Die Abschließende Arbeit

10-Punkte-Plan für die ABA · Lothar Bodingbauer

Die ABA ist eine wissenschaftsnahe Arbeit, die Schüler:innen in Österreich im Rahmen der Matura selbst durchführen. Sie entsteht an der Schule und wird von einer Betreuungsperson begleitet. Die genaue Länge ist dabei nicht das Hauptthema. Eher das Gegenteil: Zu lang soll sie nicht sein.

Wir zeigen hier, wie Sie einfache Fragen selbst stellen können. Was Sie tun können, um sie zu beantworten. Wie Sie Wissenschaft dabei entdecken. Und wie Sie daraus eine ABA machen können: eine Abschließende Arbeit als Teil der österreichischen Reifeprüfung.

Wissenschaft kann jeder. – nach Paul Bocuse, Koch

ABA ist Kommunikation. Bitte stimmen Sie alles, was Sie tun möchten, mit Ihrer Betreuungsperson ab. Das stellt sicher, dass alle Beteiligten zusammenarbeiten. Die Anregungen hier stammen aus Erfahrungen am Abendgymnasium Wien.

Ein Beispiel vorweg: Welche Flecken hat das Pferd?

Thema: Fellmuster im Tierreich. Tarnung im Tierreich, Räuber und Beute. Auch wenn die Zeichnungen des Zebras auf den ersten Blick sehr auffällig wirken, handelt es sich dabei doch um ein Tarnverfahren, sagt der Zoologe Heiner Klös vom Zoo Berlin.

Wir nähern uns der ABA hier von einer eher naturwissenschaftlichen Seite. Wenn Sie aus den Geisteswissenschaften kommen, haben Sie möglicherweise andere Annäherungen. Das Ziel ist jedoch das gleiche.

Und gleich vorweg: Oft glauben wir, eine „Literaturarbeit“ ist das Zusammenschreiben von Texten zu einem bestimmten Thema. Das ist schon richtig, aber es gibt auch bei Literaturarbeiten eine Frage, der Sie nachgehen. Vielleicht prüfen Sie auch, ob Sie eine „empirische Arbeit“ machen möchten, also Wissen selbst suchen und finden.

1. Worum geht es in der ABA?

Ihre ABA ist eine Verbindung aus bestehendem Wissen und Ihrer eigenen Frage an die Umgebung, an die Geschichte oder an Bücher, bestehende Forschung und Texte.

Sehen Menschen so aus wie ihre Hunde?

Ja. Nein. Vielleicht. Drei Antworten. Doch welche davon stimmt?

Ohren, Augen, Nase. So gesehen sind sich alle Säugetiere sehr ähnlich. Ja, Menschen sehen so aus wie ihre Hunde. Größe der Ohren, Abstand der Augen, Länge der Nase. So gesehen gibt es viele Unterschiede. Nein, Menschen sehen nicht so aus wie ihre Hunde. Lächeln, Zähne fletschen, Nase rümpfen. Da gibt es viele Ähnlichkeiten. Vielleicht: Menschen sehen manchmal so aus wie ihre Hunde.

Was davon möchten Sie erforschen? Je nachdem, was Sie meinen, je nachdem, welche Frage Sie stellen, gibt es unterschiedliche Antworten. Wie finden Sie das Richtige heraus? Sie probieren es einfach. Und Sie diskutieren die Ergebnisse mit anderen Menschen.

Fragen von Studierenden

Alle diese Fragen sind interessant. Aber nicht alle Fragen sind wissenschaftlich gut zu bearbeiten. Wir wählen jene Frage für eine ABA, die eindeutig zu beantworten ist. Wissenschaft beschäftigt sich mit messbaren Fragen, mit wiederholbaren Fragen, mit vorhersagbaren und vor allem auch gut zu widerlegenden Antworten.

Tipp: Menschen im Mittelpunkt. Wenn Sie Menschen zum Thema Ihrer ABA machen, haben Sie eine sehr große Zahl an Möglichkeiten, sie zu beforschen – vom Interview bis zum Beobachten mit Mitmachen. Die Methoden der Sozialforschung bieten dafür viel.

Vom Warum zum Wie: Was ist Wissenschaft?

Wissenschaft beschäftigt sich mit jenen Dingen aus unserer Umwelt, die messbar sind. Geister mag es vielleicht geben, aber sie sind nicht messbar. Daher beschäftigt sich Wissenschaft nicht mit Geistern. Es mag Menschen geben, die mit Gedanken Löffel verbiegen können. Das mag stimmen, aber es ist nicht wiederholbar. Ich kann es nicht. Daher beschäftigt sich Wissenschaft nicht mit dem Löffelverbiegen durch Gedanken. Wissenschaftliche Aussagen sollten auch vorhersagbar sein: Etwas wird so sein. Auch das ist beim Löffelverbiegen nicht der Fall.

