Gedenkdienst in Kanada: Bericht nach Hause II

Salzburger Nachrichten
8./9. Juli 2000

Es ist oft die Wortwahl, die das Zusammenarbeiten von österreichischen Gedenkdienern und jüdischen Holocaust-Überlebenden schwierig macht. Als Vertreter des Täterstaates Österreich wurde ihre Arbeit zu Beginn mit Skepsis aufgenommen. 60 Jahre seid ihr zu spät, hieß es, und: Ihr wollt nur gute Stimmung machen. Die Ängste gegenüber der gemeinsamen Arbeit im Dienst der guten Sache – dem Aufarbeiten der Schrecken der NS-Zeit – sind heute jedoch den praktischen Erfahrungen gewichen.

Ein Erfahrungsbericht (Lothar Bodingbauer).

Es gibt einige Worte, die wir während unserer Arbeit mit Holocaust-Überlebenden nicht verwenden dürfen. Selection ist eines davon: Die Deportierten wurden von den Nationalsozialisten vor ihrer Deportation selektiert.
Dann: Efficiency. Effizienz war eines der Schlüsselwörter, wenn es um die rascheste und ökonomischste Lösung galt, zukünftige KZ-Häftlinge in Viehwaggons an den Ort ihrer Vernichtung zu bringen.
Das Golden Age, ist das Restaurant des Altenheims des jüdischen Zentrums in Montreal. Als ich dort unlängst dem Koch unbedacht mit dem deutschen Jawohl meine Zufriedenheit ausdrücken wollte, daß Apfelsoße auf meiner Mehlspeise ideal sei, war im Raum ein Moment der Stille zu verspüren.
Es hätte böse enden können, aber sie haben dann doch alle weitergegessen.
Was sich wie eine eigenartige, fast witzige Wortspielerei anhört, hat einen ernsten Hintergrund, dem ich nur mit Sensibilität und Verständnis begegnen kann. Das Vokabular des Verbrechens war mir bis zu meinem Dienstbeginn zwar bekannt, aber seine Bedeutung für die Betroffenen kannte ich nicht. Viele Überlebende, mit denen ich Tonband-Interviews mache, zittern heute noch, wenn sie von den Erlebnissen erzählen, die nun in ihrem Leben 60 Jahre zurückliegen.
Ich habe die Internet-Seite des Museums gestaltet, und mußte feststellen, daß ich auch die Farbe Gelb nicht verwenden darf, und diese Farbe scheint auch tatsächlich auch auf keiner Drucksorte des Museums auf.
Gelb war die Farbe, mit der Juden im 3. Reich gebranntmarkt und gekennzeichnet wurden. Es gibt hier noch zu viele Menschen, die sich daran erinnern.
Holocaust-Überlebende betreiben das Montrealer Holocaust Centre gemeinsam mit vier jüdischen Angestellten, die aus zweiter oder dritter Generation stammen. Das Museum wurde 1974 auf Initiative von Holocaust-Überlebenden gegründet und ist in das jüdische Zentrum Montreals eingebettet. In allen Führungsgremium nehmen die Überlebenden eine starke und richtungbestimmende Stellung ein. Viele Überlebender wollen von moderner Museumspädagogik noch nichts wissen, sind von ihrem persönlichen Trauma bestimmt. Sie sagen, ein Holocaust Museum sei zum Gedenken da, brauche keine Darstellung des jüdischen Lebens vor und nach dem Krieg. Nur langsam gelingt es den anderen Mitarbeitern, diese Fokussierung aufzuweiten.
Erstaunlicherweise gibt es am Museum ein Filmprogramm mit Videofilmen aus der NS-Zeit. Da sitzen die Überlebenden und sehen sich einmal im Monat einen Horrorfilm an, mit Sätzen wie Weg mit dem Juden und Maschinengewehrsalven. Die Zuseher sitzen stumm und reißen die Augen auf, essen Cookies und trinken Kaffe. An Skurrilität ist diese Situation nicht zu überbieten. Ich weiß bis heute nicht, warum sie das machen.
Diese Holocaust-Überlebenden unterscheiden sich durch nichts von meinen Großeltern. Die alten Bilder, die sie mir zeigen, sind die gleichen, die Ausbildung ähnlich, ihre Berufe, sie sprechen oft die selbe Sprache. An Montrealer Schulen erzähle ich von meinen Großeltern und ihrer Rolle im nationalsozialistischen System. Die Schüler staunen, wenn ich vom Umkippen berichte, jenem Punkt, an denen sich die Ideale von einem guten, edlen Leben in moralischer wie auch in körperlicher Hinsicht plötzlich sich gegen jene wandten, die nicht so waren, oder von der Staatspropaganda anders dargestellt wurden, als sie selbst sein wollten. Meine Großmutter hat immer den Kopf geschüttelt, wenn wir im Fernsehen Bilder gesehen haben, vom jubelnden Heldenplatz beim Anschluß. Da sind wir gestanden, hat sie gesagt, sich gewundert. Sie hatte einfach keine Erklärung.
