Radio, Science, Education

Wien

Dialekt

  • 201. Worte des Torfstechens

    201. Worte des Torfstechens

    Tarsdorf ist eine kleine Innviertler Gemeinde in der Nähe eines Moores. Die älteren Menschen des Dorfes können sich noch gut an das Torfstechen erinnern, bei dem durch harte Arbeit Brennmaterial für den Winter gewonnen wurde. Mit einem Mundartdichter und Verwandten, die selbst noch im Moor gearbeitet haben, machten sich die Volksschüler auf die Suche nach den Worten, die beim Torfstechen verwendet wurden. Es entstanden Geschichten, die durch den Komponisten des Ortes vertont wurden, und es entstand so ein Gemeinschaftsprojekt, in dem alle Beteiligten zusammenhalfen, die Kinder des Ortes mit seiner Geschichte in Verbindung zu bringen.

    Trailer

    Filename: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio201_tarsdorf_trailer


    Link: Moment – Leben heute / ORF Radio Österreich 1 am 18. August 2014

    Beitrag/Sendung

    Filename: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio201_tarsdorf_mom


    Beitrag ohne Moderation (mp3, bessere Qualität)

    Filename: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio201_tarsdorf_beitrag


    MANUSKRIPT 

    Worte des Torfstechens (Lothar Bodingbauer)
    Moment, 18. August 2014, 09:30 min

    Pressetext:

    Tarsdorf ist eine kleine Innviertler Gemeinde in der Nähe eines Moores. Die älteren Menschen des Dorfes können sich noch gut an das Torfstechen erinnern, bei dem durch harte Arbeit Brennmaterial für den Winter gewonnen wurde. Mit einem Mundartdichter und Verwandten, die selbst noch im Moor gearbeitet haben, machten sich die Volksschüler auf die Suche nach den Worten, die beim Torfstechen verwendet wurden. Es entstanden Geschichten, die durch den Komponisten des Ortes vertont wurden – ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem alle Beteiligten zusammenhalfen, die Kinder des Ortes mit dessen Geschichte in Verbindung zu bringen.

    SIGNATION

    OT 01 – Teaser 1

    Man hat schon ein bisschen Angst, wenn man auf so einem unsicheren Boden steht. Dort blodert der Boden, dort sogizt beim Geh, dort wachst nix, dort bliat nix, dort g’rat nix.

    Vom Leben und Arbeiten am Moor

    OT 02 – Teaser 2

    Also wenn man am Tag geht, dann ist es schon eher friedlich, aber wenn man in der Nacht geht, dann nicht gar so. – Wir sind da direkt im Alpenvorland, eigentlich im Innviertel.– Der Boden, wenn du so springst, der geht voll nieder, das ist wie ein Trampolin – Das Moorgebiet ist offiziell eingetragen, da ist es das Filzmoos, und bei den Leuten ist es „der Fiz“.

    Die Eiszeit hat die Lanschaft in Tarsdorf bei Salzburg geformt, hat die Berge und Täler glattgeschliffen und die Hügel weich gemacht. Weich, wie die Worte des Dialekts der Gegend, der keine harten Konsonanten kennt. Ganz oben in Tarsdorf, in der Nähe von Fucking, gleich neben Hucking, da hat sich das Wasser in einer Grube gehalten. Und auch das Wasser ist weich, es ist Moorwasser, mit dem man gut Brot backen kann, versichern die Bauern. Im laufe des letzten Jahres haben sich die Menschen der Region getroffen, um die Worte des Moores den Kindern des Dorfes beizubringen. Ein Mundartdichter wurde herbeigezogen, der mit ihnen Geschichten geschrieben hat, ein Komponist, der sie vertont hat. Ein Blick zu den Wurzeln des Dorfes ist entstanden, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Wurzeln waren es, die den Torfstechern im Weg standen, wenn sie Brennmaterial gewinnen wollten. Fizgrampei heißen diese Wurzeln, Fiz von Filz, von Moor, und Grampei, weil es verflixte Wesen sind. Und Fizgrampei heißt auch das Dorf- und Schulprojekt, das um diese Wurzeln herum entstanden ist. Lothar Bodingbauer hat sich umgehört.

