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Gespräche, die zugänglich sind. Bei denen man dabei sein kann. Wie damals am Lagerfeuer, als die Menschen noch in Kohorten umherzogen. Das, worüber sie reden, steht im Mittelpunkt. Die Wärme des Feuers. Und sie reden so lange, bis sie fertig sind.

Es geht bei Podcasts vorderhand nicht um Reichweite, sondern um die Zugänglichkeit des Gesprächs. Um die Möglichkeit, dabei zu sein. Die Länge der Sendung ist egal. Podcaster:innen sind in seltenen Fällen berühmt. Meinung ist Teil des Konzepts, und im Museumsumfeld wird durch einen Podcast kuratorische Arbeit hörbar gemacht.

In Podcasts finden Sie meistens Gespräche. Radiosendungen zeigen hingegen in aufwändig gestalteten Beiträgen die Welt, wie sie den Gestaltenden erscheint. Und das ist nicht der einzige Unterschied: Radio wird über Lautsprecher gehört, Podcasts über Kopfhörer. Radio ist geteilte Öffentlichkeit. Podcasts eher intim. Bei Radioaufnahmen wird ein Mikrofon hin- und her geschwenkt. Beim Podcast-Gespräch tragen alle Teilnehmer:innen Kopfhörer, an denen Mikrofone montiert sind, die der Kopfbewegung folgen. Jede:r kann zu jeder Zeit reden. Jeder kann den anderen gut hören.

Musik ist wegen GEMA-Gebühren selten dabei. „Verlautbarungen“ verschwinden wie das Geheul der Wölfe im Dunkel weit hinter dem Feuer. Sie machen Platz dem Detail, den weiten Augen, dem schweifenden Geist, und dem Wunsch etwas herauszufinden zu wollen. Im Kontakt, im Gespräch.

Sendungen heißen beim Podcast „Episoden“. Im Museum können sie via QR-Code den Ausstellungsobjekten hinzugefügt werden. Wer also ein Objekt sieht und Lust auf den Hintergrund hat, verfolgt bei Verfügbarkeit die Entstehung des Präsentierten als Podcastepisode über den bereitgestellten Link.

Blick in die Geschichte.

Die erste Podcastwelle entstand um das Jahr 2000. Audiofiles wurden via mp3 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es war die Zeit der illegal geteilten Musikfiles. Die neuen mp3-Player lösten den Walkman und Discman ab. Parallel zu Internet-Blogs mit Texten und Bildern entstanden erste Audioblogs. Auch sie konnten über „RSS-Feeds“ abonniert werden, ohne jede Seite einzeln ansurfen zu müssen, um zu schauen, ob es etwas Neues gibt. Wann immer es eine neue Episode gibt, wird das zugehörige mp3-File automatisch heruntergeladen. Es wartet dann auf dem mobilen Endgerät, bis es der Benutzer zeitsouverän hören möchte. Einziges Problem der ersten Podcastwelle: der Klang. Viele der Aufnahmen hörten sich an, als ob sie auf dem Klo gemacht wurden. Die Stimmen waren nicht präsent, es hallte und schepperte. Aber man konnte senden, man konnte gehört werden.

Und dann kam Podcastwelle 2.

Ausgelöst durch Pioniere aus Deutschland, zuzuordnen dem Umkreis des „Chaos Computer Clubs“ – die „guten Hacker“. Sie geben Wissen über Podcastepisoden weiter. Die Episoden dauern gerne um die 1, 2, 3 Stunden. Oder 4. Wenn sich jemand mit dem Thema auskennt. Über das Ohr zum Beispiel – ein Experte für Cochleaimplantate. Oder über Kurdistan, Feminismus, das Bierbrauen, Pornographie oder die Chilli-Schote. Über Kakteen. Gespräche sind nun in Studioqulität zu hören und von Radiosendungen nur insofern zu unterscheiden, dass sie keine gebauten Beiträge oder Features sind. Und dass auch mal gelacht wird.