Mein Kollege Michael Pollan ist der erste jüdische österreichische Gedenkdiener, und das wirft genau zwei Fragen auf. Ist er Österreicher? Ist er Mitglied der jüdischen Gemeinschaft? Wir sind trotz dieser ungeklärten Definitionsfragen in alle Bereiche des Museums eingebunden. Gemeinsam begleiten wir Interviews der Witness-to-History-Reihe, Videoaufzeichnungen, die durchgeführt werden, um die Erlebnisse der Überlebenden noch festzuhalten, bevor sie mit dem Tod ihrer Erzähler sterben. Wir übersetzen deutschsprachige Dokumente des Archives ins Englische und betreuen die derzeitige Ausstellung über Kinder des Holocaustes. Das Museum ist auch ein Servicezentrum. Wir helfen ehemaligen Verfolgten Formulare auszufüllen, die ihre Ansprüche für Entschädigungen aus Deutschland und Österreich geltend machen. Das ist ein eigenartiger Interessenskonflikt, wir müssen ja schließlich auch dafür bezahlen, wenn wir wieder heim nach Österreich kommen. Aber daß ich die Menschen kenne, die das Geld bekommen, und sehe, wie viele von ihnen Mindestpensionisten sind, die sich dritte Zähne davon kaufen, hilft.
Ich selbst muß pro Arbeitsstunde umgerechnet 25 Schillinge zahlen, das Geld aus Österreich reicht nicht aus, um meine Kosten zu decken. Eigeninitiative heißt das, und gibt mir etwas Rückendeckung gegen Argumente, Gedenkdiener lebten gut auf Staatskosten im sonnigen Ausland.
Wir werden gefordert, müssen erzählen. Als Gedenkdiener in Kanada sind wir Ansprechpartner für Interessen und Sorgen über Österreich. Immer wieder werden wir gefragt, warum Österreich heute wieder so dumm ist, so eine Regierung zu wählen. Ich erkläre dann die Grundsätze der Demokratie und bedanke mich für die Proteste, denn die gehören halt auch zur Demokratie. Ich sage auch, daß Haider kein Nazi ist, daß die bisherige Regierungsform der österreichischen zwei Großparteien wahrscheinlich ihr Ende finden mußte, und daß ich froh bin, daß die Österreicher in diesen Tagen wieder eine politische Meinung jenseits der Wurstigkeit haben.
Auf Fremdenfeindlichkeit und Populismus in Kanada hinzuweisen, vergesse ich auch nicht. Und zeige meine Sorge darüber, daß Politiker, die polarisieren, den Menschen nichts Gutes tun. Nur einmal hat sich – ein Unbekannter – beschwert, daß wir noch lustig sind, und vor uns hinpfeifen.
Lieselotte hat als Kind den Holocaust überlebt. Mit der Ankunft der Gedenkdiener hat sie wieder angefangen Deutsch zu reden. Wenn wir Kaffee kochen, unterhalten wir uns in deutscher Sprache über die Qualität des Kaffees und über die Güte österreichischer Buchteln. Sie wird mir noch ein Loch in den Bauch fragen.
Es ist das gemeinsame Arbeiten, das gute Stimmung macht, jenseits von politischer Theorie und offiziellen Entschuldigungen, die übrigens für alle Menschen, mit denen ich hier gesprochen hat, von großer Bedeutung sind. Die Leute hier sind einfach – ganz normal – und haben Angst vor allem, was sie aus Österreich an die Schrecken der vergangenen Zeit erinnert.
Wenn ich im Jänner nächsten Jahres nach Österreich komme, werde ich Lehrer sein und mit Schülern arbeiten. Irgendwie lerne ich in diesem Jahr zu begreifen, wozu Erziehung führen kann.
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Lothar Bodingbauer, *1971, studierte in Wien Mathematik und Physik Lehramt und arbeitet als Radiojournalist für ORF und Deutschlandfunk. Dieses Jahr verbringt er als Gedenkdiener des Vereines für Dienste im Ausland in Kanada.
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Stichwort: Gedenkdienst
Der Gedenkdienst wurde 1992 vom Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger gegründet. Als Ersatz für den Militär- bzw. Zivildienst befinden sich derzeit ca. 60 Gedenkdiener weltweit an Holocaust-Gedenkstätten im Einsatz. Der Dienst dauert – im Vergleich zum 12-monatigen Inlandszivildienst – 14 Monate und wird rückwirkend als Zivildienstersatz anerkannt. Nähere Informationen finden sich im Internet auf www.auslandsdienst.at und www.gedenkdienst.at