    OT 03 – Alter Mann, Lied, Kind

    Na ja Moor, dass man versinkt. Ausspruch war oft, „dich holts Filzgrampei“. Wenn man zu den Kindern so was gesagt hat, dann hat es oft geheißen, „dich holts Filzgrampei“.  Das sind so alte Wurzeln, die mit den Latschen versunken sind. Und wenn sie Filz gestochen haben, dann sind sie rausgekommen, und das war ein Hindernis. – Musik – I geh an Fiz. Auf amoi geht’s dahin. Ich wird allweil kleiner. Grad der Kopf schaut no aussa. Jetzt geht’s wirklich dahin. Das Fizgrampei ziagt mi einei. Hiaz bin ia a Fizgrampei. – Musik.

    Jabadabada Moosberln, jabadabada Mooswohl. – Und dann kommt noch der Sonnentau. – Genau, in drei verschiedenen Ausdrücken. Der Hergotslöffel, Fliegenfallen, und Wiedertot.

    Josef Esterbauer ist der Kapellmeister von Tarsdorf. Er bespricht mit dem Mundartdichter Hans Kumpfmüller aus Obernberg am Inn die Vertonung der Kindergedichte, die um die Worte des Moores herum entstanden sind.

    OT 04 Kumpfmüller

    Ich habe insgesamt 24 Ausdrücke nur für den Sonnentau gefunden.

    Der Sonnentau, eine Pflanze im Moor, die mit ihren klebrigen Tropfen auf den Stängeln Insekten fängt. Jeder, der hier wohnt kennt diese Pflanze, und es ist mit ihren Bezeichnungen fast ein bisschen so, wie bei den angeblich 20 verschiedenen Worten der Inuits für „Schnee“.

    0T 05 Kumpfmüller

    Es geht einmal mit der Feststellung an, dass da nichts ist, dass da nichts wächst, dass da nichts gerät.

    … weil der Himmelvater die Drainagerohre im Moor, im Fiz, vergessen hat. Die Entwässerung, und so ist das Gebiet zu nichts nutze, könnte man glauben.

    OT 06 Kumpfmüller, Esterbauer

    Drum wachsen grad diese Mundartkräutlein da. – Der Fiz ist früher schon eine gewisse Wertschöpfung gewsen, vom Brennmaterial, vom Heizmaterial – Und plötzlich kommt wer und sagt, da wachsenja die tollen Pflanzen – Musik – dann hat das Pflanzl einen lateinischen Namen – Musik – und dann ist es was wert. – Und dann kimmt man drauf, da hat der Himmelvater gottseidank gottseidank auf die Drainageröhrl vergessen. – Da hat der Himmelvater (singt) – und dann singen die Kinder ganz alleine – gottseidank – hat der Himmelvagter auf’d Drainageröhrl vergessen. – Musik.

    Sobald es ein ordentliches Wort für etwas gibt, ist es was wert, sagt man. Und wenn es so gar ganze Geschichten sind, die entstehen, dann erst recht. Die Kinder besuchten im letzten Jahr immer wieder das Moor und schauten den alten Menschen beim Torfstechen zu, die darüber redeteten, mit Worten, die fast schon vergessen waren.

    OT 07 Kind

    I bin a wenig spazieren gegangen, auf einmal bin ich über eine Wurzel gestolpert. Da habe ich eine Schatzkarte gesehen, da habe ich zum Suchen angefangen, und a Schatzkisten gefunden. Und, woast was drin war: a Vasen.

    Wasen sind hier nicht die Blumenvasen, sind auch nicht die Woosn, die Grasnaben, die über die Fahrbahn wachsen, Wasn sind die Torfziegel, die mit dem Stecheisen aus dem Boden gestochen werden, und die dann aufghäuselt werden, aufgehäuselt, luftig aufgebaut, zum Trocknen.

