334. Traunwanderweg

334. Traunwanderweg

Vom Alpenvorlands eine „Industrielinie“ entlang ins Salzkammergut hinein. Industrie zu Beginn im Welser Raum, dann Flusstransport – Salz aus den Bergen, Papierverarbeitung zwischendurch. Und Sprengstoff.

Die Traun entlang von Lambach nach Gmunden. Eine Industrielinie vom Alpenvorland ins Salzkammergut.

Wenn Sie mich fragen, was die Menschen an der Traun verbindet, wäre die erste Antwort natürlich: „Der Fluss“. Beim ersten Hinschauen könnte man damit zufrieden sein. Es ist aber kaum mehr als eine bloße Zufälligkeit, am selben Fluss zu wohnen, so wie die erste Perle an der Kette mit der nächsten nur soviel zu tun hat, wie dass sie an der selben Kette hängt. Was verbindet die Menschen an der Traun darüberhinaus? Für eine ausführlichere Antwort gehen wir in die Geschichte, und finden die Industrie. Die Pferde. Das Salz. Wir gehen in die Geologie und finden die Eiszeit. Den Schotter. Die Keramik. Und schon aus weiter Ferne sehen alle diesen Berg. Den Traunstein.

Auswärts ging es immer leichter. Seit dem 13. Jahrhundert transportierten erst Flöße, dann Schiffe das Salz aus dem Salzkammergut die Traun hinunter, hinaus an die Donau. Stromschnellen bei Roitham machten den Weg zurück aber unmöglich. Erst durch den Bau der Traunfälle konnten Pferdezüge die Schiffe zurückziehen. Heute erzählt eine Wanderung am Traunweg viel von der Geschichte dieser Region, die von den pulsierenden Lebensräumen des Alpenvorlands bei Wels ins Salzkammergut hineinwandernd, eine Geschichte der Papierindustrie ist, die dieses Wasser braucht, die Energie, die man daraus gewinnt, von Pferden und vom Transport. Das Benediktinerstift Lambach bildet mit seiner Schule Kontakt zu Himmel und Wissenschaft, die angrenzende Landwirtschaftsschule zum Boden und zu den Pferden, auch heute noch. Wer sich beim Wandern aber wundert, was sich entlang eines langen Stücks Stacheldrahtzauns mit unzähligen Verbotsschildern verbirg? Es ist das Haupt-Sprengstofflager des Bundesheeres. Dieses Wegstück touristisch zu integrieren ist bisher noch nicht gelungen, und so wandert man auf lange Strecken auch recht einsam oft von Lambach aus hinein ins Salzkammergut, wo als erster Ort Gmunden mit seiner Keramiktradition grüßt. Die Orientierung ist einfach. Immer am Fluss bleiben und der Traunstein weist in der Ferne schon gut sichtbar genau zum Ziel und in die richtige Richtung.

Bahnhof Lambach aussteigen, zum Fluss runter, nach Lambach, Stadl-Paura, die Traun entlang, ein Stück Bundesstraße, Traunfall rüber auf die andere Seite, Steyrmühl Papierfabrik, Museum, Bahnhof Gmunden.

Links zu Stationen und Themen:

Lambach:

Stadl-Paura:

Roitham am Traunfall:

Steyrermühl:

Gmunden:

 

 

333. IIllusionen

Moment – Randnotizen | ORF Radio Österreich 1, 31. August 2020, 15:45 Uhr

 

SIGNATION

 

Einige offene Fragen haben sich in den letzten Tagen in meine Tagträume geschlichen…

 

Wenn jemand eine gute Tat macht, ist er dann ein guter Täter?

Ein Anderer ist ein Attentäter. Was oder wo, um alles in der Welt, ist Atten?

 

Wenn jemand ein sympathischer Mensch ist, wo ist dann der Schwerpunkt seiner Sympathie? In seiner Mitte? Am Kopf, im Kopf, oder zwischen den Schultern?

 

Es gibt WCs für Frauen und für Männer. In Finnland, Schweden, und Norwegen nicht. Wer hat die WCs jemals getrennt? Aus welchem Grund? Und was hat sich verändert, dass in Skandinavien diese Trennung wieder aufgehoben wurde?

 

Im Verkehrsdienst gehört: „Achtung: Zwischen … und … liegt ein toter Greifvogel auf der linken Spur. Fahren Sie bitte vorsichtig.“ – Warum?

 

TRENNER

 

Aus der Liste der Sätze, die man vermutlich noch nie gehört hat, und auch nie hören wird:

 

Sie hat ihm nicht nur Sand in die Augen gestreut.

Schraube bitte eine neue Glühbirne raus.

Dreh den Fernseher um!

Geh mir in den Weg!

Könnten Sie bitte etwas schneller sprechen?

Wir müssen Ihnen hier einige Missverständnisse in den Weg räumen.

 

Und Sätze, die man häufiger hört, und ungefähr gleichhäufig sogar:

 

Der Deckel passt!

Der Deckel passt nicht!

Der Deckel passt fast!

 

TRENNER

 

Manche Wörter liegen so nah nebeneinander. Asymptotisch und asymptomatisch, das hört man ja gerade öfter, aber auch Statiker, Statistiker, Stator und Statist – da liegen Welten dazwischen.

 

Der eine untersucht die Verteilung der Kräfte im Gebäude, der andere die Zahlen, der dritte ist der feste Teil im Motor, und  viele vom Vierten werden gerade am neuen Flughafen in Berlin gebraucht, um auszuprobieren, ob man von dort fortfliegen kann, wenn er dann bald eröffnet wird.

 

Sie erlauben bitte die folgende Spielerei:

 

Ich bin in eine Illusion getreten.

Sie lässt wieder ihre lllusionen zum Fenster raushängen.

Die gröbsten Illusionen hat er leider noch vor sich.

Zuviel Illusionade getrunken.

Er hat die ganze Zeit Illusionetten gemampft.

Oh, was sind Sie von Beruf? Illusionatiker.

Ach, ich dachte er sei Illusionateur.

Eine illusionistische Haltung wäre nur absolut verfehlt.

Da liegt ein Illusionasmus vor.

Illusiotrop in alle Richtungen!

Der Arme, er illusioniert wieder.

Da müssen wir aber jetzt noch einmal drüberillusionieren.

Gib noch etwas Illusionat rein!

Diese Angelegenheit erfordert eine sofortige Illusionaton.

Sie hat sich wiederholt illusioniert.

Die Sache geht leider in die nächste Illusionanz.

