Wie macht man Radio? Oder Podcasts?

Freundlich sein, sich etwas erzählen lassen, zuhören, nachfragen, aufmuntern.

Interviews – Aufnahmearten

Es gibt zwei Arten von Interviews für Radiosendungen und zwei Arten von Radiosendungen: Livesendungen und Sendungen mit vorab gestalteten Beiträgen. Rechercheinterviews sind Gespräche, die man als Journalist führt, um Informationen zum Thema der Sendung erhalten, von der Person, mit der man diese Gespräche führt.

Frage: Wie welche Farbe hat Ihr neuer Esel? Antwort: Weiß!

Keinesfalls findet so etwas innerhalb einer Livesendung statt, der Hörer würde den Fragenden für nicht sehr schlau erachten. Hier hätte man besser vorher recherchiert, dass der neue Esel weiß ist, und kann die Frage darauf aufbauen.

Frage: Ihr neuer Esel ist weiß. Grau war nicht gut genug?

In Livesendungen kommt man vielleicht auch in die Situation, etwas besser vorher recherchiert zu haben, man hat es aber nicht gemacht. Da gibt es einen Trick, zum Beispiel, wenn man nicht weiß, dass der neue Esel weiß ist.

Frage: Welche Farbe hat der neue Esel für Sie?

Die meisten Interviews wird man aber aufzeichnen, um Teile (OT’s / Originaltöne) daraus in gebauten Beiträgen zu verwenden. Hier gibt es sehr wohl die Möglichkeit, schon das Rechercheinterview mit Mikrofon und Aufnahmegerät zu führen – wenn das dem Interviewpartner recht ist. Manche Leute sagen, „ach nehmen wir doch einfach auf, Sie nehmen eh nur das, was Ihnen passt“.

Das ist schon richtig und meist geht das auch gut. Aber schnell hat meine eine halbe Stunde Gespräch aufgenommen und die Bearbeitungszeit danach wächst fast exponentiell mit der aufgenommenen Aufnahmezeit. Die Aufnahme muss durchgehört und transkribiert oder exzerpiert werden, die richtigen Stellen müssen identifiziert und herausgeschnitten werden. Vorteil ist aber, dass man alle Informationen auf Band hat, und auch sehr wirklichkeitsnahe Aussagen hat, die nicht sehr konstruiert sind. Ein weiterer Nachteil, dass die Interviewpartner auch ermüden – für die ist das doch auch anstrengend.

Besser ist wahrscheinlich, das Recherchegespräch ohne Mikrofon zu führen, Einzel- und Besonderheiten in einem Notizbuch zu notieren, und danach jene Punkte zu identifizieren, die nur der Interviewpartner so gesagt haben kann – und kein anderer. Man formuliert zu diesen vielleicht drei Punkten drei schöne Fragen und nimmt nur diese Antworten auf. Die Interviews dauern in diesem Fall nur 10 Minuten, sind kompakt, leicht zu bearbeiten und der Qualität tut das keinen Abbruch – im Gegenteil.

Beispiel für ein Rechercheinterview mit Mikrofon: Gespräch mit dem Regisseur Markus Kupferblum, für die Sendung „der Schrei auf der Bühne“. Das Interview hier ist leicht auf Versprecher geschnitten, es erzählt so viel über das Theater, dass es auch schön in voller Länge hörbar ist. Link: Lob und Tadel #008

Interviews – Inhalte

Zur Sicherheit: hier ist von Interviews für nicht tagesaktuelle Sendungen die Rede. Für Hintergrundgeschichten, für das Feuilleton, für Features, für Reisesendungen, gebaute Beiträge und gebaute Reportagen.