    Das schauen wir uns jetzt an, direkt im Fiz – also im Filz, also im Moor.

    ATMO 08 Hund, dann Traktor

    Der Hofhund freut sich, der fährt auch mit auf der Ladefläche hinten, gemeinsam mit den Bauern, die das Torfstechen von früher her noch kennen und noch können.

    Sie ist meine Nachbarin, Friedl Hedwig, ich heiße Mathilde, ich gehöre zu dem Mann mit dem Hut, Esterbauer ist der Schreibname und Heiss ist der Hausnahme. Und er ist der Schmied, und bei ihr ist es beim Staudinger, mir sind da hübsch beinander.

    (über Atmo)

    Beinander in einer Streusiedlung am Moor. Getrennte Bauernhäuser, aber doch  mit ihrem Leben und mit ihrer Arbeit gemeinsam. Bis in die 70-er Jahre wurde hier noch Torf gestochen.

    OT 09 Alte Leute über das Torfstechen

    Torfstechen war aber immer auch eine starke körperliche Arbeit, immer noch leichter allerdings, als mit den alten Sägen Brennholz zu schneiden. Mit der Wasntragn, einer Karre, wurden dann die Wasn, die Dorfziegel gesammelt, und das hat der Komponist Ruprecht Huber für das Moor-und Torfstech-Mundartdorfprojekt vertont.

    OT 10 Wasntragen Musik

    Beim Wasentragen muss man die Wasn zu der Wasntragen tragen. Aber die mit am Hirn, die werden die Tragn zu den Wasen hinführen.

    Die Musikstücke wurden vom Kirchenchor und den Kindern vertont. Und jedes der Kinder durfte eine Seite in einem Buch schreiben, erzählt Christina Eberharter, die Volksschuldirektorin.

    OT 11 Christine Eberharter

    Ich glaube, dass das ganze Projekt zu einem guten Selbstwertgefühl unserer Schüler beigetragen hat. – Gedicht – Es gibt für die Mundart keine Rechtschreibregeln.

    Weil man die Mundart so schreiben darf, wie man will, sagt der Mundartdichter Hans Kumpfmüller.

     OT Kumpfmüller / Eberharter

    Man hat beim Schreiben hat völlige Narrenfreiheit, beim Inhalt net, der soll schon passen. – Gedicht – Das tollste für mich war das, dass sie mit der Freiheit was anfangen haben können.

    Bei einem Dorffest im Juli wurden die Ergebnisse des Tarsdorfer Torfstech-Wort-und Musik-Dorfprojektes vorgestellt. Und alle machten mit. Die Alten, die Jungen, und der Komponist Rupert Huber, der die Texte vertont hat, er freut sich, denn für ihn waren die Geschichten rund ums Torfstechen eine Möglichkeit, nach Jahren im Ausland wieder mit seiner Heimat in Verbindung zu treten.

    OT 12 Komponist (darunter beginntend Musik)

    Auch mit den Leuten.  Da singen dann im Kirchenchor singt eine alte Dirn mit vom Bauernhof von meinem Großvater, der Zimmermann, der meinem Vater einen Dachstuhl gemacht hat, singt mit eine Hörgerät mit. Man trifft Leute in einem anderen Kontext. Dann geht man ins Wirthaus und trifft wieder Leute von früher. Das ist wahnsinnig gut aufgegangen, man hat es nicht zu hoffen gewagt. – Musik – Wegbeschreibung.


    Hinweis: Diese Sendung wurde auch für Folge 25 von Lobster und Tentakel aufbereitet.