Ach ist der Kleine süß… Ja, er heißt Illusius!

Machen Sie sich hier mal lieber Illusionen.

Wir sind hier von einer illusionistischen Umzäunung umgeben. Nicht zu überwinden.

Ja, sie muss endlich ihre Illusionen unter Kontrolle kriegen.

An der dritten Illusion rechts abbiegen. Nein, Sie müssen erst über die anderen beiden Illusionen drüber und dann rechts.

 

… illusionierend, illusioniert, illusioniebig, illusionistisch, illusionativ, illusionesk, illusionod, illusionarisch, illusional, illusiotiv, illusionamisch, illusionastisch. Illusionell! Das Illusionat, neoillusionistisch. Illusionale. Illusionengler & Illusioniker. Illusionator. Illusionateur. Illusionationszeit. Illusionatik.  Illusiopädie. Illusionasmus, llusionismus; Illusionen. Illusion. Genug.

 

Im Lexikon steht übrigens: Illusion: beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung, wie auch immer, ich mag sie in gewisser Weise, die Illusionen. Man sollte nicht davon abhängen, aber so wie Gewürze auch, sie machen das Leben dann doch ganz interessant.

 

 

332. Wahlbetrug

WORT DER WOCHE 12. August 2020 – Wahlbetrug / Ö1 Moment – Leben heute

Link zum Beitrag

 

Lothar Bodingbauer

 

 

 

Vergangenen Sonntag wurde in Belarus gewählt – in Weißrussland. Der bisherige langjährige Amtsinhaber Alexander Lukaschenko hat laut offiziellem Ergebnis fast 80% aller Stimmen erhalten, und das bei enorm hoher Wahlbeteiligung von ebenso 80%. Da stimmt was nicht, sagt die unterlegene Kandidatin Swetlana Tichanowskaja. Sie wird das Ergebnis nicht anerkennen, sie sagt: hier gab es Wahlbetrug. Wahlbetrug ist unser …

 

 

SIGNATION DAS WORT DER WOCHE

 

Wahl kommt von Wollen. Und Betrug von Trügen, einen falschen Schein erwecken, verwandt mit Traum. Wollen und träumen. Und wer nicht gewählt – gewollt – wird – aus der Traum. Was liegt näher, als dafür zu sorgen, dass der Traum weitergeht, und das mit zweifelhaften Mitteln.

 

Die Geschichte zeigt viele Beispiele von Wahlfälschung mit unterschiedlichsten Methoden aus oft überraschenden Richtungen. Automatische Algorithmen etwa, die zweifelhafte Aussagen über – sagen wir – eine Kandidatin A in die Timeline der Sozialen Netze spült, so dass Menschen, die sie wählen würden, zu einem gewissen Prozentsatz zu Hause bleiben, mit dem Gedanken, „es sind ja eh alle korrupt“. Das nützt dem Kandidaten B.

 

Kontrolle der Medien. Einschüchtern. Einsperren. Veranstaltungen verbieten. Das Internet am Wahltag drosseln. Vorhänge bei Wahlkabinen entfernen oder gar nicht erst einbauen. Eine prügelnde Staatsmacht. Die Liste der Möglichkeiten ist lang. Offizielle Beobachter sollen dann nicht dabei sein bei so einer Wahl, denn eines steht fest: Für jede Form des Wahlbetrugs gibt es eine Möglichkeit, sie festzustellen. Das gilt besonders für die Richtigkeit der Endergebnisse.

 

OT 1: Alle Daten erzählen Geschichten, aber die erzählen die meistens ziemlich leise. Und Statistiker sind die Leute, die den Daten besonders gut zuhören können.

 

Erich Neuwirth. Statistiker – und „Zuhörer“. Er ist emeritierter Professor der Universität Wien.

 

OT 2: Wir sind nicht gut im Erfinden von Zahlen und Ziffern, die zufällig ausschauen, weil wenn man so Zahlen erfindet, denkt man nicht daran, dass 6-Mal hintereinander dasselbe auch vorkommen kann, und das tut es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.

 

Und da sind wir bei der nachträglichen Kontrolle, ob alles richtig zugegangen ist. Wer Zahlen erfindet, macht Fehler.

 

OT 3: Genau so ist es, ja. Wenn man die Leute zufällig Zahlen nennen lässt, kommen weitaus mehr ungerade Zahlen als gerade Zahlen zum Beispiel.

 

Computer können das Erfinden im Allgemeinen besser, sie verschieben aber die Möglichkeiten der Betrugserkennung nur auf eine andere Ebene.

 

OT 4: Es gibt mehrere Tests auf Zufälligkeit. Und so zu erfinden, dass man die alle austrickst, ist nicht einfach. Wenn man sich z. B. Wahlbeteiligung und Ergebnisse einer bestimmten Partei oder eines bestimmten Kandidaten gegenüberstellt, dann erwischt man vereinfacht gesagt, die Wahllokale, wo noch irgendjemand noch ein Paket Wahlkuverts zusätzlich in die Urne geworfen hat.

 

Ballot-stuffing heißt diese Form des Wahlbetrugs. Man stopft noch Wahlzettel in die Urne rein. Vorher, nachher, während. Wie auch immer.

 

OT 5: Wenn die Wahlbeteiligung dort besonders hoch ist, wo prozentmäßig ein bestimmter Kandidat besonders stark abschneidet, dann legt es den Verdacht nach, dass da zusätzlich Stimmen nur für einen Kandidaten hineingeschummelt wurden.

 

Die österreichische Bundespräsidentschaftswahl 2016 musste wiederholt werden, weil Wahlzettel aus der Briefwahl zu früh geöffnet wurden. Erich Neuwirth hat damals nachgerechnet:

 

OT 6: Das entsprechende Gesetz sagt ja, die Wahl ist dann aufzuheben, wenn die Manipulationen von Einfluss auf das Ergebnis waren. Und ich kann Statistik praktisch sicher nachweisen, war kein Einfluss. Das war eindeutig. Wobei, die Verfassungsrichter konnte ich leider damals nicht überzeugen, dass die Statistik sagt, dass es keinen Wahlbetrug gegeben hat, also keine Wahlverfälschung, obwohl nicht korrekt geöffnet wurde.

 

Die Zahlen auch dieser Wahl haben eine Geschichte erzählt, die auf zwei Achsen in einem Diagramm zu finden ist. Markiert mit unterschiedlichen Farben. Abweichungen sind grafisch gut erkennbar. Muster werden erkennbar, und damit auch potenzieller Betrug. Das gilt für alle Wahlen – in allen Ländern – die Frage ist nur, ob die Daten zugänglich sind, und die Muster dadurch zugänglich gemacht werden.