Warum sind wir krank? Wir sind krank, weil ein Außerirdischer auf Alpha Centauri einen blauen Knopf drückt. Dann steigt das Fieber. Sie dürfen jede Frage, die mit „warum“ beginnt, so beantworten. Niemand könnte Ihnen nachweisen, dass Ihre kosmische Antwort nicht stimmt. Wissenschaft sucht eindeutige Antworten.

Wie krank sind wir? Je nachdem, wie krank wir uns fühlen. Ziemlich. Wir haben die Frage schon verbessert. Aber: Niemand könnte Ihnen nachweisen, dass Ihre Antwort nicht stimmt. Vom Unmöglichen zum Möglichen: Eindeutige Antworten gibt es auf eindeutige Fragen.

Wie erkennen Sie eine eindeutige Frage?

Habe ich Fieber? Ja. 39,5 Grad. Ich bin krank und muss zu Hause bleiben. Durch eine neue Messung mit 37 Grad ist diese Antwort widerlegbar.

Ihre ABA ist Ihre Forschung

Wissenschaft kann jeder. Auch Sie. ABA ist die Abkürzung für Abschließende Arbeit. Sie besteht aus Text und Bildern, digital und ausgedruckt. Sie hat ungefähr 20 Seiten und ist das Ergebnis eigener Forschung vor der Universität. Es geht dabei um eine Frage, die Antwort darauf, was Sie getan haben, um diese Antwort zu finden, und den Hintergrund: Was haben andere darüber herausgefunden?

Ihre ABA ist Ihre Recherche

Sie suchen auch den Hintergrund. Die Theorie. Der Beginn der ABA ist der theoretische Teil. Er wird auch Literaturarbeit genannt.

Wie entwickelt sich ein Kaktus aus einem Samen? Können Sie das selbst herausfinden? Wie? Wissenschaftlich bedeutet, dass vier Kriterien erfüllt sind:

Ihre ABA ist Ihre Diskussion

Was wir über Kakteen und die Entwicklung von Pflanzen aus Samen wissen: die Grundlagen. Wissenschaftlich bedeutet, dass Sie die Ergebnisse Ihrer eigenen Forschung mit der Theorie in Verbindung bringen. Sie beschreiben Übereinstimmungen und Widersprüche. Was könnten meine Ergebnisse bedeuten? Welche weiteren Fragen kann ich nun stellen?

Schreiben Sie so wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Programm für 10 Wochen

2. Fragen finden: die Suche nach dem Thema

Oft wird geraten, ein großes Thema einzugrenzen, bis eine einfache Frage übrig bleibt. Wir gehen hier einen anderen Weg. Wir nehmen eine einfache Frage und weiten sie vorsichtig aus, bis es spannend wird. Wir gehen im gut bekannten Terrain an die Ränder der Komfortzonen und weiten sie sanft aus. Es wird immer alles gut gehen. Es wird immer alles funktionieren. Weil wir im Bekannten arbeiten, mit dem Blick ins Unbekannte.

Wie läuft Wasser die Fensterscheibe hinunter?

In Linien, Bächen, Tröpfchen. An der Scheibe der Dusche oder beim Zugfenster. Wenn die Linien schräg sind, dann fährt der Zug. Sie filmen typische Situationen und versuchen, das Gesehene zu beschreiben. Inhaltlich geht es um Kräfte. Ein schönes Gebiet der Physik.

Wie steil sind Haufen?

Wann immer etwas übereinanderliegt, nennen wir es Haufen. Aus Erde. Aus Steinen. Aus Müll. Aus Blättern, Ästen, Sand. Wie steil sind Haufen eigentlich? Ist das sehr unterschiedlich oder vielleicht immer gleich? Worauf kommt es an? Relevant ist dieses Thema, denn Haufen sind in unserem Leben allgegenwärtig.

Ausgehend von einer Beobachtung könnte man fragen, ob alle Haufen, die man sieht, ziemlich gleich steil sind. Hintergrund und Grundlage: Wie haften die Elemente im Haufen zusammen? Das hat mit Wasser zu tun. Und mit dem Material. Im ersten Drittel der Arbeit beschreiben wir die Grundlagen aus Physik, Geologie und Bodenkultur. Im zweiten Drittel fotografieren wir viele verschiedene Haufen und messen den Böschungswinkel. Im dritten Drittel bringen wir unsere Beobachtungen und Messungen mit der Theorie in Verbindung.