Gedenkdienst in Kanada: Bericht nach Hause I

Braunauer Rundschau, 16. März 2000

Wir sind Botschafter – Gedenkdiener in Kanada
Lothar Bodingbauer (29) arbeitet im Holocaust Centre in Montreal

ALTHEIM. Ich verbringe im Augenblick viel Zeit damit, in Montreal Fragen zur politischen Situation in Österreich zu beantworten. Die Leute hören immer wieder von Haider und haben eine sehr schlechte Meinung. Lothar Bodingbauer (29) arbeitet am Montreal Holocaust Memorial Centre (MHMC) und ist einer von 21 jungen Österreichern, die im Ausland einen 14-monatigen Gedenkdienst leisten. In der Diskussion mit den Menschen – die meisten sind Überlebende des Holocaust und ihre Familien – erfüllt er eine wichtiges Ziel des Auslandsdienstes: ein Zeichen zur aktiven Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit zu setzen und ein bisschen Botschafter Österreichs zu sein.

Interviews mit Überlebenden

Der Altheimer ist der mittlerweile sechste Gedenkdiener im MHMC und gemeinsam mit seinem jüdischen Wiener Kollegen Michael Pollan Teil des achtköpfigen Teams. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, an einem Zeitzeugen-Programm mit Video-Interviews von Überlebenden des Holocaust mitzuarbeiten. Bei dem Job hilft Lothar Bodingbauer seine Erfahrung aus dem ORF, für den er neben dem Physik- und Mathematik-Studium Radiobeiträge gestaltet.

Das MHMC ist ein jüdisches Zentrum, das neben einem Umbau befindlichen Museum auch eine Volkshochschule, einen Kindergarten und ein Altenzentrum beherbert. Im Aufsichtsrat sind vor allem Holocaust-Überlebende vertreten.

Ursprünglich waren die Auslandsdiener im MHMC gar nicht willkommen. Eine Alibi-Aktion, die Österreichs Image nach der Waldheim-Affäre verbessern sollte, lautete der Vorwurf. Obwohl sich durch den täglichen Kontakt ihr Bild von Österreich änderte, blieb die Haltung vieler im Zentrum reserviert. Deshalb überrascht es Lothar Bodingbauer umso mehr, wenn – in der ansonsten englisch- sprachigen Umgebung – Überlebende plötzlich wieder ihre deutsche Mutersprache verwenden. Viele haben dies seit ihrer Auswanderung nicht mehr getan.

Hoffnung auf Entschädigung

Auch privat sind die beiden österreichischen Studenten in das jüdische Leben integriert. Eine hochgeistige Umgebung sei es, die Diskussionen liebt uns sehr an ihrer Meinung interessiert sei. Ich profitiere selbst sehr von dieser Arbeit.

Eine zusätzliche Aufgabe der Auslandsdiener ist, ehemaligen Zwangsarbeitern bei den Anträgen auf Entschädigung behilflich zu sein. Die Leute hier sehen das eher pragmatisch und sind guter Hoffnung. Aber sie hauen nicht mit der Faust auf den Tisch. Dabei sind es keine reichen Amerikaner, die Anträge stellen, sondern in der Mehrzahl Mindestpensionisten.

Nur die Engagierten dürfen teilnehmen


Für österreichische Studenten ist es nicht ganz einfach, einen Gedenkdienst antreten zu dürfen. Nur wer sehr engagiert im Verein für Dienste im Ausland mitarbeitet, hat eine Chance, akzeptiert zu werden. Jeweils 9.800 Schilling stehen Lothar Bodingbauer und Michael Pollan im Monat zur Verfügung. Was sie sonst noch zum Leben brauchen, müssen die beiden selbst zahlen oder auftreiben.

