Wenn es eine Maschine gäbe, die jede Sekunde eines Lebens aufschreiben würde. Was würde sie nützen? Da man zum Lesen etwas länger braucht, als zum Erleben, könnte niemand diese Sammlung an Lebensdaten lesen, da er dazu länger leben müsste, als der, dessen Leben er liest. Das ist die Problematik der Chronisten. Sie zeichnen daher nicht alles, sondern nur manches auf. Die Problematik liegt in der Reduzierung. Üblicherweise schreiben Chronisten das auf, was bemerkenswerter ist als das tägliche Tun. Man könnte aber auch einmal als Chronist jede zweite Handlung aufschreiben, oder nur Tätigkeiten, die sich nach links wenden, oder nur welche, die sich nach oben erstrecken, die etwas verbessern (das tun sie sogar), aber auch vielleicht nur jene, die etwas verschlechtern. Vielleicht nur die zukunftsweisenden, oder nur jene, die sich auf die Vergangenheit beziehen; oder jene, die an etwas Geschehenes erinnern lassen – oder eben jene, die man lieber vergessen möchte. Das aufzuzeichnen wäre eine große Kunst.

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Audio-File: “Der kleine Chronist”