktion: Ursula Burkert.

Links: Uusi Valamo (WP) | Uusi Valamo (Website) | Filename: radio001_valamo Beitrag

Filename: radio001_valamo

Das Kloster befindet sich am Ufer des Juojärvi Sees
Lothar Bodingbauer als Tellerwäscher im finnischen Kloster Uusi Valamo
Tellerwäscher im finnischen Kloster Uusi Valamo

Manuskript

ATMO Eisenbahn

TEXT

Unser Ziel ist Ostfinnland, ein kleines orthodoxes Kloster, in dem wir arbeiten wollen, für Kost und Quartier. Genug des irren Umherreisens. Entlang der Bahnstrecke quer durch die Mitte Finnlands weite Getreidefelder und Wälder. Unzählige Föhren und Birken, deren weiße Stämme während der Fahrt scheinbar in alle Richtungen durch­einander­tanzen. In den Feldern sind verwitterte Felsen, der Wind hat das Ge­trei­de auf weite Flächen zu Boden gedrückt. Immer öfter be­glei­ten wir das Ufer eines Sees. Unermüdliche Alleszähler haben sie gezählt, genau einhundert­siebenundachtzigtausend-achthundertachtundachtzig Seen gibt es hier in Finnland. – Drei Kinder auf einem Feldweg entlang der Bahn, sie winken nicht, sondern ahmen mit ihrem Zucken das Schießen von Maschinengewehren nach – aber das finden wir wohl in allen Ländern dieser Welt.

ATMO Waldrauschen

TEXT

Uusi-Valamo, das orthodoxe Zentrum Finnlands ist nur auf gut Glück in der Einöde zu finden; wohlversteckt im weiten Wald am Ufer des Juojärvi-Sees. Dreißig Kilometer sind es bis zum nächsten Ort, und die Landstraße führt im sicheren Abstand von fünf Kilometern vorbei. Von der langen Fahrt noch ermüdet, schrecken wir früh­morgens um dreiviertel sechs durch Kläge hoch, die an manchen Tagen melancholisch, zumeist jedoch verspielt klingen.

ATMO Glocken

TEXT

Abwechselnd mit den andern zehn Mönchen erklettert Bruder Johannes jeden Tag dreimal den Glockenturm.

OT

Die Glocken werden von Hand geläutet, das ist der Ptoloma, der Sakristan, der das machen muß, und jeder Sakristan hat seine eigene Melodie, weil es einen Sakristan des Tages gibt, und der hat dann die eigene Melodie, die er gerne spielen möchte. Und das braucht eine Weile, bevor man die Glocken wirklich spielen kann, denn man braucht ja beide Hände, und die Füße und den Kopf, damit die Melodie gut läuft. Aber nach einigen Monaten Übung und nach viel Gelächter durch die anderen Mönche, dann geht das.

TEXT

Das Kloster selbst ist weder alt noch dunkel und mystisch, wie es das Klischee vorschreiben würde. Die weiße Kirche mit goldener Kuppel wurde erst neunzehnhundertsechsundsieb­zig erbaut. Einhundertfünf­zig Brüder wurden zu Vertriebenen, als Stalin 1940 ihre alte Heimat bombardieren ließ, eine Insel im heute russischen Ladogasee. Drei Tage hatten sie Zeit, um Alt-Valamo zu verlassen und unzählige Ikonen mußten zurückgelassen werden. Die Bruderschaft schuf sich hier in Ostfinnland auf dem Gelände eines alten Bauern­hofes eine neue Bleibe.

ATMO Klostershop

Heute mischen sich im Klostershop sakrale Klänge und profanes Kassengeklingel, Computer und Telefax haben Einzug gehalten. Ein japanischer Kunstmaler malt moderne Ikonen, eine Volkshochschule gibt es hier, ein Hotel für Gäste. Bruder Tichon fährt dann auch zuweilen zur Stockholmer Touristikmesse, um Besucher zu gewinnen, denn die bringen Geld, für die notwendigen Neubauten und die Restaurierung der alten Ikonen. Es arbeiten freiwillige Helfer, finnische Zivildienstleistende und die meisten der Brüder gemein­sam, um die Sommergäste zu versorgen.