Stichwort: Auslandsdienst
- Der Verein für Dienste im Ausland wurde 1998 von Dr. Andreas Maislinger gegründet. Diese Initiative vermittelt junge Österreicher an Gedenk-, Sozial- und Friedenseinrichtungen im Ausland. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf Institutionen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen.

– Der Auslandsdienst dauert 14 Monate und bietet eine Alternative zum Wehr- und Zivildienst.

– Derzeit sind 21 Auslandsdiener in 17 Partner-Organisationen im Einsatz. Beispiele: Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, Steven Spielbergs Shoah Foundation in L.A. usw.

– Informationen unter http://www.auslandsdienst.at email: contact@auslandsdienst.at

Gedenkdienst in Kanada: X-mas

Tatsaechlich. Hinter den Fensterscheiben sind die Christbaeume zu sehen, bunt beleuchtet, die Wohnzimmer im gedaempften Licht. Schoen sieht das aus, und man muss gar nicht selbst dabei sein.

Gut, es sind in den Weihnachtsausgaben der Montreal Gazette, der National Post und der Globe and Mail schon die Anzeigen fuer den Ausverkauf am 26. Dezember, dem Boxing-Day, zu finden. Aber: Heute ist Weihnachten und morgen der Weihnachtsfeiertag, und das ist allen klar.

Das bedeutet:

* Essenkaufen bis 17 Uhr, dann sind wirklich alle Laeden dicht
* Letzte Lieder der Strassenmusikanten, gutes Geschaeft
* Gute Stimmung ueberhaupt
* Christmas carols auf CBC Radio Canada
* Auf den Strassen des fruehen Abends sind schon kaum mehr Menschen

Im Fernsehen: Takshow am Kommerz-Sender. Mehrere junge Maedchen sollen zur Besserung ins Gefaengnis gesteckt werden. Sie sind goschert und dann kommen ins Studio eine Polizistin und ein Polizist. Die Polizist sagt: Ihr kommt zu mir, meint zu ihr ins Gefaengnis, und wirft ihnen orange Gefaengniskleidung hin. Das fuehrt zu einer wuesten Beschimpfung gegenseitig, und moeglicherweise wird nach der Werbung eine Weihnachtsamnestie folgen. Doch es ist nicht auszuhalten, solange zuzusehen.

Umgschaltet: Vancouver ist im Nebel, seit Tagen, nur ein Wolkenkratzer schaut heraus. Draussen auf dem umgebenden Bergen scheint die Sonne, und ein Flugzeug holt Luft, und taucht in den Nebel ein.

Minus 19 Grad hat es jetzt am Abend draussen, mit dem Windfaktor ist das schon ziemlich frostig, aber heute war ein schoener Sonnentag. Am Nachmittag sind die Europaer schon tief im Heiligen Abend, was einen Spaziergang umso schoener macht. In der U-Bahn zwei leicht Verrueckte, heute leicht Vergnuegte, die voller Entzueckung auf die Zeichentrickfigur am elektronischen Display starren.

Radio Canada hat eine Leitung nach Port Moresby nach Neuguinea. Der Gespraechspartner von der Heilsarmee sagt: Its gorgeous, ein Lieblingswort der Kanadier fuer grossartig. Morgen wird auch er in die Weihnachtsmesse gehen. Dann gehts telefonisch nach Ost-Timor, zu einem Mitglied der Peace-Keeping-Forces.

18:42. Europa schlaeft. Waere ich ganz gesund, so wuerde ich jetzt draussen spazieren. Aber morgen, ja morgen gehts zum St. Lawrence River! Und fuer heute Abend habe ich mir die Weihnachtausgaben der Zeitungen besorgt, zur Sicherheit ein Readers Digest. Zusaetzlich gibts im Charles Dickens Christmas Carol im Fernsehen und: Zwei Geschenke darf ich auch noch oeffnen!

Gedenkdienst in Kanada: Hockey im Molson Center

Gerauft wurde nur dann, wenn abgepfiffen war. Haette der eine Hockeyplayer dem anderen noch waehrend des Spieles eine verpasst, haette es fuer ihn fuer zwei Minuten ab auf die Strafbank geheissen. Und die ist wiederum durch eine Glasscheibe vom Gegner getrennt, der eventuell auch einsitzen muss.