 

OT 7: Randomness is much too important to be left to chance.

 

… das wissen die Statistiker; Randomness, Zufälligkeit, ist viel zu wichtig, um dem Zufall überlassen zu werden. Wer die Zahlen kontrolliert, hat so zunächst die Wahl gewonnen. Ob es auch die Herzen sind, ist fraglich.

 

 

 

 

 

ABMODERATION

 

Das Wort der Woche von Lothar Bodingbauer

331. Heuschrecken in Wien

Der Biologe Günther Wöss über die Heuschrecken der Bundeshauptstadt.

ORF Radio Österreich1 | 3. August bis 7. august 2020

Es gibt in Wien mehr Heuschreckenarten, als auf vergleichbar großen Flächen anderswo. Grund ist, dass die Österreichische Bundeshauptstadt an der Schnittstelle zwischen zwei Großräumen liegt: dem pannonischen Raum und dem Alpenraum. Die Arten beider Lebensräume treten hier gemeinsam auf. Ein kleiner Unterschied in den Bedingungen eines Lebensraumes kann schon eine völlig andere Artenzusammensetzung bei Heuschrecken bedeuten.

Die Hinterbeine der Heuschrecken sind als Sprungbeine ausgebildet, zusätzliche Sprungkraft können einige Arten aus der Spannung des gesamten Körpers gewinnen.

Heuschreckenforscher/innen interessieren sich besonders für Verbreitungskarten. Sie zu erstellen erfordert genaue Kenntnisse der Arten. Wenn diese Arten optisch oft schwer zu unterscheiden sind, hilft meist die Analyse der „Gesänge“ weiter, die für viele Arten charakteristisch sind. Ob zur Partnersuche oder Revierabgrenzung: Heuschrecken „stridulieren“ – sie zirpen. Langfühlerschrecken (zu denen auch die Grillen gehören) verwenden dazu ausschließlich ihre Vorderflügel und Kurzfühlerschrecken reiben die Oberschenkel an den Flügeln.

GESPRÄCHSPARTNER:
Mag. Günther Wöss
Freiberuflicher Zoologe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Naturhistorischen Museum Wien

BUCHTIPP:
Günther Wöss, Manuel Denner, Liesbeth Forsthuber, Matthias Kropf, Alexander Panrok, Werner Reitmeier & Thomas Zuna-Kratky:
Insekten in Wien – Heuschrecken
Österreichische Gesellschaft für Entomofaunistik Eigenverlag 2020

Link zur Ö1 Seite

330. Unendlich

20.06.2020 / ORF Radio Ö1 / Diagonal

Studiogespräch

Diagonal macht Schluss

„Alles hat ein Ende, nur …“ – „Diagonal“ macht Schluss

Über 150 Mal wurde er in den vergangenen zwei Millennien einmal mehr, einmal weniger öffentlichkeitswirksam angekündigt und kam dann doch nicht: Der Weltuntergang. „Hungern nach der Apokalypse heißt eigentlich Verlangen nach der Zeit nach der Apokalypse“ gibt der Publizist Maarten Keulemans in seinem Buch „Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge“ zu bedenken.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, sagt man dazu wohl im Fußball. Dazwischen liegt immer der Abpfiff. Aber wie und wann der kommt beziehungsweise gekonnt zu setzen ist, das ist stets die Frage. Der Mensch ringt mit seiner Endlichkeit, die Künste mit dem grandiosen Finale, letzten Worten und Schlussstrichen; Webseiten geben Tipps für krönende Schlusssätze in Bewerbungsschreiben und der post-industrielle Dienstleistungskapitalismus hat sich das Beziehungsende als Markt erschlossen. Auch in Österreich gibt es heute eigene Agenturen, die sich auf das professionelle Schlussmachen spezialisiert haben – sei es mit dem ehemaligen Herzblatt oder der Chefin. „Diagonal“ zur Kunst des Aufhörens und zu Konjunkturen des Endes.

Mit Beiträgen von Alexandra Augustin und Lisa Rümmele, Lothar Bodingbauer, Dominique Gromes, Erich Klein, Christian Scheib und Horst Widmer.

Präsentation: Peter Waldenberger und Roman Tschiedl

329. Greifvögel in Südafrika

ORF Radio Ö1 | Vom Leben der Natur | 08:55–09:00 Uhr

Die Ornithologin Petra Sumasgutner über ihre Forschung an Beutegreifern auf der Südhalbkugel der Erde.

Montag: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Dienstag: Raubtiere im Hinterhof
Mittwoch: Ökologische Gleichgewichte
Donnerstag: Leben in Nationalparks
Freitag: Zusammenarbeit mit der Bevölkerung

Die Ornithologin Petra Sumasgutner sprach diese Woche über ihre Forschung an Beutegreifern auf der Südhalbkugel der Erde.

Beutegreifer sind Tiere, die andere Tiere fressen. Frühere Bezeichnungen – Raubtiere – schließen immer auch eine Wertung ein, die von heutigen Forscher:innen nicht gewünscht wird. Beutegreifer können die verschiedensten Arten sein, Vögel insbesondere werden auch als Greifvögel bezeichnet. Wer als Ornithologin an Beutegreifern forscht, wird bald auf Ähnlichkeiten stoßen, auch wenn diese Forschung auf zwei verschiedenen Kontinenten stattfindet. Im Stadtgebiet geht es um das Miteinander von Mensch und „Raubtieren“, das im Detail dann durchaus unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Es gibt medial große Aufregung, wenn ein Adler statt seinem bevorzugten Beutetier, den Klippschliefer, irrtümlich einmal einen Dackel erwischt. Wer die Medienberichte untersucht, wird aber rasch erkennen, dass von ein und dem selben Vorfall immer wieder berichtet wird. Die Berichte machen sich selbständig und geistern als Mythos durch das Internet. Im Nationalpark andererseits geht es um das Ermöglichen des Überlebens vieler Arten, ein Wunsch, der mit den Interessen von Menschen kollidieren kann, die mit Tieren Geld verdienen möchten. Stichwort Geiersterben in Südafrika: Die Kadaver von Nashörnern werden von Wilderern vergiftet, um die Geier zu töten, die den Standort der Wilderer verraten würden. Es ist die Beschäftigung mit den Vögeln selbst, die Forschung an Beutegreifern spannend macht, aber auch die Einbettung dieser Forschung in das Gefüge und die Netzwerke der Menschen, die in ihrer Umgebung leben.

