15 mal gut gelehrt

(Foto: Schachzimmer an einem Gymnasium in Perm, Russland)

Es gibt einige Situationen, an die man sich rückwirkend gerne erinnert. Man hat selbst etwas sehr gut gelernt. Warum? Es wurde gut gelehrt.

1. Die Volksschullehrerin gab mir immer wieder Zetteln mit vielen Additionen großer Zahlen. Das machte mir Spaß, ich habe sie nach diesen Aufgaben gefragt, und sie machte sich auch die Mühe, die Ergebnisse zu kontrollieren.

2. Im Geografieunterricht des Gymnasiums lernten wir über Russland und ich konnte meine Erfahrungen vom Radiohören auf der Kurzwelle mit einbringen. Ein Feature über das Störfischen an der Wolga in Astrachan – man hörte die Möwen kreischen und roch das Wasser – das brachte ich in den Unterricht mit und wir hörten es gemeinsam an. Anschließend fragte ich den russischen Konsul in Salzburg, ob er unsere Schule besuchen würde, was er mit einem Begleiter auch wirklich tat. Wir schenkten ihm Brot und fragten ihn, warum so viele Leute in der Sowjetunion Alkohol tränken.

3. Im Seminar an der Universität erarbeitete der Didaktikprofessor aus Deutschland mit unserer Gruppe von vier Physikstudent/innen die Gesetze des Magnetpendels. Er führte uns einen Lernweg entlang, den wir selbst gingen, der von ihm stammte, und der das Arbeiten in der Gruppe als Stärke beinhaltete.

4. Im anderen Seminar an der Universität stellte der andere Didaktikprofessor uns viele Fragen zur Physik vor, die wir in der Gruppe bearbeiten sollten. Die Fragen waren großartig, weil es erstmals nicht die Antworten waren, die das Bedeutsame daran waren. Hier sind die Fragen: PDF Fragen zur Physik

5. Ein Lichtblick während der Studienzeit: das Didaktikseminar, gehalten von einem Waldorflehrer. Seine Sicht, und die “Waldorfsicht” auf die Natur war als Ergänzung wun-der-bar.

6. Ohne Lehrer erinnere ich mich gerne an das Arbeiten mit Kakteen und Kakteensamen. Das Wissen eignete ich mir aus Bücher an, und durch die Arbeit selbst. Ich wurde ohne anwesenden Lehrer, sehr wohl aber durch Lehrer in Büchern, zum Experten. Das selbe passierte mit dem SHARP Taschenrechner 1402, der in Basic programmierbar war. Durch das Programmieren entdeckte ich den Maschinencode, die Ansteuerung der einzelnen Pixel durch den Binärcode und es war ein schönes Werkzeug zum Entdecken verborgener Logik.

7. Während eines Sprachkurses in Cambridge erfuhrt ich, wie fein es ist, wenn eine Lehrerin individuell das Lernprogramm mit dir selbst abstimmt. Sie diagnostizierte in den ersten Tagen meinen Stand in Englisch, erforschte meine Interessen und gab mir dann ganz gezielt ein Buch und einige Kapitel daraus, die zu mir, meinem Können und meinen Interessen passten. Es war schön, von dort aus das Können weiter zu entwickeln. Weil es möglich war.

8. Viele Dinge habe ich durch Vereinsabende gelernt: Der Fotoclub wurde von lokalen Männern und Frauen betrieben. Sie sahen sich gemeinsam Fotos an und besprachen sie. Einige Vereinsabende haben wir selbst gemacht, in dem wir Expert/innen eingeladen haben, über ein Thema aus der Natur zu sprechen.

9. Im Volkshochschulkurs zum Radiojournalismus waren die Besten des Senders vertreten. Sie kriegten sich über Kleinigkeiten in die Haare, so sehr, dass sie sich anschrieen und einen roten Kopf bekamen. Über die Frage, ob man einen Interviewausschnitt im Mittagsjournal spielen soll, oder nicht, weil er schlecht aufgenommen war. Das gefiel mir. Die Expertise mit Emotion, angewendet ans Detail – vor großem Hintergrund. Und es waren keine Pädagogen, die das machten, aber Lehrer.

10. Praxisfeld Radiojournalismus bei Roland Machatschke. Eine Vorlesung mit Übung, die ich gerne besuchte, weil er uns aus der damals wunderbaren Weltwoche ganzseitige Interviews gab, von Alexander Solschenizyn zum Beispiel. Ausschnitte daraus sollten wir zu Radiobeiträgen umarbeiten. Wir lernten zu erkennen, “was wichtig ist”. Die Hausübungen wurden korrigiert und mit Anmerkungen versehen. Zusätzlich haben wir viel gehört und besprochen – auf die Fragestellung hin “ob es Sinn ergibt, was wir da hören”.