  • 144. Der Sauwald

    144. Der Sauwald

    Erst mit zwei Wochen Verspätung konnte der kaiserliche Bote den Eintritt Österreichs in den ersten Weltkrieg in die dichten Stellen dieses Waldes bringen. Mit der Zeit wurde es leichter mit der Erreichbarkeit, aber auch heute noch ist der Sauwald an der Donau auf der österreichischen Seite vor Passau ein wildes Stück Land. Nur selten verirren sich Touristen in diese schöne Gegend, in dessen bäuerlichen Orten noch bis bis vor kurzem ganz gern des Sonntags nach der Kirche zum blanken Zeitvertreib gerauft wurde. (Sonntagsspaziergang / Deutschlandfunk)

    Link zur Sendung (Nachhören): https://www.deutschlandfunk.de/ein-wildes-stueck-land-100.html

    Link zum Audiofile (mp3): https://www.sprechkontakt.at/audio/radio_144_sauwald_beitrag_remix.mp3

    Link zum Trailerfile 1: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio144_sauwald_trailer_1_ schopf.mp3

    Link zum Trailerfile 2: https://www.sprechkontakt.at/audio/radio144_sauwald_trailer_2.mp3

    Link zu Informationen zur Raaber Kellergröppe (PDF) (Quelle: unbekannt)

    Viechtenstein

    Wollsackverwitterung

    Ein wildes Stück Land

    Manuskript

    In der Gegend von Passau hat sich die Donau den Weg durch den uralten Granit der Böhmischen Masse gebahnt. Der Großteil des Granits befindet sich nördlich der Donau. Ein bisschen was davon aber auch südlich von ihr, auf österreichischer Seite. „Sauwald“ heißt das waldreiche und hügelige Gebiet. Nur selten verirren sich Touristen dorthin, wo bis vor nicht allzu langer Zeit des Sonntags nach der Kirche noch zum Zeitvertreib gerauft wurde.

    02.09.2012

    SONNTAGSSPAZIERGANG:  SAUWALD (13:07 min)

    MODERATIONSVORSCHLAG

    Wenn sich ein Fluss einen Weg bahnt, dann teilt er immer eine Landschaft. So ist das auch in der Gegend von Passau in Bayern, an der Grenze zu Österreich. Die Donau hat sich hier an einer Bruchstelle den Weg durch den uralten Granit der Böhmischen Masse gebahnt. Der Großteil des Granits befindet sich nördlich der Donau. Ein bisschen was davon aber auch südlich von ihr, auf österreichischer Seite, oberhalb der Flüsse Inn und Donau. 

    Das Gebiet heißt Sauwald, ist waldreich und hügelig, und so groß etwa wie das Stadtgebiet von Hamburg. 

    Nur selten verirren sich Touristen dorthin, wo bis vor nicht allzu langer Zeit des Sonntags nach der Kirche noch zum Zeitvertreib gerauft wurde. Das hat mein Kollege Lothar Bodingbauer mit schreckgeweiteten Augen in Erfahrung gebracht, den wir jetzt auf eine kleine Rundreise dorthin begleiten.

    BEITRAG MANUSKRIPT

    Es gibt Hinweise darauf, dass man als Fremder im Sauwald nie ankommen kann, denn wenn man sich dem Gebiet nähert, und fragt, “bin ich schon da”, sagen die Leute dort gerne “nein”, “weiter da oben” sagen sie, und sie sagen “weiter dahinten”. Das setzt sich so fort, bis der Suchende lange Zeit niemanden mehr trifft, dann plötzlich an der Donau steht, den Passauer Dom sieht und erkennen muss: im Sauwald bin ich gerade gewesen.

    Er muss es daher mit einem Trick versuchen und fragt die Menschen dort nach ihrer Sprache, am besten einen Schübel Kinder. Er bittet sie zu zählen (OT Kinder: 1, 2, 3und wenn es sich so anhört, dann weiß er, ja, jetzt bin ich wirklich da:

    OT Kinder – 4, 5, …, 15

    Sprachlich ist unüberhörbar Bayern nahe.

    OT Kinder – Wir im Sauwald haben einen Dialekt, wir gehören zum Bayrischen Dialektkreis dazu. Am Anfang verstehst du es sicher schwer, aber mit der Zeit gewöhnst du dich daran.