  • Alles kann man fragen, die eigenen Fragen schneidet man ohnehin raus. Blöde Zwischenfragen helfen oft: „Hä?“ oder  „Das verstehe ich leider nicht“, etc.
  • Ist eine Zwischenfrage schön gestellt und passt sie gut dazu, bleibt sie drinnen.
  • „Was bedeutet das konkret?“ ist eine der wichtigsten Nachfragen auf zu allgemeine oder abstrakte Antworten.
  • „Erzählen Sie mir doch mehr darüber!“ ist eine der wichtigsten Aufforderungen zum Weiterreden, wenn der Interviewpartner (zu) kurz antwortet.
  • Wenn man nach wiederholtem Nachfragen keine klare Antwort erhält, kann man sagen: „Habe ich Sie richtig verstanden, dass … “ – und dann sagt man genau das Falsche. Was dann als Reaktion kommt, kann man sicher verwenden.
  • Man kann das Mikrofon durchaus schon früher einschalten. Zum Beispiel, wenn man an der Haustüre anläutet und durch das Stiegenhaus nach oben geht, und an der Wohnungstür „Hallo“ sagt. Das geht dann in Richtung Originaltonfeature, ist oft nett, man muss aber aufpassen, dass es auch nett klingt, Grund hat und nicht beliebig ist.
  • Soviel ich weiß, ist die Anwesenheit eines Mikrofons implizit mit einer Einwilligung zum Gesendetwerden verbunden – bis zu dem Moment, in dem der Interviewpartner das weitere Aufnehmen bzw. Verwenden verbietet. Nachträglich kann er das auch nicht widerrufen. Einzige Möglichkeit, für ihn nicht gehört zu werden, ist still zu sein. Sonst kann man wenigstens noch „Ich sage dazu gar nichts, und Sie dürfen das auch nicht verwenden“ verwenden. Man wird allerdings bei „freundlichen“ Interviews immer dem Gegenüber die Möglichkeit geben, etwas noch einmal zu formulieren, bzw. auch die nachträgliche Bitte, das so nicht im Radio zu spielen erfüllen. Man gewinnt hier auch beim Hörer nichts, wenn man hier zu platt vorgeht. Die meisten Menschen haben auch keine Erfahrung mit Medien, und wir führen niemanden vor. Anders ist das allerdings bei trainierten Interviewpartner, die partout nichts sagen wollen, aber eben doch reden wollen. Hier sind wir schon etwas schonungsloser – allerdings nur, wenn der Hörer etwas davon hat. Siehe nächster Punkt.
  • Nie persönliche Kränkungen in irgend einer Weise auf Sendung bringen.
  • Nonverbales Nachfragen bzw. Bestätigen. Alles was der Interviewende an bestätigendem „Mhm“ gleichzeitig sagt, kann nicht rausgeschnitten werden. Im Fernsehen ist das der nickende Interviewende. Also: Mund halten. Nicken – im Radio geht das eben. Oder ganz entsetzt oder nachfragend schauen, wenn etwas gesagt wird, was man gerne noch erklärt hätte.
  • Still zu sein, nachdem man den ersten Antwortschwall erhalten hat. Nichts sagen, ist auch ein gutes handwerkliches Mittel, mehr als nur die erste Reaktion zu erhalten. Nicht nachfragen. Ermunternd anschauen, warten was kommt. Nachdenken braucht Zeit, und diese Zeit wollen wir doch geben.
  • Eine Frage die man stellt, braucht normalerweise keine möglichen Antworten, die man selbst als Auswahlmöglichkeiten formuliert. Also: Frage stellen und warten. Gut: „Wie geht es Ihnen jetzt zuhause in Wien nach dieser langen Reise?“ Eher schlecht: „Wie geht es Ihnen jetzt zuhause in Wien nach dieser langen Reise? Sind Sie traurig, dass Sie wieder da sind, oder eh ganz froh, dass blablabla.“
  • Interviews auf der Straße sind am besten durch die Frage selbst einzuleiten: „Ich arbeite an einer Sendung über den Mund und würde Sie gerne fragen, ob Sie mit Ihren Lippen zufrieden sind?“ ist erfahrungsgemäß besser als: „Entschuldigen Sie bitte, hätten Sie kurz Zeit für ein Interview?“

Interviews – Risikogruppen

Wir sind uns ja einig, dass Interviews geführt werden, damit die Menschen über ihr Tun erzählen und oft dieses Tun auch reflektieren. Das gelingt bei Bildhauern, Handwerkern, Tierpflegern, Leute, die etwas Besonderes tun oder können meist immer gut.

Es gibt aber bestimmte Berufsgruppen, für die „Reflektieren“ bedeutet, in eine artifizielle Sprache zu fallen, in ihre Berufssprache, in Nebelbegriffe, härter formuliert, in „Bullshit“. Manchmal aus Absicht, oft aus Angst, etwas Falsches zu sagen, meist aber aus dem internen Stil, in diesem Berufsbereich so miteinander reden (zu müssen).

  • Mitarbeiter von NGOs und Lobbyingorganisationen. Sie haben oft so eine Konzeptsprache drauf, die schwer im Radio verwendbar ist. Das Problem „zu schielen“ wird dann schnell zur „komplizierten Sehsituation“, die jemand hat; man bittet nicht um Hilfe, sondern man bittet jemanden „bei diesem Prozess zu begleiten“. Auch das „gegenderte“ Reden bringt im Radio nichts. ReporterInnen: Das Binnen-I hört man ja nicht, und wenn man in einem Satz drei mal beide Geschlechtsversionen hat, kann man diesen Satz nicht mehr hören. Es gibt Alternativen, die man meist durch Nachdenken herausfindet und ja, gerne auch nur die weibliche Form.
  • Marketing. Pressestellen. Es geht hier darum, die strategischen Begriffe in die Medien zu bringen. Wenn irgendwann einmal dann doch ein Gespräch entsteht, und es wird ein strategischer Begriff vergessen, wird er gnadenlos nachgeschoben. Alle Eventualitäten werden bedacht. Damit man nur nicht jemanden ausschließt, damit man nur nicht kritisierter wird. Die Interviews werden dadurch meist unbrauchbar. Schade. Es wäre schön, wenn Berater den Leuten beibringen würden, dass sie für längere Radiosendungen verständliche Reflexions- und Kommunikationssprache brauchen. Aber irgendwie ist es auch klar: für Fernsehen und Extremkurzradiobeiträge müssen die Aussagen in 20 Sekunden zusammengefasst werden. Da geht’s nur mit Schlagworten – die dann eben bei längeren Sendungen zu Hülsen werden.
  • Man selbst. Es ist nicht zu verhindern, dass man irgendwann glaubt, dass man „weiß, wie es geht“ oder sich selbst im Weg steht. Dann ist Zeit, wieder ein paar Sendungen von ganz wo anders anzuhören. Zum Beispiel von der BBC – Medical Matters. Dort treten immer wieder die Reporter selbst sehr hör- und spürbar auf – wahrscheinlich hochinsziniert und vorbereitet, aber eben professionell.

Und bei Podcasts ist alles ein bisschen anders.