Wer auf eine Reise geht, weiß oft, was ihn erwartet. Ein klarer Weg, ein schönes Ziel. Manchmal aber lässt man sich treiben, besonders in der Stadt. Überraschungen sind dabei unvermeidlich. Und es gibt noch etwas: wenn die Stadtbewohner über Generationen schon jene oft „informellen Wege“ ganz selbstverständlich benützen, die touristische Besucher nur durch Zufall entdecken. Ingrid Rachbauer und Lothar Bodingbauer nehmen uns mit in Wien so einen Geheimgang, eine Abkürzung durch die Wiener Hofburg.


Link: Sonntagsspaziergang

Link zum Buch: Geheime Pfade, Gabriele Hasman

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Manuskript: Abkürzung in Wien durch die Hofburg

10:07 min

(Lothar Bodingbauer und Ingrid Rachbauer)

BEITRAG

“Darf man da durch?” fragen Touristen, wenn sie die offene Tür sehen. “Klar”, antworten die Wiener. Auch wenn es offiziell niemand erlaubt hat. Vom Burggarten links der Oper durch die Hofburg, den Sitz des Präsidenten, in die Innenstadt. Nicht außen rum, sondern durch die Gänge. Das Wissen um diesen Weg wird in Wien von den Eltern zu den Kindern, von den Großeltern zu den Enkelkindern weitergegeben. Oder man entdeckt ihn selbst.

OT Ingrid Rachbauer

Ich gehe immer gerne in Wien durch irgendwelche Innenhöfe und wenn sie dann noch eine Tür nach draußen haben, dann gehe ich einfach weiter, so lange bis es nicht mehr geht.

MUSIK darunter (Tritsch Tratsch Polka, Op. 214, Johann Strauß: Wiener Philharmoniker mit Karl Böhm 1973; https://open.spotify.com/track/0wcuMjodTBzuW3rRIEsjdm?si=dcdac08ed1784287)

1 Minute 30 – wir machen jetzt den Schnelldurchgang. So lange dauert der direkte Weg, der über 1, 2, 3, 4 Ecken führt.

OT Ingrid Rachbauer

Eigentlich muss man nicht ums Eck gehen. Eigentlich gehst du nur geradeaus.

Der Start beim Palmenhaus am Burggarten.

OT Ingrid Rachbauer / Lothar Bodingbauer

Du darfst dich nur nicht verführen lassen, in einen der anderen Gänge zu gehen. – Wir gehen unten bei dieser Tür jetzt hinein. Der Hintereingang der Hofburg. Grüne Tür, offen steht sie. Rechts ein Klingelschild. Feuerwache. – Und eine Kamera. – Man sieht uns? – Ja, wenn wir läuten würden. – Und links ein Lastenlift. Küchenstiege. – Es sind 1, 2, 3, 4 Stockwerke. Wir sind jetzt in dem Teil, wo die Redoutensäle nicht weit weg sind und die Nationalbibliothek. Die ist da hinter uns. – Wir müssen da jetzt wirklich durch den Hof wieder links abbiegen. Dann kommen wir durch diesen Durchgang bei einem Eingang vorbei, der heißt “Zehrgadenstiege”. Was sind die Zehrgaden? – Tja, das ist sogar beschriftet in Brailleschrift. Standort, Zugang, Ausgang, Türöffner, 1. Obergeschoss. BDA, Bundesdenkmalamt. – Das sind schon fast geheime Abkürzungen: BHÖ, BDA. – Und es gibt Trakte, sehen wir hier, es gibt den Reichskanzleitrakt, Schweizertrakt, Schweizertrakt nochmals, Leopoldinischer Trakt, Michaelertrakt und die Feuerwache. – Und da sind wir jetzt in einem doch ein bisschen repräsentativeren Hof jetzt. – Da ist die Hofmusikkapelle, das Tor mit den zwei Kreuzen. – Da ist noch eine Tresortüre, die offen ist. – Und da ist schon das Schild, “Kaiserliche Schatzkammer Wien”. – Und jetzt sind wir durch, durch die Abkürzung. (Fiaker Atmo). – Genau. Und da sind auch schon die Fiaker. – Wir sind jetzt also durch, wie lange haben wir gebraucht? Im Wesentlichen 1 Minute 30 Sekunden, wenn man sich nicht verplaudert, weil man jemanden trifft. – Gehen wir aber vor – Was wissen wir über den Gesprächspartner? – Meinhard Rauchensteiner ist zuständig in der Präsidentschaft für die Abteilung Kultur, und das zweite habe ich mir nichtgemerkt und das dritte. Da ist er.