11. Hundeschule – neue Art: 10 Hunde, 10 Menschen, 10 Hunde-Menschen-Pärchen. Die Trainerin sagt, sie sieht sich den Zustand jedes Pärchens beim Kommen an. Dauert den Bruchteil einer Sekunde. Aber sie sieht den Zustand. Heterogene Gruppen, der Dackel ist neu mit seinem Mensch, der Windhund Paul kann schon alles. Belohnung, wenn der Dackel nur in die richtige Richtung schaut. Wenn etwas nicht klappt, wird das Niveau – für den Dackel – gesenkt. Und wieder erhöht. Hohes Niveau beim Windhund. Wer alles kann, bleibt weg und kommt dann weiter im Kurs 2 für Fortgeschrittene. Diagnostischer Blick der Trainerin ist unverzichtbar. Großartiges Lernen. (Hundezentrum Wien)

12. Fragen können. Jemanden, der sich auskennt. Unerreicht. Meist umgesetzt in Radiosendungen und in Podcast-Episoden. Lehren, lernen als Vermittlung, Switchboard. Weitergeben. Idealzustand. In ein Event gegossen sind solche Erfahrungen zum Beispiel auf der Subscribe zu finden, wo Podcaster/innen alles austauschen, was sie können, kennen, wissen. Passiv geht auch: Hören von Radiosendungen, Hören von Podcasts. Einsam in Teilen, aber intensiv und sehr am Punkt. Und man kann mit Freunden auch gemeinsam hören, wenn man sich einen Ohrhörer teilt. Zum Beispiel diese CRE-Folge über Poststrukturalismus 2.

13. Blogs, die von Menschen verfasst wurden, die sich in einem Gebiet gut auskennen, und die ihr Wissen teilen, meist prozesshaft. Der Vorgang wird dokumentiert, beschrieben. Was passiert, wie, wann. Das Teilen des Prozesses als schönes Lehren führt zu schönem Lernen.

14. Vorlesungen, an die man an der Uni durch Zufall geriet. Zum Beispiel im Audimax eine Vorlesung über Strafrecht. Gehalten vom Besten. Keine Ahnung, wer das war, es muss der Beste gewesen sein. Es war eine Einführungsvorlesung, die unfassbar spannend und begeisternd war. Es ist eine gute Idee, Einführungsvorlesungen von den Besten halten zu lassen.

15. Und zuletzt: schöne Fehler. Peinliche Misserfolge. Autsch. Schämen. Wieder aufrappeln. Immense Möglichkeiten. Der Einzelfall als Lehrer, auch wenn es meistens richtig wehtat.


 

Klackerlaken bauen. Wenn die Kinder die Volksschule besuchen, wird man auch schnell selbst zum Lehrer. Experimentieren. Einmal pro Woche. Ohne Text. Ideen dazu habe ich hier gesammelt.

 

Wenn Kinder plötzlich nicht zur Schule kommen

Ist das ein ganz schlechtes Zeichen.

Bei uns ist vor drei Jahren Gregori plötzlich verschwunden. Die Kinder meinten, es wäre, weil seine Mutter nicht gescheit Deutsch gekonnt hat. Furchtbar. Dazu habe ich für das ORF Österreich 1 Radioprogramm “Moment” Folgendes geschrieben:

MOMENT RANDNOTIZEN / Lothar Bodingbauer / 25. November 2013

Löcher sind eine interessante Sache. Und es ist dabei nicht einmal klar, ob Löcher überhaupt zu den Sachen zählen. Denn ein Loch ist die Abwesenheit von etwas, und was nicht ist, kann keine Sache sein. Wie kann man aber dann darüber reden? – Die Sprache macht es einfach: Indem man ihm einen Namen gibt, dem Loch. Ab dann ist es da – obwohl eigentlich etwas weg ist.

Ein kleiner Freund von mir, er heißt Gregori. Ging in die 2. Volksschulklasse gemeinsam mit meinem Sohn. Als Begleitperson gehe ich manchmal mit, wenn die Klasse zum Tennisplatz marschiert. Gregori erzählt gerne. Erzählt mir zum Beispiel den ganzen Weg zum Tennisplatz von so einem Loch. Er kommt aus Russland und hat einen entzückenden Akzent. Erzählt eine halbe Stunde lang mit größtem Vergnügen über das Loch. Das Loch in allen Facetten. Nie habe ich ein Loch so intensiv erlebt, wie durch das Zuhören von den Gedanken des kleinen Gregori. Weißt du, Lothar, sagte er, Drka heißt Loch. Aber Drtschka heißt „Kleines Loch“. Interessant. Drschtka. Das kleine Loch. Vielleicht hat er etwas andere Wörter dafür verwendet, ich kann ja nicht Russisch, aber, das habe ich mir gemerkt.

Ein paar Monate später erzählt mir eine Frau in Russland, dass Drka das kleine Loch ist. Und Drtschka ein wirklich extrem kleines Loch. Für den kleinen Gregori war das kleine Loch schon ein großes Loch, und von seiner Warte aus, ist das nur zu verständlich. Und für kleine Kinder, die manche Dinge auch lieber „mit ohne Zimt“ zum Beispiel essen, ist das Loch „mit ohne was“ eben auch sehr interessant.