OT

Es ist eine Möglichkeit, auch in einer modernen Zeit, seine Aufgabe als Kloster zu erfüllen. Diese große Volksmenge im Sommer wird kompensiert durch die mehr oder weniger große Stille im Winter, und dann ist das Kloster wieder richtiges Kloster, wenn es weniger Leute gibt, und mehr Ruhe, mehr Zeit zum Beten, Studieren und die normale Arbeit statt Touristen und Gäste sozusagen.

TEXT

Es wird wieder ruhig in Neu-Valamo, wenn die Besucher weniger, und die Nächte länger und kälter werden. Das orthodoxe Leben kehrt aus seinem Sommerversteck zurück.

OT

Was man dann im Winter am meisten macht, das ist wohl beten, eigentlich,  die Kloster­gottesdienste, um 6 Uhr morgens das Morgengebet, um Viertel vor 7 die Liturgie, um 11 Uhr eine Gebetsstunde, um 5 Uhr nachmitags die Vesper, das Abendgebet, dann um 8 Uhr abends das Bravelo, Nachtgebet, das läuft dann sehr gut. Und im Winter wird sehr viel repariert, da wird neu angestrichen, und was dann auch im Haus gemacht werden kann, wird gemacht. Um Weihnachten herum da wird es morgens um 9 Uhr hell und um 3 wieder dunkel, das ist dann der Tiefpunkt sozusagen. Aber es ist nicht richtig dunkel, denn der Himmel wird dunkelblau und die Sterne, wenn der Schnee da ist und das Mondlicht, dann ist es doch ziemlich hell. Die schlimmste Zeit ist eigentlich Oktober, bevor der Schnee kommt, wenn es grau ist und es wird dann dunkel, und es gibt noch keinen Schnee. Und das ist auch deprimierend  für einige von uns. Ja, man kann kein Kloster im Winter auf den Kanarieninseln haben, man muß immer hier sein, auch im Winter. Und immer sind die meisten froh, wenn es dann Mai wird, und das Eis ist weg am See vor unserem Kloster, und die Sonne ist da, und man hört, wie alles wächst, wirklich hört, denn das geht dann so schnell, wenn die Wärme mal kommt, und der Frost ist weg, ungeheuer schnell.

TEXT

Wohnt man länger hier im Kloster, erahnt man etwas von jener Art zu leben, wie es die Mönche gerne haben. Stille, Einkehr, Nachdenken. Dann treiben die Besucher vorbei, wie die bunten Blätter im Herbst. Wenn wir nicht gerade Beeren pflücken oder Karotten ernten, bleibt viel Zeit, zu lesen, im Wald oder im Klostergelände umherzustreifen.

OT (mit Atmo)

Und da unten am See wohnen wir, zur Zeit, in den kleinen blauen Häusern, und hinter jeder Tür steckt dann eine Mönchszelle, eine kleine Einzimmerwohnung. Das große Gebäude da hinten, das achteckige, ist die Bibliothek und die Ikonenkonservierungswerkstatt, die das Kloster auch hat, und die Bibliothek könnte durch das Buch “Der Name der Rose” inspiriert sein, weil sie auch achteckig ist, allerdings nicht so hoch, wie das Riesending, das Umberto Eco da ausgemalt hat.

TEXT

Am Abend dann, wenn es kühl wird und sich die Herbstnebel über dem See zeigen, ist die beste Zeit für eine der schönsten Gewohnheiten des Nordens – für die finnische Sauna. Unterhalb des Klosters am Ufer des Sees liegt die Hütte, dort treffen wir den Bibliothekar und auch Mönche.

OT

In die Sauna?  Ja sicher! Es ist Tradition, daß das Kloster eine Sauna hat, und die Mönche gehen zweimal in der Woche in die Sauna, im alten Finnland war es die einzige Möglichkeit, sich sauber zu halten, und warum sollte man eine gute Tradition ändern?

TEXT

Nach einer viertel Stunde bei hundert Grad folgt der Sprung in den See. Ein unglaubliches Gefühl der Entspannung stellt sich ein, die Gedanken hören auf zu kreisen und nirgendwo könnte es schöner sein als hier an diesem Punkt der Welt.

ATMO Finnische Amsel

TEXT

Der See liegt schwarz, glatt und ruhig. An seinen Ufern ziehen sich dunkel die Silhouetten der Bäume. Und das Schönste: darüber im dunkelblauen Nachthimmel streicht ein Nordlicht hinweg und verändert fließend seine Farbe und Gestalt

MUSIK