OT Meinhard Rauchensteiner

Als was soll ich mich vorstellen? – Das ist die große Frage. Was ist man denn, wenn man so ist wie Sie hier, erreichbar für ein Gespräch über diesen Geheimgang? – Ich bin einer der wenigen glücklichen, die in der Hofburg arbeiten in der Präsidentschaftskanzlei, also dem Bundespräsidialamt Österreichs, wie man es auch nennen könnte. Dort bin ich Abteilungsleiter für Wissenschaft, Kunst und Kultur. – Haben Sie auch so ein schönes Büro unterm Dach? Unterm Dach!? Also unterm Dach hat Joseph Haydn in der Nähe gewohnt, wie er noch keinen Job hatte. Also unterm Dach lieber nicht. Man kann ein Büro haben in der Belle Etage, das ist natürlich dann das Beste mit Blick auf den Heldenplatz, das geht sich dann aus. Da muss man nicht raunzen, auch wenn man Wiener ist.

Die Hofburg war vom 13. Jahrhundert bis 1918 die Residenz der Habsburger, seit 1946 ist sie Sitz des Präsidenten. Des Bundespräsidenten. Eine bauliche Anlage, die 24 Hektar umfasst. Ein Abbild des Herrschens und des Lebens – auch heute.

OT Meinhard Rauchensteiner

In der Hofburg sind ja so unendlich viele Institutionen untergebracht, von den Lipizzanern bis zur Nationalbibliothek. Da ist es naheliegend, dass man diesen Weg auch kennt, zumal ist ja die Hofburg der, glaube ich, größte zusammenhängende Profanbau Europas. Wenn man da immer völlig außen drum herum müsste, das wäre schon ein ziemlicher Block mitten in der Stadt und da gibt es natürlich zahlreiche Durchgänge und manche sind prominenter und manche sind eben ein bisschen verborgen. – Führt die Küchenstiege noch zur Küche? – Na ja, diese ganzen Stiegen hier führen ja hinauf zum großen Redoutensaal, zum kleinen Redoutensaal und zum Zeremoniensaal. Das heißt, das sind Räume, die für große Empfänge, für Staatsessen genutzt wurden und da braucht es natürlich viele Zubringerstiegen, wo man von hinten dann auch Caterern sagen kann, bitte dort hinaufbringen. Also wir gehen jetzt gerade in einem Innenhof, im sogenannten Schweizerhof, der seinen Namen trägt, weil hier zumindest für ein paar Jahre die Schweizergarde untergebracht war, bevor wir sie dann dem Heiligen Stuhl geschenkt haben zur Bewachung und seither sind sie im Vatikan. Das ist einer der ältesten Teile der heute noch bestehenden Hofburg. ein Renaissancetrakt mit der Freitreppe mit der sogenannten Botschafterstiege, die früher Gesandtenstiege hieß, weil ja die Vertreter eines anderen Landes wenige Botschafter als vielmehr Gesandte genannt wurden und hier ist man zum Kaiser gekommen, also etwa Karl dem 6. oder zu Franz I, dem Mann von Maria Theresia, also Franz Stefan von Lothringen. Das heißt zu dem Zeitpunkt, als hier die Botschafter oder Gesandten ein und ausgingen und ihre Accruements überreicht haben, oder Proteste vorgetragen haben, was auch immer, was man halt als Diplomat so tut, das war schon der prominentere Eingang damals. – Und ist das eigentlich jetzt der spannendste Durchgang für Wien aus Ihrer Sicht oder gibt es da noch ein paar noch geheimere? – Ich finde, viele der Durchgänge sind ja heute gar nicht mehr begehbar. Weil Gegensprechanlagen es verhindern, dass man sie tatsächlich als Durchhaus benützt. In den 70-er Jahren konnte man überall noch durch und hineingehen. Und die gewissermaßen, die Außenhaut der Stadt war ja um ein Vieles größer als die Fassadenstadt, die eigentlich lediglich touristische Zwecke erfüllt und daher finde ich diese wirklich verborgenden und heute auch öffentlich kaum mehr zugänglichen Hinterhöfe, Durchgänge viel, viel spannender. Es gibt noch ein paar, wo draufsteht, “freiwilliger Durchgang”, etwa bei der Stiegengasse der sogenannte Raimunddurchgang. Und dort sind auch noch, was ich sehr schön finde, die Geschäfte tatsächlich zu sehen und teilweise neu vermietet, und das zeigt auch, dass diese Höfe ja genutzt wurden für das öffentliche Leben.