Auch die Rundfunkanstalten ziehen nach, die in Podcasts einen weiteren Ausspielkanal für ihre Sendungen haben. Öffentlich-rechtliche Radiostationen müssen diese Angebote üblicherweise „depublizieren“, nach einer bestimmten Zeit vom Netz nehmen. Freie Podcaster:innen nicht. Die Erfahrung zeigt: auch ältere Episoden werden noch gehört, wenn sie verfügbar sind.

Dann kam die Podcastwelle 3.

„Podlove“ entstand, ein digitales Plugin für das weitverbreitetes Content-Management-System „WordPress“, das viele Bloger:innen verwenden. Episoden können damit noch einen Tick einfacher veröffentlicht werden. Die Podcasts verlassen die Nerd-Ecke. Die Community trifft sich regelmäßig an unterschiedlichen Orten im deutschsprachigen Raum, um Erfahrungen zu tauschen. Oder digital auf www.sendegate.de. Österreichische Audioexperten entwickelten mit „Auphonic“ ein Onlineservice, das aufgenommenes Material akustisch optimiert. Mehrspuraufnahme sind mit „Ultraschall“ möglich, und über das Plugin „Studiolink“ können Mikrofone an mehreren Orten kostenlos via Internet in Studioqualität verbunden werden. Das Podcast-Equipment passt in ein Köfferchen.

Zunehmend werden auch „Podcastlabels“ gegründet, eigene Agenturen, die ausschließlich Podcasts produzieren.

Manche Podcaster:innen finanzieren mit Werbung ihre Episoden -obwohl, da sind sich viele einig, Werbung noch nie etwas besser gemacht hat. Andere Podcaster:innen arbeiten mit Produktplatzierung. Oft zahlen die Hörer:innen zusammen, und es gibt auch jene Podcasts, bei denen Auftraggeber Episoden kaufen, weil es ein Budget für Öffentlichkeitsarbeit gibt. Einige verkaufen Bücher, Vorträge Expertise und Kurse, aber die meisten podcasten als Hobby. Und das in guter Qualität – Garantie oder Aufsicht gibt es keine. Es braucht ein kritisches Ohr und auch die Erfahrung kuratierter Podcastverzeichnisse wie wissenschaftspodcasts.de, um „gut“ von „belanglos“ zu unterscheiden.

Wir sind jetzt in Podcastwelle 4.

Die Verlage und Zeitschriften und Zeitungen sind eingestiegen. Podcast wurde bekannter, weil auch Musikplattformen wie Spotify die Episoden anbieten. Wir schreiben das Jahr 2019. Jede:r, der etwas auf sich hält, macht einen Podcast. Auch die Museen begannen den Hörraum zu erobern.

Für Menschen beim Pendeln, im Auto, in der Werkstatt. Manche Podcasts sind einzigartig. Viele senden für die Nische, einige für die breite Masse. Ein Spielplatz für Experimente auch für Verlage, die die längste Zeit ihre Inhalte auf Papier gedruckt haben.

Andreas Sator etwa lernt als Standard-Journalist in „Erklär mir die Welt“ Alltägliches und Unbekanntes im Gespräch mit Expert:innen in einem eigenen Podcast kennen und Maria Wegenschimmel erforscht in ihrem „Wiener Sozial-Pod“ Hilfsangebote für Mitmenschen auf eigene Faust, sorgt dadurch für eine Vernetzung der Beteiligten untereinander.

Auch die Museen begannen den Hörraum zu erobern.

Interessant ist dabei, dass sich freie Podcaster:innen oft in ihren eigenen Produktionen einen unabhängigen Ruf erarbeiten. Einen Stil, eine Art, für die sie ihren Hörer:innen bekannt sind, und die dann von einem Auftraggeber gekauft wird. Zum Beispiel Holger Klein aus „WRINT“, der für einen Hornbach-Bauhaus-Podcast seine Art, Gespräche zu führen, mitbringt. Er spricht mit Abenteurern und Do-It-Yourself-Pionieren. Marketingabteilungen und Pressestellen müssen in solchen Projekten ebenso flexibel sein, wie die beteiligten Podcaster:innen, die bisher gewöhnt waren, alleine zu arbeiten. Müssen die Inhalte freigegeben werden? Wer entscheidet? Wer hört ab, wer hört mit? Wer repräsentiert und wer veröffentlicht, wo und wie?