    ATMO – Eisenbahn im engen Tal

    Hier in Wernstein und Neuburg, nur noch einige Kilometer vor Passau, wird es eng für den Inn, kurz vor seiner Mündung in die Donau. Straße, Fluss und Bahn teilen sich das enge Tal. – Wer den Kopf hebt, sieht die vielen Flugzeuge von und nach Deutschland, und wer sich umdreht und über kleine eingeschnittene Bachschluchten hinweg bergan geht, der erreicht nach einigen Stunden Wanderung den höchsten Punkt des Sauwalds.

    OT Reportage – Ich bin am Haugstein, 895m Seehöhe in einem Fichtenwald, durchzogen von Buchen, einige Schritte weiter noch, und dann bin ich oben an der höchsten Stelle. Kein Gipfelkreuz sondern unzählige Granitblöcke, verwittert und zerfurcht, eine hohe Waldlichtung mit einer Buche ganz im Mittelpunkt eines Kultplatzes, so sieht es aus, von Granitsteinen, die wie von einem Riesen hingeworfen, hier herumliegen.

    Angeblich war der Wald hier an manchen Stellen so dicht, dass der Kaiserliche Bote erst mit zwei Wochen Verzögerung den Eintritt Österreichs in den ersten Weltkrieg bekanntgeben konnte. Wer heute hier wandert, wird aber schnell bemerken, dass der Wald sich wandelt, dass er vielseitig ist, sich immer wieder ändert, und das auf kleinem Raum. 23 verschiedene Waldarten haben unermüdliche Alleszähler hier gezählt. Vom Eichen- und Birkenvorwald, der von den Einheimischen auch „Hoad“ genannt wird, zu Tannen-, Föhren-, Fichtenwäldern,  Waldmeister-Ahorn-Buchen-Mischwäldern, Moorwäldern, Schlucht und Hangwäldern bis hin zu Schwarzerlen-Ufer-Auwäldern.

    OT Stefanie Haidinger – Es ist der Wald, der dir Schutz gibt. 

    Sagt Stefanie Haidinger, eine Pensionistin aus Viechtenstein, eine der 30 Gemeinden der Gegend mit etwa 700 Einwohnern. 

    OT Stefanie Haidinger – Es gibt verschiedene Wälder. Und der Sauwald ist ein freundlicher Wald.

    Als Kinder sind sie mit dem Postbus um die Wette gelaufen, der Postbus von der Donau herauf schnaufend und langsam fahrend über Serpentinen, die Kinder durch den Wald auf direkter Linie. Gewonnen haben die Kinder meistens, bergan. Und bergab mit dem Schlitten im Winter haben sie immer gewonnen.

    OT Stefanie Haidinger – Du hast irgendwie das Gefühl in dem Wald, da ist etwas um dich herum, das beschützt dich. Also der Wald hinter dir gibt dir Schutz und nach vorne hast du das Gefühl. Hurra, mir gehört die ganze Welt.

    …die ringsherum zu Füßen liegt, denn immer wieder sieht man durch lichte Stellen weit hinab ins Umland. Der Blick ins Innviertel….

    OT Stefanie Haidinger – und der Blick nach Bayern.

    OT Gabi Bernauer – Ja ich denke, dass man da einfach wandern geht …

    … sagt Gabi Bernauer, die auch hier wohnt.

    OT Gabi Bernauer – Es ist im Viechtenstein genauso, wenn man raufgeht zum Jagabild. Oder da in Wernstein, wenn man hinunterschaut. Da gibt es schon so Stellen, wo Blicke frei werden, wo man wirklich die Burg Wernstein, die Burg Neuburg, die Innenge bei Schärding, wo man das wirklich schön sieht. Wenn man dort hinkommt, dort kommt man wirklich nur mit dem Fahrrad oder zu Fuß hin, und da kann man es dann bewusst wahrnehmen, wie schön es da ist. 