Ist ein Loch nun die Abwesenheit von Etwas, oder ist es genau umgekehrt? Ist Wärme die Abwesenheit von Kälte? Oder ist Kälte die Abwesenheit von Wärme? Ist Frieden die Abwesenheit von Krieg? Oder Krieg die Abwesenheit von Frieden? Und ist die Dunkelheit die Abwesenheit von Helligkeit – oder Helligkeit die Abwesenheit von Dunkelheit? Ich würde gerne eine Art Lampe erfinden, die – wenn man sie einschaltet – den Raum dunkel macht. Ich würde diese Lampe dann „Dunkle“ nennen, und ich glaube, für dieses Gerät wär sicher Bedarf – weil man damit Dinge zum verschwinden bringen könnte.

Verschwunden ist aber Gregori. Von einem Tag auf den anderen. War plötzlich nicht mehr in der Schule. Mein kleiner Freund Gregori. Weg. Mit seinen Gedanken, mit seinen Facetten. Die Kinder waren außer sich, wussten auch nicht genau was war, das einzige was mir mein Sohn erzählen konnte, ist, dass Gregori zurück nach Russland musste, weil seine Mutter nicht so gut Deutsch gekonnt hat. Das ist bei den Kindern hängen geblieben. Weil jemand nicht so gut Deutsch kann, verschwindet ein Kind.

Es ist aber durchaus möglich, dass Gregori zurück nach Russland musste, weil seine Mutter eine gute Stelle an der Universität erhielt, oder für seinen Vater eine zeitlich befristete Stelle in Österreich endete. Wer weiß! Aber wenn bei den Kindern hängenbleibt, er musste zurück, weil seine Mutter nicht gut Deutsch konnte, ist das fatal für die Diskussion um die Sprache, um Integration. Um das Dazugehören. Wer nicht gut Deutsch kann, verschwindet.

Ein Loch kann man übrigens kaufen. Das Nichts. Wer es nicht glaubt, ruft ein Baggerunternehmen an und erkundigt sich, was es kostet, so ein Loch im Garten. Da kann man sich reinsetzen und den Himmel anschauen, und weiter nachdenken, ob was da ist, oder ob wer fehlt.

Schach!

Man wundert sich ja manchmal, warum es in Russland so viele gute Schachspieler gibt. In einer Schule in Perm ist eine mögliche Antwort zu finden. Neben einem Werkraum, einem Turnsaal, dem Geografiekabinett und dem Physiksaal, gibt es auch … einen Schachraum.

LUMIX 100

13 Vorschläge für die Schule

Bildschirmfoto 2016-02-01 um 20.43.00Klimawandel, Wanderungsbewegungen, religiöser Einfluss oder Verschiebungen am Arbeitsmarkt: Es wäre höchste Zeit, die Schule an die Gesellschaft anzupassen. Aber genau das ist in der Praxis schwierig. 13 Gründe, woran es liegt – aus der Sicht eines Lehrers.

Hier entlang, zum Standard, bitte.

Die 6 Aufgaben von Lehrern

  1. Für gute Stimmung sorgen
  2. Lernwege gestalten und beschildern
  3. Komplizierte Zusammenhänge erklären
  4. Kontexte herstellen und erklären
  5. Zustand der Kinder erkennen
  6. Gruppen koordinieren

3 Seminarangebote für Lehrer/innen

schreibenNaturwissenschaftliche Schul- und Gebrauchstexte

Wichtiges zuerst, und Unwichtiges wird gar nicht erst verfasst. Schularbeitsangaben, Anleitungen und Erklärtexte zu naturwissenschaftlichen Phänomenen. In diesem Seminar lernen Sie schreiben, um verstanden zu werden.

Inhalte: Ein Phänomen beschreiben | ein Phänomen erklären | ein Absatz | ein Absatz und mehr | Zwischenüberschriften | Unwichtiges erkennen | das Ende – ein Ausblick

Publish! Was dann geschah, raubt dir den Atem

Wichtiges zuerst, und Unwichtiges wird gar nicht erst veröffentlicht. Schul- und Gebrauchstexte für Angaben und Erklärungen. Web-Einträge, Kurztweets und klare Kommentare. In diesem Seminar lernen Sie schreiben, um verstanden zu werden.

Inhalte: Phasen des Schreibens | Echtzeitkorrektur | auf den Punkt kommen | Standpunktübungen | Wortnebel erkennen und Inhalte befreien

Wenig schreiben in der Schule

Wichtiges zuerst, und Unwichtiges wird gar nicht erst verfasst. Schwurbeln und Schwafeln erkennen und sofort bekämpfen. Forschungsarbeiten, Informationstexte und Willkommensbriefe. In diesem Seminar lernen Sie schreiben, um verstanden zu werden.

Inhalte: Klarheit im Ausdruck | Schreiben für’s Reden | der erste Satz | der zweite Satz | jemanden aktivieren | ausatmen

Lothar Bodingbauer ist Radiojournalist, Podcaster und Wissensvermittler am Abendgymnasium Wien. Für Ö1 macht Schule erstellt er kompetenzorientierte Unterrichtsmaterialien. Kontakt: www.apostrophe.at