Gabriele Hasmann hat darüber ein Buch geschrieben: Geheime Pfade – Durchhäuser, Hinterhöfe und versteckte Gassln in Wien.

OT Gabriele Hasmann

Na ja, in Wien ist das halt entstanden aus einem sozialen Gedanken heraus, man sollte es nicht glauben. Am Anfang war das ja nur für die Bewohner, die natürlich in diesen Höfen, in diesen Innenhöfen, in den Durchäusern. Das war ja sozialer Hotspot. Da hat man sich getroffen, da hat man getratscht, da hat man Neuigkeiten ausgetauscht, sich am Laufenden gehalten. Mittendrin meistens ein Brunnen, und das war dann der Hotspot. – “Wir sind hier nicht im Durchhaus”, hat es dann auch oft geheißen, bei erzieherischen Maßnahmen Kindern gegenüber. – Genau, weil da viel getratscht wurde, ausgetauscht wurde, was nicht immer der Wahrheit entsprochen hat. Und dann haben sie sich gedacht, sollte man nicht so egoistisch sein und sollte das für alle Leute öffnen, damit die einfach eine Abkürzung haben von einer Straße zur anderen, wo sie vorher rundherum gehen mussten.

OT Meinhard Rauchensteiner

Und das andere was ich ganz interessant finde ist, dass Durchhäuser wieder vermehrt gebaut werden, weil durch die Stadterweiterung werden erstmals wirklich große Wohnblocks gebaut. Das heißt die geschlossene Bauweise, die einen Durchgang verhindert, erfährt einen Aufschwung, einen ungeahnten. Und damit man eben nicht um diese ganzen Häuserblocks herum muss, wurden die Durchgänge gemacht, die eben bis auf Widerruf genutzt werden konnten.

Meinhard Rauchensteiner von der Hofburg beschreibt das Paradoxe, diese “Freiwilligkeit auf Dauer”.

OT Meinhard Rauchensteiner

Wenn ich als privater Immobilieninvestor ein Haus baue, wo ich einen Durchgang mache, dann kann ich auch wesentlich mehr Geschäftslokale unterbringen, und ich kann daher Gewerbemieten auch einnehmen, und das ist eine zusätzliche Einkunftsquelle. – Darf ich jetzt einen Vorschlag machen? Wir schalten ab. Dürfen wir Sie auf einen Café einladen?

Und so gehen und schleichen wir, abkürzend und bummelnd, und wer sich genauer informieren möchte. Es gibt eine Liste von 40 Abkürzungen und Durchhäusern in Wien, die man erkunden kann. Unser Gang durch die Hofburg ist in dieser Liste übrigens noch nicht verzeichnet. Ein wirklicher Geheimgang also. Da gibt es noch viel zu erkunden.

ATMO Schlüssel/Gang läuft aus

ABMODERATION

Über Geheimgänge und Durchgänge in Wien – Lothar Bodingbauer und Ingrid Rachbauer haben berichtet.