Wir sprechen hier vom Hockeyspiel der Canadiens gegen die Gaeste aus Pittsburgh. Die Brauerei Molson hat dazu, und nicht nur zu diesem Spiel, ein Hockeystadion spendiert, aus dem sie eventuell auch Gewinne lukriert, da muesste man nachfragen. Die Eintrittskarte fuer ganz hinten oben, mit wunderbarem Gesamtueberblick, kostet $ 22,70. Plexiglasscheiben trennen die ersten Reihen vom Spielfeld, und das ist Naturgemaess ein Eisfeld, mit Werbungen darunter verborgen. Darueber schwebt ein Riesenluster der am Hauptbildschirm das Spielgeschehen zeigt, den Spielstand, und an den Nebenbildschirmen Werbungen einspielt, und auch wer einsitzen muss. Oft kommt Werbung und oft eine Detailfigur des Publikums. Die freut sich dann immer, springt auf, reisst die Haende nach oben und wiegt im weiblichen Fall die Hueften. Zusaetzlich werden Informationen gegeben, wann es passend waere, zu klatschen, zu stampfen, oder im Krisenfalle auch zu schunkeln. 25000 Menschen koennten das im neuen Molson Centre tun.

Gespielt wird drei mal 20 Miuten mit 20 Minuten Pausen dazwischen, an denen die Besucher hinauseilen um den obligaten Hot Dog zu kaufen, Coca Cola oder auch ein Molson Bier. Ein gelbes Pick-Up Auto der Marke Dodge faehrt herein und prostituiert sich. Gleich danach ein rotes Lastwaegelchen mit einem Weihnachtsmann darauf, der mit einem grossen Gewehr Wuerste in die Menge schiesst. T-Shirts sind darin, lautet die Auskunft der Kenner.

Gemuetlich ist die ganze Halle, mit guter Luft und schoener Sicht. Das Spiel selbst verlaeuft tendenziell schleppend. Kaum ist eine Minute gespielt, wird gestoppt, irgendetwas unsichtbares passiert, gegebenenfalls wird ein Spieler ausgetauscht. Bei wechselnder Musik. Ueberhaupt ist zu bemerken, dass auf den Spielerbaenken mehr Spieler sitzen, als alm Feld herumfahren: 5 pro Mannschaft und jede einen Tormann. Vier Schiedsrichter stehen herum, fahren dann und wann dazwischen, und weichen dem Puck hoechstens durch einen Schritt nach oben oder zur Seite aus. Oft muessen sie auch ihren Kopf schuetzen vor den Schlaegern bzw. den Schlaegen.

Das Spielgeschehen unterliegt einer bemerkenswerten Organisation und Taktik. Schnell wird der Puck nach vorne getrieben, um dann unmittelbar zur Seite dem aufholenden Spieler der gleichen Mannschaft zugespielt zu werden. Der dann ganz gerne ein Tor schiesst, und dann ertoent eine Sirene, die Halle jubelt, und rote Blinklichter auf der entsprechenden Seite des Spielfeldes zeigen die Richtigkeit des Gesehenen an. Wie schoen ist es, wenn das Spielgeschehen dichter, den Aufforderungen zu klatschen vorausgeeilt, und es so gesehen spannend wird! Und wie dann Pittsburgh gegen die Canadiens gespielt haben, wird morgen die Gazette schreiben: 5:1 gewonnen.

Gedenkdienst in Kanada: Montreal Holocaust Memorial Center

INFORMATIONEN ZUM GEDENKDIENST
 Jänner 2000

GESCHICHTE UND GEGENWART DES MHMC
(Montreal Holocaust Memorial Center)

Das MHMC geht auf eine Initiative der Association of Survivors of Nazi Oppression zurück, die 1974 gegründet wurde. Diese jüdische Vereinigung der Überlebenden des nationalsozialistischen Regimes gewann die Unterstützung der Stadt Montreal und des Allied Jewish Community Service (heute: Federation Combined Jewish Appeal, kurz: Federation CJA) für die Errichtung einer Holocaust-Gedenkstätte, die 1979 im Gebäude der Federation CJA eröffnet wurde. Die Holocaust-Survivors spielen bis heute eine aktive Rolle als Museumsführer und richtungsgebende Mitarbeiter in Gremien und im Servicebereich des MHMC.
Der erste Schritt zur Errichtung eines Museums war die Schaffung eines Archives zur Aufbewahrung von Kunst- und Erinnerungsgegenständen, Dokumenten und Fotografien, die mit dem Holocaust in Verbindung stehen. Die Sammlung des Archives umfaßt heute etwa 50.000 Objekte. Aus den Beständen des Archives wurde 1985 die erste große Ausstellung des MHMC zum Thema „Children of the Holocaust – Legacy of a Lost Generation (Kinder des Holocaust – Nachlaß einer verlorenen Generation) zusammengestellt und der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Dauerausstellung des Museums wurde 1991 unter dem Titel „Splendor and Destruction: Jewish Life that Was, 1919 – 1945 (Glanz und Zerstörung: vergangenes jüdisches Leben, 1919 – 1945) präsentiert und führte zu einer jährlichen Besucherzahl von 15.000 Personen.