Interviewpartnerin:
Dr. Petra Sumasgutner
Konrad Lorenz Forschungsstelle
Fischerau 11
4645 Grünau im Almtal
T: +43-7616 8510
office.klf@univie.ac.at

https://klf.univie.ac.at/de/mitarbeiter/

328. IIASA Portrait

MOMENT Was macht eigentlich

SIGNATION „Was macht eigentlich…“

… das IIASA. Was für eine Ansammlung an Vokalen, und jeder Buchstabe in dieser Abkürzung hat natürlich seine Bedeutung.

International Institut – ein internationales Institut, ja klar, wofür, für Applied, für Angewandte. Und jetzt das S: System Analyse.

Internationales Institut für Systemanalyse, beheimatet in Laxenburg, im Schloss Laxenburg in Niederösterreich. Ein Kind des kalten Krieges, denn damals haben sich die Sowjetunion und die USA zusammengesetzt, um sich gemeinsam mit anderen Staaten und eben auch mit Österreich zu überlegen, wie man nicht Militärbasen sondern Gesprächsbasen errichten kann. In diesem Fall mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die sich mich Risikoforschung beschäftigen, mit Systemen, mit komplexen Systemen.

Um die 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten auch heute noch in Laxenburg. Die Aufgaben haben sich von Themen des Kalten Krieges gewandelt, von der Konfliktforschung hin zu den aktuellen Themen der Menschheit, die beforscht werden, alle geschart um einen inhaltlichen Kern: „Nachhaltigkeit“. Wie können Menschen auf dem Planeten Erde nachhaltig leben – im System Erde. Da gibt es Zusammenhänge, Taten, Ideen, und Auswirkungen. Komplexität. Es geht um die gesamte Weltbevölkerung, um Energie, Luftqualität und Treibhausgase, neue Technologien, Risiko und Resilienz, also wie sich Systeme gegenüber Störungen verhalten, Evolution und Ökologie, Wasser, und neuerdings auch um so genannte Ökosystem-Services: was die Natur für uns Menschen leistet, bewertet in Geld.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen münden in sogenannten Policies, also in konkrete Inhalte für die Politik. Und das auf verschiedenen Skalen, om Dorf, zur Stadt, zu Ländern, Kontinenten, zur Welt.

Reinhard Mechler ist einer der Wissenschaftler in Laxenburg.

OT 1: Wir arbeiten zu globalen Wandelproblemen, das sind Probleme, die zu groß oder auch zu komplex sind, sodass sie eineinzelnes Land oder eine einzelne akademische Disziplin effektiv lösen kann.

Die Komplexität der Systeme macht Vorhersagen schwierig.

OT 2: Wir haben hier zum Beispiel positive und negative Rückkoppelungseffekte in Systemen. Diese positiven oder negativen Schleifen. Diese Rückkopplungseffekte führen auch zu nichtlinearen Entwicklungen, wie zum Beispiel wie man es jetzt sieht, die exponentielle Zunahme von Coronavirusinfektionen wird dadurch bedingt.

Menschen haben kein Gefühl für „nichtlineare Effekte“, agt Reinhard Mechler. Es geht hier um exponentielles Wachstum. Je mehr, desto „sehr viel mehr“. Menschen denken linear, „je mehr, desto mehr“. Doppelt so viel, doppelt so viel. Alles nicht der Fall, bei wirklich komplexen Situationen oder auch Bedrohungen.

OT 3: Es geht auch um Irreversibilitäten. Auch beim Coronavirus, der Entwicklung. Kommen wir zu Systemgrenzen heran, kann das zu irreversiblen Effekten führen, Gesundheitssystem, aber auch bei individuellen Auswirkungen. Klimawandel das selbe Problem, nähern wir uns Kipppunkten, lokalen Kipppunkten oder globalen Kipppunkten.

Menschen entscheiden individuell im allgemeinen sehr kurzfristig. Für den nächsten Tag, die nächste Woche. Myopisch, kurzsichtig, sagt Reinhard Mechler, und er bezieht sich da auch selbst gleich ein.

OT 4: Das sehen wir jetzt auch bei der Coronakrise. 4, 6-Wochen vorauszudenken, zu einer Entwicklung, die wir sonach nicht gesehen haben, fällt uns extrem schwer. Bei IIASA versuchen wir in die Zukunft vorauszudenken, 10, 20, 80 jähre, bis zum Ende des Jahrhunderts. Das ist auch ein wichtiger Punkt der Systemanalyse. Die Langfristigkeit mit der kurzen Frist zu koppeln, und da entsprechende Szenarien auszuarbeiten.

Reinhard Mechler arbeitet selbst im Forschungsgebiet „Risiko und Nutzen“.

OT 5: Da verwenden wir mathematisch gesprochen die Netzwerktheorie. Da geht es um die Verknüpfung, innerhalb des Netzes an Verbindungen. Wir hatten uns in den letzten Jahren gefragt, wie zum Beispiel Naturkatastrophen das Finanzsystem bedingen, ob hier große Katastrophen zu einem Kollaps des Finanzsystems in Österreich oder in Europa oder Global führen können. Die Modellierung basiert auf der Idee auf einer Ansteckung eines Erregers. Und ähnliche Theorien werden eben auch in epidemiologischen Umständen, die Ausbreitung eines Virus verwendet.

In positiven Umständen ist zum Beispiel auch die Mode ein komplexes System, das mit ähnlichen Mechanismen funktioniert. Die Arbeit von Influencern auf Instagram, in sozialen Medien. Der kalte Krieg ist längst vorbei. Die Welt im Wandel – und so gesehen ist viel zu tun in diesen Tagen. Auch am IIASA, auch in Laxenburg.

327. Pflanzensammlungen

Österreich 1 | Vom Leben der Natur | 15.06.2020–19.06.2020, 08:55–9:00 Uhr

Sammeln, zeigen, schützen, kultivieren.

Friedrich Schwarz vom Botanischen Garten Linz spricht über die Bedeutung von Pflanzensammlungen.
Gestaltung: Lothar Bodingbauer

Botanische Gärten vereinen weltweit mehrere Ebenen der Funktion. Für Besucher/innen sind es Orte der Erholung, Entspannung und Weiterbildung. In den Sammlungen wird die Vielfalt der Flora gezeigt, und in thematisch spezialisierten Ausstellungen wird der Fokus auf besondere Aspekte gelegt.

