Sind Sie sich sicher, dass es keine Geister gibt? Und warum wissen Sie das? Weil Sie bis gestern keinen Geist getroffen haben? Woran würden Sie einen Geist erkennen? Anders gefragt: Sind Sie unsicher, ob es Geister gibt? Dann gehen Sie vermutlich auch durch die dunkle Garage und fürchten sich noch ein bisschen, vielleicht aus Tradition von früher, als Sie noch klein waren. Nein. Wir können uns nicht sicher sein. Nie sicher sein. Die Abwesenheit von etwas ist äußerst schwierig zu belegen. Obwohl: bei einer Lücke, das ist einfach.

Die Zahnlücke. Da war doch mal was. Die Parklücke. Da will man hin. Die Lücke im Zaun, durch die man durch muss um zu den Kirschen zu gelangen, die dann am Ast dort fehlen. Mit Löchern kann man Geld verdienen. Einerseits um sie zu flicken – oder um sie zu machen. Fragen Sie einen Änderungsschneider oder einen Baggerunternehmer um das Schließen des einen oder das Öffnen des anderen Lochs. „Schau dort“ – sagte jemand in der Dämmerung. „Wo?“ fragte der andere. „Dort, wo gerade das Licht ausgegangen ist“, sagte der eine. „Du macht mich wahnsinnig“, sagt der andere. Und wies damit auf etwas Wichtiges hin. Auch die Zeit hat ihre Lücken und damit Tücken – die weder nach vorne aber vor allem nicht nach hinten zu erkennen sind.

Nach vorne ist die Hoffnung zu erkennen. „Debbada, foa weida“ schreit ein sonst unbekannter Passagier in der S-Bahn, als diese zwischen zwei Stationen stehenbleibt. Das verblüffende: sie fährt weiter. Um nach der nächsten Station wieder wo unvermutet anzuhalten. „Es gibt nichts Blöderes als S-Bahn-Fahrer“, motzt der Passagier, um lauter dann zu rufen: „Geh kuum, foa weida endlich“. Und das verblüffende: sie fährt. Das ist Macht. Diesen Passagier wünscht man sich an Bord zu haben, wenn es aus unübersichtlichen Gründen nicht weiter geht. Diesen Passagier wünscht man sich nicht an Bord zu haben, wenn die S-Bahn stehenbleibt, weil sie den Gegenzug abwarten muss, der ihr am selben Gleis entgegen kommt. / Auf der selben Fahrt wäre dann noch ein österreichisch dreinschauender Mann aufgestanden, weil ein muslimisch aussehendes Mädchen mit Krücken eingestiegen ist, mit ihrer Freundin. „Woits Euch hersetzen?“ Sie haben ihn nicht verstanden. Er probierte es noch einmal. „Woits Euch hersetzen?“ Sie wenden sich ab und drehen ihm den Rücken zu. Sie haben ihn einfach nicht verstanden. Ich stand in der Mitte und hätte vermitteln können, aber weil ich so intensiv darüber nachgedacht habe, dass sich die beiden eigentlich gut verstehen könnten, es aber nicht tun, umständehalber, da ist die S-Bahn wieder stehen geblieben, und ich musste aussteigen, bereit Ihnen diese Geschichte bei Gelegenheit zu erzählen.

Wenn wir dann noch einmal auf den Geist zurückkommen. Wie würden Sie ihn merken? Die wenigsten sagen, riechen würden sie ihn. Obwohl… Wie eine Ziege vielleicht, könnte er riechen und das bringt mich zu Yoda, einer Ziege. Yoda ist besonders. Er wäre als Ziegenbaby fast gestorben, erzählen seine Besitzer auf einem Bauernhof. Aber dann entschloss er sich zu leben. Und mit dieser Geschichte wird klar, warum einmal pro Tag Yoda in die Ferne blickt, um, wie die Kinder sagen, mit dem Universum zu telefonieren. Eine unsichtbare Verbindung ist das, sagen sie, am späten Nachmittag beim Wiederkäuen, Tag für Tag. – Unsichtbar ist auch das Wissen, das sich unter all den Ziegen und Alpacas des Bauernhofs herumgesprochen hat, den Pferden und den Enten und Gänsen, nämlich dass dort bei ihnen niemand gegessen wird – die Ziegen stehen im Dienst der Yoga-Workshop, die angeboten werden, und die Alpacas werden einfach nur gestreichelt. Nicht auf den Kopf, heißt es, obwohl sie mit den hübschen Haaren gerade dazu einladen, sonst überall, aber nur nicht am Kopf. Und so geht‘s den ganzen Tag. Das Leben. Das Unsichtbare nicht als Zustand, sondern als Vorgang, etwas das in der Zeit passiert, das was man spürt beim Überlegen, die Gedankenkräuseln seines Denkens. Wie ein Geist den es ganz sicher gibt. Manchmal schaue ich mir die Leute in der Straßenbahn an, und lade ein Kind ein, den Hund – mit Beißkorb – statt das Telefon zu streicheln. Und ich freue mich wie ein Kind, wenn es gelingt.

Moment Randnotizen, ORF Radio Österreich 1, 1. April 2019, Lothar Bodingbauer