Die Führungen durch das Museum werden vorwiegend von den Überlebenden des Holocaust gehalten, die in kurzen Vorträgen ihr persönliches Schicksal während der Shoa (hebr.: Holocaust) schildern.
Eine Hauptzielgruppe aller Aktivitäten des Centres sind Schulklassen. Das MHMC bietet für Schüler und Studenten speziell betreute Führungen durch das Museum an, widmet sich intensiv der ständigen Verbesserung des geschichtlichen Unterrichts zum Thema „Holocaust und ist aktiv an wissenschaftlichen Symposien zur Didaktik der Vermittlung des Holocaust, von Toleranz und Antirassismus beteiligt.
In Summe erreichte das MHMC 1995 durch das gesamte Veranstaltungsgebot, das außer festen Ausstellungen auch Vorträge, Tagungen und Wanderausstellungen behinhaltet, knapp 100.000 Besucher.

Derzeit wird das MHMC vollständig umgebaut, die ständige Ausstellung wird um eine Darstellung des jüdischen Lebens in fünf Städten Europas und Noradfrikas vor dem 2. Weltkrieg und das Leben nach dem Holocaust erweitert. Museumspädagogen sorgen für eine zeitgemäße und multimediale Darstellung der Sammlung. Im zweiten Teil des Jahres 2000 wird der Umbau abgeschlossen und eine Neueröffnung zu erwarten sein. Eine verkleinerte, temporäre Ausstellung ist aber schon jetzt zu besuchen.
Im Mittelpunkt der Dokumentations-, Forschungs- und Publikationstätigkeit des MHMC stehen die Schicksale von Opfern und Überlebenden der Shoa. Ihnen ist das Programm „Witness-to-History gewidmet. Es umfaßt bisher etwa 400 auf Video aufgezeichneten Interviews mit Holocaust-Überlebenden. Diese Dokumente werden wissenschaftlich ausgewertet und Forschung und Lehre zur Verfügung gestellt.

Die Organisation von Gedächtnisfeierlichkeiten zum Gedenken an den Holocaust ist ein weiteres Aufgabenfeld des MHMC.

Als Serviceeinrichtung hilft das MHMC ehemaligen Zwangsarbeitern, die notwenigen Formulare für Entschädigungen durch schweizer oder österreichische Banken auszufüllen.
Finanziert wurde das MHMC 1997 zu 45% durch Spenden. 55% der Mittel wurden von der Mutterorganisation Federation CJA zur Verfügung gestellt. Die Republik Österreich stellt mit der Entsendung zweier Gedenkdiener zwei unentgeltliche Arbeitskräfte zur Verfügung.

GEDENKDIENST ALS FORM DES ÖSTERREICHISCHEN ZIVILDIENSTES

In Österreich dürfen präsenzdienstpflichtige Männer frei wählen, ob sie anstatt des 8-monatigen Militärdienstes den 12-monatigen Zivildienst leisten wollen. Dieser Zivildienst ist in Österreich normalerweise mit der Tätigkeit an sozialen Einrichtungen im Inland verbunden. Es besteht jedoch seit 1992 auch die Möglichkeit, einen 14-monatigen Dienst im Ausland zu leisten, an Einsatzstellen etwa, die sich aktiv mit Zeitgeschichte und der österreichischen Rolle im nationalsozialistischen Regime beschäftigen. Diese Idee dieses Gedenkdienstes geht auf den österreichischen Politikwissenschaftler Andreas Maislinger zurück, der 1980 mehrere Monate als freiwilliger Mitarbeiter für die deutsche Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste in Auschwitz-Birkenau tätig war.