    Gabi Bernauer betreut mit ihrem Mann das einstige Wohnhaus und Museum von Alfred Kubin in Zwickledt bei Wernstein.

    ATMO Glocken, OT Gabi Bernauer – Kubinhaus Zwickledt, es steht an der Tür

    Alfred Kubin war ein österreichischer Künstler, der ab 1906 hier gelebt und gearbeitet hat. Kubin war Zeichner, er illustrierte Bücher, hat auch Horrorzeichnungen gemacht für Bücher von Edgar Allan Poe. Kubin war Mitglied der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ in München, und er war damit Wegbereiter der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts. Auch Wasiliy Kandinski gehörte dieser Gruppe an. Die künstlerische Moderne – und das mitten im Sauwald. Schloss Zwickledt in Wernstein am Inn war während der Weltkriege jahrzehntelanger Wohnsitz des Ehepaares Kubin. Der Künstler schätzte den Sauwald wegen der Ruhe. Selbst eher nervös und immer wieder in Sorgen verwickelt, liebte er den Garten und die Gegend rund ums Haus.

    OT Gabi Bernauer – So ein schöner Garten! – Ja, der Garten ist so belassen wie zu Kubins Zeiten. Früher war es ein Gemüsegarten, der ist aber dann umfunktioniert worden in einen Ziergarten und so ist es jetzt ein gewachsener, wirklich schöner alter Garten.

    Ein Bauerngarten, mit allen Farben, so scheint es, die es gibt in dieser Welt. Kubins Zeichnungen hingegen sind meist schwarzweiß. Angst hatte der Künstler oft, wenn er bei seinen ausgedehnten Spaziergängen länger wo ausblieb, beim Kartenspielen zum Beispiel, in den umliegenden Wirtshäusern. Karl Bernauer führt durch das Kubinhaus.

    OT Karl Bernauer – Da hängt Kubin, ich sag das einfach einmal so. Wenn er draußen einmal unterwegs war, und er ist viel zu Fuß gegangen, dann hat er fast immer diesen Wetterfleck getragen. So haben ihn die Leute gesehen und kennengelernt. Er ist oft nach Wernstein gegangen zur Eisenbahn, man kann nach Passau und Linz fahren. Wenn es einmal später geworden ist, dann war es oft so, dass der Franz, der jetzige Bauer, der damals ein kleiner Bub war, mit Kubin mitgehen hat müssen, denn wenn es dämmrig war, hat er sich nicht mehr so wohlgefühlt, wenn er alleine heimgehen musste. Der hat ihn dann heimgebracht und ihn nach Zwickledt zum Hausherrn begleitet.

    … und der kleine Bauernbub ging dann seinerseits alleine durch den dunklen Wald nach Hause. Aber Bauernbuben haben keine Angst vorm Wald, sondern Respekt, sagt einige Kilometer weiter in Kopfing, dort wo der Sauwald am dichtesten ist, der “große Bauernbub” Hans Schopf.

    OT Hans Schopf – Das ist einfach der Unterschied von Tag und Nacht. Und es heißt nicht umsonst, der Wald hat tausend Augen. Die hat er auch in der Nacht. Und Geräusche noch viel mehr. Wir sind halt das gewöhnt als Bewohner von da, da sehr viel Wald ist und dass man immer wieder durch den Wald gehen muss. Ich weiß es als Kind noch, wenn wir bei der Musik dabei waren, nach der Musikprobe ist man zu Fuß zum Teil heimgegangen, immer durch den Wald gehen müssen, da hätte ich mir nie was gedacht. Das war halt so.

    Hans Schopf hat in der Sauwaldgemeinde Kopfing einen Baumkronenweg errichtet. Besucher können durch seinen Wald auf hölzernen Brücken durch die Kronen der Bäume gehen, und ihnen dabei in die Augen schauen, wie er sagt. – In die Augen schauten sich die Männer der Region bis vor kurzem auch ganz gerne, und zwar besonders fest, wenn gerauft wurde.

