ORF Ö1 / Moment

Appell: Wort der Woche

„Appelle haben nicht geholfen“, meinte gestern der deutsche SPD Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach. „Ohne den schnellen Teil-Shutdown droht uns ein längerer Voll-Lockdown nur wenige Wochen später. Jetzt können wir noch ein relativ normales Weihnachten und bis dahin offene Schulen retten.“ Das gilt für Deutschland. Aber analog meint das offizielle Österreich das selbe: Der Halloween-Appell von Gesundheitsminister Anschober. Der Allerheiligen-Appell von Bundeskanzler Kurz. „Es darf nicht die Post abgehen“, so Anschober. Keinen Blödsinn machen. Und zuhause zu bleiben. Appell.

 

SIGNATION

 

ZITAT: Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag lieber, was du für dein Land tun kannst.

 

– John F. Kennedy. Moralischer Appell 1961 bei seinem Amtsantritt.

 

Es gibt wohl zu jedem Festtag einen Appell. Zu jedem Ort. Zu jedem Hobby. Zu jeder Tätigkeit. Zu jeder Eigenschaft. Es gibt einen Karfreitags-Appell – eine australische Spendenaktion für kranke Kinder – und einen Maßhalte-Appell: vom ehemaligen bundesdeutschen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, 1962, gerichtet an die Gewerkschaft, die 10% Lohnerhöhung forderte, während die Wirtschaft nur um 5% gewachsen war.

 

ZITAT: Wir können nicht doppelt so viel verdienen, wie wir an Werten schaffen!

 

Zwei P

Zwei L

 

Der Appell. Steht im Lexikon nur knapp unter der Apokalypse und über dem Appetit.

 

Der Appell. Eine Methode des gütlichen Zuredens, des Beschwichtigens und des Beschwörens, so definierte es der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Günter Schmölders, und zwar den staatlichen Appell als moralische Beschwörung. Für das, was schnell umgesetzt werden soll. Ohne Eingriffe. Ohne Gewalt.

Der Begriff „Maßhalteapell“, wird auch heute noch verwendet, eben weil genau das Zügeln des Appetits in der Politik so oft gebraucht wird.

 

Appell – erklärt am besten durch das Verb – das Appellieren. Entlehnt aus appelare – Latein. Anrufen. Auffordern sogar. Ein Intensivum zu Pellere: Stoßen, treiben; und ad: hin zu. Also jemanden hinstoßen. Mit der Nase zum Beispiel. / Wenn Sie also Ihre Kinder bitten, den Müll hinunterzutragen, und nichts passiert, dann kommt die Phase zwei, Sie appellieren an: das Pflichtgefühl. Ehrgefühl. Den Anstand. (Nicht den Abstand). Das Miteinander. Wir alle müssen etwas tun. Die Kinder werden protestieren – und auch das gehört zur eigentlichen juristischen Bedeutung des Appells, die Berufung. Das Appellationsgericht sogar, das Berufungsgericht, in Österreich sind das etwa die Landesgerichte und Oberlandesgerichte – der sogenannte Instanzenzug geht bis zum Obersten Gerichtshof. Court of Appeal im Englischen: und Appeal, appealing da ist noch ganz etwas Anderes gemeint, da ist jemand attraktiv. Sprachliche Brücken sind hier gebaut.

 

ATMO APPELL 1: Fanfare Militär / 1. Teil Appellblasen

 

Aber vor allem auch militärisch, der Appell am Appellplatz der Aufruf der Soldaten, feierlich. Antreten zum Appell ein wenig martialischer. Fehlt da einer?

 

ATMO APPELL 2: Fanfare Militär / 2. Teil

 

Es ist ein zwischenmenschliches Etwas, der Appell, eine Verbindung, die mit Inhalten gefüllt wird. Appelliert wird an das Gewissen. An die Vernunft. Der Appell an die Tugend. Die appellierende Person meist nicht der größte Rowdie, sondern jemand mit Position. Ein bestimmtes Verhalten soll bestärkt, oder sogar hervorgerufen werden. Oder Unterlassen. Bitte keine Plastiksackerl – ein Appell, geholfen hat das erst seit dem Verbot. Auf Empfängerseite kann es passieren, dass der Appell beim einen Ohr hinein – und wie es die Eltern gerne nennen – beim anderen Ohr hinausgeht.

 

Nonverbal geht auch: das Winken, ein Hilferuf. Herbei.

 

Aristoteles unterscheidet als Vater der Rhetorik den rationalen Appell vom emotionalen und vom moralischen. Die Linguistik, die Sprachwissenschaft ergänzt: besonders in der Werbung. Kauf… Offen oder verdeckt angewendet. Die nächste Stufe der Befehl. Kauf!

 

Wahrscheinlich kennen Sie die „vier Ohren“ von Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden: Störungen und Klärungen. Die Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation. Wer spricht, kommuniziert auf vier Ebenen: Die Sache selbst, die Beziehung zum Gegenüber, die Selbstoffenbarung, wie es dem Sender geht dabei, aber, jetzt kommt’s, immer mit Appell. Wird dieser nicht gehört, dann gibts Konflikte.

 

Es ist eine wahre Freude, aus einer Aussage, diese Appellebene herauszuhören, auch wenn sie nicht genannt wird.

 

ZITATE:

„Es ist so kalt heute.“ – Mach mir bitte einen Tee.

„Es geht mir alles am Orsch.“ – Sei lieb zu mir.

„Wer geht mit dem Hund?“ – Du bitte.

„Die Lage ist extrem ernst.“ — Bleibt zuhause.

 

Bei dieser Gelegenheit: aus dem Archiv der wirklich schöne und sehr verständliche Appell eines Senners aus den Bergen Tirol, an die Zuhörerinnen und Zuhörer im Radio.

 

OT APPELL 3 – Senner vom Brenner

Ich bin der Seidner Walter. Die Hirten und die Senner von den drei Almen da hätten einen Wunsch: Wenn auch die Schranken weggefallen sind, aber von den Straßen und die Zäune möchten halt die Gatter zutun, die Berggeher und die Mountain-Biker. Das wäre unser Wunsch. Dass wir nicht brauchen jeden Tag da nachrennen, und schauen, ob alles in Ordnung ist. Gell. Dass das Vieh nicht zu den gefährlichen Orten hingeht. Weil da draußen ist gefährlich, wenn da ein Vieh rausgeht, da stürzt es ab. Das wäre unser Wunsch, wenn das einmal möglich wäre.

 

Appelle kommen von einem Wunsch zur Verbesserung. Fürs Vieh, fürs Leben; fürs Überleben der Gesellschaft. Keiner appelliert an das Böse in uns. Wobei: Verbesserungen von Despoten und Diktatoren naturgemäss anders gedeutet werden als vom Chef einer karitativen Organisation der Appell, vor Weihnachten an seine Mitmenschen zu denken.

 

 

 

– Das Wort der Woche, gestaltet von Lothar Bodingbauer