Es gibt dazu immer auch ein wissenschaftliches Interesse für die lebendigen Objekte der Sammlungen – seien es Kakteen, Orchideen, Rosen oder Bäume. Die vielen Objekte – Arten – werden am Leben erhalten, sie werden über Samen und Stecklinge vermehrt, sie werden aber auch über ein weltweites Netzwerk botanischer Gärten ausgetauscht.

Viele Objekte stammen aus einer Zeit, da es noch Expeditionen in andere Länder gab, Sammlungsfahrten, bei denen pflanzliches Material „nach Hause“ gebracht wurde. Doch diese Zeit ist vorbei. Es gibt strenge Auflagen, weder Pflanzen noch Samen noch das Wissen über sie einfach außer Landes zu bringen.

GESPRÄCHSPARTNER:

Dr. Friedrich Schwarz
Magistrat der Landeshauptstadt Linz, Stadtgrün und Straßenbetreuung
Abteilungsleiter Botanischer Garten und Naturkundliche Station

326. Von der Gegenwart

MOMENT RANDNOTIZEN / ORF Ö1 / Moment – Leben heute, 25.05.2020

ANMODERATION: Wie viel Vergangenheit begegnet Ihnen in der Gegenwart und was bedeutet das für die Zukunft? Lothar Bodingbauer hat sich über die Zeitformen seine Gedanken gemacht.

In der Gegenwart sollst du leben. Sagen angeblich die Buddhisten. Und die Leute vom Online-Yoga. Ich höre da immer zu, im Halbschlaf, wenn meine Lebensgefährtin ihre Morgenübungen macht. Ist sie fertig, bin ich ausgeschlafen. Lebe den Moment. So kann es losgehen.
Bemüh dich um das Paradies, sagen die Andersgläubigen hingegen. Und das liegt vor dir – mehr oder weniger weit in der Zukunft. Auch ein Konzept, ich kenn das von der Sonntagsmesse.
Alles nichts, wir schwören auf die Vergangenheit, sagen die Ewiggestrigen. Und es ist nicht so klar, was an den zerbombten Resultaten so schön war, dass man sie wieder haben wollte. Aber solche Leute reden ja über die Zukunft. Gut, das taten die damals auch.

3 Sekunden dauert für uns das „jetzt“, das weiss die Wissenschaft. Drei Sekunden, die wir als Mensch als „jetzt“ erleben. Geräusche spielen sich üblicherweise in diesen drei Sekunden ab. Da baucht man schon ein bisschen Erinnerung, weil sie so schnell verschwinden. Es ist ein hübsches Wechselspiel dieser 3 Sekunden Gegenwart, finde ich, mit dem was war, und dem was wird. Erinnerungen versus Ideen, und warum ich das alles erzähle, weil ich gerade eine neue Sprache lerne, Spanisch.

So kannst du die Welt ganz neu entdecken. Stück für Stück eignet man sich die Begriffe an, zuerst für die Dinge. Personen, die Länder, dann für die Mengen. Für den Besitz. Für Gefühle, Geschmäcker, Farben und Zahlen. Es ist eine neu beschriebene Welt, die hier entsteht. Die wiederersteht eigentlich. Mit neuer Sprache. Dazu kommen die Verben. Zuerst in der Gegenwart. Ich gehe zur Universität. Ich esse den Apfel. Mein Sohn trinkt die Milch. Da glaubt man dann, das war’s dann schon. Jetzt kann ich Spanisch. Aber dann: voy a comer. Ich werde essen. Die Zukunft geht auf. Ab jetzt gibt es eine Möglichkeit, mit der man beschreiben kann, was sein wird. Unfassbar, wer sich das einfallen hat lassen. Großartig. Heute schon von morgen sprechen. Das kann was. Und mehr braucht es nicht, könnte man auch hier wieder meinen. Da kommt der Spanischlehrer Antonio, der Bilder malt – besonders gern in rot – und er sagt: zwei Formen der Vergangenheit wären als Nächstes dran.

Langeweile breitet sich aus. Wer würde über das sprechen wollen, was war? Ich war einkaufen. Ja eh. Und? Ich habe mir gedacht, dass – natürlich, aber was denkst du jetzt? Ich kaufte die Äpfel. Hier sind sie, ich sehe sie.

Warum sollte ich über die Vergangenheit reden, wenn ich lebensmäßig da bin, hier, und lebenstechnisch ohnehin nur in die Zukunft gehe? Auf der anderen Seite: hast du das Bügeleisen ausgeschaltet – eine abgeschlossene Handlung in der Vergangenheit mit Konsequenzen für jetzt, und sicher auch später.

So klar ist es also doch nicht, wie viel Vergangenheit sinnvoll ist für die Gegenwart und Zukunft. Abschaffen sollte man die Vergangenheit wohl nicht.

TRENNER

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie das folgende Geräusch schon einmal gehört haben. (GERÄUSCH) Und es ist durchaus personenabhängig. (GERÄUSCH). So klingt es beim Geduldigen, und so beim Ungeduldigen, oder bei dem, der wenig Zeit dafür verwenden will. (GERÄUSCH) Der Zaghafte, es könnte auch der Sparsame sein. Wie auch immer, was ist das für ein Geräusch?

Sie kennen es bestimmt, wenn man nämlich mehr von seinem Hintergrund dazu noch hört (ATMO), in der Eisenbahn, in der Österreichischen, Deutschen und wahrscheinlich auch in der Schweizer Eisenbahn hat oder hatte dieses Geräusch seinen Lebensraum, und zwar im WC. Es ist der Trockenseifenspender. Das war nämlich jenes Gerät, das unten so einen igelhaften Kreis hatte, mit drei um 120 Grad versetzten Stacheln, die man mit den Fingern fassen oder nur mit den Knöcheln anschieben und drehen konnte, und es wurde dabei die Seife, die trockene Seife auf die Hand gerieben. Wenn dann kein Wasser da war, weil es schon aus war, konnte man sich die Seife (ATMO) runterklopfen. Heute ist es ja so, dass mit Flüssigseife das Problem besteht, wenn das Wasser aus ist, haben wir die Seife flüssig in der Hand, was soll man tun. Ja, früher war doch manches besser… Jetzt habe ich doch über die Vergangenheit geschwärmt. Ich weiß nicht, ob es Trockenseifenspender noch in den modernen Eisenbahnwaggons gibt, man kann aber diesen Spender im Internet sehr wohl leicht finden. Ich habe mir einen schicken lassen, mit einem Karton voller Seife, und habe das im Bad installiert und gehe jetzt beim Händewaschen auch in Zukunft wieder so gut wie auf die Reise.