Es gibt Abhängigkeiten, Überschneidungsflächen, Graubereiche, Bekanntheitsströme und die Eroberung neuer Terrains.

Und das Stadtgespräch?

Das „Stadtgespräch“ ist der Podcast des Technischen Museums Wien. Mittlerweile bei Folge 20 erschien die erste Episode Anfang 2017 im Zusammenhang mit der Ausstellung „Zukunft der Stadt“, weil Expert:innen verfügbar waren, die bereit waren, über ihre Inhalte ausführlicher zu reden. Der Lichtmeister von Wien – er kümmert sich um alle Lampen inklusive Ampeln. Die Logistikexpertin über die Zukunft der Lastenräder. Die Leute vom Stromverteiler, die dafür sorgen, dass Energie für alle zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stellt – eine Episode in Verbindung mit der Elektrizitätsausstellung On-Off. Mit der Ausstellung „Zukunft der Arbeit und Produktion“ erschienen Gespräche mit Roboteringenieuren, mit Soziologen, einer Expertin der Gewerkschaft, mit einer Datenwissenschaftlerin der VOEST. Die Gespräche immer ausführlich und immer mit vielen Details.

Und immer lang.

Im allgemeinen werden die Episoden der „Stadtgepräche“ nicht geschnitten. Es sind auch die Pausen zu hören. Das Denken. Das Atmen. Das Leben. Das Dazwischen, was in Kurzbeiträgen in Radio und Fernsehen meist wegfällt.

Eigene Gedanken werde sorgsam in die des Gegenübers geflochten. Beim „Stadtgespräch“ aus dem Technischen Museum sind oft sind die Kurator:innen der kommenden Ausstellung dabei. Ihre Fragestellungen werden hörbar, zugänglich, ihre Ansätze spürbar. So bekommt das Museum eine Stimme. Die Sicherheiten, die Zweifeln, das Nachfragen, das Explorieren. Wer Lust hat, hört zu. Wer nicht – nicht.

Podcast-Tipps und Beispiele aus anderen Museen.

Empfehlenswerte Podcasts sind – natürlich neben dem Stadtgespräch – die Referenzprodukte aus dem deutschsprachigen Raum: „CRE“, „Omega Tau“, „Forschergeist“. Vielleicht auch die „Bienengespräche“ aus Wien, wenn Sie sich für Natur interessieren. Es gibt den „Lila Podcast“ mit feministischen Inhalten. Ja, auch für Männer. Für Läufer:innen die „3-Schweinehunde“. Oder „Zeitsprung“, Geschichten aus der Geschichte. Alle sind einfach zu finden, einfach zu googeln. Das Sigmund-Freud-Museum in Wien hat einen Podcast, das Smithsonian Museum, das Archäologische Museum Hamburg. Über Ausstellungen erzählen der „Museumscast“, „Exponiert“, „Kunst und Horst“ und das „Kulturkapital“. Die Grenzen verschwimmen. Empfehlenswerter Startpunkt für Suchen ist auch das Podcastverzeichnis www.fyyd.de

Wenn Sie Ihren Lieblingspodcasts gefunden haben, drücken sie auf dessen Website auf den „Abonnieren“-Knopf und aktivieren dadurch eine App auf Ihrem Smartphone, den sogenannten „Podcatcher“. Er sammelt die neuen Episoden und speichert sie wie in einem Schatzkästchen bis zu jenem Zeitpunkt, an dem Sie bereit sind, zu hören. Es gibt eine Pausetaste. Und oft auch Kapitelmarken. Damit sie wieder zurückfinden, wo sie aufgehört haben zu hören, als Sie stoppen mussten, weil es ja auch noch die anderen Dinge im Leben gibt.

Lothar Bodingbauer, Radiojournalist und Podcaster der „Stadtgespräche“ aus dem Technischen Museum Wien

 

Beispiele für Podcasts aus Museen

Beispiele für Podcasts über Museen