Überraschungen, die man beim Einkaufen erleben kann. (ORF Österreich 1 / Moment Leben heute)
 

 
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Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu Ihrem Lieblings-Obst-und-Gemüsehändler am Eck auf dem Platz vor der Kirche und während Sie so schauen und gustieren, was es heute besonders Gutes gibt, fragt Sie der Obst- und Gemüsehändler, ob Sie nicht auch diese Samen haben möchten, da gibt es alte Sorten, die wiederentdeckt wurden, ganz natürlich, Bio, und gute Paradeiser würden das werden. Sie sagen „ja“, das finden Sie gut, das wollten Sie immer schon mal probieren und danke für die Empfehlung, nett dass Sie daran denken, aber Sie kennen mich ja schon lange, da ist Ihnen klar, dass mich das anspricht.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen dann zur Drogerie weiter vor, und währen Sie so schauen im Verkaufsbereich, ob es Erde gibt für die neuen Samen, die Sie vorhin gekauft haben, da fragt Sie der Drogist, ob Sie nicht auch dieses Unkrautvertilgungsmittel haben möchten, und da noch was gegen die Läuse, es ist zwar nicht biologisch, aber effektiv, giftig und daher wirksam. Es sorgt für Ordnung im Garten, so dass das Gute gewinnt und das Böse verliert. Und Sie sagen, sind Sie wahnsinnig, guter Mann? Woher kommen Sie auf diese Idee? Und der Drogist sagt, ach, ich habe sie da an der Ecke zu diesem Haus mit dem schönen Rasen stehen gesehen, dort, wo alles so gepflegt ist, die Ränder so sauber, und keine Blumen die irgendwo wachsen, wo sie nicht hingehören, dort, wo auch die Schnecken gut überwacht und unter Kontrolle sind, und da dachte ich, Sie machen sich Sorgen, und Sie möchten das auch. Nein, danke, sagen Sie und machen sich auf und gehen zur Silbernen Kugel einige Schritte weiter die Einkaufsstraße entlang, wegen der Erde für die Paradeiser, die Silberne Kugel, ein Geschäft für alles, was man im Haushalt braucht. Der Besitzer begrüßt Sie und kaum sind einige Sekunden vergangen, fragt er Sie auch, ob Sie nicht dieses Mittel gegen die Schnecken brauchen und das Unkrautvertilgungsmittel und das Gift gegen die Läuse. Genau das, was der Drogist Ihnen gerade empfohlen hat. Woher wissen Sie das, fragen Sie, ach, sagt der Mann von der Silbernen Kugel, der Drogist hat es mir gerade erzählt, er hat mich angerufen, und da dachte ich, Sie hätten Bedarf, aber warum schauen sie jetzt so komisch?

TRENNER

Ja, so funktioniert das im Internet. Auf Facebook pflege ich meinen kleinen Garten an Freunden. Als politisch interessierter Mensch schaue ich auch dann auch in der Suchfunktion nach Facebookeinträgen von Politikerinnen und Politikern, von linken und von rechten, und dreimal habe ich von einem hochrangigen Regierungsmitglied in den letzten Wochen die persönliche Facebookseite aufgerufen. Was dann geschah, raubt dir den Atem. Beim nächsten Login wurden mir in den Werbungen nicht wie üblich Werbung für Fahrradcomputer oder Pflanzenregale eingespielt, für Bildbearbeitungsprogramme oder Reisen, sondern eine Hose für den Nahkampf, eine personalisierte Werbung, ausgesucht vom Algorithmus, für, Zitat, „Kampfhosen, die jeder Mann braucht“.

Aber es ging noch weiter. Auf Instagram mag ich es, Fotos mit Freunden anzuschauen, zu posten und zu tauschen. Beim nächsten Login keine Werbung für mich über Fahrradcomputer und Pflanzenregale wie sonst, sondern: Werbung für eine Hose für den Nahkampf, eine personalisierte Werbung für Zitat „Kampfhosen, die jeder Mann braucht“. Der Algorithmus des „sozialen Netzes“ hat schon wieder gearbeitet. Von Facebook hat er zu Instagram telefoniert, und von meinen „neuen Interessen“ erzählt. – Das war zuviel. Ich habe meine sozialen Netzte also wieder entkoppelt, pflege ein eigenes Login für das eine – und ein anderes Login für das andere Konto. Habe da meine Freunde, dort meine weiteren Bekannten, auch eine Züchterin von sogenannten Kampfhunden ist dabei, obwohl es diesen Begriff eigentlich gar nicht gibt, und ich einen Dackel habe, aber vor allem, weil ich sie mag, nicht ihre politische Haltung, aber wir teilen uns die Freude an den Hunden.

TRENNER

Dieser Tage kommt eine neue Kundenkarte auf den Markt, erzählt mir ein persönlich adressierte Brief im Briefkasten, erzählt mir auch die Werbung im Fernsehen, erzählt mir auch der Aufdruck am T-Shirt der Verkäuferin im Supermarkt. Mehr Bonus. Mehr Vorteile. Da erzählt dann der Mann von der Tanke ganz automatisch und elektronisch der Papierhändlerin und dem Drogeriemarkt, was ich bei der Feinkost gestern gekauft habe – und meine Bank ist auch noch mittendrin. Das Plastik der beigesteckten neuen hoffnungsfrohen Karte habe ich zum Restmüll gegeben, das Papier mit der Anmeldung in den Altpapiercontainer. Die versprochenen Bonuspunkte investiere ich lieber in die Freiheit, unerkannt so einzukaufen wo und wie ich will.