325. Schluchzen im Liegewagen

Deutschlandfunk / Sonntagsspaziergang, 24. Mai 2020

Geräusche finden ja immer in der Gegenwart statt, und wer über sie spricht, muss sie aus der Vergangenheit zurückholen. Vielleicht mit technischen Mitteln. Aber ein Aufnahmegerät war damals nicht dabei. Das folgende Geräusch kann ich Ihnen nicht vorspielen.

Es ist ein tiefes, herzzerreißendes Schluchzen, das aus der Ecke kommt. Der Zug hat Straßburg erreicht, und jemand ist zugestiegen. Hat sich in die Ecke der obersten Etage im Liegewagen zurückgezogen und weint, und weint, und weint so herzzerreißend, dass der Student in der obersten Etage gegenüber fragt, was leicht los wäre. Und das Mädchen erzählt von einem Sommer in Strassburg, einem Filmworkshop, an dem es teilgenommen hat, und dass es jetzt wieder nach Bulgarien zurückfährt. Und dass es nie dorthin zurück wird können, wo es so schön war.

Ob er ihre Hand halten könnte, fragt sie den Student gegenüber, und er hält ihre Hand, und so schlafen sie ein. Die Hände über den tiefen Raum des Liegewagenabteils verbunden, im dritten Stock, auf der dritten Ebene, ganz oben. Am Morgen steigt er aus, im Nebel von Wels, einem Umsteigebahnhof in Oberösterreich, wo der Zug wieder hält. Und sie schaut ihn an. Und er schaut sie an. Eine Sekunde, vielleicht zwei.

324. Der Waldrapp

324. Der Waldrapp

ORF Österreich 1 / Vom Leben der Natur / 18. bis 22. Mai 2020

Die letzte Möglichkeit, den Waldrapp in Österreich in freier Wildbahn zu sehen, war vor mehr als 300 Jahren. Der etwa krähengroße Vogel, schwarz, schillernd, kahl am Kopf, mit langem rotem Schnabel ist seither ausgestorben. Aber in Marokko gibt es eine Gruppe von 700 Individuen, denen es gut geht, wenn ihre Lebensbedingungen geschützt, geschätzt und gepflegt werden. Waldrappe leben gerne in Gruppen, sie sind äußerst sozial, durchaus scheu, sie lieben Wiesen und sind dann tatsächlich weniger im Wald zu finden, als in der Steppe. Wenn sie nass werden, werden sie zur Beute für Greifvögel, denn ihr Gefieder hat keine wasserabweisenden Fähigkeiten.

In Österreich sind Waldrappe schon heute im Cumberland Tierpark in Grünau im Almtal zu beobachten. Eine wissenschaftliche Gruppe an der dort angesiedelten Konrad Lorenz Forschungsstelle – das „Waldrappteam“ – erforscht ihre Lebensweise, ihr soziales Verhalten samt einer durchaus seltsam anmutenden Art, mit drei verschiedenen Arten von Lautäußerungen zu kommunizieren. Das „Huch“ etwa – und es klingt bei Waldrappen genau so, wie man es schreibt, verwenden sie, wenn sie interessante Partner:innen treffen, aber auch wenn Gefahr droht. Hier gilt es also fein zu unterscheiden.

Wer Waldrappe in Österreich wieder ansiedeln will, muss sich auch darum kümmern, dass sie im Winter verlässlich in den Süden fliegen. Da sie das nicht können, wenn sie aus Marokko stammen, muss man es ihnen lernen. Das Waldrappteam fliegt mit Leichtflugzeugen voraus, ruft „Waldies, kommt“ und so geht es gemeinsam nach Italien – mit Pausen. Einmal die Route gelernt, können sie dann selbst zurückfliegen und den Kurs an zukünftige Generationen selbst weitergeben.

Interviewpartnerin:

Verena Pühringer-Sturmayr, MSc
Konrad Lorenz Forschungsstelle
Fischerau 11
4645 Grünau im Almtal

https://klf.univie.ac.at/de/forschung/modellarten/waldrappe/


Foto: Verena Pühringer-Sturmayr

323. Pflanzenklänge

Pflanzen beim Wachsen zuhören
Audiokunst in der Botanik

Wie es die Pflanzen schaffen, aus dem Sonnenlicht Energie zu gewinnen, ist biologisch gut verstanden. Die Photosynthese findet in den Zellen statt, mit dem „grünen“ Molekül Chlorphyll gelingt es, höherwertige Moleküle für die Pflanze zu bilden. Das Ganze funktioniert lautlos, daran haben wir uns gewöhnt. Pflanzen machen keinen Lärm bei ihrer Arbeit. Studierende der TransArts Klasse der Universität für Angewandten Kunst in Wien haben sich im Botanischen Garten umgehört, ob es dabei nicht doch etwas zu hören gibt. Sie entwickelten Klanginstallationen, die sie vom 20. bis 24. Mai 2020 im Botanischen Garten der Universität Wien am Rennweg direkt an den Pflanzen selbst interessieten Besucher:innen zugänglich machen. Für die Augen und für die Ohren – Kunst und Botanik für alle Sinne. (Lothar Bodingbauer)

http://www.transarts.at

322. Trockenseifenspender

Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 3. Mai 2020

BEITRAG / Teil 1

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie das folgende Geräusch schon einmal gehört haben. (GERÄUSCH) Und es ist durchaus personenabhängig. (GERÄUSCH). So klingt es beim Geduldigen, und so beim Ungeduldigen, oder bei dem der wenig Zeit dafür verwenden will. (GERÄUSCH) Der Zaghafte, es könnte auch der Sparsame sein. Wie auch immer, was ist das für ein Geräusch? Sie kennen es bestimmt, und ich wasche jetzt erst mal die Hände. (ATMO)


 