    OT Hans Schopf – Wir haben sogar für’s Raufen ein eigenes Gesetz gehabt. Da hat es ein eigenes Landesgesetz gehabt, dass die Kopfinger nur die Hälfte an der Zeit verurteilt wurden, als andere. Weil das war bei uns so überbracht, dass die Kopfinger das so geregelt haben. Das war halt einmal so. Das ist Vergangenheit. Das Raufen hat sich dann aufgehört, ist auch kein System. Aber dass wir ein wenig härter sind, ein wenig rauer in der Mentalität, aber ich sage immer, im Herzen dann doch sehr, sehr weich sind.

    In sogenannten Zechen waren die Menschen früher hier organisiert, kulturell. Brauchtum, Volkstanz und dort und da auch eine Kegelbahn. Das gesellige Beisammensein wird auch heute hochgehalten. Mostverkosten, Traktoren zeigen. Wie zum Beispiel den hier, einen alten „Lanz Pampa“ – aus Argentinien.

    OT Bauernbub – Jetzt muss ich einmal die Heizlampe aufheizen, dass der Glühkopf einmal warm ist, und dann muss ich warten, bis der Glühkopf glüht, dann kann ich ihn anwerfen. – Ein bisschen weggehen, nicht dass er zu brennen beginnt. – Nein, da kann nichts passieren.

    ATMO Traktor startet

    Jetzt läuft er. Der Jungbauer lacht, holt sich ein hübsches Mädchen im Dirndlkleid und fährt mit ihr ganz stolz davon.

    ATMO Autoradio

    Ich fahre auch weiter, ein schöner Sonntag, im Autoradio aus dem nur kilometerentfernten Deutschland: der “Sonnstagsspaziergang” eine Reisesendung, die Lust macht aufs Verreisen, zum Beispiel nach Ferrara. 

    Ferrara.  Mein Kollege kann hier aus dem Vollen schöpfen. Leben und Kultur auf jeden Meter dieser Stadt. Ich aber fahre durch eine fast menschenleere Landschaft. Die Geschichte präsentiert sich hier, so scheint es, vorwiegend als Verwitterung. Links ein aufgelassener Schilift, wegen der wenigen Touristen zahlt sich der Betrieb im Winter nicht aus. Überwachsene Granitblöcke, die in den Feldern und im Wald liegen. Wollsackverwitterung heißt das, wenn das Wetter den Granit über Jahrtausende an Rissen zerfurcht, und die Blöcke dann aussehen, wie aufgestapelte Leinensäcke mit Wolle. In den Feldern wurden diese “Blockhalden” meist weggeräumt, aber in den Wäldern sind noch viele zu sehen. Die Landschaft prägen neben den vielen Waldteilen ebenso viele bunte Wiesen, wogende graue Kornfelder und kleine bäuerliche Siedlungen. Die Gehöfte wurden an den Hängen errichtet, kaum einmal auf flachem Grund, denn dieser ist kostbar. Ein Mosaik auch das Klima. Vom Warmen Hügel her kommend taucht man oft hinab und hinein in einen Kaltluftsee. 

    Erfrischend kühl ist es im Sommer auch in der Erde selbst. Ich bin im verabredet mit Hilde Ganglmaier, im Ort Raab. In der “Kellergröppe”. 

    OT Hilde Ganglmaier – Sie sind den ersten Teil der Kellergröppe schon gegangen.

    Gröppe ist ein altes Wort und bezeichnet einen vom Wasser ausgespülten Graben, einen schattigen mittelalterlichen Hohlweg, und in der Kellergröppe in Raab wurden links und rechts in die Wände des Hohlweges 26 Keller in den Sand gegraben, oft 70 Meter tief in den Hang hinein.