Ziel dieses in Anerkennung der Täterrolle Österreichs im nationalsozialistischen Regime vom Bundesministerium für Inneres genehmigten Gedenkdienstes ist es, jungen Österreichern die Möglichkeit zu geben, sich aktiv mit Zeitgeschichte und dem Holocaust zu beschäftigen und Zeichen zur aktiven und verantwortungsvollen Beschäftigung mit der österreichischen NS-Vergangenheit zu setzen.

Heute werden Gedenkdiener nach Israel, Europa und Nordamerika geschickt, sie sind aktiv in alle Bereiche der Einsatzstellen eingebunden und sind durch ihre unterschiedliche Vorbildung spezialisiert, zu geschätzten Mitarbeitern geworden. Für die Shoa Foundation des Filmemachers Steven Spielberg katalogisieren und evaluieren Gedenkdiener etwa Interviews, die von Überlebenden gemacht wurden; österreichische Gedenkdiener führen durch Museen oder besuchen als Vortragende Schulklassen Universitäten und Symposien.

Der Verein für Dienste im Ausland arbeitet heute mit 30 Institutionen weltweit zusammen. 39 Gedenk-, Friedens- und Sozialdiener arbeiten an 20 Einrichtungen, eine Zahl die sich erhöht. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit wurde um die Beschäftigung mit Gegenwart und Zukunft erweitert. In jüngster Zeit wurden Gedendienststellen um soziale oder friedenssichernde Einrichtungen erweitert. Sozialdiener etwa betreuen etwa in Buenos Aires Straßenkinder und Friedensdiener unterstützen in Palästina die Tätigkeit der Palaestinian Society for Human Rights and Environment.

DER ÖSTERREICHISCHE GEDENKDIENST AM MHMC

Im April 1995 wurden die ersten österreichischen Kontakte zum MHMC geknüpft, und Judith Pfeifer trat als nichtzivildienstpflichtige Frau ihren freiweilligen Dienst in Montreal an.

Die Resentiments der Überlebenden gegenüber jungen Österreichern als Repräsentanten des „Täterlandes konnten durch den Einsatz der Leitung des MHMC und österreichischer Holocaust-Opfer überwunden werden. Die ursprüngliche partielle Ablehnung des Gedenkdienstes am MHMC gründete sich auf das Argument, dieser Gedenkdienst sei erst 50 Jahre nach dem Holocaust und daher viel zu spät ins Leben gerufen worden und solle der Republik Österreich auf diesem Weg zur Wiedergewinnung ihrer durch die Waldheim-Affäre und die Wahlerfolge der FPÖ unter Jörg Haider angeschlagenen internationalen Reputation verhelfen.

Die Zusammenarbeit gestaltete sich aber dann als so überaus erfolgreich, daß das MHMC auch von österreichischer Seite durch das Bundesministerium für Inneres als offizieller Einsatzort für den Gedenkdienst anerkannt wurde. Die Gedenkdiener stehen im steändigen Kontakt mit der österreichischen Bot
schaft in Ottawa und dem österreichischen Konsulat in Montreal, die die Aktivitäten sehr genau und mit großem Interesse verfolgen.

Von 1996 bis 1997 leistete Philipp Manderla Gedenkdienst, 1998/99 Klaus Jagoditsch und Wolfgang Müller, seit dem 16. Oktober 1999 Michael Pollan und seit dem 1. Dezember 1999 Lothar Bodingbauer.

Die meisten Gedenkdienstleistenden hatten zur Zeit ihrer Tätigkeit ihr Studium bereits abgeschlossen oder waren in fortgeschrittenen Studienabschnitten. Die damit verbundene Selbständigkeit ihrer Mitarbeit dürfte in Zukunft durch die Unaufschiebbarkeit des Zivildienstes gefährdet sein: Kommende Gedenkdienstgenerationen werden gerade erst die Mittelschule beendet haben.

Die Gedenkdiener sind in alle Arbeitsbereiche des MHMC vollständig eingebunden: Sie katalogisierne, indizieren, übersetzen, entwickeln Materialien, führen, betreuen ehemalige Zwangsarbeiter und entwickeln eigenständige Programme; Gedenkdiener sind den angestellten MHMC-Mitgliedern gleichgestellt.
Darüberhinaus werden Gedenkdiener von Mitarbeitern und Besuchern des MHMC oft sorgenvoll nach den politischen und sozialen Verhältnissen in Österreich befragt. Es ist also naheliegend, dem Gedenkdienst im Ausland auch eine Botschafter- oder Repräsentanzrolle zuzuschreiben.