BEITRAG / Teil 2

Dieses Geräusch (GERÄUSCH) – Sie kennen es bestimmt, wenn man nämlich mehr von seinem Hintergrund dazu noch hört (ATMO), in der Eisenbahn, in der Eisenbahn, in der Deutschen, in der Österreichischen und wahrscheinlich auch in der Schweizer Eisenbahn hat oder hatte dieses Geräusch seinen Lebensraum, und zwar im WC. Es ist der Trockenseifenspender. Das war nämlich jenes Gerät, das unten so einen igelhaften Kreis hatte, mit drei, wahrscheinlich 120 Grad, 360 Grad durch 3, 120 Grad ja, versetzten Stacheln, die man mit den Fingern fassen und drehen kann, und es wird dabei die Seife, die trockene Seife auf die Hand gerieben. Und wenn dann kein Wasser da war, weil es schon aus war, konnte man sich die Seife (ATMO) runterklopfen. Heute ist es ja so, dass mit Flüssigseife das Problem besteht, wenn das Wasser aus ist haben wir die Seife flüssig in der Hand, was soll man tun. Ja, früher war ja alles besser… Also, die Erinnerungen, wir kennen es. Ich weiß nicht, ob es Trockenseifenspender noch in den modernen Eisenbahnwaggons gibt, man kann aber diesen Spender im Internet sehr wohl leicht finden. Ich habe mir einen schicken lassen, mit einem Karton voller Seife, und habe das im Bad installiert und bin jetzt beim Händewaschen so gut wie auf Reisen.

(ATMO) Und dazu gibt es Helmut Qualtinger, der „Österreichische Karl Valentin“, mit den schönsten Bundesbahnstationen.

MUSIK (Helmut Qualtinger, Bundesbahnblues)


 

Link zum Trockenseifenspender im Internet: http://sapor.de

321. Nordlicht

Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 26.04.2020

Klänge aus Sodankylä, Finnland

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Zebrastreifen. In Lappland. Im Norden Finnlands. Es ist dunkel, es gibt überall Schnee. Irgendwie ist es hell, trotzdem. Aber niemand ist unterwegs. Denn alle sind zuhause. Es ist 10 Uhr am Abend. Und Sie stehen an diesem Zebrastreifen und warten, weil die Ampel rot ist.

ATMO Piepsen / Ampel

Und dann springt die Ampel auf Grün.

ATMO weiter

So klingt in Sodankylä, im Norden Finnlands, das akustische Leitsystem für Blinde über den Zebrastreifen Und das steht irgendwie für die Arbeitsweise der Wissenschaftler dort, denn dort gibt es nämlich ein geophysikalisches Institut, das das Magnetfeld der Erde und damit verbunden das Nordlicht untersucht. Und das funktioniert auch irgendwie ähnlich wie dieser Fußgängerübergang, der symbolisch dafür steht: Man schickt Signale in den Himmel und empfängt Funksignale vom Himmel. Und an dem, was da fehlt, kann man sagen, was sich da zwischen Himmel und Erde abspielt – nämlich das Weltraumwetter, das Nordlicht, die Farben des Nordlichts. (ATMO weg)

Die Schülerinnen und Schüler warten oft an diesem Zebrastreifen auf dem Weg zum Gymnasium. Wenn man pfeift, kann man das Nordlicht hervorlocken, sagen sie. Und wenn es jetzt immer heller wird, dann verschwinden sie, die Nordlichter. Aber im Winter des Nordens, da sind sie oft zu sehen

OT Finnische Mädchen

Jonna und Räta erzählen von ihrer ersten Begegnung.

ÜBERSETZUNG

Wir waren auf dem Berg Schlitten fahren. Und da waren so Nordlichter, so verrückte. Die haben wir lange beobachtet.

Als kleines Kind habe ich mich auch oft über das Nordlicht gewundert. Und wie verrückt geschriene, „was sind die denn“, und dabei bin ich herumgerannt. „Was sind die eigentlich“, zeigte ich lachend mit dem Finger auf sie. „Was sind die, ich will sie berühren“. Und dann hat mein Patenonkel gesagt, „Das sind Nordlichter“. „Wow, habe ich gesagt“.

ATMO Zebrastreifen

Für die Wissenschaftler ist es der Einfluss der Sonne. Der Sonnenwind, der vom Magnetfelder der Erde eingefangen wird und zu den Polen gebracht wird. Und für die Samen, die indigene Bevölkerung, da gibt es die Legende, dass das Legende vom Fuchs kommt, vom Polarfuchs, der mit seinem Schweif über den Himmel stricht.

Aber jetzt kommt erst einmal das lange Tageslicht, der Sommer.

320. Boulevardblätter

Wort der Woche – Lothar Bodingbauer – Boulevardblatt, 22.04.2020 / Moment – Leben heute / ORF Radio Österreich 1


MODERATION

In einem am Montag bekannt gewordenen Brief teilten Prinz Harry und seine Ehefrau Meghan mit, künftig jeglichen Kontakt mit den vier britischen Boulevardblättern „Sun“, „Daily Mail“, „Mirror“ und „Express“ vor zu meiden – der Grund: die Verbreitung, „verzerrter, falscher und übergriffiger“ Geschichten.

Und nachdem die österreichische Tourismusministerin Elisabeth Köstinger eine Öffnung der österreichischen Grenzen für deutsche Sommerurlauber ins Spiel gebracht hatte. titelte die deutsche Boulevardzeitung „Bild“ hoffnungsfroh „Erlaubt uns Österreich Sommerurlaub?“

Boulevardzeitung ist ….

SIGNATION „Das Wort der Woche“

Ist nicht der Boulevard das Große, Schöne, das sehr Prächtige? Das mondäne Leben in der großen Stadt? Vorbeilaufende Menschen, das Laufen, da sind wir sind schon beim Laufhaus um die Ecken dieser Boulevards, und da fängt das Schmuddelige dann an. Halbnackte Damen auf Seite 3.

Die Boulevard-Blätter werden im Laufen verkauft, schnell, rasch, mit kleinen Beträgen in der Masse kommen die Verlage – zum großen Geld. Und das sogar, wenn es sie gratis gibt. Ein Rätsel?

Es hilft zum Verständnis der Herkunft des Wortes Boulevardblatt ein wenig ins Englische zu schauen: Yellowpress. Das ist die amerikanische Bezeichnung für die Boulevard-Blätter, allgemeiner ausgedrückt der „Yellow-Journalism“: Der gelbe Journalismus. Wir gehen zurück in das Jahr 1890, nach New York. Dort kämpfen zwei Zeitungen im freien Wettbewerb: the World und the Journal. Joseph Pulitzer, ein ungarisch-amerikanischer Journalist hat die World gekauft und kämpft mit ihrer Stimme gegen politische Korruption und soziale Ungerechtigkeit – mit farbreichen plastischen und sensationslüsternen Stories. The World – die Nummer 1 im Zeitungsmarkt, bis zwei Jahre später 1895 William Hearst das Journal kauft, die Konkurrenzzeitung. Ein schmutziger Kampf entstand, in dem ein Comiczeichner Pulitzers von der Sonntags-World Pulitzers wegengagiert wurde, er hatte dort „The Yellow Kid“ als beliebte Comicreihe gezeichnet. Pulitzer engagierte einen neuen Zeichner, der die beliebte Serie mit dem gelben Männchen fortführte und so zeichneten zwei bitter konkurrierende Blätter gelbe Comics – die Bezeichnung „Yellopress“ ist entstanden.