    OT Hilde Ganglmaier – Die großen Keller werden auch heute noch genutzt von den Baumschulen im Winter zum Pflanzen einlagern. Weil die Temperatur konstant 9 Grad Sommer wie Winter ist. Und wenn Sie wollen, das ist mein eigener Keller, Sie können reinschauen, das ist ein Haushaltskeller, da können wir reinschauen, dürfen Sie sich nicht schrecken, es ist finster (ATMO). Vorsicht! Sie sehen, das ist ein typischer Haushaltskeller. Man lagert Äpfel, ich habe einen Kren herinnen, und die Äpfel können Sie kosten, die kann man noch essen. Ich suche Ihnen einen schönen aus.

    Und wirklich, der Apfel schmeckt gut, vom letzten Herbst den Winter hinüber gerettet, und das ohne Strom. In den großen Kellern wurde auch, als es noch drei  Brauereien im Ort gab, Bier gelagert. Ein begeisterter Biertrinker war damals auch Franz Stelzhammer, Dichter und Schöpfer der oberösterreichischen Heimathymne. Ihm wird heute hier gedacht.

    OT Hilde Ganglmeier – Der war ja Wanderer, war früher immer zu Fuß gewesen, und ist ganz viel nach Raab gekommen, weil ihm das Raaber Bier so geschmeckt hat. Da hat er so ein liebes Gedichtl geschrieben.- (Räuspert sich). Aber jetzt frisch voran, übers Viechtstein und Fran, wo es das beste Bier oh gad. Z’Raab halt dich staad. Raaber Bier, Raaber Bier, bist wie ein Graberstier. Haust um dich, schlagst um dich. Sakaratie. – Die Kellergröppe, jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Jetzt ist es wunderschön, wenn es grün ansticht. Wunderschön im Frühling, im Winter wenn es hereinschneibt ist es wunderschön. Im Sommer ist es sehr kühlend, und im Herbst ist die Laubfärbung das Besondere, das Ganze Flair vom Herbst kommt dann zum Vorschein.

    OT Kinder – … 16, 17, 18, 19, 20

    Zurück in der Schule, bei den zählenden Kindern. Sie haben hier ausreichend Platz zum Spielen und zum Aufwachsen. Wenn sie aber eine höhere Schule besuchen möchten, müssen sie weg aus ihrer Heimat, sagt ihre Lehrerin, die aber selbst nach Jahren im Ausland mit ihrer Familie wieder zurückgekommen ist.

    OT Lehrerin – In unserem Bekanntenkreis sind viele, die wirklich wo anders studiert haben, etwas gesehen haben von der Welt. Und wieder zurückgekommen sind. Das zeichnet eine Gegend aus, dass nicht nur die Leute abwandern, sondern dass auch wieder Leute zurückkommen. (Lacht)

    Und ein Geheimnis müssen wir noch lüften, sagt der Heimatkundelehrer: warum der Sauwald Sauwald heißt.

    OT Lehrer – Der Name Sauwald leitet sich ab vom Passauer Wald, und nicht wie viele meinen würden, von den vielen Wildschweinen, von den Wildsauen. Also: Passauer Wald, Sauwald. Daher kommt der Name.

    Hintergrund: Wie ist es zu diesem Beitrag gekommen? Ausflug nach Kopfing, zum schönsten Hühnerstall der Welt, über dem Innviertel. Besuch in der Hauptschule Esternberg bei den Kindern, die ein Dialektprojekt gemacht haben. Für Rudi Radiohund. Ausflug nach Raab, Wanderung auf den Haugstein, Besuch bei Feuerwehrfest mit Traktorenschau.

    Link: Haugstein (Wikipedia)

  • 063. Kinder im Sauwald 2

    Was es bedeutet, Dialekt zu reden. Besuch im Sauwald im Innviertel.

  • 051. Dialektstunde

    Am Land wurde immer schon versucht, die Mundart aus der Schule zu drängen. “Red schön”, hatte es geheißen. Trendumkehr nun: In der Musikhauptschule St. Martin im Innkreis lernen die Schüler die charmanten Feinheiten und verbalen Schärfen ihres Dialektes kennen, mit einem Mundartdichter der Region. Ein Lokalaugenschein.

    (more…)