12 handwerkliche Tipps für den Reisebericht im Radio

12 handwerkliche Tipps für den Reisebericht im Radio

Was ich bei Reiseberichten gerne habe, ist:

1) Eine Spur, die hörbar verfolgt wird. Sie entsteht beim Aufnehmen durch eine Spur, die man verfolgt. Und wie verfolgt man eine Spur? Man startet bei etwas, was man bemerkt. Ich starte gerne vor Ort, ohne mir von zuhause die Termine auszumachen. Mein gesamter Erfolg hängt von meiner Witterung ab. Es gibt keine Versicherung. Das Thema muss dazu schon feststehen. Zeit braucht man dazu. Eine Woche für eine halbe Stunde im Radio durchaus. Beispiel: Der Katalog des Lebens, Carl von Linné, aufgenommen in Uppsala, Schweden: https://www.physikalischesoiree.at/phs_2010_09/

2) Was bemerkt man? Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit dem Bekannten. Das ist als Annäherung schon möglich. Aber auf Sendung meist belanglos. Es ist das, was sich mit freiem Blick und wachem Ohr an Ort und Stelle ergibt. Es hilft, wenn man dazu zum zweiten Mal wo hinkommt. Es ist fast unmöglich, vielleicht sogar unsinnig, einen Ort beim ersten Mal zu portraitieren – außer man hat Zeit.

3) Nichts ist belangloser, als das, was an einem Ort „geboten“ wird.

4) Wenn etwas in besonders schönem Licht erscheinen soll, ist der Schmutz an den Rändern genauer unter die Lupe zu nehmen.

5) Manchmal bringen einen beim Aufnehmen die Fragen nicht weiter. Dann kann man es durchaus mit einer Feststellung probieren. Oder mit einem Ausdruck der Verwunderung. Der Bitte um Hilfe.

6) Die An- und Abreisen miteinzubeziehen ist je nach Umstand möglich, unvermeidlich, völlig irrelevant oder für den Beginn oder den Abschluss der Geschichte lebensnotwendig.

7) Im Radio erzählen wir eigene Geschichten, wir erzählen die Geschichten der anderen, und wir erzählen die Geschichten einer völlig leblosen Welt: die der Geräusche. Verkehrslärm ist zu vermeiden. Töne aus dem Archiv im allgemeinen auch. Nur was vor Ort aufgenommen wird, oder von dort stammen könnte, gilt. Geräusche werden erst dann verständlich, wenn sie mit Gefühlen zum Leben erweckt werden.

8) Wir hören gerne jemandem zu, der von seinen Träumen spricht. Sollte niemand von seinen Träumen sprechen, hilft es, die Frage nach diesen Träumen als letzte Frage im Interview zu stellen.

9) Public Relations sind keine Träume.

10) „Ich“ oder „wir“ ist möglich, aber schwierig. „Wir“ kann man erst nehmen, wenn jedem klar ist, wer das ist. Und „ich“ kann man erst nehmen, wenn man als Gestalter interessant ist. Vorderhand also nie, aber es gibt Ausnahmen: „ich“ als Persona muss etabliert sein oder werden.

11) Scheitern hörbar zu machen, ist eine ehrenwerte Aufgabe und es kann böse enden. Es verrät viel über die/den, der berichtet. Und deswegen kommt es ganz darauf an. Sprich nie über das, was nicht gelungen ist. Aber: einen Erfolg werden die Hörer:innen erst dann gestatten, wenn man zuvor ehrlich und nachvollziehbar gescheitert ist.

12) Worüber lohnt es sich zu reden? Der Vorschlag für einen Beitrag muss schlüssig nachweisen, dass es sich lohnt, zu erzählen. Es muss für jede Geschichte neu verhandelt werden.

*** Lothar Bodingbauer, Radiojournalist mit Schwerpunkt Reisen, Wissenschaft, Leben. Homebase: dort wo sein MacBook ist. Kontakt: lothar@sprechkontakt.at

Neuer Podcast: Wald wirkt Wunder

In diesem Podcast versuchen wir, die Domänen “Werbung” und “Journalismus” anzunähern und auch “Wissenschaft” dazu zu kriegen. Das Ganze am Thema Wald. Themenmäßig elegant und ungebunden: Bäume, Schlaf, Duft, und Sterne. Geschichten und schon bald: “der Boden”. Erscheinungsform: monatlich, drei Personen machen, zwei denken noch im Hintergrund mit, und in Summe ist die Produktion auch eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Hörgewohnheiten. Macht Spaß.