Die Techniken der Massenblätter blieben: die Inhalte im Wesentlichen auch.

OT: Es geht bei diesen Zeitungen um den Verkauf von Sensationen in möglichst hoher Auflage.

Ja, so einfach ist das. Das eine bedingt ja auch das andere. Die Medienwissenschaftlerin Natascha Zeitel-Bank von der Universität Innsbruck:

OT: Die Presse des Boulevards steht für eine eigene Art in der Berichterstattung mit bestimmten Kennzeichnen. Dazu gehören die Art der Aufmachung, zum Beispiel große Balkenüberschriften mit reisserischen Schlagzeilen, zahlreiche oft großformatige Fotos, die emotionalisieren, sowie eine stark vereinfachte Sprache. Die Texte und Sätze sind eben sehr kurz und auch leicht verständlich und oft sind auch Schlag- und Reizwörter darin erhalten.

„Tabloids“ ist der Ausdruck für die Boulevardblätter in Großbritannien, bezugnehmend auf das kleine Format dieser Zeitungen, ein bisschen größer als A4 – obwohl die auflagenstärkste Boulevardzeitung in Deutschland, die Bild, wieder recht großformatig daherkommt. Ihr kleines journalistisches 1×1:

OT: Der Hund beisst den Mann, das ist langweilig, aber wenn es heißt Mann beisst Hund, dann ist das eine Sensation, und wenn dann noch eine Katastrophe dabei ist, jemand is zu Schaden gekommen, dann erregt es unsere Aufmerksamkeit.

Hund reißt sich von Leine, zerbeißt Mäderl Gesicht – das finden wir in der gestrigen Online Ausgabe eines österreichischen Boulevardmediums, und gleich daneben:

Eingeschläferter Hund von Ex-Ministerin exhumiert

Riesiger Ansturm auch auf Dönerstand in Wien

Lkw-Fahrer lag stundenlang tot in Fahrerkabine. Und:

Corona-Patienten haben plötzlich dunkle Haut

Erstaunlich friedlich gestern die britische Sun: Meghan Markle, Prince Harry and Baby Archie wish Queen a happy 94th birthday on video call from LA.

Immer wieder diese drei Elemente.

OT: Sensation, Vereinfachung und Identifikation. Und je mehr von diesen Faktoren ineinander verknüpft sind, desto besser.

„Medienwissenschaftlerin liest im Urlaub Schmutzpresse.“ – Das ist jetzt erfunden – wäre auch keine Schande, sagt die Medienwissenschaftlerin Natascha Zeitel-Bank. Verschafft eine Boulevardzeitung doch einen schnellen Überblick, besonders auch in einem fremden Land – über die Hitze in der Stadt, den Puls der Gesellschaft.

OT: Man ist auf dem ersten Blick sehr schnell informiert, man weiß sofort warum es geht und das Ganze hat natürlich auch einen gewissen Unterhaltungsfaktor und von da her finde ich es per se nicht verwerflif wenn man so eine Zeitung liest, aber natürlich sollte man es mit anderen Informationen kombinieren um sich ein umfassendes Bild zu machen, wie die Nachrichtenlage tatsächlich aussieht.

Der Boulevard ist in seiner ursprünglichen Bedeutung ein Bollwerk. Wer sich mit dem Boulevard einlässt, muss stark sein, er wird auf Plüsch getragen und kommt im Krisenfall in Teufelsküche. Neu ist für alle, dass der marktschreierische Kampf von Massenblättern aus dem Boulevard im Internet stattfindet. Und das kein bisschen leiser.

ABMODERATION

Lothar Bodingbauer zum Wort der Woche: Boulevard-Blatt.

318. Blütenbestäubung

Agnes Dellinger spricht, wie sich Blüten an ihre Bestäuber anpassen. / Vom Leben der Natur 14. – 17. April 2020


 

Die ersten Blütenpflanzen sind bereits vor mehr als 140 Millionen Jahren in der Kreidezeit entstanden. Mit zumindest 300.000 Arten sind diese damit die mit Abstand größte Pflanzengruppe.

Die Diversität von Blütenpflanzen findet man in einer Vielfalt unterschiedlicher Blütenformen und Blütengrößen. Diese Diversität ist in Anpassung an unterschiedliche Bestäuber entstanden. Ob Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, Kolibris oder Fledermäuse, es gibt immer eine „Belohnung“ für die Bestäubungsleistung. Ändert sich der Bestäuber, wird sich die Blüte ändern. Die unterschiedlichen Bestäuber üben so einen starken evolutionären Selektionsdruck auf die Blüten aus.

Passt sich nun die Blüte als Gesamtes an einen Bestäuber an, oder können sich einzelne Blütenteile unabhängig von anderen Blütenorganen anpassen?

Wer dreidimensionale Blütenformen analysiert, kann nun herausfinden, dass sich nicht nur einzelne Elemente einer Blüte an die unterschiedlichen Bestäuber angepasst haben, sondern ganze Gruppen von Merkmalen – sogenannte Module.

Eine besonders große Vielfalt in den Blütenformen finden sich in den 30 Pflanzenarten einer tropischen Pflanzengruppe aus den Anden, die „Merianieae.“ Jede dieser Pflanzenarten hat sich an die Bienen-, Vogel-, Fledermaus- oder Mäusebestäubung angepasst.

Mittels hochauflösender Computertomographie-Verfahren werden „Landkarten“ erzeugt, die genauen Positionen charakteristischer Merkmale vermessen und mittels statistischer Analyse in Verbindung gebracht. Evolutionäre Entwicklungen können nachvollziehbar gemacht werden.

So weisen etwa die auffällig bunten, sterilen Blütenblätter schnellere Anpassungen an die unterschiedlichen Bestäuber auf, als der Rest der Blüte. Die reproduktiven Organe der Blüte passen sich nur langsam an.

Interviewpartnerin:

Agnes Dellinger, PhD
Department of Botany and Biodiversity Research
University of Vienna
Rennweg 14
1030 Vienna
Austri