← Von allem, was ich weiß

Gedenkdienst in Kanada: Mr. B.

Mr. B. nennen ihn alle. “You can call me A.”, fuegte er hinzu, nachdem er sich selbst vorgestellt hatte. A. kommt einmal die Woche ins Archiv des Museums, um Dokumente zu uebersetzen oder zusammenzufassen. Englisch, Franzoesisch, Hebraeisch und Jiddisch sind die Sprachen, die er beherrscht.

Vor seiner Pensionierung war Mr. B. Buchhaendler in einem abgelgenenen Teil Montreals. Es war sein eigenes Geschaeft, das allerdings nicht viel abwarf, weil die Passanten einfach zu wenig lasen. Und dennoch war seine Buchhandlung ein Zentrum: fuer linksintellektuelle Gespraeche mit Studenten und Interessenten.

Mr. B. ist in Montreal geboren und arbeitete nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland bei der Lufwaffe. Dort lernte er seine Frau kennen, mit der er nach Israel auswanderte. Im Kibbuzz “Ein-Dor” am Berg Tabor in der Naehe von Tel Aviv pfluegte er die Felder. Die Arbeitsweise im Kibbuzz gefaellt ihm auch heute noch gut, obwohl er wieder nach Kanada zurueckgekehrt ist. “Einer fuer alle und alle fuer einen”, sagt er, und seine Augen leuchten, ein bisschen von unten, um zu pruefen, ob er auch die Augen des Gegenuebers begeistern kann. Seine Augen fuellen sich immer mit Traenen, wenn er seinen Gespraechspartner direkt ansieht. Ob das aus Traurigkeit ist, oder einfach die Augen des Alters, kann man nicht wissen.

In seiner braunen Schnuerlsamthose und im karierten Hemd verlaesst er immer wieder den Raum, um neue Akten zu holen, oder alte zurueckzubringen. Er arbeitet ruhig und mit grossem Interesse. Auch ein neues Lehrbuch ueber den Holocaust studiert er schnell, sicher und ruhig: Zuerst das Inhaltsverzeichnis, dann das Buch selbst. Das ist der Blick eines Buchhaendlers, der es gewohnt ist, zu lesen. Zu Mittag haette er uns zu “Wendys” eingeladen, doch leider war keine Zeit, oder noch kein Wille fuer diese Art der Begegnung.

A. ist sehr unaufdringlich, trotz seinem grossen Intersse fuer das Gespraech. Er hoert schon schlecht und legt seine Haende immer wieder hinter die Ohren. Seine schwarze Kappe mit ausklappbaren Verlaengerungen fuer die Ohren ist an den Raendern unten schon etwas abgewetzt. A. verabschiedet sich bis naechste Woche und verlaesst leise den Raum.

Weitere Texte aus 1999 · Alle Texte