Woher kommt Harry Potter?

Hat die Schriftstellerin J. K. Rowling Ideen für Harry Potter verwendet, die auch im Buch „Feuerkind“ von Stephen King vorkommen? Dieses Buch wurde 17 Jahre früher geschrieben. Wir behaupten nicht, dass abgeschrieben wurde. Vielleicht hatten beide die gleichen Ideen. Wir suchen gleiche Motive. Wir lesen beide Bücher und markieren ähnliche Ideen. Diese schreiben wir auf. In einem abschließenden Text formulieren wir unseren Eindruck. Zusätzlich prüfen wir, ob das Thema „Ideen klauen“ bereits erforscht wurde, und ergänzen diese Ergebnisse.

Wie sortiert man Schrauben?

Es gibt viele Schrauben. Große, kleine, dicke, dünne, Schlitz und Kreuz. Sie finden Kriterien, nach denen Sie sortieren möchten, und entdecken Parallelen zur Arbeit von Botaniker:innen und Zoolog:innen. Systematik, Morphologie, äußere und innere Merkmale.

Welches Leben gibt es im Wassertropfen?

In einem Tropfen Wasser aus einer Blumenvase entdecken Sie unter dem Mikroskop Würmer, Pantoffeltierchen und Kieselalgen. Was können Sie selbst sehen? Was können Sie bestimmen? Die Gewichtung des Theorieteils richtet sich nach dem, was Sie im Tropfen finden.

Wie viele Steine sind in jedem Kreis?

Jeder Ring hat eine bestimmte Anzahl an Steinen. Finden Sie einen Zusammenhang? Viele Beobachtungen führen in die Welt der Mathematik. Sie passen Ihre Frage an Ihre Möglichkeiten an. Das ist der Trick der Wissenschaft.

Das gerüttelte Maß

Wie viel passt mehr in eine Dose, wenn man sie beim Füllen rüttelt? Erwartete Antwort: etwas mehr, gemessen in Gramm oder Prozent. Weg zur Antwort: abwiegen, verschiedene Inhalte vergleichen – Reis, Kaffee, Mehl. Keine Warum-Frage. Gut so.

Weitere Fragen

3. Mindestens 33 Methoden, Fragen zu beantworten

Wege zur Antwort: Zählen. Messen. Beobachten und beschreiben. Filmen, fotografieren, aufnehmen. Berechnen. Zeigen. Experimentieren. Kategorien bilden. Mathematisch beweisen. Modelle bauen. Zeitreihen erstellen. Interviews führen. Transkribieren. Diskursanalyse. Fragebogen und Umfragen. Spurensuche. Vergleichen. Zusammenfassen.

Eine ausführliche Methodenliste mit Erklärungen steht auf der Seite Forschungsfragen.

Übungen: Methodentraining

4. Einreichen, betreuen, genehmigen

Sie lassen Ihren Plan genehmigen, bevor Sie mit der Forschung beginnen. Dafür gibt es eine Vorlage, die Sie ausfüllen und mit Ihrer Betreuungsperson besprechen.

5. Beispiel aus der Wissenschaft

Internationale Botaniker:innen rekonstruieren die Ur-Blüte. Quelle: Universität Wien, Nature Communications.

6. Schreiben, nachdenken, zusammenfassen

Ein Drittel Grundlagen. Ein Drittel eigene Forschung. Ein Drittel Diskussion.

Zitieren und Quellenangaben. Alles, was Sie selbst herausfinden, schreiben Sie unter Ihrem Namen. Fremdes Wissen wird zitiert. Die einheitliche Zitierweise wird mit der Schule abgestimmt.

Wie schreiben? So einfach wie möglich. Keine heiße Luft.

7. Fertigstellen, hochladen, abwarten

Ihre ABA wird hochgeladen und geprüft.

8. Präsentieren

Vier Minuten sprechen. Vier Minuten Fragen beantworten.

9. Für einen Preis einreichen

Nutzen Sie Ihr Wissen weiter. Vielleicht für einen Preis.

10. Fertig

Es war nicht immer leicht. Aber es bleibt Ihre Arbeit. Ihre Gedanken. Ihre Worte.

Wir gratulieren.

Text: Lothar Bodingbauer. Dieses ABA-Manual entstand im Unterricht am Abendgymnasium Wien und erschien zuerst 2020 auf phyx.at.
Gliederung, Zwischentitel, leichte Umstellungen und Kürzungen, Korrektur von Tippfehlern: Claude, ein KI-Modell von Anthropic, im Auftrag von Lothar Bodingbauer.

Weiter zu den Forschungsfragen →
← Zurück zu den Workshops